Archiv der Kategorie: Uncategorized

Standard

Der Kampf des Vergessens

1.)
Ich kämpfte mit der Dunkelheit, schon eine Weile. Sie legte sich wie ein Schleier um mich und versuchte mich mit ihrer Macht zu erdrücken. Der Drang, sie zu bekämpfen hielt an, aber woher dieser Drang kam, wusste ich nicht. Jedes Mal, wenn mich dir Dunkelheit aufs Neue besiegte, schwebte ich in einer Welt voller dumpfem Vergessen. Das Brennen in meinen Gliedmaßen ließ nach und ich konnte wieder nichts fühlen. Obwohl ich wusste, dass es nicht gut war, wenn ich nichts fühlte, war es für mich eine Erlösung.
Irgendwann ließ mich die allumfassende Dunkelheit aus ihren Krallen und ich durfte auftauchen.
Das Licht tat furchtbar weh. Ich konnte nur blinzeln. All meine Körperteile fühlten sich Wund und aufgeschürft an. Mein Rachen war ausgetrocknet und mir war furchtbar kalt. Nur meine Hand war warm, sie fühlte sich beschützt an. Warum durften die anderen Körperteil nicht von diesen Schutz etwas abhaben, sie hätten es auch gebraucht. Endlich konnte ich meine Augenlieder heben und sah in das helle Licht einer Lampe. Ich wollte meinen Kopf anheben, um herauszufinden, wo ich bin, aber irgendwer hielt meine Hand. Es tat schrecklich weh meinen Kopf in die Richtung zu drehen, aber als ich es endlich geschafft hatte, sah ich einen Jungen. Er schlief, mit dem Kopf auf den Armen und das alles auf meinem Bett. Meine Hand hielt er vorbildlich für einen Schraubstock. Ich wusste nicht wer er war, aber ich wollte ihn berühren. Also nahm ich meinen anderen Arm, der nicht mehr so weh tat und strich ihn die Haare aus dem Gesicht. Dann fuhr ich ihn über die Wange. Langsam begann er aufzuwachen, also zog ich meine Hand wieder weg. Er hob seinen Kopf und sah mir in die Augen. „Du bist ja wach!“ Mein Hals schmerzte furchtbar, aber ich schaffte es zu erwidern: „Ist mir auch schon aufgefallen.“ Er grinste, ein so wundervolles Grinsen, dass ich noch nie vorher gesehen hatte. Moment mal. Mir fällt gerade auf, dass ich das nicht wissen konnte, ich wusste nämlich gar nichts. Mit gar nichts meine ich, dass ich mich an nichts vor diesem Erwachen erinnern konnte. Nicht mal an meinen Namen. Er sah meinen verwirrten Gesichtsausdruck und dachte anscheinend es liegt an unseren Händen, die er immer noch fest umklammert hielt, also ließ er sie los. Das war das letzte, was ich wollte. Die Wärme, die er mir mit seiner Hand geschenkt hatte, hielt mich davon ab, zu frieren. Innerlich, nicht äußerlich. „Bitte nicht loslassen“, krächzte ich und war überglücklich, als er wieder den Ausgangspunkt herstellte.
„Kann ich Wasser haben?“, mein Hals schmerzte so furchtbar, ich dachte meine Stimmbänder würden reißen, müsste ich noch ein Wort herausquetschen, aber gleichzeitig wollte ich nicht, dass er aufsteht, meine Hand loslässt und ein Glas Wasser holt. Ich hatte Glück, er musste sich nur zu meinen Nachttisch beugen, weil dafür schon vorgesorgt war. „Wo bin ich?“, fragte ich mit einer etwas weniger kratzigen Stimme. Das Glas Wasser hatte ich unter Schmerzen auf einem Zug ausgetrunken. „Du bist in der Krankenstation unserer Schule“, antwortete er. Seine Stimme klang so wunderschön, ich wollte einfach nicht, dass er aufhörte zu reden. „Gehe ich hier auch zur Schule?“ „Weißt du nicht, wo du zur Schule gehst?“, fragte er, völlig verwirrt. „Nein, ehrlich gesagt, weiß ich weder wer du bist, wo ich bin und auch nicht wer ich bin.“ Ich konnte sein verdutztes Gesicht nur kurz genießen, da kam schon die Krankenschwester und bemerkte, dass ich wach war. Der Junge, dessen Name ich noch nicht einmal kannte, erklärte der Schwester, dass ich keine Erinnerung hatte. Toll, sie meinte, sowas kann schon mal vorkommen, nach einem schweren Sturz auf den Kopf. Ich bin also auf den Kopf gefallen. Ich würde jetzt gerne sagen, dass das typisch für mich ist, aber ich habe ja keine Ahnung, was typisch für mich ist. Ich sollte mich ausruhen, dann würde die Erinnerung von alleine kommen. „Wer bist du?“, fragte ich, nachdem die Krankenschwester uns wieder alleine ließ. „Ich heiße Fabian“, Fabian. Faaaaaaabian. Fabiahn. Schöner Name. „Kenne ich dich?“, fragte ich, nachdem ich seinen Namen im Kopf verunstaltet hatte. „Nein, wir kennen uns nicht“. Huch, warum ist er denn so wortkarg? Er soll reden! „Wie wäre es, wenn du mir erzählen würdest, wie ich hier hergekommen bin? Das würde die Situation um einiges erleichtern.“
Er lachte, aber begann dann endlich zu erzählen. Wenn ich vorher gewusst hätte, wie meine ganz persönliche Geschichte ausgesehen hatte, hätte ich vielleicht niemals nachgefragt. Aber was rede ich da? Wenn ich es vorher gewusst hätte, hätte ich gar nicht nachfragen müssen, weil ich es ja schon gewusst hätte!
„Ich und meine Klasse wa…“ „Du meinst, meine Klasse und ich“, unterbrach ich ihn. Er sah mich verwirrt an, lächelte aber dann und entschuldigte sich. Ich wusste selbst nicht genau, warum ich ihn unterbrochen hatte, nachdem ich unbedingt wollte, dass er mir alles erzählt. „Also, meine Klasse und ich (bei diesen Abschnitt lächelte er übrigens herzerweichend niedlich) waren am Sportplatz unserer Schule, in der du ja gerade liegst. Ein Mädchen, Jenny heißt sie übrigens, fing plötzlich an zu schreien und zeigte auf den Wald. Da kamst du gerade an gestolpert. Du hattest ein weißes Kleid an, das völlig zerrissen war und überall am Körper warst du rot, von deinem Blut. Du hast dich nicht mehr lange auf den Beinen gehalten und bist dann vor unseren Augen zusammengebrochen. Ich bin zu dir gelaufen, so schnell ich konnte und als ich ankam, nahm ich deine Hand. Das letzte, was du gesagt hattest, war, ich sollte deine Hand nicht loslassen. Naja, seit dem sitze ich hier und lasse deine Hand nur los, wenn ich auf die Toilette muss.“
„Wow“, ja… irgendwie war das das Einzige, was mir einfiel. Ich wusste, dass ich Fragen stellen sollte, aber mein Kopf war leer. Leerer ging‘s gar nicht. Irgendwann hatte ich meinen Schock überwunden und fragte: „Wie lange ist das her?“ „Das war vor drei Tagen.“ DAS war vielleicht noch schockierender. „WAS? Du bist drei Tage an meinem Bett gesessen? Ich meine, ich freue mich ja, aber… du musst furchtbar müde sein!“ Kurz sah ich stolz in seinen Augen aufblitzen, dann erwiderte er: „So schlimm ist es nicht“ und nahm mir damit nicht unbedingt meine Schuldgefühle. Ha! Endlich hatte ich eine Frage. „Hatte ich etwas dabei? Einen Ausweis, oder so?“ „Nein, du hattest gar nichts dabei. Naja, außer der Kette, die du trägst und dein Kleid. Ja und Unterwäsche, aber sonst nichts. Nicht mal Schuhe.“ Anscheinend fiel ihm zu spät ein, dass er über meine Unterwäsche gesprochen hatte, denn ich konnte seine Wangen beobachten, die sich langsam rot färbten. „Du hast also zugeschaut, als ich ausgezogen wurde“, stellte ich ihn die Frage, die er sicher nicht hören wollte. „Äh, ich sollte doch deine Hand nicht loslassen“, erwiderte er mit einem leichten Lächeln. Stimmt, das hatte ich anscheinend gesagt. Er hätte aber auch wegschauen können. Es wäre mir jetzt peinlich, wenn ich gewusst hätte, wie meine Unterwäsche aussah.
Also besah ich mir das einzige Stück, das mir von meinem Leben geblieben war. Meine Kette. Es war eine schöne, filigran gearbeitete Goldkette. Der Anhänger war ein Schmetterling und auf der Rückseite war ein Spruch eingraviert.
Amicus certus in re incerta cernitur. Hm. Was das bloß heißt? „Weißt du was das heißt?“, fragte ich ihn. Er kam ganz nah an mich ran und ich sog seinen wunderbaren Duft ein. Er roch nach neuen Büchern und Wald. Eine wunderbare Mischung. Aber er schüttelte nur den Kopf, er wusste es selbst nicht. Schade. „Klingt aber schön“, sagte er. Wahrscheinlich nur wegen meinem endtäuschten Gesicht. „Und wie soll ich jetzt herausfinden, wie ich heiße und wer ich bin?“ Ich war so schrecklich verwirrt und… endtäuscht. „Naja, die Schwester sagt, du wirst es schon irgendwann herausfinden. Bis dahin nennen wir dich einfach Ami, das klingt schön.“ Er lächelte so ein unglaublich bezauberndes Lächeln, dass ich auch nicht nein sagen könnte, wenn ich es gewollt hätte. Also hieß ich eben Ami. Ami, wie Freund. Französisch kann ich nicht leiden, flüsterte mir mein Hinterstübchen zu. In Mangel sonstiger Gesprächsthemen, plauderte ich einfach aus, was ich gerade über mich herausgefunden hatte. „Französisch kann ich nicht leiden!“ Er lachte und antwortete „Ich auch nicht.“

2.)
„Soll ich dir unsere Schule zeigen?“, fragte er mich. „Darf ich denn schon aufstehen?“, ich fühlte mich nicht gerade wie frisch aus dem Ei gepellt. „Ja, du heilst schnell, keine Sorge.“ Na dann! Selbst als ich aufstehen wollte, ließ er meine Hand nicht los. Ich hatte nur ein Nachthemd an, also musste ich ihn leider darauf aufmerksam machen, dass er mich loslassen muss, damit ich nicht mit diesem durchsichtigen Ding durch die ganze Schule renne. Er ließ mich alleine und ich fühlte mich sofort schlecht. Ich beeilte mich, damit ich seine Hand wieder halten konnte. Die Hand von dem fremden Jungen. Von Fabian. Die Krankenstation war ein Haus, am Schulcampus. Es gab viele Häuser. Ein Haus war die Speisehalle, ein großes Haus die Zimmer der Schüler (Ein Internat also!) und weitere Häuser für Büros und Klassenräume gab es auch. Der Spaziergang tat mir gut, obwohl ich nicht wusste, wie ich so schnell wieder auf den Beinen sein konnte. Als wir an der Speisehalle vorbei kamen, hörte ich Stimmen. Anscheinend war gerade Abendessenszeit. Die Jugendlichen lachten und scherzten. Ich sah zu meinen Begleiter und fragte: „Wann hast du denn das letzte Mal etwas gegessen?“ Seine Antwort war ein beschämter Gesichtsausdruck. Anscheinend wusste er es auch nicht mehr genau. Kurzer Hand beschloss ich, dass wir Essen gehen sollten. Als wir die Halle betraten, ließ ich seine Hand los. Warum, wusste ich nicht genau. Wir beluden unsere Tabletts mit gut riechendem Zeug, dass ich alles nicht genauer definieren konnte. Darum nahm ich von allem etwas. Als ich mich zu Fabian umdrehen wollte, war er schon am Weg zu einem Tisch, an dem anscheinend seine Freunde saßen. Was sollte ich jetzt tun? Sollte ich ihn folgen, wie ein kleines Hündchen? Was ist, wenn ich ihn schon nerve? Ohne weiter darüber nachzudenken, nahm ich mir einen Stuhl an einem leeren Tisch und hockte mich einfach alleine hin. Ich begann zu essen. Eigentlich wusste ich nicht, was ich hier mache. Durfte ich hier überhaupt essen, wenn ich nicht in diese Schule gehöre? Einfach so machen, als wäre ich schon immer hier gewesen. Leichter gesagt, als getan. Ich spürte Blicke an mir. Es schien, als würde mich der ganze Saal anstarren. Kein Wunder, ich war die verrückte die aus dem Wald kam. Haha, irgendwie wie Tarzan. Nur, dass ich keinen Rock aus Blättern an hatte. Vielleicht sollte ich mir ein weibliches Tarzan Kostüm kaufen. Mir klopfte jemand auf die Schulter. Oh, Oh! Jetzt werde ich bestimmt rausgeschmissen. „Ami?“ Ich sah in die Augen meines Händchen- warm- Halters. „Ja?“, meine Stimme war eindeutig nicht so fest, wie ich es gerne gehabt hätte. „Warum sitzt du denn hier alleine? Ich dachte du kommst an meinen Tisch.“ Peinlich. Mit hoch rotem Gesicht folgte ich ihn an seinen Tisch. Anscheinend hatte er die zwei Jungs und das Mädchen, die bei ihm saßen schon vorgewarnt, dass ich nicht wusste wer ich bin, denn sie stellten mir keine Fragen. Sie begrüßten mich nur. Noch immer verfolgt von den Blicken der Halle aß ich mein Essen. Es schmeckte gut. Die zwei Jungen hießen Sam und Luca, das Mädchen hieß Sarah. Das konnte ich mir merken, hoffte ich. Sonst blieb mir ja nicht viel im Gedächtnis. Amnesie und so.
„Weiß sie schon bescheid?“, fragte Jenny. Sie hatte mit Fabian gesprochen. Ich traute mich nicht von meinem Teller aufzuschauen. Worüber sollte ich denn Bescheid wissen? Über mein Auftauchen. Ja das wusste ich. „Nein, später“, antwortete Fabian. Gut, dann eben nicht. Als ich fertig war, sah ich mir die Anderen genauer an. Jenny hatte blondes langes Haar und ein nettes Gesicht. Sie war richtig hübsch. Ein paar Pickel störten den Anblick, aber aus dem Alter würde sie bestimmt raus kommen. Sam war ebenfalls blond und ziemlich klein und er trug eine Brille. Er war so ein richtiger Teddybär, aber der Anblick täuschte anscheinend. Er riss dauernd Witze auf Kosten anderer. Die anderen schien es nicht wirklich zu stören und mich ließ er Gott sei Dank aus. Luca war einer dieser hochgewachsenen muskulösen Sportler, nachdem sich alle Frauenherzen verzerren, aber er schien ziemlich still, genauso wie ich, momentan. Aber Fabian, sie hatten ihn alle gern, das merkte man. Er hatte stechende grüne Augen und Wimpern, die sich jede Frau wünschen würde. Seine Haare gingen ihn bis über die Ohren und wenn er lächelte, bildeten sich Grübchen. Wie süß. Oh Gott, ich glaube er hat gemerkt, dass ich ihn angesehen hatte! Mein Gesicht wurde heiß und ich besah mir wieder meinen leeren Teller genauer. „Hey“, sagte ein fremder Junge neben mir. Ich sah zu ihm auf und erwiderte das Gleiche. Meine Stimme blieb fest. Juhu. „Ich bin Nolan. Wir sitzen da drüben auf einen Tisch“, sagte er und zeigte auf einen Tisch mit lauter wunderschönen Jugendlichen. Ich wusste nicht was ich erwidern sollte, also starrte ich ihn nur an. „Und?“, war dann alles, was ich rausbrachte. „Du kannst dich auch zu uns setzen, wenn du willst.“ Sein Grinsen wirkte nicht echt und er sah abschätzig auf Fabian und seine Freunde. Nicht sehr nett. Ich spürte, wie Fabian meine Hand unterm Tisch nahm und schon wusste ich Bescheid. „Also ich sitze hier ziemlich gut.“, sagte ich und drehte mich wieder zu den Leuten an meinem Tisch um. Einige unendliche Sekunden blieb der unsympathische Junge neben mir stehen, dann zog er aber ab. Als er weg war, entspannten sich die Gesichtsmuskeln von Fabian. War er etwa eifersüchtig? In meinem Bauch sprang gerade irgendwer Trampolin. Schon wieder stellte sich jemand neben mich und leicht genervt hob ich aufs Neue meinen Blick. Dieses Mal war es aber kein Schüler. Es war ein Mann um die 40, der mich nett anlächelte. Jetzt hauen sie mich aber raus! „Hallo! Ich bin Herr Books, der Direktor dieser Schule. Könntest du, wenn du fertig bist, in mein Büro kommen? Fabian zeigt dir sicher gerne den Weg.“ Oh. Ins Büro des Direktors! Dam dam dam dadadam. „Ja, äh. Mache ich“, war alles, was ich sagen konnte.
Als Herr Books wieder weg war, flüsterte mir Fabian ins Ohr: „Keine Angst, Herr Books ist sehr nett.“ Das hoffte ich wirklich. Ich wollte irgendwie hier bleiben. Das war ja alles, was ich kannte.
Fabian begleitete mich, nachdem wir uns von seinen Freunden verabschiedet hatten. Vor dem Haus, das den Büros diente, hielt er an. „Kannst du mit rein kommen?“, bat ich ihn. Er schien es sich überlegen, nickte dann aber leicht. Ich klopfte an das Büro, an dem „Herr Books, Direktor“ stand und öffnete dann. „Ihr könnt euch setzen.“ Als ich fast im weichen Polstersessel verschwunden war, der vor dem großen Holzschreibtisch des Direktors stand, wurde ich richtig nervös. Was jetzt kommen sollte, hatte ich nicht erwartet. „Ich wurde schon unterrichtet, wie dein Zustand zurzeit ist. Du musst wissen, wir sind eine außergewöhnliche Schule. So außergewöhnlich, dass Jugendliche nur dann an unsere Schule kommen dürfen, wenn sie besondere Fähigkeiten haben. Du bist einer der Menschen, mit besonderen Fähigkeiten. Ich zwinge dich nicht, hier zu bleiben, aber ich denke, solange du noch nicht weißt, wo du hin sollst, wäre diese Schule hier die beste Möglichkeit, mehr über dich zu erfahren.“
Er ließ mir Zeit diese vagen Informationen zu verarbeiten. Dann fragte ich ihn: „Welche Fähigkeiten meinen sie? Und woher wissen sie, dass ich besondere Fähigkeiten habe. Ich will sie ja nicht beleidigen, aber ich weiß noch nicht einmal meinen Namen, geschweige denn, irgendwelche Fähigkeiten“.
„Ich spüre Menschen, die besonders sind. Auch bei dir kann ich das spüren. Was an dir besonders ist, kann ich dir leider nicht sagen, aber wir werden es zusammen herausfinden, wenn du das willst. Ich meine damit ganz unterschiedliche Fähigkeiten. Fabian hier, kann zum Beispiel besonders gut mit den Elementen umgehen. Wenn er will, kann er Wasser verfestigen, Feuer heraufbeschwören und Erde formen. Natürlich nur, mit genügend Übung.“ Besondere Fähigkeiten? Besonderer Hirnmatsch vielleicht. Skeptisch sah ich rüber zu Fabian und erwartete dass er laut zum Lachen beginnt. Das tat er aber nicht. Er sah anscheinend den Unglauben in meinem Blick, hob seine Hand und ließ eine Flamme entstehen. Seine Hand fing dabei nicht zum Brennen an, die Flamme schwebte irgendwie nur über ihn. Guter Zaubertrick, dachte ich mir, bevor mein Kopf auf die Tischplatte knallte und mir Schwarz wurde.
Wo war ich hier nur gelandet.

Han
3.) Eine Ohrfeige riss mich aus meiner Ohnmacht. „Ami, Ami! Aufwachen!.“ Ami? Aja, das war ich. Mir tat schon wieder alles weh, aber ich hob meinen Kopf. Da ich kurzzeitig vergessen hatte, wo ich war, war ich ziemlich verwirrt, als ich Herr Books vor mir sah. Endlich fiel mir wieder ein, was soeben passiert war. Meine Erinnerung an die letzten zehn Minuten kehrte so rasch zurück, dass ich von meinem Stuhl fiel. Direkt auf den harten Boden. Als hätte mein Körper heute nicht schon genug durchgemacht. Vorsichtshalber rutschte ich von dem Feuerteufel neben mir noch ein Stück weg. Man kann ja nie wissen.
„Du brauchst keine Angst zu haben“, flüsterte mir Fabian zu. „Ich werde dir nichts tun.“ Aha. Ich habe gerade gesehen, wie Feuer, richtig heißes Feuer, aus seinem Arm kam, aber ich brauch keine Angst haben? Meine Zweifel daran, dass das alles nur Spinner sind, haben sich zwar gelegt, aber meine Angst blieb. Fabian nahm meine Hand, die ich noch am Boden liegen hatte und so verging auch diese Angst. Mit brüchiger Stimme sagte ich: „Und… sie glauben ich kann das auch?“. Herr Books beugte sich über den Tisch, lächelte mich an und sagte: „Ich denke du kannst was anderes, das nicht weniger beeindruckend ist, aber möchtest du dich nicht wieder auf deinen Sessel setzen?“ Gesagt, getan. Ich versuchte meine Augen so groß wie möglich zu machen um alles zu überwachen. Der Schock lag mir noch immer in den Knochen. „Und was denken Sie, kann ich so?“ „Das kann ich dir noch nicht sagen, aber du wirst es herausfinden, keine Angst!“
Der aufdringliche Gedanke, dass das alles ein Fehler war, ich gar nichts konnte und mich total blamieren werde, schlich sich in meinen Kopf. Komisch, vor ein paar Minuten hätte ich sie noch als Spinner abgestempelt und jetzt möchte ich nur dazu gehören. Das liegt vielleicht an Fabians warmer Hand. Sein Daumen streichelte beruhigend meinen Handrücken und so hatte ich die Kraft nicht gleich meinen Fluchtwillen nachzugeben. Herr Books war wirklich ein netter Mann und er lächelte viel. Das Lächeln sah echt aus, denn in seinen Augen konnte man die Freude über eine neue Schülerin sehen. „Wie wäre es, wenn dir Fabian dein Zimmer zeigen würde und du dich ein wenig ausruhen würdest. Das war heute sicher ein aufregender Tag für dich.“ Langsam stand ich auf und bewegte mich zur Tür. Kurz bevor ich verschwunden war, sah ich noch mal zu Herr Books und fragte: „Sie wissen also auch nicht, wer ich bin?“ „Nein, leider. Aber glaub mir, du wirst es noch herausfinden.“ Uuuund weg. Fabians Hand noch immer haltend schlenderten wir über den immer dunkler werdenden Schulcampus. Mein Gehirn versuchte gerade, alles Unnormale auszuschalten und nur noch das typische zu erfassen. Da sprang mir ein Basketballfeld ins Auge. „Können wir spielen?“, fragte ich Fabian. Ich wusste selbst nicht genau, warum ich jetzt auf die Idee kam ein Ballspiel zu spielen. Ballspiele kamen mir nur so normal vor. Fabian war zwar ziemlich irritiert, willigte dann aber ein und ging um einen Ball zu holen. Die Kleider, die ich bekommen hatte, waren zwar nicht dafür gemacht Sport zu treiben, aber es würde schon gehen. Als Fabian wieder kam warnte er mich gleich vor: „Pass auf, ich bin ziemlich gut.“ Sein Grinsen zeugte von Selbstsicherheit. „Pass DU auf, ich hab keine Ahnung, ob ich gut bin“, sagte ich und grinste nur umso breiter. Er warf mit den Ball zu und stellte sich vor mich. Ich war genau gegenüber vom Korb dribbelte zwei Mal und warf genau in den Korb. Beide machten wir große Augen. Fabian schien sich als erster zu fassen und meinte: „Das schaffst du nicht noch mal.“ Da lag er falsch, eine Stunde später stand es 35:0 für mich und Fabian sah schon ziemlich müde aus. Das Spiel wurde immer brutaler. Ich dribbelte, kämpfte und sprintete. Irgendwann nahm er mich von hinten und versuchte mir den Ball aus der Hand zu schlagen. Ich musste furchtbar lachen und ließ ihn schließlich los. Wir fielen beide nach vorne. Er auf mich drauf und ich auf den Bauch. Es tat nicht weh, aber steigerte meinen Lachanfall nur noch. Fabian grabbelte von mir runter und legte sich neben mich. Beide lagen wir am Rücken und sahen in den Sternenhimmel. Wir waren völlig verschwitzt, dreckig und lachten. „Ok, du hast gewonnen“, gab er schließlich zu. Da hörte ich Applaus. Anscheinend hatte sich schon Publikum angesammelt, denn geschätzte 15 Leute standen um uns und applaudierten mir. Ich stand auf und verbeugte mich. Jenny war auch dabei, sie kam auf mich zu und setzte sich neben Fabian auf den Platz, ich tat es ihr gleich. „Das war unglaublich, Ami! Spielst du in einen Verein?“, fragte sie mich. „Könnte sein, ich weiß es nicht“, gab ich zu. Plötzlich versteinerte ihr Grinsen und sie sagte kleinlaut: „Oh, hatte ich total vergessen, tut mir leid.“ „Ach, kein Problem“ Sie sollte sich nicht schuldig fühlen. Ich fand es schön, dass man mein Auftauchen vergaß und mich als ein normales Mädchen betrachtete. Naja, nicht ganz. „Du hast den Captain unsere Schul-Basketball -Mannschaft besiegt. Irgendwo musst du schon mal gespielt haben!“ – Damit erschreckte sie mich. Aber Fabian nahm das alles nicht so locker: „Ach was, ich hatte mich nur zurückgenommen.“, sagte er und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Ich ließ ihn und alle anderen in dem Glauben. Es musste ja keiner wissen, dass er sehr wohl sein Bestes gegeben hatte.
Wir spazierten zu dritt zu meinem Zimmer. Ich musste mich unbedingt duschen, meine Kleider klebten an mir. Ich wusste leider noch nicht, wo ich neue Kleider herbekommen sollte, geschweige denn etwas zum Schlafen. Jenny sah meinen traurigen Gesichtsausdruck und fragte mich, was los ist. Sie war sehr aufmerksam und nett, darum erklärte ich ihr mein Problem: „Naja, ich hab keine Klamotten. Auch nichts zum Schlafen.“ „Ach! Das ist kein Problem. Ich habe von meiner Oma einen Pyjama bekommen, der mir viel zu groß ist. Dir müsste er aber passen. Du kannst ihn haben, auch wenn er ein bisschen peinlich ist. Sind Enten drauf, ich hoffe das stört dich nicht.“ Ihr Gesicht verzog sich ein wenig und sie sah mich von der Seite an. „Nein, das ist total nett! Und ich mag Enten!“ Eigentlich waren mir Enten egal, ich wollte nur nicht, dass sie sich nach ihren Angebot schlecht fühlte. Die Mädchenzimmer und die Jungs Zimmer wurden nur durch eine weiße Linie in der Mitte des Hauses getrennt. Jenny meinte, die Schulleitung traut uns zu, dass wir keinen Blödsinn anstellen. Nett. Mein Zimmer war zwar nicht groß, aber es war mein eigenes Zimmer. Ich hatte keine Mitbewohnerinnen. Und sogar ein eigenes Badezimmer war da. Sie legten wohl Wert auf Privatsphäre, was ich sehr zu schätzen wusste. Ich legte mein zerrissenes Kleid auf das Bett, das außer einem Kasten, einem Schreibtisch und einem Nachttisch das einzige Möbelstück war und folgte dann Jenny in ihr Zimmer. Fabian trottete uns hinter her. Jennys Zimmer sah toll aus. Es war ein richtiges Mädchen-Zimmer. Alles Rosa und glitzernd. Sie griff in Ihren Kasten, nahm eine große blaue Pyjamahose mit gelben Entchen und ein schwarzes Trägertop. „Das müsste passen“, sagte sie. „Du siehst ja, blau ist nicht unbedingt meine Farbe, also kannst du sie behalten.“ Sie gefiel mir wirklich, sie war bunt und war mein erstes eigenes Kleidungsstück. Naja, außer das was ich an hatte und ich hatte keine Ahnung, wem das gehört hat. Sie nahm außerdem ein hübsches grünes Sommerkleid und Unterwäsche, die sie unter dem Kleid versteckt hatte. Sie sah Fabian an und sagte: „Fabian, kannst du bitte kurz rausgehen.“ Er murrte irgendwas mit „Frauen“, aber verließ dann das Zimmer. Sie sah mich an und sagte: „Naja, die Unterhose müsste dir passen, aber bei meinen BHs weiß ichs wirklich nicht. Ich glaube deine Brüste sind größer.“ Ich besah mir meinen Vorbau genauer. „Stimmt, vielleicht ein bisschen.“ Da hatte sie einen Einfall. Sie zog einen SportBH aus einer Kommode und überreichte ihn mir stolz. „Der ist dehnbar!“ Ich grinste sie an und bedankte mich. Sie war so nett zu mir. „Uh, Waschzeug brauchst du auch noch. Und andere Schuhe! Zu dem Kleid kannst du nicht solche Sportschuhe tragen.“ Sie ging in ihr Badezimmer und suchte alles zusammen. Sie hatte vieles doppelt. „Ich bin so froh, dass ich mir Dinge immer auf Vorrat kaufe.“ Mir war es peinlich, dass sie mir so viel schenken wollte, aber ich konnte auch nicht nein sagen. Wie sollte ich mir dann die Zähne putzen? In ihren Schrank am Boden standen viele Schuhe in allen Formen. Sie suchte lange und war froh darüber, dass wir die gleiche Schuhgröße hatten. Leider war ich anscheinend überhaupt kein Mensch für hohe offene Schuhe, darum nahm sie irgendwann ein ausgelatschtes Paar schwarzer Converse und sagte stolz: „Aber das!“ Ja, die gefielen mir. Auch die durfte ich behalten, sie mochte sie nicht mehr. Als ich fertig war, hatte ich eine Tüte mit Waschsachen und Klamotten für morgen. Und so schickte sie mich wieder in mein eigenes Zimmer. Vor meiner Zimmertüre verabschiedete ich mich von Fabian. Es war uns ziemlich peinlich und wir wussten nicht, wie wir uns nach so einer langen Zeit verabschieden sollten, darum gab ich ihn einen Kuss auf die Wange und hauchte: „Danke“. Er freut e sich sichtlich darüber und schlenderte davon. Davor sagte er mir noch, wo ich ihn finden könnte. Er hatte ein Zimmer im Erdgeschoss auf der anderen Seite des Gebäudes.
Nach einer ausgiebigen Dusche besah ich mich im Spiegel. Ich hatte große Augen und was mich überraschte: Eines war grün und eines blau. Ziemlich auffällig. Meine Haut war rein, das war mal was Gutes. Und ich hatte lange rötliche lockige Haare. Ich wusste zwar nicht wie groß ich genau bin, aber ich schätzte so um die 170. Einen Kopf größer als Jenny. Die Hose passte mir wie angegossen, aber das T-Shirt war ein wenig zu kurz. Es ließ einen Streifen Haut frei, aber das machte mir nichts aus. Mein Bauch war muskulös und flach. Ich kuschelte mich unter meine Bettdecke und besah mir die Zimmerdecke. Es war frustrierend, dass ich nicht wusste wer ich bin und so sehr auf andere angewiesen war. Aber zumindest hatte ich schon am ersten Tag Freunde gefunden. Mit einen Grinsen im Gesicht schlief ich ein. Es blieb aber leider nicht beim Grinsen. Mein Traum war furchtbar:
Ich stand in der Mitte eines Schlachtfeldes. Überall war Blut, es stank und die Menschen schrien. Ich hatte in jeder Hand ein blutiges Katana, woher ich den Namen wusste, keine Ahnung. Aber es waren lange Schwerter, die genau in meine Hand passten. Die Leute schrien meinen Namen, aber ich konnte mich nicht bewegen. Es war ein schockierendes Bild.
Völlig schweißgebadet wachte ich auf. Was hatte ich da eben geträumt? War das ein Teil meiner Vergangenheit? So echt es auch aussah, wollte ich es einfach nicht glauben. So konnte ich nicht mehr schlafen, jeder Schatten im Zimmer machte mir furchtbar Angst. Ich wusste nicht genau, was ich jetzt machen sollte, aber ehe ich mich versah, war ich nur in meinen Pyjama bekleidet auf dem Gang. Ich lief vor die Türe und atmete die frische Luft ein. Es müsste sehr kalt sein, aber mir machte es nichts aus. Ich lief um den Wohnkomplex herum. Plötzlich wusste ich, wo ich hinwollte. Und ich hatte Glück, ich fand das Zimmer von Fabian und sein Fenster war offen. Ich drückte das Fenster ganz auf und mit meinen langen Beinen schwang ich mich in sein Zimmer. Ich konnte nicht viel sehen, weil es stockdunkel war, aber ich fand ihn schließlich eingerollt in seinem Bett. Ich wollte ihn zwar nicht schon wieder wach halten, da er ja die letzten drei Tage in meinem Zimmer verbracht hatte, aber ich war so schrecklich ängstlich. Darum rüttelte ich ihn leicht und wartete bis er die Augen öffnete. „Ami? Was machst du denn hier?“, fragte er mich, mit einer süßen verschlafenen Stimme und rieb sich seine Augen. Auf seinen Wecker stand in großen roten Ziffern: 02:34. „Ich hatte einen schrecklichen Alptraum, Fabian“, antwortete ich und merkte erst jetzt, dass mir warme Tränen die Wange runterliefen. Er rutschte auf die Seite und fragte: „Magst du bei mir schlafen?“ Ich nahm dankend an und legte mich zu ihm ins Bett. Das Bett war sehr warm und in seiner Gegenwart wurde ich sofort wieder müde. Wir sahen uns lange an und dann fragte er: „Möchtest du mir von deinem Traum erzählen? Meine Mutter sagt immer, wenn man Träume ausspricht, werden sie nicht wahr.“ Aber nein, ich wollte nicht darüber reden. Es machte mir zu sehr Angst. Darum lagen wir nur da und warteten, bis uns beide der Schlaf wieder übermannte. Es war schön, jemanden zu haben, zu dem man gehen konnte. Im Halbschlaf bemerkte ich, dass Fabian wieder meine Hand nahm.
Jetzt war alles gut.
Ein energisches Klopfen weckte mich. Ich streckte mich in diesem bequemen Bett und mein Arm traf etwas Weiches. Schnell setzte ich mich auf und versuchte den gestrigen Abend zu konstruieren. Ach ja, ich war panisch zu Fabian gerannt. Weswegen nochmal? Jenny trat ins Zimmer. Sie sah geschockt in mein Gesicht und sagte: „Oh, ich hab dich gesucht.“ Dann drehte sie sich um und verschwand aus dem Raum. Was sie sich jetzt wohl dachte? Mein, oder besser gesagt ihr T-Shirt war mir raufgerutscht und lies meinen ganzen Bauch erkennen und meine Hose hing so tief in den Hüften dass man meine Unterwäsche sah. Ups. Neben mir bewegte sich Fabian und legte einen Arm um mich. Er zog mich fest in eine Umarmung. Anscheinend träumte er noch. Plötzlich wurde die Türe wieder aufgerissen und Jenny grinste bis über beide Wangen. „Zuerst wollte ich euch ein wenig Freiraum lassen, aber dann dachte ich, ich bin derzeit deine einzige Freundin und wir sollten reden“. Sie sagte das in einem belustigten Ton, der erahnen ließ, dass sie sich für mich freut und nicht gleich zum nächsten Lehrer rennen würde und mich verpetzen würde. Trotzdem wurde ich rot im Gesicht, sie dachte sicher hier wäre etwas gelaufen, aber so war es doch nicht… Oder? Ich befreite mich aus dem Klammergriff von Fabian und war überrascht, dass er nicht aufwachte. Auf Zehenspitzen folgte ich Jenny in mein Zimmer. Sie entschuldigte kurz und sagte, sie würde glich wieder kommen, damit wir reden könnten. Was genau sollte ich ihr sagen? Der Traum, den ich gestern Nacht hatte, kam mir jetzt dumm vor und die Angst die ich davor hatte noch dümmer. Ich müsste mir etwas Besseres einfallen lassen. Vielleicht sollte ich wirklich sagen, dass ich was mit ihm hätte? Aber was wenn sie ihn fragen würde… Tja, Leute! Ich bin im Arsch. Entweder sie hält mich für verrückt, notgeil, oder ich lüge.
Ich hatte keine Chance weiter darüber nachzudenken, schon stürmte sie mein Zimmer mit zwei riesigen Tassen Kaffee. „Ich dachte den könntest du gebrauchen. Ich weiß ja nicht wie lange du gestern wach warst“, sagte sie und hatte ein schiefes Grinsen im Gesicht. „Danke, Jenny. Ich habe gut geschlafen und du?“ „Jetzt komm mir nicht so und erzähle!“ Naja, man kanns ja mal probieren.

Advertisements

Standard

Eine annähernd realistische FantasyGeschichte über eine unechte Frau die echt sein möchte.

„Glaubst du das Problem des islamischen Staates hat mehr mit Religion, oder mit Nationalismus zu tun?“

„Ich glaub es ist ein Problem zwischen falsch verstandener Religion und Politik. In der Region gab es immer schon Kriege. Die Menschen dort sind so aufgewachsen und sind Gewalt gewohnt. Ich versteh auch nicht warum Sunniten ein eigenes Land brauchen. Was ist mit den Juden? Die haben auch kein eigenes Land. Und meinen katholischen Bekannten ist es auch egal, ob sie von einem Atheisten oder Agnostikern regiert werden. Also eine Sache von Erziehung, Religion und Region“, antworte ich nach ein paar Minuten bedenkzeit.

Er zieht ein nachdenkliches Gesicht, schaut mir dann wieder in die Augen und rattert folgendes herunter:„Also, das glaube ich nicht, dass das denen egal wäre. Allein in Amerika erfahren Atheisten gerade das, was homosexuelle i den 50ern, oder so erfahren haben. Nur 45%, oder so, würden einen Atheisten wählen, in Amerika.“

„Ich denke aber nicht dass das in Österreich wirklich so wichtig ist. Religion und Politik sollten für mich nicht vermischt sein. Stell dir vor der Papst würde unsere Gesetze verfassen, der hat doch überhaupt keine Ahnung von dem Thema…“

„..Wie unsere Politiker?“ , unterbricht er mich mit einem niedlichen Lächeln. Seine braunen Augen, die ich immer für liebevoll gehalten haben läuchten. Ich weiß genau dass er möchte, dass ich lache, darum tue ich ihm den Gefallen, obwohl der Witz nicht wirklich einfallsreich war.

„Fast.“

Sein Lächeln verschwindet, nachdem er genug Aufmerksamkeit bekommen hat und er diskutiert weiter: „Ja, das Problem ist aber, dass religiöse Menschen die anderen nicht in Ruhe lassen. Anscheinend lässt sich das nicht vereinbaren.“

„Nicht religiöse Menschen, sondern Fanatiker. Wenn du ein Buch liest, liest du genau das, was du leen willst. Darum ist es beschissen nur nach einem Buch zu Leben, dass vor hunderten, nein tausenden von Jahren geschrieben wurde und keiner weiß von wem. Zumindest nicht genau. Und wenn es darum geht Menschen zu misshandeln, oder zu töten, kann das keinem Gott auf der Welt auf irgendeine Art akzeptieren. Falls es einen Gott, oder eine Göttin oder ein bisschen von beidem gibt, dann wird er oder sie oder es dort oben sitzen, oder seitlich, oder unten und den Kopf angewiedert schütteln.
Also. Ich finds einfach möglich, dass das was wir sehen nicht das Einzige ist, was existiert. Ich bin mir bewusst, dass die Menschheit Religion erfunden hat um sich Dinge zu erklären, um Ängste zu überwinden und Kontrolle zu erlangen. Viel besser wäre es natürlich wenn jeder Mensch über alles nachdenkt und moralische Grundsätze ohne Religion hätte. Ich glaube nicht, dass mich ein Gott dafür verurteien würde, dass ich homosexualität nicht widernatürlich finde. Oder dass ich Sex mit mehreren Männern hatte, oder was weiß ich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dort oben jemand sitzt und meint: Ihr solltet alle nur mich lieben, wie die Nonnen. Kein Wesen im Universum will mich sexuell unbefriedigt erleben. Aber ich bin einfach überzeugt davon, dass der Mensch einen zu kleinen Horizont hat um all die Vorgänge zu erfassen, die das Leben mit sich bringt. Außerdem finde ich auch, dass beten keine Schlechte Sache ist. So deffiniert man genau was man will und ist danbar, wenn man es bekommt“
Ja, ich weiß. Wirklich lange Rede und wirklich kurzer Sinn, aber was gesagt werden muss, muss nunmal gesagt werden. Ich sehe wie er die hälfte der Wörter, die ich gesagt hat, nicht ernst nimmt oder einfach ignoriert, aber trotzdem rede ich gerne. Viel zu gerne.

Er antwortet:“ Nur weil es mehr gibt, als das was wir jetzt wissen, oder sehen heißt das weder dass das die Wisenschaft nicht noch rausfinden wird, oder lässt Schlüsse auf einen Gott zu. Sobald man glaubt ohne Beweise kann man alles rechtfertigen und man entzieht sich aus einem Diskurs darüber, weil es nicht Bewiesen werden kann. Und beten ist einfach Schwachsinn, wenn mans kriegt fühlt man sich bestätigt, obwohl es nur Zufallist und man nichts dafür geleistet hat, anstatt den Arsch zu bewegen. Beten ist meiner Meinung nach verwerflich.“

Ich kann mir nicht vorstellen dass er noch nie gebetet hat. Ein Gebet muss ja nicht mit: „Lieber Gott, bitte…“ anfangen… Meiner Meinung nach. Aber das werde ich ihm nicht sagen, das würde ihn nur aufregen. Stattdessen antworte ich mit: „Ich sage nicht, dass es etwas allmächtiges gibt, aber awarum sollte es schlecht sein seiner Familie Gesundheit zu wünschen? Ich denke dass es etwas ausmacht, wenn man es sich stark genug wünscht.“

„Wünschen ist ja nicht beten. Wünschen tu ich auch, aber ich erwarte mir keine Hilfe von einer nicht existierenden Macht“

„Beten ist doch nur eine Art der Formulierung. Wenn ich in mein Tagebuch schreibe, schreibe ich auch: Liebes Tagebuch, laber laber… Drogen zu nehmen, weil man denkt: Gott richtet eh alles, ist Schwachsinn. Keine Krebstherapie zu machen, weil man denkt: Gott richtet eh alles, ist verwerflich.“

„Ich weiß genauso wenig ob es die Zahnfee wirklich gibt, trotzdem glaube ich nicht an sie.“

Meine Erziehung schiebt mir gerade die Antort: „Das kannst du doch nicht gleichsetzen! Das ist Blasphemie“ – in den Hinterkopf, aber laut sage ich es nicht.
„Es wäre schön wenn alle gscheit wären, aber auch schrecklich.“

„Warum wäre das schrecklich?“

„Wenn dumme Menschen kranke Ideologien haben ist das schlecht, aber nicht so schlecht als würden gscheite Menschen kranke Ideologien haben.“

Ich hörte noch halb, dass er etwas erwiederte, aber ich konnte mich nicht mehr konzentrieren.Plötzlich bekam ich Bauchkrämpfe. Ich versuchte einzuschätzen was genau in den unteren Teilen meines Bauches los war, aber es war nicht genau zu eroieren. Blähungen, Druchfall oder Regelblutung? Ich wünschte mir ernsthaft nichts von den eben genannten Dingen. Das schlimmer war nämlich, dass ich mit meinem Diskussionspartner im Bett lag, wir gerade hemmungslosen, okay, nicht ganz so hemmungslosen Sex hatten und es einfach nicht gut wirken würde, wenn ich mir jetzt die Seele aus dem Leib pupse. Gut riechen würde es auch nicht. Aber ja, eigentlich sah es nie gut aus, wenn die Frau pupst. Mein feministisches Ich, dass ich wie jedes meiner Ichs gerne Personalisierte, schlug gerade vor, einfach loszupupsen und dann lässig zu erwiedern: „Hast du was gegen Frauen mit Stoffwechsel? Dann solltest du dir eine aus Plastik suchen.“ , aber heute war mein feministisches Ich viel zu leise, darum schnappteich mir mein Handy, sprang aus dem Bett, versuchte meine Speckrollen ein wenig zu verdecken und meinte: „Ich geh pipi.“. Dann stürmte ich auch schon durch die Tür und ins Badezimmer. Sorgfältig verschloss ich die Türe hinter mir und setzte mich auf die Toilette. Ja, pupsen musste ich eindeutig. Also hustete ich laut und hoffte dass man meinen Pups nicht in der ganzen Wohnung riechen konnte, dann blieb ich sitzen und checkte mein Handy. Meine beste Freundin hatte mir schon einige Nachrichten geschickt, darunter waren Fotos von Frauen mit Modefopass und ein Video von einem dicken Jungen der einen Keks in die Milch schob, der dann abbrach und die Schlusszene von Titanic nachspielte. Findet das sonst noch jemand witzig? Also ich finde so etwas wahnsinnig witzig. Ich schrieb ihr eine Nachricht mit: „Glaub ich muss gerade groß auf die Toilette und bin bei Nailu. Könnte auch meine Tage bekommen, keine Ahnung“

Sie war sofort online und schickte mir Smileys die vor lachen weinte. Naja, eine große Hilfe war das jetzt nicht, aber dann kam: „Geh aufs Klo, wenn er schläft. So hab ich das am Anfang auch immer gemacht.“

Warum eigentlich? Warum müssen wir Frauen immer zurückhalten, was ein natürliches Bedürfnis ist, nämlich zu KACKEN. Ja, bei Frauen verwandeln sich die Exkrimente nicht in Rosen, wir müssen echt auch auf die Toilette. Wir haben Blähungen und wir haben Druchfall. Manchmal sogar gleichzeitig. Trotzdem wird von mir verlangt meine Blähungen zurückzuhalten und Bauchkrämpfe zu bekommen, wärend die Typen neben mir drauf hoffen den lautesten in der ganzen Gruppe zu fabrizieren. Ungerechte Welt. ungerechte Gesellschaft.
Aber nein, ich musste nicht auf die Toilette, ich hatte wirklich meine Tage bekommen. Da ich nackt und ohne Tasche auf die Toilette gerannt bin, hatte ich natürlich keine O.B.s, aber ich wusste dass in diesem Haushalt noch eine andere Frau wohnt, die ja hoffentlich auch ihre Tage hat, nämlich Nailus Mutter, also kramte ich mich durch ihre Pflegeprodukte und fand ein Super Ob. Nett, da kann ich mir nachdem der aufgegangen ist eine ganze Melone in die Vagina schieben, Egal, rein damit und ab in Nailus Zimmer, damit er nicht ernsthaft glaubt ich hätte gerade meinen ganzen Darminhalt auf seinem Klo entleert. Das glauben Männer bestimmt, wenn man zu lange am Klo bleibt. Ich warf mich mit miner besten James- Bond Rolle zurück ins Bett und kuschelte mich wieder an Nailus Brust.

„Hey, dir hängt da ein blauer Faden raus“

Wahnsinnig geistreiche Bemerkung. „Ja, ich bin ein Hampelmännchen und wenn du daran ziehst schnellen meine Beine rauf“

„Das würd ich gern mal ausprobieren“

„Wenn du ein Regelblut beschmiertes O.B. in der Hand haben willst, gerne“

Ja, ich weiß. Meine Aussage war gerade nicht wirklich damenhaft, aber warum sollte ich die Dinge nicht beim Namen nennen? Meine Mutter hat einmal zu mir gesagt: „Mit deiner großen Klappe wirst du nie einen Mann finden“ – dabei hatte sie deffinitiv unrecht, ich hatte schon einige Männer, aber beim halten dieser Männer scheiterte es auch immer. Nailu war nämlich garnicht mein Freund. Wir hatten Sex, ja, aber wir waren nicht zusammen. Solche Geschichten, die einen hauch Freundschaft enthalten und auch ein wenig Sex halten nie lange, aber eigentlich war mir das ja egal. Wenn ich langfristig mit jemanden Sex haben wollen würde, würde es ja gerade wie eine Beziehung sein.

„Das wars heute also mit Sex“, stellte er geistreich fest.
„Außer du willst ins Rote Meer stechen. Aber ich glaub du kannst heut eh nicht mehr. Drei Mal sind bei dir doch schon zu viel.“

Darauf wusste er deffinitiv nichts mehr zu sagen. Ich sprang wieder aus dem Bett und suchte meine Wäsche zusammen, es war langsam Zeit für mich den Heimweg anzutreten. Wärend ich mein Höschen noch in irgendwelchen Bettritzen suchte, dachte ich schon daran in meinem eigenen Bett zu schlafen. Ich wollte nicht hier übernachten. Das lag nicht daran, dass ich den Gedanken nicht mochte bei jemand anderen zu schlafen, es lag einfach daran, dass ich mein eigenes Bett am bequemsten fand und gerade dann, wenn ich alleine war. Würde ich jemanden wirklich lieben, würde es sicher schön sein, mit ihm im gleichen Bett zu schlafen, aber so lang dem nicht so ist, bin ich gern alleine. Als ich endlich mein Höschen zerknittert in einer Bettritze fand stand ich auf und versuchte mich so schnell wie möglich anzuziehen.

„Kannst du mich bitte nicht beim anziehen beobachten?“, fragte ich Nailu von der Seite.

„Du bist aber schön, ich schau dir gerne zu.“

Solche Sätze sagen Männer entweder, weil sie glauben du möchtest es hören, oder weil sie irgendetwas wollen. Wenn ich irgendetwas sage, meine ich Oralverkehr.
Gott sei dank hatte ich bald meine Unterwäsche an und zwängte mich dann in mein schwarzes Kleid. Es war kein Abendkleid, oder irgendwas sonst. Es war ein schwarzes Baumwollkleid, dass irgendwie aussah wie ein Tshirt, nur länger. Du denkst dir jetzt bestimmt: Wie langweilig., aber ja, das war der Sinn darin. Um die Langeweile gings mir, bei meiner Kleidung. Ich bin der Meinung meine persönlichkeit ist aufregend genug, da würde eine aussergewöhnliche Kleidung nur zur überreizung aller Sinnen führen. Ich packte die Dinge ein, die ich in der ganzen Wohnung verteilt hatte und mein Kopf tanzte dabei von einem Zimmer zum anderen. Ich konnte Nailu lachen hören, als er mich tanzen sah, aber das machte mir nichts aus. Eigentlich machte mir wenig aus, in seiner Gegenwart. Was den Sex nur um so besser macht.
Ich verabschiedete mich mit einer kurzen umarmung, stieg in meine zu großen Halbstiefel und latschte aus der Wohnung. Das Wetter war veregnet und grau, aber so war das schon einige Jahre um die Zeit. Wir hatten schon lange keine weißen Weihnachten mehr und auch dieses Jahr schien nichts darauf zu deuten, dass wir endlich wieder Weihnachten im Schnee feiern konnten. Es war der 17. Dezember und die Einkaufsstraßen explodierten nur so von Menschen, die ihren konsumdrang befriedigen mussten und ihren dreijährigen Kindern Dinge wie Smarphones schenken wollten. Wie jede Generation vor mir dachte ich mir: Zu meiner Zeit war das alles noch besser.
In der Ubahn stöpselte ich mir meinen MP3Player an, damit ich die hustenden und quatschenden Menschenmengen übertönen konnte und verfiel völlig in den Text meiner derzeitigen Lieblingsband. Ich musste nicht umsteigen, die Ubahn fuhr direkt bis vor meinem Haus. Als es endlich Zeit war auszusteigen versuchte ich gleichzeitig nicht durch die ruppige Fahrt der Ubahn umzufliegen und mich an den Menschen vorbeizuzwengen. Ich hasse diesen Teil der Fahrt, aber wenigstens war es Winter und man konnte einen Mantel tragen. Im Sommer, wo man viel zu viel nackte Haut zu spüren bekam, war das viel schlimmer. Als ich zu Hause ankam merkte ich schon dass ich nicht alleine war. Mein Stiefvater und meine Mutter saßen vorm Fernseher. Meine Mutter hatte ihren Ereader vor der Nase und mein Stiefvater döste leise vor sich hin. Ja, wir verschwendeten Energie, aber Hintergrundgeräusche sind uns eben alle wichtig. Ich setzte mich vor dem ausladenden alten Holzcouchtisch auf dem Boden, damit ich mit meiner Mutter plaudern konnte. Ich würde ihr nicht erzählen, wo ich gerade war, aber warum sollte ich das auch? Oft seh ich Sendungen (amerikanisch) oder lese Bücher (ebenfalls Amerikanisch) in denen die Kinder nichts vor ihren Eltern geheim halten konnten. Erstens war ich kein Kind mehr und zweitens ist das absoluter Blödsinn. Sobald man sein eigenes Leben führt, also sobald man anfängt zu denken, kann man so viel geheim halten, wie man will, wenn es sich wirklich nur um das eigene Leben handelt. Nachdem ich belangloses Zeug mit meiner Mutter geteilt hatte, verschwand ich in mein Zimmer und las bis in die späten Abendstunden einen völlig unrealistischen Fantasyroman. Das war ein perfekter Tag, zuerst Sex, dann Familie und dann alleine mit einem Buch in mein bequemes Bett, es könnte eigentlich nicht besser sein.

Am nächsten Morgen weckte mich das erbarmunslose brüllen meines Weckers auf. Wie ich es hasse. 10 Minuten noch. Nach einer Stunde, in der ich alle 10 Minuten geweckt wurde sprang ich dann endlich aus dem Bett und lief zu der Kaffeemaschine. Meine Mutter und mein Stiefvater waren schon längst weg. Ich musste nicht so früh aufstehen, da ich nur in eine Vorlesung musste, aber für mich war es noch immer früh genug. Der Kaffe verlieh mir neues Leben. Danach sprang ich in die Dusche. Ich wäre euch nicht zu viel von meinen Duschgewohnheiten erzählen, in fast allen Büchern, die ich gelesen hat, wurde das duschen genau beschrieben. Nein, ich lese keine Pornos. Aber sie beschreiben immer als ein extrem entspannendes Ereignis. Für mich war und ist duschen nur zum waschen da, es entspannt mich nicht, aber quält mich auch nicht. Make Up benütze ich grundsätzlich kaum, weil ich finde, die Menschen sollten sich ruhig an mein richtiges, unverfälschtes Gesicht gewöhnen.
Als ich endlich angezogen war, mit einem kurzen wallenden Rock, einer Strumpfhose, einem T-shirt auf dem groß der Kopf von Harry Potter prangt und einer groben langen Wollweste, machte ich mich auf den Weg zur Straßenbahn.
Der Weg war nicht weit und so saß ich schon bald in meiner Vorlesung. Es war langweilig, kann ich euch sagen. Neben mir saß eine Freundin und sie langweilte sich genauso sehr wie ich. Sie malte Skelette auf ihr Heft, die verdammt realistisch aussahen und schrieb nur manchmal eine Jahreszahl, die uns die Vortragende ansagte, wie aus einem Geschichtsbuch, dazu. Ich malte mir aus heute Abend schon wieder in meinem Bett zu liegen und ein weiteres Buch zu verschlingen.

Als ich all meine Vorlesungen hinter mir hatte, konnte ich mich endlich auf dem Weg nach Hause machen. Bei meiner Ubahn aussteigend, fällt mir noch auf, dass ich heute gar nichts gegessen habe. Sowas passiert mir oft und wird mir dann immer mit einem grausamen Magenknurren auf die Nase gebunden, also mache ich einen Abstecher zu meinem Lieblingstürken und bestelle mir ein vegetarisches Dürüm. Ich möchte mich hier keinen Klischees bedienen, darum sage ich gleich: Mein Lieblingstürke betreibt mit mir in ausgezeichneten Deutsch smalltalk, bis ich ihm sein Geld gereicht und er mir meine Nahrung gereicht hat. Dann lief ich fast schon nach Hause, weil ich direkt spüren konnte wie das Dürüm meinen Magen beruhigt. Zu Hause angekommen merke ich das die Tür nicht zugesperrt ist, ein Zeichen dafür, dass meine Mutter schon zu Hause ist, was nicht oft vorkommt. Ich schreie also lauthals durch die ganze Wohnung: „HALLO“ und versuche mich dann in mein Zimmer zu verziehen. Das gelingt allerdings nicht. Meine Mutter kommt mit dreckverschmierten Füßen durch die Wohnung in mein Zimmer gelaufen und setzt sich zu mir auf mein Bett. Sie war also vorher schon in unseren kleinen Garten. „Luna!“, sagt sie viel zu laut, als ob ich nicht neben ihr sitzen würde und mein Dürüm anschmachten würde „ Ich hab etwas Neues ausprobiert, willst du mir dann nicht helfen?“
Natürlich werde ich ihr helfen, aber was mache ich mit meinem Dürüm?
„Mama, ich esse nur schnell, hab noch nichts im Magen, dann kann ich dir helfen.“
„Nein, Zuckerpupe. Lass dir Zeit, ich muss sowieso warten bis die Nachbarn schlafe, sonst reden sie wieder schlecht von uns.“
„Als würde dir das was ausmachen, Mutter.“ Ja, ich sage das jetzt so, als wäre das was schlechtes, dass es meiner Mutter nichts ausmacht, was ihre Nachbarn davon denken. Eigentlich finde ich es ganz gut. Das zeigt mir immer was meine Mutter und ich gemeinsam haben.Also öffne ich die noch heiße Folie um meinen Lebensretter und führe ihn mir genüsslich zum Mund, doch bevor ich überhaupt abbeissen konnte, nimmt ihn mir meine Mutter aus der Hand und macht selbst einen großen schmatzenden Biss. „Hmm.. Schmeckt gut.“
Ja, das war eine der weniger guten Seite meiner Mutter. Aber was solls, teilen macht Spaß. Endlich kam ich dazu mein Dürüm auch selbst zu essen und fühlte mich danach gleich besser. Meiner Mutter war ins Wohnzimmer verschwunden und lies mich alleine. Es ist schön, wenn meine Mutter merkt dass ich Zeit zum ankommen brauche. Danach schlurfe ich auch schon in unser ausladendes Wohnzimmer und sehe zu wie sie verschiedenste getrocknete Kräuter am Küchentisch verbröselt und vermischt. Eine ihrer Lieblingstätigkeiten.

„Also Mamtsch, was möchtest du denn ausprobieren?“

„Ach Liebes, ich hab da so einen Zauber gefunden der uns Schnee bringen soll, dieses Weihnachten!“

Oh Göttin, letztes Jahr hat sie einen Wirbelsturm heraufbeschworen und das in Österreich! Ich hoffe sie zaubert dieses Jahr keinen Taifun!

Aber ich lächle nur und sage „Ok, ich zieh mir mal mein Ritualkleid an.“

Ja, wir sind Hexen. Klingt komisch, ist aber so. Ich bin aber keine Paranormale, wie in den Büchern. In der Literatur gibt es zwei große Probleme bei Hexen. Das erste Problem ist, dass sie keine Hexen sein wollen und das ist schon ziemlich unrealistisch. Wer will keine Hexe sein? Ernsthaft. Alle wollen angepasst und unauffällig sein. Ich hab schon so oft von kleinen schüchternen Mädchen gelesen, die Kräfte entdecken und total abgeschreckt sind. Das ganze Buch darüber jammern und nur ein langweiliges Leben haben wollen. Scheiss auf Langeweile! Ich hab langeweile schon immer gehasst, wie hält man das nur aus. Ich bin total glücklich darüber hexen zu können und auch wenn ich die meisten Zauber verhaue, haut mich das nicht um. Es bringt mich eher zum lachen. Ich hab mal einen Typen, der total pickelig war versucht zu helfen (natürlich ohne sein Einverständnis) und hab ihn statt einem hübschen Gesicht in einen Frosch verwandelt. Den ganzen Nachmittag hab ich versucht den Frosch zu küssen, der mir immer wieder aus den Händen entwischt ist um ihn zurückzuverwandeln. Doch leider sind Märchen nicht wahr und der Frosch hat total ekelhaft geschmeckt. Vielleicht war ich auch nur nicht seine große Liebe. Am Schluss hat meine Oma dann unter lauten Flüchen ihre gefürchtete Oberhexenhand erhoben und den armen Jungen sein normales pickliges Gesicht gegeben. Und seinen körper dazu. Er hat dann irgendwas von einen verrückten Traum gefaselt, in dem er ein Frosch war. Ich hab mich jedes Mal was bepinkelt, wenn er davon gesprochen hat. Ja, es ist nicht nett, oder anständig sowas zu tun und dann auch noch zu lachen, aber immerhin wollte ich ihm helfen und wenn ich desshalb in die Hölle geschickt werde: Lieber Gott! Tu dir keinen Zwang an, dann maschiere ich mit erhobenen Haupt durch den V.I.P. Eingang!

Das zweite Problem ist das Wort „Paranormale“ an sich. Warum sollten wir anders als normal sein? Soweit ich weiß gibt es uns Hexen schon immer. Wir sind keine Seuche, oder eine Krankheit. Wir sind einfach eine andere Art von Menschen. So wie es verschiedene Pferdearten gibt, gibt es verschiedene Menschenarten. Ich bin eben eine etwas abgewandte menschliche Lebensform. Warum wir uns nicht outen, wenn wir doch normal sind? HALLO? Schon mal was von Hexenverbrennungen gehört? Diese ganzen armen Menschen waren dazu noch nicht einmal Hexen. Wir Hexen haben uns besser tarnen können (Magie, sie lebe Hoch!) Die Menschheit wird immer irgendwem die Schuld zuschieben. Wenns nicht die Hexen sind, sinds eben die Juden, oder sonst irgendeine Bevölkerungsform, die in der Unterzahl liegt. Scheiß drauf! Das ist der Grund, warum ich zwar eine Hexe bin, aber keiner wissen darf, dass ich zauberhaft bin. Klingt doch gut! Zauberhaft… Meine Freunde wissen es nicht, nicht ein Exfreund wusste es. Es ist auch nicht meine ganze Persönlichkeit, sondern nur ein klitzekleines gut behütetes Geheimnis, dass ich in der Nacht fröhne, wenn keiner mir zuschaut. Ich muss nicht alles mit jedem teilen, das ist das schöne daran, dass ich ganz alleine mir gehöre. Ich finde es nicht schade, dass ich Geheimnisse haben darf. Ich geh immerhin auch mal alleine Essen, oder alleine ins Kino. Da darf ich doch in der Nacht auch alleine die Göttin anbeten.

Irgendwann, wenn mich ich das wirklich möchte, werde ich es jemanden erzählen. Manchmal wollte ich es schon meiner besten Freundin erzählen, aber ich habe es für mich behalten, weil eben noch nicht der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Ich laufe nicht davon, weil ich denke, dass sie mich dann nicht mehr lieb haben würde. Sie würde mich auch mit dritten Nippel mitten auf der Stirn akzeptieren, dessen bin ich mir sicher (und Hexerei ist um einiges cooler als verstreute Nippel), aber ich wollte es eben einfach noch nicht. Ein Familiengeheimis bleibt ja meistens in der Familie.

Übrigens, falls ihr euch das jetzt fragt: Nein, meine Mama hat unseren Vorgarten nicht überschwemmt. Sie hat auch keine andere Naturkatastrophe verursacht. Allerdings hat die sie Katze unseres Nachbarn, die kurz in unseren Garten gelaufen kam Schockgefrostet. Sie war besürzt und mir gingen Tröpfchen in die Unterhose, vor Lachen. Info: In dieser Geschichte wurden keine Tiere verletzt. Der kleine Schnuffi vom Nachbarn ist wohl auf, kann meine Mama aber auch nicht mehr wirklich leiden. Kann ich ihn nicht übel nehmen.
Ich: Kind. War heute beim Opa im Pflegeheim und als ich raus gegangen bin, war ich voll aufgelöst, weil mich Gespräche mim Opa voll anstrengen. Ich war voll verwirrt und so. Und dann war da so ein… Mann. Ein Pfleger. Der hat mich gesehen und gefragt was los ist. Dann hat er mich im Aufenthaltsraum auf einen Kaffee eingeladen. Wir haben 1 1/2 Stunden miteinander gesprochen und am Schluss hat er total geflirtet. Aber er hat mich nicht nach meiner Telefonnummer gefragt, oder so.

Ich: Irgendwann hab ich gesagt, dass ich gehen muss. Weil ich eine Prüfung hab und noch lernen muss. Und als ich am Gehen war, meinte er, er findet es schade, dass wir uns so schnell nicht mehr sehen werden, weil er nur als Aushilfe da arbeitet.

Ich: Aber er hat mich trotzdem nicht nach meiner Telefonnummer gefragt.

Ich: Dann bin ich gegangen und jetzt bin ich traurig, weil ich nicht mal seinen Namen weiß.

Bea: Na geh :(( was ist, wenn du morgen oder in den nächsten Tagen wieder hingehst? Dann is er sicher noch da. Und wenn nicht kannst andere Mitarbeiter fragen wie er heißt. Wie alt ist er?

Ich: 31.. fast 10 Jahre.

Ich: Er weiß nicht, wie alt ich bin. Nur dass ich studiere

Bea: Na macht ja nichts, wenn er nett ist.

Bea: Schau wirklich morgen noch mal hin.

Ich: Naja, er hat heute eine 25 Stunden schicht und um 8 Uhr aus.

Straßenbahn

Standard

Ich fühle mich wie eine Straßenbahn in Wien
Schon lange war mir nicht mehr warm, aber ich mag die Kälte. Ich mag die Kälte, weil ich die Wärme nicht verdient habe. Wärme erinnert mich an Familie, an Freunde und an Liebe. Ich hatte nie wirklich Familie, ich habe keine Freunde verdient und ich hasse die Liebe. Ich hasse die Liebe nicht weil sie mich verletzt, sondern weil ich ihre Wärme nicht ertrage. Ich sitze seit zwei Stunden hier und fahre durch Wien. Schon vor langer Zeit hätte ich aussteigen müssen, aber ich konnte es nicht. Ich konnte nicht schon wieder hören was ich falsch mache und wie ich es besser machen könnte. Von Lehrern, von Schülern, von Therapeuten.
Alles andere auf der Welt kommt mir unwichtig vor. Die trivialen Probleme meiner Umwelt. Zerbrochene Liebe und schlechte Prüfungsergebnisse. Dinge, die andere belasten, aber mich, durch die harte Schale von tiefsten Selbstmitleid und Egoismus nicht an meiner Seele kratzen. Meine Opferrolle brennt sich noch fester in jede Zelle meines viel zu vollgestopften Kopfes ein. Sie scheint mein ansonsten fröhliches Gemüt zu infizieren. Zu umhüllen wie ein schwarzer Mantel, der mir all das nimmt, was andere an mir lieben könnten. Die einzige Ausflucht ist eine neue Welt, in die ich eintauchen kann. Mit einem Opfer, dass nicht ich bin. Ich bemitleide sie, wie die anderen es bei mir machen. Aber das entspringt nur meinem Kopf, wie alles.
Die Lampen gehen an und ich bin glücklich darüber. Seit meiner Kindheit verfolgt mich eine beständige Angst vor der Dunkelheit und dem Alleinsein. Heute beschützt mich gerade diese davor, preisgeben zu müssen, wie es um mich steht. Sie versteckt meine Narben, meine Tränen, mein bleiches Gesicht und gibt mir den Schutz, den ich mir mehr als alles andere Wünsche. Dunkelheit, mein teuerster und beängstigender Freund. Komm früh, damit ich endlich aufhören kann für eine Weile zu existieren.
Ich bin wie eine Straßenbahn in Wien. Ich fühle mich alt, verbraucht und dreckig. Alle erwarten von mir, dass ich funktioniere. Sogar ich erwarte das. Und in mir sind viel zu viele Probleme. Probleme von mir, aber auch von anderen.
Das einzige Gefühl das ich kenne, ist das geborgene Gefühl seinen feuchten Arm an sich zu pressen. Die warme und grausame Dankbarkeit, die aufsteigt, wenn man das Leben spürt, das jetzt nicht nur durch die Adern, sondern auch durch den Ärmel eines Pullovers sickert. Das Brennen lässt zu von einer fremden, aber beruhigenden Utopie voller Wärme zu träumen.
Lässt du diese Wärme nur kurz zu, siehst du mehr Wärme. Mit tränentrüben Blick schaust du dich um, weil du nicht mehr nur auf das Eine fokussiert bist, sondern dich ablenken lässt. Du siehst Regen, der dunkel und kalt ist, aber auch Kinder, die warm und hell leuchten. Du siehst Menschen, deren Gedanken meinen gleichen, aber auch Menschen die so viel Glück ausstrahlen, dass du dich in ihrer Nähe wirklich unbeschwert fühlst. Und dann triffst du so einen Menschen, der deinen Arm anfasst und dich nach deinem Befinden fragt. Dein Kopf fühlt sich nicht mehr so schwer an. Du hörst zu, du erzählst, es geht alles leicht. Irgendwann steigen aber auch diese Menschen aus.
Jetzt überlegst du dir: Steigst du aus und lebst, oder fährst du deine selbstgewählten Runden und hasst dich dafür.
Dieses Mal steige ich aus.

Standard

1.) Sie
Leben heißt Leiden. Ein Zitat das mehr Warheit enthält kann ich mir zurzeit nicht vorstellen. Ich hob meine Bürste zum nächsten Strich gegen mein wiederspänstiges Haar. Es hängt in nassen Zotteln über meinen Rücken und lacht mich bei jedem Strich aus, mit dem ich versuche die dicken Knoten, die zwangsläufig nach dem waschen entstehen auszubürsten. Wie oft hab ich schon gehört, dass es sich anhört, als würde man ein Pferd striegeln? Das Problem ist, dass ich mir nur die Haare frisieren kann, wenn sie nass sind. Haben Sie schonmal Locken ausfrisiert? Dann sieht man zwangsläufig aus wie ein Höhlenmensch. Also machte ich mich wieder ans Werk. Es war bereits elf Uhr Abends und ich sollte schon längst im Bett sein. Morgen musste ich früh raus, bevor die Arbeit wieder los geht. Ich hatte noch einige Erledigungen zu machen. Also schmiss ich mich mit meiner besten James-Bond Rolle in mein Bett und versuchte einzuschlafen. Meine Gedanken wanderten noch länger um Dinge, die ich erledigen musste und Rechnungen, die zu zahlen waren, aber dann war ich endlich eingeschlafen und träumte von einem Leben, das viel einfacher und bunter war…

Am nächsten Morgen kroch ich um 6 Uhr aus dem Bett. Die Kaffeemaschine wollte schon wieder nicht funktionieren, aber ich warf ihr einen bösen Blick von der Seite zu und schon läuchtete das rote Lämpchen und ich konnte mich an dem schönen Aroma von Billigmarkenkaffee satt riechen. Zähneputzend wanderte ich durch meine kleine Wohnung und warf die Bücher, die ich noch zurück in die Bücherei bringen musste in meinen großen, alten Rucksack. Ich liebte diesen Rucksack. Da passt mein ganzes Leben rein. Traurig für mein Leben und gut für den Rucksack. Außerdem war er geschmückt mit all den Sachen, die man eben an so einen Rucksack klemmen kann. Einen Button aus England, den mir eine Freundin von ihrer Austauschwoche mitgebracht hat, ein Aufnäher der Rocky Horror Picture Show, die ich liebte, aber noch nie live sehen konnte, weil mir das Geld dazu nicht reichte, eine wunderschöne Vogelfeder, die ich im Park gefunden hatte und viele andere Erinnerungen. Endlich war der Kaffee fertig und ich nahm eine große Tasse und ein wenig Milch dazu. Damit saß ich dann auf meinem ausladenden Fensterbrett und nahm mit kleinen Schucken Leben zu mir. Ja, das Fensterbrett ist auch das einzig tolle an dieser kleinen muffigen Wohung. Aber ich war froh, dass ich sie hatte. Das konnte nicht jeder von sich behaupten. Mit Schuldgefühlen beobachtete ich die Obdachlose, die vor meinem Fenster mit ihren Einkaufswagen runden drehte. Ich sollte mich öfters darüber freuen, dass ich Essen und einen Platz zum schlafen hatte.
Vor dem Spiegel war jeder Kampf auswegslos. Da ich mit nassen Haaren ins Bett gegangen war machte ich mir einen hohen Knoten in die Haare und ging sonst meinen Pflegeprogramm nach. Schminke mochte ich nicht besonders, trotzdem hatte ich einige Dinge, die ich für die Arbeit herauskramte. Aber jetzt konnte ich noch ganz ungeschminkt durch die Stadt laufen. Ich zog mir einen SportBh und ein Höschen an und danach sah ich wie es nach meinen Leggins ging. Ich fand eine ohne Loch im Schritt – der Tag war ja nicht ganz übel. Trotzdem schrieb ich auf meine ToDo Liste: Neue Leggins. Ich glaub das war meine einzige funktionstüchtige. Ich würde die anderen ja nähen, aber jede Mühe war unnötig. Sie waren schon richtig fadenscheinig. Ich hoffte inständig meinen Lohn heute zu bekommen, sonst war ich wirklich aufgeschmissen. ein blau weiß gestreiftes Longshirt kramte ich noch schnell aus meinen Kasten und zog mir dann meine zerfetzten Converse über zwei verschiedene Socken. Ich fand nicht, dass Socken ordentlich aussehen müssen. Mein Rucksack in den einem Arm und eine Tasse Kaffee in den dem anderen rannte ich die Stufen durch das verdreckte Stiegenhaus runter und kam stolpernd auf der Straße an. Die Obdachlose mit ihrem Einkaufswagen bekam leuchtende Augen, als sie mich sah und ich reichte ihr die Kaffeetasse. Zum Austausch gab sie mir die Kaffeetasse, die ich ihr gestern gegeben hatte. Wie immer war sie ausgewaschen und ein kleiner abgerissener Zettel lag in ihr mit einem Zitat darauf. “

Jeder, der sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.“

Ich beneidete die Obdachlose nicht zum ersten Mal um ihre schöne Schrift. Ich hatte keine Ahnung woher sie dieses Zitat hatte, Sie müssen wissen, meine Obdachlose redet nicht mit mir. Ich weiß nicht warum, aber sie hatte, seit ich sie vor drei Jahren kennengelernt hatte noch kein Wort zu mir gesagt. Damals traf ich sie genau an dieser Stelle nach der ersten Nacht in meinem neuen Zu Hause. Vorher hatte ich sie noch aus dem Fenster beobachtet und hatte gesehen, dass sie aus dem Mistkübel der Bäckerei gegenüber eine halbleere Kaffeetogo Tasse hob und sie austrank. An diesem Morgen brachte ich ihr zum ersten Mal ihren Kaffee und heute drei Jahre später freute ich mich jeden Morgen auf mein Zitat. Sie brachte mir jeden Tag die Kaffeetasse vom vortag zurück und hatte noch nie eine verloren, oder abgeschlagen. Und jeden Tag steckte ein anderes Zitat in ihr. Dieses Zitat war mir Dank genug, ich hatte schon eine ganze Kiste davon. Und ich liebte sie wie am ersten Tag. Die Obdachlose lächelte mich an und trag einen Schluck aus der Tasse. Sie war einmal eine schöne Frau gewesen, mit blonden Haaren und einem schönen symetrsichen Gesicht. Heute hatte ihr die Straßen Furchen und Dreck gebracht, die ihr ihre Schönheit stahlen, aber wenn sie lächelte, konnte man noch einen Teil eben dieser Schönheit erkennen. Ich schenkte ihr ein rießiges Lächeln und bedankte mich für das neue Zitat. Die Kaffeetasse verstaute ich in meinen Rucksack und verabschiedete mich, wie jeden Tag, ohne eine Antwort. Als ich am Zeitungsstand vorbei kam, winkte mich der Besitzer heran und schob mir ein Paket zu. Er hatte schon wieder ein Paket für mich angenommen, als ich arbeiten war. „Danke Herr Kobenski! Auf Sie ist wirklich verlass!“, antwortete ich auf sein kleines Lächeln. „Ach, du brauchst dich doch nicht bedanken Luna, du weißt ja wie gerne ich dich sehe, da mach ich auch schon mal den Paketdienst.“
„Gibts was neues aus der Hexenfront?“, fragte ich ihn um mal Smaltalk zu betreiben. Mit der Hexenfront sind die alten grießgrämigen Rentner gemeint, die bei mir in der Nähe wohnten und jeden Morgen über jeden der Mieter in der ganzen Straße lästern mussten.
„Ach, ich glaub Linda hat schon wieder einen neuen, soweit ich das gehört hat und die Katze von Herrn Maier hat in den Garten von Frau Kugler gekotzt.“
„Äh, Sie meinen die Katze von Frau Kugler hat in den Garten von Herrn Maier gekotzt, ich glaub Herr Maier hat einen Hund.“
„Ja, wird schon so sein, Herzchen. Mir ist reichlich egal wer in welchen Garten kotzt, so lange er die Kotze in meinen Garten dann auch wieder weg macht.“ Ich lachte herzhaft und versicherte ihn, ich würde meine Kotze bestimmt wieder wegmachen, falls ich mal in seinem Garten kotzen würde.
Ich verabschiedete mich von ihn und er warf mir noch einen Apfel zu, den ich im weggehen fing. Er versprach mir das Paket noch bis zum Abend aufzuheben, weil ich jetzt keinen Platz mehr hatte (ja, auch das kontingent in meinem Rucksack muss irgendwann voll sein). Unterwegs verspeißte ich meinen Apfen und freute mich darüber, ich hatte nämlich schon wieder vergessen zu Frühstücken. Er war aus Herr Kobenskis Garten und darum besonders saftig.
In der Biblihotek angekommen durchforstete ich die muffigen Regale nach Büchern, die es Wert waren, meine Aufmerksamkeit geschenkt zu bekommen und da fiel mein Blick auf eine Buchreihe die ich schon lange nicht mehr in den Fingern hatte. Also nahm ich die ersten drei Bände und ging zur Kasse. In Erwartung auf die schönen fantasievollen Geschichten mit Vampiren, Werwölfen, Elfen, Geistern und Engeln sah ich den Mann nicht, in den ich genau reinrannte. Er hielt mich auf, so dass ich nicht fallen konnte und lächelte mich dann freundlich an. „Benjamin! Bist du etwa schon aus dem Urlaub zurück? Solltest du nicht nächste Woche erst wieder kommen?“ „Ja, aber meine liebe Frau Mutter ist krank geworden und natürlich mussten wir sofort alles abbrechen und sie nach Hause bringen, bevor sie noch in der Wildnis, die wir Hotel nennen, umkommt. Du kennst sie ja“
„Ach, das ist schade für euch. Aber ich freu mich, dass du wieder da bist, ich hätte nicht gewusst wie ich ohne Dich noch eine Woche überleben hätte können.“, warf ich mit einem koketten Augenaufschlag hinterher. Er nahm die Hände von meinen Oberarmen und wurde sogar leicht rosa auf den Wangen. „Das freut mich, Luna, dass du mich so vermisst. Hast du Zeit für einen Kaffee, oder muss ich dich schon wieder mit der gesammten Menschheit teilen.“ „Tut mir leid, ich muss Mal wieder die gesammte Menschheit mit meiner Anwesenheit beglücken und vor allem die, von die, die die Stromrechnung ausstellen. Die haben da schon wieder was falsch gemacht.“
„Gut, ich komm die Tage vorbei und versuchs einfach noch Mal bei dir.“, schob Benjamin nach. Ich wusste er war endtäuscht, aber ich hatte wirklich einiges zu erledigen. Also verabschiedete ich mich und ging zur Kassa. Ich hatte einen Bücherreiausweiß der auf eine Schülerin ausgestellt war, obwohl ich schon länger keine Schülerin mehr war. Das war der netten Besitzerin der Bücherei zu verdanken, die mich einmal in Tränen aufgelöst vor ihrem Tor fand und der ich erzählte, ich könnte mir einfach keine Mitgliedschaft leisten. Sie meinte, jeder müsste die Möglichkeit haben zu lesen. Und gab mir dann äußerst illegal meinen Bücherreiausweis, für den ich nichts zahlen musste. Die alte Dame war heute leider nicht da, sonst hätte ich mich mit ihr über ein Buch unterhalten können, dass sie mir empfohlen hatte und ihr dazu gratulieren, dass sie mal wieder meinen Geschmack getroffen hatte. Sie war genau so wie ich von Fantasy-Geschichten mit einer kleinen Romanze begeistert und fröhnte ihr Hobby noch zeitaufwändiger als ich. Es gab kein Buch in meinem Genre, dass sie noch nicht gelesen hatte. Aber sie hatte mir auch einige Jahre vorraus.
Ich gab die Bücher zurück und borgte mir die neuen aus.
Danach lief ich zur Ubahn, die mich zu dem Unternehmen bringen sollte, bei dem ich Strom bezog. Sie hatten mal wieder meine Anschrift verwechselt und meine Stromrechnung kam zum Nachbarn. Was ja nicht all zu schlimm war, aber auch die Mahnungen liefen zum Nachbarn und ich wollte nicht dass die Hexen davon erfuhren, dass ich mir nicht immer pünktlich die Stromrechnung leisten konnte. Ich hätte das alles auch per Handy, oder per E-Mail regeln können. Leider besaß ich keinen Telefonanschluss und mit Emails kannte ich mich gar nicht aus, weil ich auch keinen Computer besaß. Der persönliche Weg ist doch sowieso der freundlichste. Sollte man denken. Ich stritt mich eine geschlagene Stunde mit einem pickeligen Typen herum, der mir einfach nicht helfen wollte. Ich war nie auf den Mund gefallen und hatte einiges an Temperament. Das veranlasste den pickligen Jungen dazu, meine Anschrift endlich zu ändern und seinen Fehler zuzugeben. Danach fragte er mich, ob ich mit ihm auf einen Kaffee gehen wollen würde. „Sorry, ich steh auf das andere Geschlecht.“, antortete ich ihn. Das stimmte nicht, aber ich wollte mich nicht mit ihm treffen. Nicht, dass ich mich selbst für etwas besseres halten würde, aber ich traf mich mit keinen potentiellen Sexualpartner und nein, ich war auch nicht lesbisch. Ich wollte nur eben nicht so viel Körperkontakt. Er antwortete mir:“ Was“ , oke, wenn ich mich schon mit jemanden treffen würde, dann doch mit einem Menschen der die nette Floskel „Wie bitte“ kennt. Also erklärte ich ihm nocheinmal, dass er das falsche Geschlechtsteil hat und falls er sich umoperieren will, kann er sich ja wieder melden. Das verstand er dann endlich und ließ mich in Frieden.
Am Weg zurück versuchte ich möglichst viele Menschen anzugrinsen. Das war eine Taktik von mir, wenn ich schlecht drauf bin. Zuerst ist dein Grinsen noch falsch, aber wenn dir dann eine nette alte Omi, oder ein kleines Kind, sein Grinsen schenkt, wird dein Lächeln echt und dann geht es einem schon viel besser.
Ich lief direkt nach Hause um mich umzuziehen. Ich schlüpfte in eine enge Jeans und ein ebenso enges Schwarzes T-shirt mit dem Logo der Bar, in der ich arbeitete. Ich wusste zwar, dass ich mit Rock mehr Trinkgeld bekommen würde, aber ich hasste es, wenn mich jemand bevorzugte, nur weil ich meine Beine zeigte. Ich band meine Haare neu und ließ ein paar Haarsträhnen plus Stirnfransen frei und schon machte ich mich mit meinem alten Begleiter, dem Rucksack auf den Weg zur Arbeit. Als ich ankam war es schon kurz nach drei Uhr am Nachmittag. Ich fuhr fast eine Stunde zu meinem Arbeitsplatz, aber das zahlte sich aus. Meine Kollegen waren jung und nett und vor allem fragte mich keiner nach meinem Alter. Sie müssen wissen, ich benahm mich zwar nicht wie 16, aber körperlich war ich eben so jung. Mit 16 darf man leider noch nicht alleine wohnen und in einer Bar arbeiten, aber das hielt mich eindeutig nicht davon ab, wie so sicher schon bemerkt hatten. Ich nahm den Platz hinter der Bar ein und begrüßte meinen Kollegen. Gegen ihn sah ich dann doch aus, wie ein kleines Kind. Seine Arme und sein Genick waren mit wilden mustern tattowiert und seine blauen Haare stichen sich mit den grünen Augen. Aber er war nett, wie ein Vater, den ich nie hatte. Also, ich hatte einen Vater, aber nicht so einen. Er passte immer gut auf, dass die anderen gut nach Hause kam, oft fuhr er mich auf. Dass wir alle genug tranken und genug aßen. Apropos, ich hatte total vergessen etwas zu essen. Außer einem Apfel, den Kaffee am Morgen und eine flasche Wasser hatte ich noch nichts intus. Ich versuchte nicht zu schuldig auszusehen und wischte den Tresen. Ich glaube, er hatte meine Gedanken gelesen. Denn er kam schon mit einem wissenden Blick zu mir herüber und hielt mir ein Sandwich hin. „Noch nichts gegessen, hm?“ „Äh, oja. Ich hab gefrühstückt!“ – einen Apfel kann man doch Frühstück nennen, oder? „Jetzt nimm schon und iss, du siehst total käsig aus.“ „Das nennt man noble Blässe, du ignorant“, ärgerte ich ihn liebevoll. Schnappte mir aber dann das Sandwich, sah ihn dankbar an und verschwand für 10 Minuten in den liebevoll ausgestatteten Raum für Angestellte. Voll kam ich zurück und schob einem alten Bekannten ein Bier vor die Nase. „Hallo, George.“ begrüßte ich den Stammgast, der an der Theke saß. „Heute nur drei Bier, ich wisch nicht wieder dein Erbrochenes auf.“
Schuldbewusst senkte er seinen Blick. Ich wusste genau, dass es nicht bei drei Bier bleiben würde. Vielleicht hatte er sogar vorher schon etwas getrunken, aber ich wollte ihm nocheinmal darauf hinweißen, dass es kein Vergnügen für mich war, am Boden zu kauern und erbrochenes Bier aufzuwischen.Vielleicht gab er mir ja einmal mehr Trinkgeld, für meine Dienste. George war jeden Abend hier und betrank sich auch jeden Abend, aber wenigstens brach er nicht jeden Abend. Er war unser Stamm-Alkoholiker. Es tat mir leid, ihn so zu sehen, aber ich war nicht seine Mutter und ich wusste nicht warum er trank. Wenigstens wurde er nicht aggressiv, die konnte ich nämlich gar nicht leiden. „S‘ tut mir Leid, Lunachien. S‘nächste Mal pass ich besser auf.“ Na wenigstens etwas. Er konnte ja in Kobenskis Garten kotzen, wenn ers noch schafft es weg zu machen. Lachend betraten Benjamin und seine schwester Lisa die Bar. Ich schätze es war Benjamins Idee, mir heute ihre Gesellschaft zu schenken. Lieb von ihnen. „Hallo Kinder!“, rief ich ihnen zu. Ich wusste dass Benjamin 19 war und seine Schwester 18. Sie glaubten allerdings dass ich 20 war. Wie sich eine 16 jährige als 20 Jährige ausgeben kann? Gefälschter Ausweis und genug Selbstbewusstsein und Reife. So irgendwie geht das schon, obwohl ich immer wieder komisch angeschaut werde.
Ich schon Benjamin sein obligatorisches Cider hin und seiner Schwester einen Whisky mit Cola. Liebevoll betrachte ich meine zwei Freunde und freute mich doppelt darüber, dass sie schon wieder aus dem Urlaub zurück waren. „Ach Luna, du solltest dir endlich ein Handy zulegen. Ich wollte dir ja bescheid sagen, dass ich komme, aber keiner konnte dich auftreiben.“
„Nicht jedem wird das Geld von seinen Eltern in den Arsch geschoben, Benji.“, erinnerte ich ihn und machte mich daran ein paar andere zu bedienen. Gegen Acht wurde das Lokal voll und ich musste mehr und mehr beschleunigen um alle glücklich zu machen. Gegen neun wurde es wieder etwas leiser und ich konnte mich mit meinen Freunden unterhalten, die noch immer brav an der Bar saßen. Lisa hatte sich wohl langsam jemanden schön gesoffen und blinzelte andauernd zu einem Jungen rüber, der aber anscheinend mehr damit kämpfen musste, seine Tequilla zu kippen. Ich lehnte mich über die Bar und flüstete ihr beschwörerisch ins Ohr, sie sollte doch einfach mal zu ihm gehen. Da blickte sie mich schokiert an und meinte: „ Nein, das trau ich mich nicht.“ „Jetzt sei nicht immer so ängstlich, Lisa. Du bist hübsch, du brauchst dir keine Sorgen machen.“ „Du sprichst doch auch mit niemanden, Luna.“ „Ja, aber nur weil ich derzeit keine Penise in meiner Umgebung mag.“ „Und was ist mit mir?!“ – Benjamin bekam große Augen. „Ach, dich mag ich immer um mich.“ Zufrieden lehnte sich Benjamin wieder zurück und blickte zu seiner Schwester, die bei dem Wort penis richtig rot geworden war. „Jetzt komm schon, das Wort Penis ist jetzt nicht wirklich schlimm.“ „Jetzt sei nicht so pervers.“ „Wenn ich pervers sein wollte, würde ich Pimmel sagen.“
Da die Musik richtig laut war, mussten wir unser ganzes Gespräch schreien und das war natürlich auch der Grund, aus dem ich das Wort Pimmel quer durch den Raum rief. Leider hatte ich nicht gemerkt dass die Musik ausgegangen war und jeder durfte mein geschrieenes Pimmel hören. Lisa kicherte und Benjamin brüllte richtig vor lachen. Andere fielen mit ein und noch andere fragten sich sichtlich was ich mit diesem Wort zum Ausdruck bringen wollte.
2.) Sie
Ich begegnete den Blick eines Mannes, den ich hier in der Bar noch nie gesehen hatte. Er wäre mir aufgefallen. Seine Augen waren so blau, kein menschliches Wesen konnte so blaue Augen haben. Das mussten Kontaktlinsen sein. Seine Zähne waren strahlend weiß und auf seinen kantigen Gesicht macht sich ein Bartschatten bemerkbar. Er sah wunderschön aus. Solche Sorte von Menschen die zwangsläufig eingebildete, unterbelichtete Unterwäschemodels sein müssen. Ein schiefes Grinsen belohnte meinen Pimmel-Auftritt.
Ich hatte ihn schon zu lange angestarrt und es fiel ihm anscheinend auf. Darum drehte ich mich um und goss ein neues Bier in ein Glas. Ich hatte keine Ahnung für wem das Bier war, aber ich wollte nicht so unnötig herumstehen. Gut, Georges Bier war leer, also schob ich es ihm hin und sagte:“ Geht auf mich“. Immerhin hatte ich es ihm aufgedrängt. Freudestrahlend und betrunken lächelte mich mein Lieblingsalki an und sagte: „Aber es ist schon mein viertes!“ . Wers glaubt, George. „Macht nichts, aber wenn dir schlecht wird sag bescheid.“ Tut er doch eh nicht. Ich sah wie der Tequilla Junge langsam auf die Bar und Lisa zukam und freute mich diebisch darüber. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht näherte ich mich Lisa, damit ich mithören konnte. Ich war eben auch nicht frei von Neugierde. Doch was dann geschah konnte ich nicht wissen. Der Neuankömmling zog mir fest am Dutt meiner Haare. Das machte mich richtig wütend. Niemand fasste mich ungewollt an und schon gar nicht in so einer herabwürdigenden Geste, wie an den Haaren zu ziehen. George, Benjamin und Lisa hielten spürbar die Luft an. Sie wussten was mit solchen Leuten passiert. Ich drehte mich Zähne fletschend um und sah den Tequilla-Jungen, der langsam zum schielen begann mit vor Wut geweiteten Augen an. Ich fing an zu grinsen und flüsterte mit einer tiefen, gerade so lauten Stimme, dass er es noch verstehen konnte:“ Wenn du mich noch einmal ungefragt anfasst, nehm ich deine Eier und zieh sie so lange, DASS DU SIE ALS SCHAL VERWENDEN KANNST.“ Ich muss zugeben, bei den letzten Worten gefrohr mein Grinsen und ich wurde auch ein bisschen lauter. Schon wieder sah mich die ganze Bar an und Flo, mein tattowierter Kollege kam jetzt auch noch dazu, indem er sich mit verschrenkten Armen hinter mir aufbaute. Der Tequilla-Typ antwortete:“ He, jetzt reg dich ab, Kleines.“ Gut, jetzt sah ich endgültig rot. Woher nahm der Typ die Frechheit mich kleines Zu nennen, oder mir zu sagen, wie ich mich fühlen sollte. Doch Flo schob mich auf die Seite und sagte mit ruhiger Stimme:“ Meine Angestellten werden nicht angefasst und sie haben einen Namen. Wenn du mir noch einmal unangenehm auffällst, fliegst du in hohen Bogen vor die Tür. Und deine Freunde gleich mit.“ „Das muss ich mir nicht gefallen lassen, immerhin bin ich Kunde und bezahle gutes Geld.“ Das ging jetzt auch für Flo zu weit. Ich sah wie sich die Adern auf seinen Hals deutlich abzeichneten. „ Dein gutes Geld kannst du dir in den Arm schieben, Kleiner. Mein Laden läuft auch gut genug, ohne so kleine Ratten wie dich zu verköstigen.“ Damit hatte er recht. Sogar unter der Woche war dieser Laden immer proppenvoll. Mit eingezogenen Schwanz verpisste sich der Junge wieder zu seinen Freunden und flüsterte ihnen etwas zu. Bald waren sie auf den Weg zur Türe und liesen mich noch einmal einen giftigen Blick spüren. Ich hatte aber so viel zu tun, dass ich nicht viel darüber nachdachte. Das Trinkgeld war heute wieder gut und ich wollte noch ein bisschen mehr davon einheimsen, damit ich mir morgen nicht nur eine Leggins kaufen konnte.
Benjamin grinste mich andauernd an, wenn ich bei ihm vorbeiging und mir fiel noch mehr auf, wie ich sie vermisst hatte. Sie waren meine einzigen Freunde. Ich liebte sie, aber ich hatte auch oft Schuldgefühle, dass ich ihnen nicht viel von meinem Leben erzählen konnte. Sie hatten aufgehörtmich über mein früheres Leben, meine Eltern und wie ich aufgewachsen war, auszufragen. Ich hatte prinzipiell niemanden davon erzählt, es war einfach zu gefährlich. Ich war 14, als ich von zu Hause weggelaufen war. Mit 14 durfte man nicht alleine leben, sondern man wurde dem Staat unterstellt, und das wollte ich nicht riskieren. Aber ich konnte auch nicht mehr bei meinen alkoholkranken Vater leben. Er hatte begonnen zu trinken, als ich sechs war. Kurz nach dem Tod meiner Mutter. Sie war an Lungenkrebs gestorben. Ich hatte sie sehr geliebt. Auch meinen Vater hatte ich sehr geliebt, aber nachdem sie gestorben war, starb auch der liebevolle Teil meines Vaters. Ich war ein Kind, dass nach dem Tod seiner Mutter zuspruch von einem liebevollen Elternteil gebraucht hätte, aber alles was ich bekam war ein Vater, den es nicht aufgefallen wäre, wenn ich gestorben wäre. Vielleicht hätte er es irgendwann gerochen. Er hat getrunken und wurde aggressiv. Er hat mir die Schuld an dem Tod meiner Mutter gegeben, wie ich an Krebs verantwortlich sein kann, weiß ich bis heute nicht, aber als Kind habe ich wirklich daran geglaubt. Ich dachte ich würde Krebs verursachen. Er hat mich oft bis in die Nacht angeschrien und ich konnte am nächsten Tag in der Schule kaum die Augen offen halten. Obwohl ich ein fotografisches Gedächnis hatte, konnte ich mich kaum konzentrieren und meine Noten wurden schlecht. In der Schule dachten sie, ich wäre einfach nur dumm. Freunde konnte ich keine finden, weil sie mich auch alle komisch fanden und irgendwann hatte ich dann einfach ganz aufgehört zu reden. Ich wollte nicht, dass sie mir Dummheit andichteten, also lies ich mich einfach als gestört abstempeln. Als ich 8 War, wurde ein Jugendamtmitarbeiter auf mich aufmerksam. Er steckte mich in das Führsorgesystem und mein Vater wehrte sich nicht dagegen. Seit dem habe ich ihn nie wieder gesehen. Ich wurde von einer Pflegefamilie zur anderen geschickt. Keiner brachte mich wieder zum sprechen. Die meisten waren auch nicht daran interessiert, nur an dem Geld, was sie durch mich bekamen. Mit 11 war ich dann auch das letzte Mal in der Schule. Die Pflegefamilie, bei der ich gelandet war, hatten mich gezwungen ihre Drecksarbeit zu erledigen. Sie liesen mich putzen, waschen und kochen. Ich hatte keine Zeit mehr und war einfach zu müde. Die Mutter lachte mich aus, auf den Wunsch, wie alle anderen Kinder zur schule zu gehen und der Vater war am grausamsten. Er schlug mich, wenn ich ihn wiedersprochen hatte. zuerst nur leicht ins Gesicht, aber es schien ihn immer mehr zu gefallen, also schlug er mich in den Bauch und auf den Rücken, wo man es nicht mehr so leicht sehen konnte. Zuerst nur mit der Hand, dann mit allen Utensielien, die er finden konnte. Mit einem Gürtel, einmal auch mit einem Baseballschläger. Daraufhin hatte ich Blut gespuckt. Mit den Schlägen konnte ich umgehen, nach einer Zeit dachte ich sogar, ich hätte sie verdient, weil ich nicht richtig war. Weil ich Krebs verursachte. Aber als er sich immer sicherer fühlte, begann er mich anzufassen. Er tat mir dabei weh. Drückte meine Brüste, die noch im wachsen waren. Zwickte mich in den Bauch, die Oberschenkel, den Po und streichelte mich dann auch wieder, mit seinen kalten, schwitzigen Händen. Ich konnte seinen Bart noch heute an meinen Körper spüren und seinen Geruch nach abgestandenen Bier und Schweiß noch heute riechen. Er küsste mich. Zwang mir brutal seine schleimige Zunge in den 12-Jährigen Mund. Er sagte mir, wie schön ich sei. Und er tat mir grausame Dinge an. Eines Tages, an meinem 13. Geburtstag, der natürlich nicht gefeiert wurde, kam er wieder in mein Zimmer. Er sagt ich wäre jetzt so weit, ihm mehr freude zu schenken und zog mir mein kindliches Höschen von den Beinen. Ich bekam Panik. Ich wusste was Geschlechtsverkehr war, ich hatte davon gelesen und ich hatte panische Angst davor. Er spreizte mit seinen Beinen, meine Beine und zog sich die Hose runter, unter der er nie eine Unterhose trug. Mir schlug ein grauslicher Geruch nach Urin und Bier in die Nase und da sah ich rot. Ich strampelte mich frei und schlug mit meinen kleinen Händen auf ihn ein. Er war nicht besonders groß und muskulös, aber meine Hände konnten auch nicht viel ausrichten. Also nahm ich meine Lampe von dem Nachttisch und schlug sie ihn mit voller Wucht auf den Kopf. Er wurde Ohnmächtig. Mein fotografisches Gedächnis half mir noch heute, jedes Detail in diesem Bild zu erkennen.Er lag auf den Bauch, mit runtergelassener Hose auf meiner Pokemon Bettwäsche. Ich wusste damals, dass ich verschwinden musste. Aber ich hatte keine Ahnung, ob ich ihn umgebracht hatte. Ich nahm seine Geldbörse aus seiner Gesäßtasche und fand 900 Euro. Er musste heute seinen Lohn bekommen haben. Ich stahl den Mann sein Geld und nahm nur meinen Rucksack, den ich noch immer hatte. Dort steckte ich ein Bild meiner Mutter rein, eine Halskette. Einen Teddybär und ein paar Tshirts, unterhosen und Socken. Dann machte ich mich auf den Weg in ein neues Leben. Ich wollte nicht wieder zu einer anderen Pflegefamilie, außerdem wusste ich nicht, was sie mit mir machen, wenn ich den Mann getötet hatte. Ich wollte nicht ins Gefängnis. Ich sprang in den nächsten Bus und setzte mich in die letzte Reihe. Dort fuhr ich eine Stunde, bevor mich eine alte Frau ansprach. Sie setzte sich mit ihren wuchtigen Körper neben mich und reichte mir ein Taschentuch. Bis dort hin wusste ich noch nicht, dass ich geweint hatte. Meine Nase lief und mein bunter Schal, den ich trug, war Tränennass. Sie sah mir mit einem freundlichen, aber besorgten Ausdruck ins Gesicht und fragte mich nach meien Namen. Ich musste mir schnell etwas ausdenken, also gab ich den Spitznamen, den mir meine Mama gab an, Luna. Luna wie der Mond. Sie sagte, ich hätte einen schönen Namen und warum ich weine. Ich meinte, ich würde weinen, weil das Leben nur aus Leiden besteht und ich nicht mehr Leiden wollte. Sie meinte, ich wäre sehr erwachsen und fragte mich, wie alt ich sei. Ich erzählte ihr, ich sei 17. Sie fragte mich, wo meine Eltern waren, aber wurde nicht skeptisch. Ich war frühreif. Ich sagte ihr, meine Mutter sei an Krebs gestorben und mein Vater bei einem Autounfall. Das war meine erste richtige Lüge. Sie glaubte mir. Sie nahm mich in den Arm. Ich hatte Angst, weil ich mich nicht mehr daran erinnern konnte, wie es war, in den Arm genommen zu werden. Die einzige Zärtlichkeit, die ich kannte, waren die schweißnassen Streicheleinheiten meines Pflegevaters. Sie spürte, wie mein Körper sich versteifte und lies mich los, aber hielt meine Hand fest in ihrer. So viel Körperkontakt konnte ich ertragen, auch wenn es mir sehr komisch vorkam und ich mich erst daran gewöhnen musst. Ich stellte es mir einfach wie ein sehr langes Händeschütteln, ohne schütteln vor. Sie fragte mich, wo ich aussteigen müsse, Ich sagte ihr, dass ich es nicht weiß, ich hatte keine Wohnung. Sie fragte nicht weiter. Sie brachte mich zu sich nach Hause. Ja, ich ging mit einer fremden mit, aber ich hatte auch Angst vor einer Nacht auf der Straße. Sie hieß Maria, wie die Mutter von Jesus. Das sagte sie mir damals. Aber sie wollte sich nicht mit der Mutter von Jesus gleichsetzen, sie erklärte mir nur, dass man sich so ihren Namen merken konnte. Aber ich hätte ihren Namen nicht vergessen. Sie war die erste, mit der ich seit Jahren ein Wort gesprochen hatte, Ich würde sie niemals vergessen, das sagte ich ihr aber nicht. Ich sagte ihr aber auch nicht, dass ich Krebs verursachen würde und schläge verdiente. Ich hatte Angst, dass sie dann nicht mehr nett zu mir wäre und mich wegschicken würde. Sie fragte mich, ob ich zur Schule ging. Ich sagte ihr, dass ich fertig damit wäre. Sie sah mich komisch an. Ich sagte ihr, dass ich ein fotografisches Gedächnis hätte und so schneller war, mit der Schule. Schon wieder eine Lüge. Sie fragte mich, was ich jetzt machen wollte. Ich sagte ihr, ich würde eine ehrliche Arbeit haben wollen. Sie behielt mich. Ich wohnte ein ganzes Jahr bei ihr im Haus und arbeitete bei ihr im Haushalt. Sie halste mir nie zu viel auf, obwohl ich viel Arbeit gewohnt war. Ich konnte in meiner Freizeit viel lesen und lernen. So eignete ich mir Englisch an, ich sprach es fließend. Auch französisch konnte ich sprechen und spanisch verstehen. Alles durch Bücher und CDs, die mir vorsprachen. Sie umarmte mich nie wieder, aber strich mir über die Haare und hielt meine Hand. Am Anfang hatte ich Angst davor, aber ich fühlte mich immer wohler. Ich glaub sie weiß, dass ich sie belogen hatte, aber sie ignorierte es. Sie war wie eine Mutter und ein Vater gleichzeitig, aber zu viel Liebe ließ ich nicht zu. Ich war selbstständig und das spürte sie. Sie sagte immer, ich wäre ihre Mitbewohnerin. Ich putzte, kochte und machte Wäsche. Aber sie half dabei. Und bei ihr machte ich es gerne. Nach einer Zeit kamen ihre Enkel vorbei. Benjamin und Lisa. Sie waren älter als ich, aber nicht als mein gelogenes Ich. Sie nannten mich alle Luna, meinen Nachnamen hatte ich auch erfunden. Bellefleur. Wie in einem Buch, dass ich gelesen hatte. Irgendwann fiel ihnen auf, dass ich keinen Ausweiß besaß und meinten, ich sollte mir einen machen lassen. damals wurde ich 14, oder auch 18. Ich hatte Angst, ich existierte eigentlich gar nicht. Ich wollte auch nicht meinen richtigen Namen angeben, ich hatte Angst, dass ich gefunden werde. Also ging ich zu einem Mann, der Dokumente fälschte. Er fragte nicht viel. Er fragte wie ich heiße und wie alt ich wäre. Ich log und hieß ab dem Moment wirklich Luna Bellefleur. Mein Ausweiß und meine Geburtsurkunde sahen echt aus und so fand ich auch den Job in der Bar und konnte mir eine eigene Wohnung suchen. Ich war jetzt nicht mehr Lilian Klober, so wie ich früher hieß. Ich war Luna Bellefleur. Mein altes, 14 jähriges Ich existierte nicht mehr. Benjamin und Lisa wurden meine Freunde und ich wurde selbstständig. Jeden Sonntag besuchte ich Maria, die mich bat sie Oma zu nennen und wurde von ihr bekocht. Ich brachte ihr Kuchen und so wurde es ein Ritual, dass ich liebte. Sonntag Nachmittag war Oma Maria Zeit und um kein Geld der Welt würde ich mir die Oma Maria Zeit mit den Streicheln über den Kopf und den Händchenhalten nehmen lassen.
In der Bar ging es noch hoch zu, obwohl es schon nach Mitternacht war. Mein Trinkgeld wurde immer mehr und die Laune der Leute immer besser. Ich spürte oft einen stechenden Blick im Rücken, aber ignorierte ihn. Ich lächelte durchgehend und scherzte mit den Leuten, damit wurde mein Trinkgeld noch höher.
Dann kam der wunderhübsche Mann zur Bar. Das war das erste Mal, dass er zu mir kam und nicht zu Flo, der eigentlich auch Zeit hatte. Ich lächelte ihn an und fragte:“ Was bekommen Sie?“. Normalerweise duzte ich die Menschen, aber bei ihm kam mir ein Bedürfnis, höflich zu sein. Er sagte: „ Einen Whisky, Bitte. Und schenken Sie sich selbst auch etwas ein, ich lade Sie ein.“ Er war auch höflich, das fand ich gut. Ich schenkte ihn ein ehrliches Grinsen und sagte: „Wenn das so ist, dann nehm ich mir eine Cola.“ Er sah mich mit gerunzelter Stirn an und fragte: „ Wollen sie nicht lieber etwas Alkoholisches? Oder dürfen die Angestellten nicht trinken?“ „Das dürfen sie schon, aber ich trinke nicht.“ Ich trank wirklich keinen Schluck alkohol. Mein neues Ich war zwar schon 20, aber mein altes ich erst 16. Und ich hasste Alkohol. Alkohol hatte meine Familie zerstörrt und ich wollte nicht, dass es mein neues Ich zerstörrte. „Ist das nicht anstrengend, in einer Bar zu arbeiten und keinen Alkohol zu trinken?“, fragte er mich. „Warum? Es gibt doch auch Vegetarier, die in einem Restaurant mir Fleisch arbeiten, oder Trafikanten, die nicht rauchen.“ Er grinste mich an und antwortete: „ Wenn man das so sieht…“. Dann prostete er mir mit seinem Whisky zu und stellte sich neben Lisa, um mit ihr zu plaudern. Es war angenehm, dass er nicht mehr mit mir redete, obwohl ich ihn sehr nett fand. Ich musste mich aber konzentrieren und arbeiten. Immer wieder sah ich zu Lisa und Benjamin und sah wie sie sich angeregt mit dem Neuen unterhielten und auch öfters zu mir schielten. Ich hoffte inständig sie redeten nicht über mich, oder sagten zumindest nichts schlimmes. Gegen drei schlossen wir und machten uns ans zusammenräumen. Der Mann mit den schönen Augen, dessen Namen ich noch nicht einmal kannte, verabschiedete sich noch nett von mir und meinte, wir würden uns wieder sehen. Warscheinlich würde er öfters kommen. Benji und Lisa verließen zeitgleich mit ihm die Bar und irgendwann waren Flo und ich dann ganz alleine.
1.) Er
Ich hätte nicht gedacht, dass ich diese wunderschöne Frau so schnell wiedersehen würde, aber ich traf sie. Nicht unter den besten Umständen. Ich hatte vor mich heute zu betrinken und alles zu vergessen, was in den letzten Tagen vorgefallen war. Ich war von der Arbeit suspendiert worden. Mein Chef nannte es allerdings anders. Er meinte, ich sollte mich ein paar Tage ausruhen. Diese Vorgehensweise war normal, wenn man jemanden im Dienst erschossen hatte und es erst nachgewiesen werden musste, ob man gerechtfertig geschossen hatte. Ja, ich hatte jemanden umgebracht. Ich hatte aus Notwehr einen Mann mitten ins Herz geschossen. Ich wollte ihn zuerst nur ins Bein treffen, aber er gab selbst einen Schuss ab. Ich musste mich und seine Frau schützen. Jetzt, im Nachhinein betrachtet, fragte ich mich, ob meine Entscheidung falsch war. Ich war noch nicht sehr lange Polizist. Erst vor zwei Jahren hatte ich die Polizeischule, sehr zum Missfallen meiner Elter, abgeschlossen. Aber ich hatte gelernt Situationen anders zu lösen, als jemanden zu töten. Aber getötet, das hatte ich jetzt. Zum ersten Mal. Die erschreckenden Bilder liesen mich nicht los. Der Nachbar von diesen Mann hatte in der Zentrale angerufen. Sie hatten schreie aus dem Haus gehört. Ich kam mit einer Kollegin beim Haus an und klopfte mit voller Wucht an die Tür, als ich hörte, dass eine Frau schrie. Meine Kollegin rannte zum Wagen zurück und bat mich, nicht hineinzugehen, bevor verstärkung kam. Ich konnte aber nicht mehr warten, ich hörte ein Kind weinen. Ich trat die Tür ein und zog meine Waffe. Als ich den Raum betrat, von wo die Schreie kamen, sah ich, wie der Mann einem kleinen Kind, einem Mädchen einen Tritt gab. Gegen den Kopf. Sie lag auf den Boden und bewegte sich nicht mehr. Der Mann drehte sich zu mir und schrie. Ich konnte jetzt auch nicht mehr wiedergeben, was er alles schrie, aber er hatte eine Waffe in der Hand. Er richtete die Waffe auf seine Frau und sein Finger zuckte am Abzug. Ich wollte ihn beruhigen, aber er gab einen Schuss ab. Der Schuss ging Gott sei Dank daneben, da der Mann betrunken war. Aber mein Schuss traf. Er traf ihn mitten ins Herz und der Mann kippte nach hinten. Ich ging auf ihn zu und ignorierte die verzweifelten Schreie seiner Frau. Mit meinen Schuh trat ich ihn die Waffe aus der Hand, dann ging ich auf das kleine Mädchen zu. Sie hatte keinen Puls. Sie atmete nicht. Ich versuchte es ganze 10 Minuten mit einer Herzrythmusmassage. Meine Kollegin hatte die Schüsse gehört und war in das Haus gestürmt. Als sie mich sah, wie ich versuchte das Kind zu retten und gleichzeitig die Frau immer wieder wegstoßen musste, die sich an mich klammerte, half sie mir und berhigte die Frau, die jetzt in Tränen aufgelöst in der Ecke saß. Irgendwann gab ich meinen Rettungsversuch auf und legte den Kopf des kleinen Mädchens in meine Schoß. Ich saß so da bis der Notarzt eintraf, der die beiden Toten körper wegschaffte. An diesen Abend noch, wurde ich vom Dienst entzogen. Ich musste meine Waffe und meine Dienstmarke abgeben und versprechen, ich würde zum Polizeitherapeuten gehen. Dann nahmen sie meine Aussage auf. Eine Woche. Eine Woche musste ich zu Hause bleiben, vorerst. Dann würde der Therapeut entscheiden, ob ich wieder in den Dienst zurückkehren dürfte, oder ob ich weiterhin pausieren sollte. Ich wollte aber arbeiten, ich musste das tote Gesicht des kleinen Mädchen aus meinen Kopf bekommen. Also trank ich. Ich hatte nie wirklich viel getrunken, aber heute hatte ich lust dazu. Ich fuhr meine Runden mit der Ubahn und stieg dann bei einer Station aus, die mir freundlich vorkam. Ich landete in der Bar, in der eine junge Frau kellnerte, die so freundlich und lebensfroh war, dass ich meinen Vorsatz mich zu betrinken gleich vergaß. Sie hatte einen wunderschönen Körper unter ihrer Uniform und das schönste Gesicht, dass ich je gesehen hatte. Sie unterhielt sich mit einem Mann und einer Frau und ich hoffte inständig, dass dieser Mann nicht ihr Freund war. Ich musste einfach immerzu zu ihr hin starren und mir entging auch nicht, wie sie durch den ganzen Raum das Wort „Pimmel“ brüllte. Ein schallendes Gelächter bedankte sich bei ihr. In ihrem Gesicht wies ein kleines aufflammen von Röte darauf hin, dass es ihr sehr wohl peinlich war, aber sie lachte mit. Und das war ein ehrliches Lachen. Irgendwann beschloss ich zu ihr zu gehen und mit ihr zu reden. Ich konnte mich nicht andauernd davor drücken, wenn ich sie doch kennenlernen wollte. Doch mir kam dieser Junge zuvor, der mit seinen Freunden schon die ganze Zeit gröhlend Tequilla kippte. Er zog meine Kellnerin an ihren Haaren und sie stellte sich auf die Hinterbeine. Ja, so gefiel sie mir. Temperamentvoll und nicht auf den Mund gefallen. Ich hörte mir den Streit von etwas weiter weg an, aber machte mir keine Sorgen. Der andere kellner war schon zu ihr geeilt und half ihr mit den Jungs umzugehen. Dann verließen sie die Bar und ich befand, jetzt musste ich mit ihr reden. Ich fragte sie, ob sie etwas trinken möchte, und sie bedankte sich und nahm sich eine Cola. Sie trank also nicht. Irgendwie schämte ich mich jetzt, Whisky bestellt zu haben und war dankbar, dass ich nicht bvetrunken war. Ich hatte den Eindruck, sie mochte betrunkene nicht wirklich, obwohl sie in einer Bar arbeitete. Dieser Eindruck täuschte allerdings, immerhin sprach sie mit einen ziemlich betrunkenen Mann, der aussah, als würde er nicht zum ersten Mal trinken. Sie war liebevoll Mütterlich und rügte ihn nocheinmal dafür, dass er ihr ja nicht an die Bar kotzen sollte, als er schwankend zum Klo verschwand. Ich beschloss mich mit den Pärchen zu unterhalten, dass direkt vor ihr saß. Vielleicht würden sie mir etwas über diese wunderschöne Kellnerin verraten können. „Hi, ich bin Sam. Seit ihr öfters in der Bar?“, fragte ich sie vorsichtig. Die Frau sah mich mit glänzenden Augen an und musterte mich. „Ich bin Lisa und das ist mein Bruder Benjamin“, antwortete sie. Aha, also kein Pärchen, Geschwister. Das ließ mich wieder darauf hoffen, dass der Mann nicht mit meiner Kellnerin liiert war. „Wir sind manchmal hier, ja. Wir kennen die Besitzer recht gut.“ Wollte sie angeben? Ich hatte keine Ahnung, aber spielte den, den das beeindruckte. Ich drehte mich zu dem Mann und gab ihn auch meine Hand. Er war der, mit dem ich mich primär unterhalten wollte um rauszufinden, welche Beziehung er und die Frau, die manchmal zu uns rüber schielte, hatten. Ich fand, ich sollte gleich zum Punkt kommen und fragte:“ Bist du mit der kellnerin zusammen?“, fragte ich ihn. Er wurde augenblicklich rot und antwortete: „Nein, bin ich nicht. Sie ist nur eine Freundin.“ Erleichterung durchfuhr mich. Sie erzählten mir, dass sie sie kennengelernt hatten, als sie jünger waren. Im Teenageralter und seit dem Freunde waren. Wir plauderten über alltägliches und ich versuchte die junge Kellnerin wieder zu erwischen, aber eh ich mich versah, sperrte die Bar zu. Da stand ich jetzt. Ich hatte mich von ihr verabschiedet und war wieder allein, mitten auf der dunklen Straße. Ich wusste, dass ich diese Bar noch einmal besuchen wollte. Ich musste sie noch einmal treffen. Ich würde gleich am nächsten Abend wieder kommen und hoffen, dass sie Dienst hat. Jetzt stand ich vor der Entscheidung, ob ich mich doch noch zu betrinken um die Zeit bis morgen Abend zu überbrücken. Ich spazierte durch den nahe gelegenen Park und dachte über mein Leben nach. Ich wollte damals Polizist werden um mich von meinen Eltern abzugrenzen. Meine liebevollen, aber schwer reichen Eltern, die noch immer alles bestimmen wollten. Meine Schwester lebte noch immer bei ihnen und ging den Plan nach, den Mama und Papa für sie aufgestellt hatten. Sie studiert, medizin. Ich glaube aber, dass sie das selbst auch so wollte. Sie wird Ärztin, wie meine Mutter. Meine Mutter ist eine ausgezeichnete Ärztin, hat Karriere gemacht. Mein Vater ist Staatsanwalt. Eine Familie eben, die schon immer hoch hinaus wollte. Nur ich nicht. Ich bin Polizist geworden. Kein Kriminalpolizist, obwohl ich das schon gern noch werden würde. Sondern nur Streifenpolizist. Meine Mutter wollte dass ich Recht studiere, oder auch medizin, oder auch Architektur. Irgendwas. Nur ich wollte das nicht. Und jetzt hatte ich eine Kellnerin ins Auge gefasst, meine Eltern werden mich umbringen. Aber wer weiß, vielleicht kann sie mich auch nicht leiden. Oder sie steht auf Frauen. Ich hatte so lang nachgedacht, dass es schon nach 4 Uhr in der Früh war. Ich musste unbedingt ins Bett, ich hatte morgen den ersten Termin mit dem Therapeuten. Also machte ich mich am Weg nach Hause vom Park. Und da traf ich sie wieder, die wunderschöne Kellnerin… nur sie war nicht alleine.
Flo bestellte eine Pizza, wie oft nach der Arbeit und überließ mir die Hälfte. Wir bestellten uns fast jeden Abend, wenn wir gleich Schicht hatten wo anders etwas zu essen. Manchmal nahm ich auch etwas gekochtes mit. Nachdem ich alle Gläser in den Geschirrspüler gestellt hatte und abgewaschen hatte. Er den Boden aufgekehrt und aufgewaschen hatte und ich alle Oberflächen geputzt hatte, war es auch schon Vier Uhr in der Früh. Wir rechneten ab und aßen dabei Pizza. Ich hatte 90 Euro Trinkgeld, das war wirklich viel für einen Abend. Ich streckte Flo Fünf Euro mit meiner Hand hin, für die Pizza, aber er lehnte ab. Wie eigentlich jeden Abend. Versuchen kann man es ja mal. Danach übergab ich Flo den Rohgewinn. Ich hatte noch nie Minus gemacht. Noch nie auch einen Cent zu wenig gehabt. Ich konnte mit Zahlen umgehen. Meine Kolleginnen rechneten oft mit dem Taschenrechner alles zusammen, wenn die Rechnung lang war. Aber das brauchte ich nicht. Ich war im Kopf schneller, als der Taschenrechner. Ich wusste immer auf den Cent genau, wie viel man bezahlen musste und ließ mich niemals reinlegen. Ich wusste eben wie wertvoll der kleinste Cent war. Flo nahm den Umsatz ohne Nachzuzählen. Oft schimpfte ich ihn dafür. Aber er zuckte darauf nur mit den Schultern und meinte, ich würde besser zählen können, als er. Er musste sich keine Sorgen machen. Meine Rechnungen waren Centgenau. Das Lob freute mich jedes Mal. Es war was ganz besonderes für mich, dass mir jemand sagte, dass ich etwas gut kann. Das war ich nicht gewöhnt.
Flo wollte mich mit dem Auto nach Hause fahren und das nahm ich auch dankend an. Wärend er noch die Buchhaltung fertig machte, ging ich schon an die frische Luft. Ich war noch viel zu aufgedreht von der Arbeit. Ich lief zu Flos auto und lehnte mich dort an. Ich sah in den Himmel und suchte nach Sternen. Hier in der Stadt sah man nie viele Sterne, aber ein paar kann man manchmal erkennen. Ich fand einen besonders großen und erinnerte mich daran, dass meine Mutter meinte, es wär mein Stern. Der große gehörte immer mir. Ich war abgelenkt von den Erinnerungen meiner Mutter und bemerkte nicht, dass ein paar betrunkene Gestalten zu mir wankten. Erst als mir der verhasste Geruch nach abgestandenen Bier und Schweiß in der Nase stach, bemerkte ich ihre Anwesenheit. Das war knapp bevor mich der erste am Oberarm fasste und fest zurdrückte. Es tat weh. Ich sah dem Mann in die Augen und erkannte den Tequilla-Jungen wieder. Er wollte sicher, dass ich für meine aufmümpfigkeit bezahlte. Kurz bekam ich Panik. In den Gedanken war ich wieder bei meinem Pflegevater und der Misshandlung. Dann wurde diese Panik zu Wut. Zu so viel Wut, wie nur eine misshandelte junge Frau haben kann. Ich schubste den Jungen weg und schrie ihn an, er solle sich verpissen. Darauf antwortete er: „ Du has was gudsumachen, kleiness.“ Sein stinkender Atem flog in mein Gesicht. Das war wirklich ekelhaft. Mit fester Stimme antwortete ich ihn: „ Verschwinde einfach. Und nimm deine Freunde mit.“ Das wollte er anscheinend nicht hören, denn er packte schon wieder meinen Oberarm und drückte mich mit seinem Unterkörper gegen den Wagen. Es war so ekelhaft, dass ich kurz dachte, ich würde mich übergeben. Um ehrlich zu sein, habe ich schon darauf gehofft. Wissen Sie eigentlich wie erfolgreich beim vergraulen es ist, jemanden anzukotzen? Aber nein, ich schluckte kräftig und sah den Jungen mit großen, hasserfüllten Augen mitten ins Gesicht. Eine warme Stimme kam von der anderen Seite des Wagens zu mir herübergeflogen und meinte:“ Lass sofort die Frau los.“, aber er hörte nicht darauf. Er nahm mich noch fester am Arm und spreizte mit seinen Beinen, meine Beine. Das war der Startschuss. In meinen Augen verwandelte sich das Gesicht des Tequilla-Jungen in die Fratze meines Pflegevaters. Die Wut in mir wurde Gewaltig. Vor meinen Augen stand wieder der Mann, der mir jahrelang weh getan hat. Der mir jede Chance auf eine normale Beziehung zu einem Mann nahm. Der mir Angst vor Sex und sogar vor den kleinsten Berührungen gebracht hatte. Der mir mein Leben kaputt machte. Ich stieß mich mit meinen Beinen ab und hüpfte auf die Moterhaube, so dass ich jetzt darauf saß. Ich sah das glitzern in den Augen des Mannes, der mich bedrängte und wusste, er dachte jetzt würde ich nachgeben. Doch ich lehnte mich blitzschnell ein wenig zurück und stützte mit meinen Händen meinen Körper. Dann hob ich mein Bein, bog es zurück und trat ihn mit voller Wucht ins Gesicht. Ich hörte seinen Aufschrei und es brachte mich zum lachen. Ich war herzlos und grausam, aber ich konnte nicht anders. Das Blut spritzte aus seiner Nase. Er krümmte sich nach vorne und hielt seine Hände an sein Gesicht gepresst. Ich trat ihn noch fest auf den Fuß und er ging auf die Knie. Seine Freunde sahen mich mit vor Schock geweiteten Augen an und einer, der genug Mut besaß, ging dann langsam auf mich zu. Er holte aus und wollte mir direkt ins Gesicht schlagen. Er war allerdings viel zu schwer und hatte zu viel Schwung in den Schlag gegeben. Ich duckte mich unter seinen Arm hindurch und er viel durch den Schwung fast um. Ich trat ihn gegen seinen Rücken und er landete auf dem Gesicht. Er lag da breitbeinig und ich konnte nicht wiederstehen. Ich trat ihn so fest, in die Hoden, dass es sich anfühlte, als würde mein Zeh brechen unter dem Sportschuh. Er schrie wie ein Mädchen und legte sich in Fötusstellung. Ich drehte mich blitschnell um und schrie die restlichen an: „ Wer will als nächstes?“ Die verbliebenen zogen ihre zwei beschädigten Freunde auf die Füße und machten sich vom Acker. Ich stand da, mit geballten Fäußten und sah ihnen hinterher. Meine Atmung war schnell und mein Herz raste. Ich hatte noch so viel verbliebene Erergie und so viel aufgestute Wut. Als mir jemand von hinten sanft auf die Schulter griff, sah ich wieder rot und drehte mich unter der Berührung. Ich schubste den Mann und er fiel nach hinten. Die Motorhaube fing seinen Sturz ab und so landete er nicht auf den Boden. Ich wusste sofort wer er war. Der wunderschöne Mann aus der Bar. Ich war aber noch immer so wütend und konnte keine realistische Denkweise mehr zulassen. Unterbewusst wusste ich, dass er mir nichts tun würde, und dass er sogar dazwischen gehen wollte, bevor ich die Männer verprügelt hatte. Aber er hatte mich auch angefasst. Und ich wollte nicht angefasst werden. Ich presste also zwischen zusammengebissenen Zähnen heraus:“ Nicht anfassen.“ Er hob beschwichtigend die Hände und meinte: „ Tut mir leid, ich werde dich nicht nocheinmal anfassen, versprochen.“ Es beruhigte mich nicht. Ich konnte mich nicht beruhigen. Ich umarmte mich selbst um mein Herz dazu zu bringen aufzuhören gegen meine Rippen zu hämmern. Und hockte mich dann auf den Boden. Ich machte mich so klein wie ich konnte um weniger Angriffsfläche zu bieten. Der Schock setzte langsam ein und ich war kurz vor einer Panikatakke. Meine Sicht schrenkte sich ein, ich bekam einen Tunnelblick. Mein Kopf dröhnte und mein Herz raste. Meine Atmung war viel zu schnell. Der Mann sank vor mir auf die Knie und flüsterte mir mit beruhigender Stimme zu:“ ich werde dich nicht anfassen. Du musst aber ruhig atmen, sonst hyperventilierst du.“ Ich wusste was er sagte, verstand es auch, konnte es aber nicht umsetzen. Er merkte es und flüsterte weiter: „Ich versprech dir, ich fass dich nicht an. Aber leg deine Hand bitte auf mein Herz. Vertrau mir und tu es.“ Ich wusste nicht was er bezwecken wollte, so weit konnte ich in meinem Zustand nicht denken. Und Vertrauen war nicht gut. Vertrauen wurde prinzipiell missbraucht. Ich wusste nicht warum, aber ich hob trotzdem meinen Arm und legte meine Hand auf seine harte warme Brust. Er hatte nur ein Tshirt an und ich spürte einen leichten Schweisfilm. Das störte aber nicht, es war eine warme Nacht und er roch nicht nach Schweis. Er roch gut. Der Mann berührte mich wirklich nicht. Er flüsterte mir nur weiterhin zu :“ Versuch dich auf das Heben meines Brustkorbes zu konzentrieren und mit mir zu atmen. Im Takt meines Herzens. Einfach langsam mit mir atmen.“ Es half. Meine Atmung wurde immer langsamer und ruhiger. Mein Kopf hörte auf zu schmerzen und meine Sicht wurde besser. Als ich mich beruhigt hatte nahm ich langsam meine Hand von seiner Brust und sah den Mann ins Gesicht. Er Blickte mich besorgt an und fragte mich, ob es mir besser geht. Ich konnte nicht antworten. Er hatte gerade beobachtet wie ich zwei Männer brutal vermöbelte und dann in Panik hyperventilierte. Zu Guter letzt hab ich ihn auch noch fast angeschrien, dass er mich nicht berühren sollte. Ich habe mich ernsthaft zum Affen gemacht. Darum senkte ich den Bluck und antworte: „ Äh, tut mir leid… und so.“ Ich fing ein schiefes Grinsen von ihm auf und lächelte leicht zurück. „Warum entschuldigst du dich? Ich sollte mich bedanken. Immerhin hat mich gerade eine wunderschöne Frau angefasst, wenn auch nicht dort, wo ich das gern gehabt hätte und ich habe einen Boxkampf vom allerfeinsten mitangesehen.“ Irgendwie war das schon makaber. Da waren Männer die mich bestimmt zusammengeschlagen und/oder vergewaltigt hätten und danach sagt mir jemand so etwas. Ich konnte es ihm aber nicht übel nehmen, immerhin wollte er mir zu Hilfe kommen. Ich stand langsam auf und begann leicht zu schwanken. Der Mann, dessen Namen ich noch immer nicht kannte, wollte mich stützen, aber ich ruderte mit den Händen, damit er mich ja nicht anfasste. Er verstand mein Zeichen und hielt die Hände nur so, dass er mich auffangen würde, falls ich fallen würde. Als ich sicherer stand sah ich meinen fast-Retter wieder in die Augen. Endlich fragte ich: „ Wie heißt du eigentlich?“ Er lächelte und antwortete „Sam“. Ein schöner Name. Ich kannte keinen der Sam hieß. Er fragte mich wiederum nach meinen Namen und ich antworte mich meinen Lügen-Ich. „Luna, ein wunderschöner Name. Wie der Mond.“ Ja, er war wunderschön. Ich mochte ihn auch sehr. Mehr als mein anderes Ich. Darum lächelte ich ihn dankbar an und griff dann nach meinem Rucksack, der durch den vermeindlichen Boxkampf auf den Boden gelandet war. Dann hörte ich hinter mir Schritte. Ich hatte Angst, dass die Typen schon wieder zurück gekehrt sind, darum drehte ich mich schnell, aber nein. Es war nur Flo. Es kam mir vor, als wäre ich hier draußen Stunden gestanden, aber eigentlich waren es nur 20 Minuten, wie mir meine Uhr zeigte. Flo kam zu uns rüber und fragte mich: „Na? Abfahrtsbereit?“ Ich bejahte den Satz und dann sah ich ihm ins Gesicht. Er hatte den Mund geöffnet und starrte mich mit großen Augen an. Dann nahm er meine Hand und fragte: „Oh Mein Gott, was ist mit dir passiert?“ „Mir geht es gut, Flo. Es gab nur einen kleinen Zwischenfall mit den Jungs, die wir aus der Bar geworfen hatten. Sie haben auf mich gewartet.“ „WAS??“, schrie er. Ich sah wie die Adern an seinem Hals wieder anschwollen und versuchte ihn zu beruhigen, indem ich ihn an den Schultern fasste. „Reg dich bitte nicht auf, sie sind verschwunden, keine Angst!“ „Natürlich reg ich mich auf. Du arbeitest bei mir und dann musst du dich auch noch am Parkplatz gegen solche verfickten Arschöcher stellen. Wenn ich sie noch einmal sehe, bring ich sie um. Was haben sie getan? Haben sie dich angefasst? Sollen wir zur Polizei?“ Er drehte sich zu Sam und meinte: „ Hast du sie vertrieben? Ich hoffe du hast sie richtig vermöbelt, sonst find ich heraus wo der wohnt und zeig ihn was passiert wenn man mit mir anlegt.“ Sam lächelte und berunruhigte Flo nur weiter mit seinem Satz:“ Ich brauchte sie gar nicht vertreiben, dass hat Luna selbst in die Hand genommen. Ich glaub der eine, den sie in die Eier getreten hatte, hat sogar geweint.“ Flo sah mich mit so großen Augen an, dass seine Augen gleich aus den Höhlen flogen. „Du hast sie geschlagen? Hast du dir weh getan?“ Ich machte eine kurze Bestandaufnahme. Jetzt wo ich es zuließ, über meinen Körper nachzudenken, merkte ich den stechenden Schmerz in meinen großen Zeh und verzog leicht das Gesicht. Ich sah an meinen Körper runter. Auf meinen Oberschenkel klebte ein wenig Blut, von den Tequillatypen und meine Hände waren auch voll davon. Auch Sam schien es erst jetzt zu enddecken und kam näher. Er fragte:“ Darf ich?“ und schien damit zu meinen, dass er meine Hände anfassen will. Ich verneinte. Ich will einfach nicht angefasst werden. Nicht von fremden. Flo sah von mir zu Sam und nahm meine Hände. er untersuchte sie und sah keine Verletzungen. Dann schob er mich zur Motorhaube und setzte sich darauf. langsam und vorsichtig befreite er meinen Fuß von dem Schuh. Ich hatte einen Socken mit einen riesigen Bärenan. DAMIT hatte ich nicht gerechnet. Flo grinste mich breit an und Sam, der hinter ihm stand lachte schallend. Ich musste einfach mitlachen. Von wegen ordentliche Socken sind unnötig. Sam schälte meinen fuß aus dem peinlichen Bärensocken und untersuchte meinen Zeh. Es tat nicht so schlimm weh, außer bei Druck. Er meinte, er glaube nicht, dass er gebrochen ist. Aber ich solle ihn an den anderen zeh ankleben. Das würden die im Spital auch machen. Ich sah ihn verwundert an: „ Mit Superkleber, oder wie?“ Das brachte Sam wirklich zum lachen und er viel nach hinten auf den Boden. er hielt sich den Bauch und Tränen flossen. „schön, dass ich dich so gut unterhalte“, fauchte ich ihn beleidigt an. Woher soll ich bitte wissen wie man Zehen zusammenklebt. Ich klebe sonst nie Zehen. Flo erklärte mir, dass man das mit einem Klebeband zum Verbandkleben macht und dass er welches im Verbandkasten im Auto hat, dass er mir dann mitgeben wird. Dann erhob er sich und zog mir meinen Socken wieder an. Ich fühlte mich komischerweise wie eine Prinzessin, als er mir so den Bärensocken sanft über den Fuß zog. Ich sah Flo nicht als einen Prinzen, eher als einen Vaterersatz. Aber trotzdem kam ich mir behütet vor. Oder gerade desswegen. Er erhob sich und lächelte mich an. Dann nahm er meine Hände und half mir von seiner Motorhaube, um meinen Fuß nicht zu sehr zu belasten. Auch Sam rappelte sich langsam vom Boden auf. Als er stand drehte sich Flo zu Sam und sagte:“ Soll ich dich auch irgendwo hin bringen?“ Sam verneinte, er würde selbst nach Hause kommen. Er sah mich dann lange an und sagte: „ Luna, machs gut. Und pass auf dich auf.“ Ich wusste nicht was ich sagen solle, darum antwortete ich nur „Du auch.“ Es hörte sich an wie ein Abschied für immer. Irgendwas in mir rebellierte dagegen, aber es war zu klein um an die Oberfläche zu dringen. Darum unterbrach ich unseren Blickkontakt und schob mich auf den Beifahrersitz. Ich sah noch wie Sam sich von Flo verabschiedete und dann wuchtete er auch seinen Körper neben mich. Ich schnallte mich an und wir verbrachten eine schweigende Fahrt bis zu mir nach Hause. Vor meinem Haus hielt er an, drückte mir das Verbandszeug in die Hand und bat mich anzurufen, wenn ich morgen nicht abreiten könne. Ich versicherte ihm, dass ich arbeiten werde, aber er meinte, es wäre ok, könne ich nicht. Er wartete bis ich im Haus verschwunden war, erst dann startete er den Motor und fuhr. Das war der erste Abend, an dem ich mich sehr alleine fühlte, in meiner Wohnung. Ich war immer gerne alleine gewesen. Aber heute wünschte ich mir Gesellschaft. Ich unterdrückte das Gefühl und stieg unter die Dusche. Das warme Wasser lies mich langsam müde werden und vertrieb die Anspannung aus meinen Muskeln. Ich zwang mich nicht an Sam zu denken, nicht an den Tequilla Jungen und auch nicht an meinen Pflegevater, der sicher tot war. Ich dachte an die Sterne, an meine Mutter und an Superkleber. Irgendwann fiel ich dann auch endlich in den Schlaf und träumte von Dingen, die ich nie haben könnte. Schulbildung und Liebe. Aber am nächsten Morgen war nichts mehr von diesen Träumen in meinem Kopf.
3.) Sie
Ich erwachte am nächsten Morgen ungewöhnlich spät und verfiel sofort in Panik. Diese Woche hatte ich Nachtschicht. Mein Dienst ging von 8 Uhr Abends bis 3 Uhr in der Früh. Außer Montags, wo ich alles erledigte, stand ich jeden Tag um 14 Uhr auf. Heute war allerdings schon 16 Uhr. Das hieß, meine Freundin die Obdachlose war entweder schrecklich endtäuscht, oder noch immer vor meiner Tür. Sie wusste um meine Dienstzeiten bescheid und wenn sich etwas änderte, sagte ich ihr immer am Tag davor bescheid. Ich war noch nie unpünktlich gewesen. Diese Tatsache machte mir solche Angst. Vor allem das fehlende Zitat. In meinem Kopf war plötzlich der Gedanke dass ich ohne dieses Zitat einfach nicht leben könnte. Das mir das jegliche Energie nehmen würde. Also sprang ich auf und schnappte mir einen Becher. Dann schmiss ich die Kaffeemaschine auf und sah aus dem Fenster. Dort war sie nicht mehr. Ich musste sie finden. Ich schüttete den Kaffee mit zitternden Fingern in eine Thermoskanne und machte mich, so wie ich war, auf den Weg. Vor meiner Tür sah ich einen kleinen Zettel, der auf meiner Schuhmatte lag. Ein Zitat stand darauf:

Wer sich nachts zu lange mit den Problemen von morgen beschäftigt, ist am nächsten Tag zu müde, sie zu lösen.

Es tat mir schrecklich weh. Sie war da gewesen und hatte nichts von mir bekommen. Ich hatte sie enttäuscht. Ich lief den ganzen Weg bis zum Park, in dem ich sie manchmal sah in wahnsinnigen Tempo. Eine Stunde musste ich den großen Park durchsuchen, bis ich sie auf deiner Bank vor dem kleinen Teich in der mitte des Parkes fand. Sie schaute nicht auf, als ich mich neben sie setzte, sondern starrte weiter auf das Wasser. Ich goss den Kaffee in die Tasse und hielt ihn ihr hin. Sie ergriff ihn, ohne mich anzusehen. Das tat mir schrecklich weh. Ich hatte sie enttäuscht. Ich hatte ihre Freundschaft verloren. Eine Träne stahl sich aus meinem Augenwinkel. Mir war die Freundschaft zu dieser stummen Frau so wichtig geworden. Erst jetzt bemerkte ich wie sehr es schmerzt, sie verlieren zu müssen. Doch dann sah mir die Frau in die Augen und sprach das erste mal seit drei Jahren mit mir. Ihre Stimme klang, als hätte sie noch nie gesprochen. Sehr schwach und kratzig und irgendwie auch nicht richtig betont: „ Sorge dich nicht um meine Freundschaft, Liebes. Die ist dir sicher, so lange wir Leben und auch danach, wird sie niemals vergehen. Mir tut es nicht weh, wenn du nicht kommen kannst. Ich freue mich darüber. Das sagt mir, dass du endlich beginnst zu leben, wie es sich für ein Kind im zarten alter von 14 gehört.“ Mit Schock geweiteten Augen starrte ich sie an. Sie hatte noch nie gesprochen und heute, als ich auf sie vergaß, schenkte sie mir ein paar Sätze, die so schön formuliert waren wie ihre Zitate. Erst nach ein paar Minuten, in der ich sie anstarrte, begriff ich, was sie gesagt hatte. Sie hatte mein richtiges Alter gekannt. Niemand wusste davon. Sie konnte doch auch nicht davon wissen. Das war unmöglich. Ich holte tief luft und antwortete: „woher..? „ Für mehr fehlte mir die Kraft. Sie sprach aber nicht mehr. Sie schenkte mir ein kleines Lächeln und zog dann den Becher von gestern aus der Tasche. Dann starrte sie wieder auf den Teich und belies es bei unserem Gespräch. Zuerst wusste ich nicht weiter, dann stand ich irgendwann auf und machte mich auf den Weg zurück zu meiner Wohnung. Ich hatte mich darauf geeinigt, dass ich mir keine Sorgen machen müsse. Sie würde niemanden etwas sagen. Das wusste ich ganz tief in meinem Herzen. Sie war meine Freundin. Ich spazierte zu meiner Wohnung zurück und lies mir Zeit. Ich hatte noch genug und wollte noch über einiges nachdenken. Dauernd dachte ich an Sam. Ich hatte noch nie so viel über einen Fremden nachgedacht. Nichteinmal an einen Freund. Männliche Wesen waren mir suspekt und ich kam ihnen körperlich so nahe wie emotional. Ich behielt meine Sorgen aber auch meine Hände bei mir. Ihre Sorgen konnten sie mir manchmal anvertrauen, wenn ich sie sehr gut kannte, soweit dass mit meiner Vorgeschichte möglich war. Aber ihre Hände durften mich nicht berühren. Manchmal darf man meine Hand schütteln und dass mir Flo gestern die Socken ausgezogen hat, war auch ok. Ich steh nicht darauf, dass man meine Füße berührt, aber ich akzeptiere es in einer Notlage. Aber Sam.. Sam hatte mich nicht berührt, trotzdem dachte ich daran, wie es wäre, wenn er es täte. Wie es wäre seine Hand auf der Wange zu spüren. Wäre sie schweißnass, oder trocken? Oder wenn sie meine Arme rauf und runter fahren. Würden sie viel, oder wenig Druck verwenden? Würde er das wollen? Er war älter als ich. Ich schätzte ihn auf Mitte 20. Sehr viel älter, als mein altes ich. Aber nicht so viel älter als mein neues. Er war sehr schön, das weiß ich. Er hatte eine angenehme Stimme und ein schönes, ehrliches Lachen. Helfen wollte er mir auch, was ich sehr nett fand. Hieß das er hat was gegen Männer, die einen ungewollt berühren? Würde er so etwas auch machen? Warum war er eigentlich noch vor der Tür. Vielleicht hat er mich beobachtet. Mir nachgestellt. Vielleicht wollte er mich auch berühren. Anfassen, so wie der TequillaJuinge. Missbrauchen, wie mein Pflegevater. Er hat getrunken. Whisky. Wie mein richtiger Vater. Trinkt er immer? Ist er Alkoholiker? Er hat nicht betrunken gewirkt, aber vielleicht hatte er nachdem er mich getroffen hatte, noch weiter getrunken. Vielleicht hat er aber auch eine Freundin, eine Frau, eine Familie. Ich weiß gar nichts über ihn und es fiel mir schwer in so einer Situation die Kontrolle zu behalten und keine Panik zu bekommen. Ich hatte immer schon eine gute Menschenkenntnis und es verwirrte mich, Menschen nicht zu kennen. Ich musste sie kennen um mich vor ihnen zu schützen. Also konzentrierte ich mich auf das Bild, das in meinen Kopf besser als eine Filmsequenz war. Immerhin hat mein Gehirn bessere Effekte, als ein Fernseher. Ich sah ihn vor mir. Rabenschwarzes volles Haar, dass ihn über die Stirn fiel, aber sehr gepflegt aussah. Volle Lippen, mit einem schönen Schwung. Eine kleine Narbe, an seinem Kinn. Diese wunderschönen Augen, mit Wimpern, die jede Frau haben will. Ein T-shirt. Schlicht und schwarz mit V-Ausschnitt, der aber nicht wirklich tief war. Eine Jeans, mittelblau, die locker auf den Hüften sitzt und gewollt verwaschen aussieht. Seine Boxershort sieht man, wenn er sich leicht bewegt. Sie ist blau kariert und nicht verschlissen. Sieht aus wie neu. Schlichte schwarze Sportschuhe. Die Schnürsenkel sind in die Schuhe gesteckt. Auf dem Rechten schuh geht eine Naht auf, auf der Seite. Aber sie sind noch nicht kaputt, man kann sie noch tragen. Den Faden sollte er allerdings abschneiden. Ein dunkelbrauner Gürtel mit silbener Schnalle. Ich hasse Gürtel. Hosen sollte man in der Größe kaufen, in der man sie braucht. Gürtel sind nicht nötig. Die schlechteste Erfindung der Welt. Dunkle Haare auf dem Unterarm, die seidig weich aussehen. Sein Körper ist schlank und muskulös. Seine Oberarme sind genau so breit, dass man denken könnte, er würde mit Schweren Dingen arbeiten, aber nicht, dass er ins Fitnesscenter geht. Irgendwie wie ein läufer. Ich kann die Beine nur unter der Hose erahnen, obwohl sie relativ eng war. Kein Ehering. Garkeine Ringe. Ein Lederarmband am Handgelenk und ein buntes Band, aus Wolle geknüpft. Sieht aus wie ein Freundschaftsarmband. Wer ihn das wohl geschenkt hatte? Seine Brieftasche war hinten, in seinen Hosentaschen. Ein Schlüssel vorne und ein Handy. Er hat das Handy nie aus der Hosentasche genommen, aber es musste eins sein. Die Form. Außerdem hatte es einmal durch den Stoff geleuchtet. Musste eins sein. Das alles, sagte mir wenig. Ich hätte seinen Ausweis sehen müssen. Aber ich habe nicht gefragt, er sah zu alt aus für eine Kontrolle. Nur das bunte Armband verrät mir etwas über ihn. Es sah aus, wie von einem Kind gefertigt. Er musste ein Kind haben, oder eine kleine Schwester. Ich schätze sie war weiblich, Jungs machen so etwas weniger. Vielleicht auch eine Nichte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er mit Kindern arbeitet. Er sah sehr nett aus, aber auch wie ein Mann, der Arbeit mit den Händen bevorzugt. Seine Hände waren leicht schwielig, ja. Er arbeitet bestimmt etwas, wo er tragen muss. Das könnte alles sein. Er könnte zum Beispiel… Und ich rannte mitten in etwas hartes, warmes. Das aber auch irgendwie weich und nachgiebig schien. Es war ein Mann. Ich hob meinen Kopf. Wenn man vom Teufel spricht. Ich fass es nicht. Ich bin gerade in Sam gelaufen. Ich konnte mich noch ausballancieren, bevor ich fiel, aber für Sam, der gerade selbst in Gedanken war, schien es nicht so gut auzusehen. Ohne nachzudenken griff ich nach ihn und hielt ihn am Tshirt fest, damit er nicht fallen konnte. Er griff mit beidenen Händen nach meinem Arm und hielt sich nocheimal richtig fest. Kurz war ich geschockt, doch dann machte ich einen weiten Schritt zurück, damit er mich loslassen musste. Ich wollte nicht angefasst werden. Bitte nicht. Er lies los und sah mir in die Augen. „ Luna, was machst du denn hier?“ „Verfolgst du mich?“ Stellte ich ihn eine Gegenfrage. „Wie soll ich dich verfolgen? Ich weiß deinen Vornamen und wo du arbeitest, aber nicht wo du in deinem Pyjamma spazieren gehst.“ Jetzt erst wurde ich daran erinnert, dass ich mich nie umgezogen hatte. Ich sah an mir herunter und erblickte die Grüne Jogginghose mit den Ninja Turtles darauf. Darüber ein weißes Tshirt mit einem verblichenen Aufdruck, dass viel zu groß war. Kein B.H. Nur sportschuhe. Ich griff in meine Haare. Offen und zerzaust. Fuck. Eine Brille auf der Nase. Groß mit schwarzen Gestell und eine Thermoskanne in der Hand. Ich lachte schallend. So etwas war mir noch nie passiert, ich hatte nicht einmal Socken an. Ich konnte nicht mehr aufhören zu lachen und fasste mir auf den Bauch, der schon richtig weh tat. Ich krümmte mich und Stützte meine Hände an den Knien ab. Tränen rannen mir von der Wange. Auch Sam lachte schallend. Es dauerte, bis ich mich wieder beruhigt hatte, erst dann konnte ich mich aufrichten und in die Augen von Sam schauen. „Ich hatte dringend etwas zu erledigen und bin einfach raus gerannt, ohne darüber nachzudenken, was ich an habe. Ernsthaft. Mir ist sowas noch nie passiert.“ „Sieht aufjedenfall witzig aus. Wohnst du hier in der Nähe?“ „Ja, nur ein paar Straßen weiter. Ich sollte jetzt zurück gehen, bevor mich meine Nachbarn sehen und ewig darüber reden.“ Ich verschrenkte die Arme vor der Brust. Jetzt, wo ich darüber nachdachte, war es mir unangenehm, dass ich keine Bh trug. Ich hoffte dass das Tshirt so dick war, dass man nichts durchsehen konnte. Sam schien meine Misslage bemerkt zu haben, was mir rasch Schamesröte ins Gesicht trieb und lies seinen Rucksack von der Schulte rutschen. Er zog eine Weste daraus hervor. Schlicht und schwarz und hielt sie mir hin. Dankend nahm ich sie an und konnte ihn dabei nicht in die Augen schauen. Dann zog ich sie mir über und machte den Zippverschluss zu. „Hast du noch ein bisschen Zeit?“ Fragte er mich. Ich nickte schnell und er deutete auf meine Thermoskanne. „Kaffee?“ Fragte er. Ich nickte wieder. woher wusste er das bloß? „Ich hatte es gehofft“, antworte er auf meine unausgesprochene Frage. Er lief zu einem kaffeestand, der immer im Park aufgebaut war und kam mit zwei Pappbechern zurück. dann winkte er mich heran und wir liesen uns beide auf eine Parkbank fallen. Ich goss ihn den Kaffee ein und schenkte mir dann selbst ein. Dann sah mich Sam von der Seite an und fragte: „ Werde ich auch deine Hände nehmen können, wenn du mich besser kennst, wie dein Chef?“ „Ich weiß es nicht. Situationsbedingt. „Dein Freund, darf der dich berühren?“ „Ich habe keinen Freund.“ „Aber du hattest bestimmt einmal einen. War das ok für dich? Durfte er dich überall berühren?“ „Ich hatte noch nie einen Freund.“ „Noch nie? Wie alt bist du?“ „21„ „Dachte ich mir fast. Alt genug für eine Bar, aber noch nicht wirklich aus den Kinderschuhen.“ „Wie alt bist du?“ „26„ „Auch nicht besonders alt“ „Aber Kinderschuhe trage ich schon ewig nicht mehr“ „Ich auch nicht“ „Könntest du aber, du hast kleine Füße.“ „Die werden auch nicht mehr viel größer werden“ „Dann bleibst du wohl ewig in Kinderschuhen.“ „Hast du eine Freundin?“ „Nein, aber ich hatte schon eine. ein Paar“ „Ein Paar sind mehr als 10?“ „Nein.“ „Oke.“ „Und wie ist das jetzt mit Körperkontakt?“ „Warum willst du das wissen?“ „Neugierde“ „neugierde ist unhöflich“ „Ablenken auch“ „Pff“ „Selber Pff“ „Jetzt benimmst dich du aber wie ein Kind.“ „Du musst nicht darüber reden“ „Ich mag Nähe einfach nicht so gerne.“ „Ich glaub, du bist sie nur nicht gewohnt.“ „Meine Oma, sie streichelt mir den Kopf und hält stundenlang meine Hand. Gestern als Flo meine Fü0e berührt hat, das war auch in Ordnung.“ „Was ist mit deinen Eltern? Oder mit Ärzten? Die berühren einen ja zhwangsläufig, wenn sie dich untersuchen“ „Meine Eltern sind tot und zu einem Arzt gehe ich nicht, seit ich ein Kind war. Ich hab gute Zähne und eine Verkühlung bekomm ich auch mit einem Tee weg, mehr hatte ich nie.“ „Das tut mir leid, wegen deinen Eltern. Also berührt dich nie jemand? auch kein Frisör? „Ich sagte doch schon, nein. Frisöre mag ich nicht. Ich schneide mir die Haare selbst, so ein Schnitt ist ja nicht besonders schwer.“ „Glaubst du nicht, du vermisst körperkiche Nähe?“ „Was man nicht kennt, kann man nicht vermissen.“ „ich hoffe du lernst es irgendwann kennen. Unter schönen Umständen.“ „Ich auch.“ „Darf ich etwas probieren?“ „Ja“ Ich nahm seinen Arm am Handgelenk und drückte meine Hand auf seine Handfläche. Mein Herz ging schneller. Seine Hand war trocken und fest, aber auch so schön weich. Seine Nägel sauber und kurz. Seine Hand kam mir riesig vor, im Vergleich zu meiner. Fast fünf Minuten lies ich diesen sanften Druck aufrecht, bis mein Herz sich ein wenig beruhigt hatte. Dann hob ich sie an und in der Erwartung auf den nächsten Schritt, begann Mein Herz wieder heftig zum pumpen. Mir brach der Schweiß auf der Stirn aus und mein Atem ging schneller. Panik. Ich hob trotzdem die hand an und legte sie auf meine Wange. Sie lag flach auf meiner Wange, nur durch den Druck meiner eigenen Hand geführt. Er hielt die Luft anzuhalten und ich auch. Wir saßen eine Weile so da, bis ich meine Hand fallen lies und seine an meiner Wange blieb. Ich sah in den Augen von ihm ein Verlangen, dass mir keine Angst machte. Trotzdem bat ich ihn, nicht zu streicheln. Sondern nur die Hand so zu lassen. Er war einverstanden. Fast eine halbe Stunde saß ich da, mit geschlossenen Augen und versuchte mich an die Berührung zu gewöhnen. die Härchen in meinen nacken tellten sich dauernd auf und beruhigten sich dann wieder. Es war eine Achterbahnfahrt meiner Gefühle. Jedesmal, wenn er sich bewegte, weil er nicht mehr so starr sitzen konnte, zuckte ich. Jedes Mal entschuldigte er sich. Dann nahm ich wieder seine Hand und legte sie zurück auf sein Bein. Genug. Ich wusste nicht was ich sagen sollte. Für ihn so banal, aber für mich der intimste Moment meines Lebens. Der angenehm war. Er sprang aufeinmal auf und ich zuckte zusammen. Wieder entschuldigte er sich. „Komm, ich bring dich nach Hause, damit du dich mal umziehen kannst. Die Weste ist doch sicher zu warm, im Sommer.“ Ich stand auch auf und ging neben ihm zu meiner Wohnung. Der Weg war nicht weit. Als wir bei dem Zeitungsstand vorbei kamen winkte mich mein Freund Herr N. zu sich. Ich lief schnell zu ihm und er drückte mir mein Paket in die Hand. „Oh, danke! Das hatte ich total vergessen. Tausendmal Danke.“ „Er lächelte mich nur an und fragte mich, ob sich die Jugend heute so kleidet. Da wurde ich total rot und stammelte herum. Er meinte nur, ich sollte mich umziehen bevor die Hexen mich sehen. Darum lief ich wieder zu Sam, der ein paar Meter weiter stehen geblieben war. Er nahm mir die schwere Kiste ab, was ich sehr umsichtig von ihm fand, doch dann rief mir Herr N. wieder zu. Ich drehte mich noch einmal zurück und er warf mir einen Apfel zu. „Danke“ schrie ich und biss herzhaft von dem Apfel ab. Dann hielt ich Sam den Apfel hin und machte eine Geste, die aussagte, ob er auch einmal beissen will. Er sah mich mit großen Augen an und Nickte. Ich hielt ihn den Apfel zum Mund nd er nahm einen herzhaften Biss. Er kaute langsam und sah mir dann in die Augen „Hmm, schmeckt super.“ „Ich weiß, aber der rest gehört mir.“ Ich hatte ihn schon wieder zum lachen gebracht, das fand ich toll. Wir kamen zu meiner Wohnung und davor stand eine Kollegin von mir, aus der Bar. Zuerst sah sie mich von oben bis unten an und dann meinen Begleiter. Mit einem grißen Grinsen lief sie auf mich zu und sagte dann:“ Was hast du denn an?“ „Äh, ich war nur schnell Zeitung holen“. Sie wusste, dass ich log, aber es war ihr egal. Sie wollte viel lieber wissen, wer mein Begleiter war. Aber den Gefallen ihn vorzustellen würde ich ihr nicht tun Auch wenn das unhöflich war. „Was gibts denn?“ Versuchte ich sie abzulenken. „Flo meinte, du solltest heute nicht zur Arbeit kommen. Er hat einen Ersatz für dich. Und du sollst dir ein Handy zulegen. Ich will nicht jedes Mal bei dir vorbei gehen, wenn er die Schichten tauscht. Und wer bist du?“, sagt sie zu Sam. „Ein Freund von Luna“, meinte er kurz angebunden. Er gab ihr nicht seine Hand und er stellte sich nicht vor. Ein diabolisches Grinsen wanderte auf meine Lippen. Leicht eingeschnappt wendete sie sich von uns ab und rief nur ein „tschüss“ hinterher. Jetzt musste ich unbedingt in meine Wohnung, die Kiste, die Sam trug war furchtbar schwer. Ich schloss schnell auf und lief die Stufen hinauf, hinter mir hörte ich ein leichtes schnaufen. Der Arme. Ich schloss die Wohnungstür auf und hielt sie auch so, bis Sam drinnen war. „Bitte einfach irgendwo hinstellen, danke“ Er stellte den Karten neben meinen Couchtisch am Boden ab und drehte sich dann einmal im kreis um meine Wohnung anzuschauen. Ich war derweil ziemlich damit beschäftigt die Nachricht meiner Kollegin zu analysieren. Kelly hieß sie übrigens. Wie die Chipspackung. Billig. Sie meinte, ich solle nicht kommen, er hätte Ersatz… hieß das für immer, oder nur heute? ich hatte keine Ahnung. Ich konnte nicht überleben ohne Job. Ich musste Flo irgendwo erreichen. Warum wollte er nicht, dass ich komme. Hatte ich ein Minus? Aber die anderen flogen doch auch nicht wegen einen Minus. Mein Atem ging immer schneller und ich starrte ins leere. Sam kam mit einem besorgten Gesichtsaudruck zu mir und fragte mich, was los sei, ob er gehen soll. „Nein“, antwortete ich : „Flo will mich doch nicht rausschmeissen, oder? Er meinte, ich sollte nicht kommen.“ „Ich glaube nicht, dass er das möchte. Aber vielleicht rufst du ihn einfach an?“ „ich hab doch keinen Telefonanschluss. Wie soll ich ihn denn anrufen?“ „Er zog aus seiner Tasche sein Handy und hielt es mir hin. „Wirklich? Darf ich“ „Natürluch. Hast du irgendwo die Nummer?“ „brauch ich nicht, kann sie auswendig.“ Ich tippte die Nummer in das Telefon und wartete bis es tütete. Nach dem ersten Klingeln nahm Flo ab und sagte:“ Flo Emser, ja bitte?“ „hallo Flo, ich bins Luna. Kelly war bei mir, sie meinte, ich solle nicht kommen du hättest einen Ersatz.“ „ja, ich dachte mir, du würdest gerne zu Hause bleiben.“ „Aber warum? Ich komm doch immer Dienstag.“ „Wegen deinem Zeh. Du solltest dich schonen. Nimm dir den Tag frei, du bekommst trotzdem bezahlt. kein Problem.“ „Aber morgen kann ich wieder kommen?“ „Ach Luna, ich hab noch nie einen Menschen gekannt der so gierig auf Arbeit war, wie du. Natürlich kommst du wieder, wenn es dir besser geht. Was denkst du denn?“ „Ich dachte, vielleicht feuerst du mich?“, sagte ich kleinlaut. „Warum sollte ich dich feuern? Du bist die beste Kellnerin die ich habe, besser sogar als ich. Die Kunden lieben dich und der Umsatz ist immer gewaltig, wenn du lächelst und die Sonne aufgehen lässt. Du wirst hier einen Job haben, so lange du willst. Niemand kann dich mir nehmen.“ Das beruhigte mich ungemein. Ich atmete heftig aus und Flo lachte. Auch Sam machte einen erleichterten Gesichtsausdruck. Ich bedankte mich noch bei Flo und verabschiedete mich dann. Jetzt war ich wieder mit Sam alleine in meiner Wohnung. Was? ich war mit Sam, einen Fremden, alleine in meiner Wohnung? Warum war das nicht so schlimm, wie ich gedacht hätte? Ich bat ihn, sich zu setzen. Weil man das nunmal macht. Er setzte sich auf die zwei-sitzer Couch mitten in meiner Wohnung. Ich ließ den Beistelltisch zwischenn uns und setzte mich auf den Boden. Das rießige Paket wuchtete ich noch darauf, dann fragte ich ihn, ob er etwas trinken wollte. Er wollte. Ein Glas Wasser. Das schaffte ich. Formvollendet, wie eben eine Kellnerin, servierte ich ihn sein Glas Wasser und machte mich dann daran den Absender des Paketes zu finden. OMI! Ich bekam öfters Pakete von Omi, obwohl sie nur eine halbe Stunde weit weg wohnt und ich jeden Sonntag zu Besuch kam. ich hatte ihr einmal erzählt, dass ich nie Briefe bekam. Noch nie einen einzigen Brief bekommen hatte. Darum schrieb sie mir jede Woche einen Brief, oder schickte mir ein Paket. Das war so lieb, dass mir bei dem Betrachten des Pakets fast die Tränen kamen. „Von wem ist es denn?“, fragte mich Sam. Ich sah ihn freudestrahlend an und antwortete: „ Von meiner Omi.“ „ach, wohnt sie weit weg?“ „Nein, nur eine halbe Stunde. Aber sie schickt mir oft Briefe und Pakete.“ „Warum denn das?“ „Na, ich bekomm gerne welche. Das ist doch schön.“ Das schien ihm zu gefallen. Er freute sich sichtlich mit mir mit und ich fing an ihn wirklich zu möögen. Nur gute Menschen konnten sich wegen solchen banalen Dingen mit anderen freuen. Er war bestimmt ein guter Mann. Wie ein kleines Kind zu Weihnachten riss ich das Paket auf und schob die Luftpolsterfolie auf die Seite. Dann griff ich beherzt rein und zog Stapelweise Bücher heraus. Quietschend vor Freude behandelte ich jedes Buch wie mein eigenes Kind. So viele! Das muss richtig teuer gewesen sein. Leichte Schuldgefühle machten sich bemerkbar. Ein kleiner Zettel, der bestimmt einmal oben gelegen war, fand ich dann unten zum Schluss. Ich konnte Omas zittrige Handschrift erkennen

Liebe Luna,
gestern war ein riesiger Flohmarkt bei uns in der Straße. Da war ein junger Mann, der genauso gerne solche Bücher liest, wie du. Ich hab ihn von dir erzählt, er war sehr nett. Dann schenkte er mir den ganzen Stoß Bücher mit der Bedinung, sie dir zu geben. Er meinte, Bücher müssen wohl behütet werden und bei dir hätten sie einen Platz gefunden, wo sie geschätzt werden. Er ließ mich aber auch versprechen, dir zu sagen, dass du diese Bücher nicht verkaufen, oder wegwerfen darfst. Schenk sie weiter, wenn du sie nicht mehr behalten kannst. Wenn möglich an jemanden, der die Begeisterung teilt. Ich hoffe du hast viel Spaß mit den Büchern und ich freue mich schon auf den nächsten Sonntag.
Deine, dich liebende Oma.

Ich nahm den Zettel und gab ihn Sam, zum lesen. Der Text und diese kurze Geschcihte war so froh, ich wollte dass er sie auch liest. Er sollte sich auch über diese schönen Zeilen freuen. Konzentriert las er die paar Zeilen und ich machte mich daran die Bücher genauer zu untersuchen. Es waren neue und alte Bücher. Alles Fantasygeschichten mit schönen Cover. Ein paar hatten auch gar kein Cover, sondern nur eine leere Hülle. Die waren besonders alt. Ich nahm sie in stapeln und ging zu meinem wachligen Bücherregal. Dort räumte ich ein ganzes Regal frei, nur für diese neuen schönen Bücher. Die, die ich weggenommen hatte stellte ich auf meinen Schreibtisch, oder schlichtete sie wo dazu. Ich hatte wirklich keinen Platz mehr. Zwei große Ikea Regale waren voll und ein paar Stapeln verzierten den Schreibtisch und den Boden vor den Regalen. Sams Hand kam hinter mir hervor und schon wieder zuckte ich leicht. Er entschuldigte sich. Das wurde zur Routine. Er griff mein Bücherregal von der Seite an und rüttelte leicht daran. „Luna, die muss man anboren, sonst fallen sie dir irgendwann um. Du kannst dich verletzen.“ „Ich hab keine Bohrmaschine.“ berichtete ich ihn mit großen Augen. „Das nächste Mal, wenn ich dich besuche nehme ich eine mit. Aber bitte lass es eher früher, statt später sein. Damit du dich nicht umbringst. „Morgen?“ „Gerne, aber heißt das jetzt, dass du mich wegschickst?“ „nein, ich muss nicht arbeiten. Du kannst ruhig noch bleiben.“

Ich hatte die Möglichkeit mich heute nicht alleine zu fühlen, aber ich wusste nicht, wie ich das genau anstellen sollte. Ich hatte männliche Freunde. Na Gut, ich habe einen männlichen Freund und ein paar Arbeitskollegen, aber der eine männliche Freund war auch schon bei mir zu Hause. Und wir haben uns unterhalten und uns wurde nicht langweilig. Allerdings ist seine Oma, so etwas wie meine neue Oma. Eine alte Oma hatte ich glaube ich nie. Wir hatten gemeinsamkeiten, aber haben ich und Sam irgendetwas gemeinsam? Ich kannte ihn nicht und das machte mir furchtbar Angst. Schon wieder diese Angst vor dem Unbekannten. Aber dieses Mal saß das Unbekannte direkt neben mir auf der Couch und wusste genauso wenig wie ich, was es jetzt sagen sollte. „Wie heißt du mit Nachnamen?“, meine Nervosität lies meine Stimme pipsieg und viel zu laut werden. Er erschrank sichtlich. Dieses Mal entschuldigte ich mich. „Sunders.“ Kann er nicht mehr machen, als ein Wort sagen? Ok, er hatte meine Frage beantwortet. Aber er könnte auch mehr fragen, war doch nicht zu viel verlangt, oder? „Samuel Sunders? Ich hab noch nie verstanden, wie man einen Menschen einen Vornamen geben kann, der den gleichen Anfangsbuchstaben wie der Nachname hat. In meinen Ohren klingt das so gezwungen harmonisch, dass sich das Wort harmonie gleich ausgrenzt.“ „Finde ich auch“, antwortete er. Finde ich auch? Mehr nicht. Ich wusste einfach nicht mehr was ich sagen sollte. Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Ich wollte irgendwas interessantes sagen, dass ihn veranlasste etwas darauf zu antworten. Etwas was uns in ein Gespräch verstrickt und diese kälte, die plötzlich zwischen uns entstanden ist zu durchbrechen. Ich brauche einen Pinguin mit Übergewicht um das Eis zu brechen. „Äh, wusstest du, dass die größe von Pinguinen damit erklärt werden kann, dass in kälteren Regionen ein günstigeres Verhältnis von Volumen zu Oberfläche des Tieres besteht?“ „Äh, wie bitte?“ „Der Zwergpinguin erreicht lediglich eine Größe von 30 Zentimetern und ein Gewicht von einem bis einenhalb Kilogramm, dagegen gehört der Kaiserpinguin mit einer Größe von bis zu 1,20 Metern und einem Gewicht von bis zu 40 Kilogramm zu den größten Neukiefervögeln überhauüt. Dieser Größenunterschied wird durch die Bergmannsche Regel erklärt, für welche Pinguine ein häufig angeführtes Beispiel sind. Die Bergmannsche Regel besagt dass Tiere in kälteren Regionen größer sind, da dies zu einem günstigeren Verhältnis von Volumen zu Oberfläche des Tieres und damit zu weniger Wärmeverlust führt. Die meisten Arten sind nur um weniges leichter als das von ihnen verdrängte Wasser, so dass ihnen das Tauchen vergleichsweise leicht fällt.“ „Hast du den Doku-Sender aboniert,“ fragte mich Sam mit großen Augen auf meine runtergerasselten Informationen. „Nein, steht in Wikipedia.“ Sam nahm sein Handy heraus und tippte ein bisschen herum. Das fand ich dann schon reichlich unhöflich. Dann nahm er endlich wieder Kenntnis von mir und fragte mich: „Lernst du Wikipedia Artikel auswendig?“ „nein, warum?“, antwortete ich. „Genau die gleiche wortwahl in genau der gleichen Reihenfolge steht im Wikipedia Artikel. „Äh. Ich habe ein eidetisches Gedächtnis.“ „Was so viel bedeutet, wie?“ Toll, wie sollte ich das jetzt erklären, dass es nicht peinlich war. „Soll ich dir den Wikipedia artikel zitieren, oder willst du selbst nachlesen?“ „Machen wir es so. Ich schlage ihn auf und lese mit, wärend du zitierst. Doppelt hält besser“. Ich glaube er wollte mich testen und ich fand Tests toll. Also holte ich tief Luft und begann runterzurattern: „ In der Psychiologie werden als Fachbegriffe ikonisches und eidetisches gedächtnis bezeichnet. Das ikonische gedächtnis bezeichnet hierbei die kurzfristige Speicherung der exakten visuellen Informationen im sensorischen Gedächtnis die eine Zeitspanne von mehreren hundert Millisekunden umfasst. in einigen seltenen Fällen können Menschen jedoch die detaillierten visuellen Informationen auch wesentlich länger über das ikonische Gedäctnis hinaus speichern, dies bezeochnet man dann als eidetisches Gedächtnis..“ „Wow, das ist beeindruckend. Heißt dass jetzt ich sag dir die Überschrift irgendeines Wikipedia Artikels und du kannst mir genau sagen was da drinnen gestanden ist?“ „Äh, nein. Ich habe nicht jeden WikipediaArtikel gelesen. Aber wenn ich ihn gelesen hab kann ich ihn dir mit 99%iger Warscheinlichkeit aufsagen“ „Probieren wir das“ „Gut. Mach schon!“ Wir versuchten es hin und her und kamen von Stephen Turnbull, einen britischen Historiker und Schriftsteller, zur Liste der Sultane von Brunei und zu den Grammy Awards 1995. Ein paar der Artik kannte ich nicht. Dann nahm ich mir sein Handy und las sie durch. Es schien ihm sichtlich zu gefallen, dass wir ein gemeinsames Spiel gefunden hatten und er schien sich auch darüber zu amüsieren, dass ich jedes mal sehr neugierig wurde, wenn ein neuer Artikel, den ich noch nie gelesen hatte, auftauchte. Irgendwann fragte er mich dann „Kann dein Gehirn eigentlich nie voll sein?“ „Ich weiß nicht, ob es das kann. Ich denke dass das Gehirn unendlich speicher kann, aber nicht unendlich behaltet. Wenn du etwas gesehen hast, dann speicher dein Gehirn den Eindruck. Stuft es den Eindruck als unnötig ein, vergisst du es, aber es ist trotzdem noch gelagert. Es wird vielleicht von neuen, spannenderen Eindrücken ersetzt, aber es ist noch da. Theoretisch speichert dein Gehirn also unendlich Informationen, es schafft sich immer mehr Platz. Da wir ja nur zum kleinsten Teil unser Potential ausschöpfen, ist da reichlich Platz. Ob irgendwann der platz in meinen Gehirn ausgefüllt ist, weil ich mir Dinge besser merke, kann ich dir erst dann sagen, wenn, oder falls es passiert.“ „du sagst mir also, wenn es passiert?“ „ja, wenn du das möchtest, informiere ich dich darüber, dass ich voll bin. Wie eine Baterie.“ „Gut, ich hoffe das ist noch nicht so schnell“ „Warum?“ „Weil du dann weiterhin mit mir reden musst.“ „Ich hatte nicht vor aufzuhören, mit dir zu reden.

4.) Sie
Eine längere Zeit schwiegen wir. Und dieses Schweigen war nicht mehr unangenehm. Nachdem wir uns so viel Spaß daraus gemacht hatten mich zu testen, war dieses Schweigen ein angenehmes geworden. Dieser Mensch wurde zu einem Mensch, mit dem man keine gezwungenen Unterhaltungen mehr führen musste, sondern Sprechen konnte, wann man wollte. Irgendwann meldete er sich aber dann doch wieder zu Wort. „Wann hast du das letzte Mal gegessen?“, fragte er mich. „Oh, tut mir leid. Das war total unhöflich. So bin ich sonst nicht, ich hätte dir etwas anbieten sollen.“ „Nein, Luna. Es geht nicht um mich. Es geht darum, dass ich denke, du hast nicht gefrühstückt.“ „Ich habe einen Apfel gegessen.“ „Ein Apfel ist kein Frühstück.“ Ein wenig beschämt stand ich auf und lief zu meinem Kühlschrank. Gehnende Leere schlug mir entgegen. „Äh… ich hab nichts zu Hause. Ich hatte vergessen einkaufen zu gehen, tut mir leid.“ „Wie wärs, wenn wir uns etwas bestellen, oder wir gehen aus. Wie du willst.“ „Können wir uns etwas bestellen? Ich bin heute schon etwas zu müde um auszugehen.“ Also bestellten wir uns zwei Pizzen. Ich hätte auch eine Pizza bestellt und sie geteilt, aber Sam wollte nichts davon hören. Er bezeichnete meine Pizza als Hasenfutter, was mich dann schon sehr zum lachen brachte. Ich mag nun mal Rukula. Wärend die Pizzen geliefert wurden drehte ich den Fernseher an und zappte wahllos durch die Programme. Ein paar Mal blieben wir hängen und diskutierten über die Serien, die es so spielte. Es war schön, so unbeschwert mit jemanden zu sprechen. Bis er dann das Thema auf meinen kleinen Ausflug in der Früh lenkte. „Warum warst du eigentlich mit deinem Pyjamma spazieren?“ ich hatte jetzt auch noch immer eben genannten Pyjammer an, aber es machte mir nicht mehr so viel aus, wie am Vormittag. Der Weste hatte ich mich entledigt. „Das ist eine lange Geschichte.“ „Gut, ich liebe lange Geschichten. Und ich weiß doch noch so wenig über dich.“ Er fühlte also genau so wie ich. Das wir nichts voneinander wussten. Also begann ich ihn von meiner Obdachlosen zu erzählen. Ich erzählte ihn alles. Alles, außer dass sie mein richtiges alter wusste. In Sams Augen war ich 20 und das wollte ich auch bleiben. Ich zeigte ihn dann auch die Schuhschachtel mit den Zitaten und er schien sich aufrichtig dafür zu interessieren. Ich hatte noch nie jemanden meine Zitate gezeigt und es machte mir Spaß sie zu durchforsten und die besten auf die Seite zu legen. Die Pizza kam und wir durchforsteten sie weiter. Die Zitate wurden auf die verschiedenstfarbigen Zettel geschrieben. Bis ein grasgrünes aufblitzte, an das ich mich nich mehr erinnern konnte. Wir griffen gleichzeitig danach und meine Hand berührte seine. Aber dieses Mal fand ich es nicht schlimm. Ich zuckte nicht zurück und das schien ihn zu ermutigen. Er ging noch unbefangener mit mir um und als ich das nächste Mal auf die Uhr sah, war es ein Uhr früh. Ich wusste nicht wo die Zeit geblieben war. Ich sah zu Sam auf und sagte dann: „Es ist doch schon recht spät. Bist du mit deinem Auto da?“ „Nein, ich bin zu fuß unterwegs. Ich wohne aber nicht weit weg. Möchtest du schlafen gehen?“ „ja, aber ich möchte dich nicht in der Nacht alleine auf die Straße schicken.“ „keine Angst, ich bin ein großer Junge, ich kann alleine auf mich aufpassen.“ Er erhob sich und zog sich die Weste über, die ich den ganzen Vormittag getragen hatte. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass er kurz daran schnüffelte und dann grinste. Ein wunderschönes Gefühl durchzog meine Bauchgegegend. Aber als er dann seinen Rucksack schulterte, war dieses Gefühl so schnell weg, dass es mich fast umhaute. Leere. Kalte schwarze Leere blieb statt ihr zurück und diese Leere verschreckte mich furchtbar. Er sollte nicht gehen und mich alleine lassen. Bitte nicht jetzt und heute. Ich wollte ihn bei mir behalten. Ich war schon viel zu lange alleine gewesen. Mein Gesicht verzog sich zu einer schmerzhaften Grimasse und Sam schien das nicht zu entgehen. Er ließ sich vor mir auf die Knie fallen und legte seine Hand auf meine. Das war ein schönes Gefühl, es konnte aber nicht dieses Gefühl von Verlust überlagern, dass mir von seinen nahenden Aufbruch noch immer in den Knochen steckte. „Was ist denn los, Kleines?“ Es war ein anderes kleines, als das Kleine von Tequilla Jungen. Es war ein schönes kleines, dass einen kurzen Ruck durch mein Herz hupfen ließ. „Ich glaub ich möchte, dass du da bleibst. Heute Nacht, wenn du willst.“ Zweifelnd versuchte er aus meinen Augen zu lesen, was er jetzt machen sollte. Die Situation schien ihn zu überfordern. Aber schlussendlich ließ er seinen Rucksack wieder vom Rücken und setzte sich neben mich. „Na dann bleiben wir eben hier.“ Ich nahm ihn bei der Hand und erhob mich langsam. Meine Bewegungen waren abgehackt, weil ich nervös war. Ich zog ihn mit mir in mein kleines Badezimmer und schob eine Schublade auf. Darin lagen ein paar verpackte Zahnbürsten, Shampoos, Duschgels, Hautcremen. Alles was ich eben auf Vorrat kaufte. Ich gab ihn eine dieser Zahnbüsten. Sie war pink und es war Absicht. Ein Schmunzeln lief über sein Gesicht. Dann nahm ich meine Zahnbürste und begann mir vor ihm die Zähne zu putzen. Ich hatte mir schon nicht mehr vor irgendjemand die Zähne geputzt, seit ich ein kleines Kind war. Ich hatte keine Angst davor, aber ich bekam eben auch einfach keine Gelegenheit dafür. Der Schaum lief mir übers Kinn und ich beugte mich noch ein wenig vor. Ich verstand noch nie, wie Menschen diesen ganzen Schaum im Mund behalten können. Erstens brennt der ja fürchterlich, wenn man ihm zu lang im Mund hat und zweitens blähen sich meine Backen so auf, weil das viel zu viel Schaum ist. Und das tut auch wah. Ich hörte ein schrubbendes Geräusch neben mir und Sah auch Sam, wie er seine Zähne putzte. Er hatte wirklich schöne Zähne. Weiß und weder zu klein, noch zu groß. Sie standen auch nicht irgendwie weg. Seine Eltern hatten sicher sehr gut darauf geachtet, ob er sich die Zähne auch wirklich brav putzte. Jetzt erst fiel mir auf, dass ich ihn noch nichts von seiner Familie gefragt hatte. Er kennt meine Omi, von meinen Erzählungen, aber selbst hatte er noch nichts erzählt. Einerseits wollte ich nicht riskieren, dass er dann auf die Idee kommt, mich zu fragen, wies mit dem Rest meiner Familie aussieht. Ich hatte ihn von dem Tod meiner Eltern erzählt, aber er hatte nicht nach den Umständen gefragt. Als wir fertig mit dem Zähne putzen ließ Sam mir den Vortritt für mein restliches Reinigungsritual. Ich wollte das nicht auch noch vor ihm machen, das wär dann ein bisschen zu intim gewesen. Also wusch ich mir das Gesicht und frisierte meine langen Haare aus. Jeti, bist du das? Ich sah heute wieder grandios aus. Meine dunklen Haare standen einfach überall weg. Wie ein einziges Vogelnest, aber sogar das schien ordentlicher. Meine Augen waren zu groß. Meine Unterlippe größer als meine Oberlippe und ich war generell zu blass. Jetzt wo ich meine Mängel betrachtete war ich mir nicht mehr sicher, ob ich wollte, dass Sam mich noch länger anstarrt. Aber jetzt war es wohl zu spät für zimperlichkeiten. Ich machte mir einen lockeren Zopf am Hinterkopf und sprang doch gleich noch einmal unter die Dusche. Ich wollte gut riechen, wieso auch immer. Ich wusch mir den Körper akribisch ab, bis er rot wurde. Dann hupfte ich aus meiner Dusche und zog das T-shirt raus, das ich mir rausgelegt hatte. Ein Höschen musste ich mir auch anziehen. Ich war es gewohnt, seit ich allein wohnte, nur mit einem übergroßen T-Shirt zu schlafen. Ich wollte aber lieber vorsichtig sein, jetzt da ich Besuch hatte, hatte ich Angst dass dieses T-shirt verrutscht, oder ähnliches. Ich verließ das Badezimmer und fand Sam vor meinen Bücherregal. Er hatte es ein wenig auf die Seite geschoben und besah sich die Wand dahinter. „Äh, was machst du, Sam?“ „Tut mir leid, ich wollte nur schauen, ob sich die Wand dafür eignet die Bücherregale zu befestigen. Passt aber glaub ich alles“. Ich fand das furchtbar nett von ihm. Ich liebte es, wenn sich Menschen um mich sorgen. Ich hatte einfach zu wenig davon mitgenommen und sog jede kleine Zuneigungsbezeugung auf die ein hungriger Schwamm. Er besah sich meinen Aufzug und lies ein leises kichern los. Ich wusste nicht dass Männer überhaupt kichern. „Harry Potter? Ernsthaft?“ „Hey, das ist ernst zu nehmende Literatur. Du würdest doch auch nicht lachen, wenn ich ein T-Shirt von Goethe an hätte“. „Oja, würde ich.“ „Hast recht. Würde ich auch“. Und da kicherte auch ich. Wärend Sam sich ins Badezimmer verzog stellte ich mir den Digitalwecker auf 12 Uhr. Morgen wollte ich bestimmt nicht meine Obdachlose verpassen. Ein Tag reicht vollkommen, das soll nie wieder passieren. Sam betrat vorsichtig den Raum und setzte sich neben mir auf mein Bett. „Soll ich auf der Couch schlafen, Luna?“, fragte er mich mit leiser Stimme. „Nein, das Bett ist groß genug.“ „Mir macht es wirklich nichts aus, auf der Couch, oder auch am Boden zu schlafen.“ „Mir macht es aber etwas aus.“ Somit hatten wir uns geeinigt. Oder warte, noch nicht ganz. „Sam? Willst du dir nicht die Jeans vor dem Schlafen gehen ausziehen?“ „Ich wusste nicht, ob ich sollte…“ Ich wusste was er meinte, aber es machte mir Spaß ihn ein wenig zu veralbern, also sagte ich: „Schläfst du zu Hause auch in Jeans, oder habe nur ich die Ehre verdient?“ Er grinste und griff zu seinem Gürtel. Oh Gott, bitte nicht! Mach nicht den Gürtel auf, Sam. Ich hatte ganz vergessen, dass er einen hat. „STOPP.“, schrie ich und am Schluss brach meine Stimme. Sam zuckte zusammen und lies seinen Gürtel los. Ich konnte einfach nicht zusehen, wie er den Gürtel öffnete. Es erinnert mich so sehr an meinen Pflegefater, dass schon wieder Panik durch meine Adern rauschte. Sam glich in keinster weise diesen kranken Mann, aber diese Szene versetzte mich in Tage zurück, die ich einfach nur vergessen wollte. Er sah auf seine Hände herunter und schien etwas zu verstehen. Etwas, was keiner verstehen sollte, weil es keiner wissen sollte. Die Scham zwang mir Tränen in die Augen und ich rollte mich wieder so klein auf meinem Bett zusammen, dass wenig Angriffsfläche da war. So wenig wie möglich. Er ging ins Badezimmer und kerte ohne Gürtel wieder. Meine Augen waren zu Schlitzen verängt, als könnte ich so die Tränen dazu zwingen drinnen zu bleiben. Er setzte sich so nahe neben mich, dass ich seine wärme spüren konnte, aber er berührte mich nicht. Er früsterte mir zu: „ Ich hab den Hass in deinen Augen gesehen, gestern. Als du die Jungs in der Straße verprügelt hast. Dieser Hass passt nicht zu dir. Du bist so ein wunderschönes, sanftes Mädchen. Bitte lass diesen Hass nicht alles zerstören, was du sein könntest.“ Ich wusste nicht wie ich darauf antworten sollte. Ich fühlte mich gekränkt. Ich war kein Mädchen. Ich übernahm Verantwortung und lebte mein eigenes Leben. Ich war erwachsene als viele Frauen in seinem Alter. Das war ich warscheinlich sogar schon mit 12 gewesen. Ich wollte mich nicht als sanftes Mädchen abstempeln lassen. Ich war eine Frau voller Temperament und ich war stolz darauf. Das machte mich zu etwas besonderen. Also rappelte mich auf und sah ihm ohne zu Zwinkern ins Gesicht: „ Ich bin nicht sanft. Ich bin alles, was ich sein will. Und zuerzeit möchte ich hassen. Ich möchte für all das hassen, was mir Angst macht und was anderen Angst macht.“ „Was macht dir Angst.“ „Alles, auf dieser Welt macht mir Angst. Selbst Liebe.“ „Was hat man dir angetan, Luna?“ „Ich möchte nicht darüber reden.“ „Ich schätze, du wirst nie darüber reden wollen. Wissen deine Freunde, was in dir vor geht?“ „Das tut nichts zu sache.“ „Natürlich. Du sprichst nicht, aber du musst sprechen. Du packst dich in eine Kugel ein, in der du vor der Aussenwelt geschützt bist und gibst vor glücklich zu sein. Was hat man dir angetan?“ „ICH HABE GESAGT ICH WILL NICHT DARÜBER REDEN!“, schrie ich. Ich hatte es so satt. „Du glaubst mich zu kennen? Du weißt gar nichts. Du kennst mich seit 24 Stunden und erlaubst dir ein Urteil über meine Gefühlswelt zu fällen. Du hast kein Recht so etwas zu tun. Du hast überhaupt kein Recht.“ Ich schlug auf ihn ein. Ich trommelte mit meinen Fäußten auf seine Brust. Er sollte leiden, dafür dass er mich so leiden lässt. Das er mir so etwas antut. Ich will nicht sprechen, ich will nicht denken. Ich versuche zu leben und das fern voll allen Dingen, die mich daran in verbindung bringen. Er lies mich auf seine Brust trommeln, dann nahm er die dicke Decke, die hinter mir lag und wickelte mich darin ein. Ich konnte mich nicht mehr bewegen, ich konnte nicht mehr um mich schlagen. Ich konnte nur weinen. Vor Wut und vor Trauer. Ich hatte noch nie so geweint. Es tat so weh. Mir tat meine Kindheit weh und alle Möglicgkeiten die mir dadurch genommen worden war. Ich wollte mich nur noch selbst bemitleiden und dasvor dem Mann de mich so fürchterlich provoziert hatte. Er drehte mich zum Fenster, aber fasste mich nicht direkt an. Ich konnte nur unter der Decke den Druck erahnen. Dann schlang er die Arme und beine um mich, so dass sein Bauch an meinem Rücken war. Nur getrennt durch diese Decke. Es war keine echte berührung aber es war ihr so ähnlich. ich zog die Decke noch etwas fester und lehnte mich dann gegen diese ungewohnte berührung. Es tat gut. Ich hatte keine Angst davor. Er schützte mich, er tat mir nicht weh. Ich heulte rotz und wasser. ich konnte einfach nicht aufhören zu weinen und meine Nase rann wie verrückt. Mein Körper wurde durch Schluchzen gerüttelt und ich wimmerte immer wieder. Es tat so weh. Der druck seiner Arme und beine half mir nicht in tausend einzelteile zu zerspringen, bis die trönenflut versiegte. Ich war leergeweint. Kein einziger Trowar noch zur verfügung. „Ich wollte dir nicht weh tun, Luna. Es stimmt, ich kenne dich nicht. Aber ich möchte dich kennenlernen. Ich mag dich. Lass mich dich bitte verstehen. Das ist alles was ich mir wünsche.“
Lange blieb es still, bis ich einen Entschluss gefasst hatte. Ich hatte den Schluss gefasst mich ein wenig zu öffnen. Ich hatte sehr große Angst davor. Ich wollte diesen Mann nicht verscheuchen. Entweder ich verscheuche ihn durch meine Geschichte, oder durch meine verschlossenheit. Aber konnte ich aufhören mich zu öffnen, wenn ich einmal damit anfing? Ich war es leid zu grübeln.
2.)Er
Sie holte tief Luft und begann dann zu sprechen. Sie erzählte mir eine Geschichte, die mir so viel mehr weh tat, als alle diese Geschichten, die ich durch meinen Beruf miterleben musste. Es tat so viel mehr weh, weil so viel mehr Zuneigung für sie in mir steckte. „Ich war bei einer Pflegefamilie… Ich war.. Ich war ein Kind. Ich war bei einer Familie, sie hatten ein Kind. Eine Tochter. Und die Mutter, sie hatte die Tochter sehr lieb. Mich hatte sie nicht lieb. Dann war da dieser Mann, dieser Pflegevater. Er hat immer wieder… er hat mir gern Angst gemacht. Und dann hat er mich gerne geschlagen. Er nahm dazu oft einen Gürtel, oder andere Dinge. Einmal auch eine Glasflasche, die ist an meinen Körper zerplatzt. Es tat nicht so weh. Also versteh mich nicht falsch, es tat fürchterlich weh. Aber man konnte es ertragen. Von Mal zu Mal wurde es leichter. Ich hörte auf zu schreien, schreie spornten ihn nur an. Ich rollte mich zusammen und ertrug es. Er hat mich fürchterlich verwirrt. Ich fand es okay, dass er mich schlägt. Ich hatte es verdient, manchmal. Aber dann hat er mich gestreichelt. Er hat so gestunken, Sam. Und er hat immer wieder gestreichelt und dann wieder geschlagen.“ Ich nahm sie noch fester in den Arm. Diesen Dreckskerl würde ich gerne in die Finger bekommen. Wie kann man nur so ein kranker Bastard sein. Diese Frau hat mehr erlebt, als man seinem schlimmsten Feind wünschen möchte. „Wie alt warst du da?“ „zehn“ Ihre Stimme brach, aber sie weinte nicht mehr. Eine Gänsehaut entstand an meinem gesammten Körper. Ein zehn jähriges Kind so unglaublich zu misshandeln. „Was war mit der Mutter? Warum hat sie nicht eingegriffen?“ „Sie hatte mich nicht lieb, glaub ich. Immer wenn das passiert ist, saß sie in der Küche. Sie schlief dann in der Nacht bei ihrer Tochter im Bett. Ihre Tochter war sogar noch jünger als ich. Ich glaube sie war sechs. Immer wenn das passiert ist, hatten sie einen Streit, die Pflegeeltern. Aber nicht darüber, dass er mir nicht mehr weh tun sollte. Sie stritten, weil die Mutter nicht wollte, dass er ihren Kind auch so etwas antut. Sie sagte immer, er soll ihre Tochter in frieden lassen und dann lebten sie weiter. Alle lebten sie weiter, ich auch. Nur ich hatte diese panische Angst, dass er wieder in mein Zimmer kommt. Ich wollte mich wehren. Ich wollte es jemanden erzählen, wirklich. Aber ich hatte Angst. Sie könnten mich verurteilen. Sehen, dass ich schlecht bin. Und noch mehr Angst hatte ich, dass er das mit seiner Tochter machen würde, falls ich nicht mehr da war. Darum beließ ich es dabei. Seine Tochter war nett. Sie war unschuldig. Das war ich nicht mehr. Es war ok.“ „Nichts war ok, Luna. Das war nicht in Ordnung, das hätte nicht passieren dürfen. Du bist nicht Schuld, du hast es nicht verdient. Niemand hat das.“ „Es fühlt sich aber so an.“ „Dann ist dieses Gefühl falsch.“ Danach entstand wieder eine längere Pause. Ich hatte Angst, sie loszulassen. Ich wollte ihr so viele Fragen stellen, aber ich wollte sie auch nicht überfordern. Irgendwann stand ich auf. Ich nahm die Hand, die unter ihrer Decke hervorlugte und fragte sie dann:“ Kannst du aufstehen? ich würde dich gerne um etwas Bitten.“ Sie stand auf, mit zittrigen beinen. Eine Weile standen wir nur da, bis ich mir sicher war, dass sie nicht umfallen würde. „Luna, würdest du ins Badezimmer gehen und meinen Gürtel holen?“ Ihr Gesicht verfiel in einen Tiefen Schock. Wie ein kleines verschrecktes Kind sah diese wunderschöne Frau zu mir hoch. „Was.. Warum? Ich mag nicht.“ „Jetzt hör mir erst einmal zu, ich zwinge dich zu gar nichts. Dieser Gürtel liegt im Badezimmer und ich möchte ihn auch nicht mehr anfassen. Ich will ihn nicht mehr tragen. Wenn du möchtest, kannst du ihn aus dem Fenster schmeissen. Ganz weit. Jetzt ist bestimmt niemand mehr auf der Straße. Ich glaube es würde dir gut tun, die Dinge heute Nacht ganz weit von dir weg zu schmeißen.“ „Aber er ist doch bestimmt sehr teuer gewesen“. Sagte sie zu mir. „Das ist nicht schlimm. Wenn du es willst, kannst du es tun. Wenn nicht, mach ich es. Aber er wird sowieso verschwinden.“ „Okay.“, antwortete sie und machte sich dann mit wackligen Schritten auf den Weg ins Badezimmer. Dauernd drehte sie ihren Kopf zu mir um noch einmal und noch einmal eine Bestätigung von mir einzuholen. Aber ich wollte es so. Ich würde nie wieder diesen Gürtel tragen können. Dauernd müsste ich an den Moment denken, in dem sie mich angeschrieen hat. In dem sie stopp geschrien hat. Sie hatte solche Panik im Gesicht geschrieben, daran wollte ich nie wieder denken. Ich hörte, wie sie den Gürtel von der Waschmaschine hob, auf den ich ihn gelegt hatte. Die Schnalle klirrte leicht und schon kam sie zurück getapst. Ich hatte mich auf ihr Bett gesetzt und die Beine verschrenkt. Sie sollte sich sicher fühlen. Sie ging zum Fenster und sah eine lange Zeit hinaus. Dann hob sie ihre Hand und schwang den Gürtel über ihre Schulter. Er flog und flog. Ganz weit weg in vergessenheit. Leise konnte man vernehmen, dass er am Boden ankam. Sie hatte wirklich weit geworfen, ich war begeistert. Sie drehte sich zu mir um und schmunzelte leicht. Die Decke immer noch um sich gewickelt. Irgendwie sah sie ja aus wie eine kleine Superheldin. „Geht es dir jetzt besser?“, fragte ich sie. „Wesentlich“, antwortete sie und versuchte sich an einem lächeln. Ihre Augen blitzten. Ein bisschen ihrer Fröhlichkeit war zurück und ich dankte Gott dafür.
5.) Sie
Nachdem ich den Gürtel mit ganzer Kraft aus dem Fenster geworfen hatte, war ich furchtbar befriedigt. Es war ein schönes Gefühl gewesen, meine Vergangenheit so weit von mir weggeworfen hatte. Ich setzte mich auf mein Bett mit dem dringenden Vorsatz jetzt schlafen zu gehen. Sam entledigte sich seiner Jean und ich sah ihm grinsend zu. Ich konnte zwar Berührungen nicht so gut verkraften, aber ich war auch nicht gefeit der Reize von schönen Männerbeinen. Auch als Sam meinen Blick bemerkte, schaute ich nicht weg. Es sollte mir peinlich sein, war es aber nicht. Wir legten uns unter meine übergroße Bettdecke. Nur eine Bettdecke für uns zwei. Aber Polster hatte ich Gott sei Dank mehr. Einenader zugewand wollte ich die Augen nicht mehr schließen. In seinen blauen Augen konnte man alles vergessen. Den ganzen Tag vergessen und nur darin versinken. Sie luden zum schwimmen ein, am Meer. Ich war noch nie am Meer gewesen, aber so stellte ich es mir vor. In einem Satten vielschichtigen blau. Unter der Bettdecke begann sich etwas zu bewegen. Er suchte meine Hand. „Ist das Okay?“, fragte er mich. Ja, es war mir sehr Recht. Darum nach ich seine Hand und er schloss die Augen. Mit einem leisen seufzen glitt er in den Schlaf. Ich schaute noch immer in sein wunderschön Männliches Gesicht. Das Gesicht von dem Mann, der mich zum weinen und zum lachen bringt. Bevor ich mich versah hatte ich mich seinem Gesicht genähert. Ich schloss die Augen und gab ihn einen hauchzarten Kuss auf den Mund. Mein erster Kuss. Er verzog das Gesicht zu einem Grinsen und dann schlief auch ich ein. Mein Gesicht so nah an Sam, wie ich es nie für möglich gehalten hatte.
Am nächsten morgen weckte mich ein Lied aus dem Radio. Oder sollten wir eher Mittag sagen? Eine grausame Hitze schlug mir entgegen. Ich wollte mich strecken, doch ich schaffte es nicht. Irgendwas behielt mich bewegungslos un einem Klammergriff. Ich öffnete meine Augen und schlug auf die Weckertaste. Sam. Sam war noch da und er umarmte mich. Ich hatte nicht bemerkt, dass er sich in der Nacht halb auf mich drauf gelegt hatte. Ein Arm von ihm ging unter meinem Körper entlang und ein anderer lag auf meinem Bauch. Seine beine waren genau so verharkt nur bei meinen Oberschenkeln. Sein Gesicht lag zwischen meinen Brüsten. Ich hatte keine Chance bei dieser Berührung Panik zu empfinden. Ich berührte sanft die Wange des Mannes, der mich im Stahlgriff hatte. Es wurde unangenehm. Mein Körper realisierte gerade, was mit ihm passiert. „Sam, bitte wach auf. Du liegst auf mir“, flüsterte ich. Er rollte sich mit einen Grummeln von mir herunter und schlug dann die Augen auf. Jetzt erst realisierte er, was er getan hatte und schreckte schockiert auf. „Tut mir Leid, ich habe nicht.. ich habe geschlafen und das war automatisch… tschuldigung.“ „Nicht so schlimm“, sagte ich und grinste. „Es war im Schlaf, ich hab es auch erst bemerkt, als ich aufgewacht bin. Ich sprang auf um weiteren Entschuldigungen zu entgehen und fragte mit pipsiger Stimme, ob er einen Kaffee möchte. Da er auch einen wollte musste ich jetzt mal herausfinden, wie viel Wasser ich da rein schütten muss. Ich war es ja nur gewohnt meine und die Tasse der Obdachlosen zu füllen. Ich nahm einfach doppelt so viel, schlecht wurde er bestimmt nicht. Ich hatte eine Idee. Um mich für den Paketdienst von Herrn N. zu bedanken, konnte ich ihn auch gleich einen mitnehmen. Ich rannte ins Badezimmer und zog mich schnell um, damit ich meine Obdachlose nicht schon wieder verpassen würde. Dann putzte ich mir die Zähne und stand schon wieder vor der Kaffeemaschine. Sam lag noch immer im Bett und beobachtete mich dabei. „Musst du nicht auch irgendwann arbeiten, Sam?“ „Ich hab frei“, antwortete er mir darauf. Nagut, dann eben nicht. Damals kam ich noch nicht auf die Idee, ihn zu fragen, was er arbeitete. Warum genau, wusste ich nicht. Und er sagte es mir auch nicht. Ich zog vier Kaffeetassen aus einem Schrank und stellte sie aufgereiht hin. „Bekommen wir noch Besuch?“, hörte ich Sam fragen. Es klang, als würde er hier wohnen und es brachte mich irgendwie zum Schmunzeln. „Nein, eine Tasse für dich, eine für meine Obdachlose und eine für Herrn N.“, antwortete ich. „Fütterst du jetzt schon die ganze Nachbarschaft durch?“, fragte mich Sam daraufhin. „ist ja nur Kaffee“, antwortete ich. Ich füllte jede Tasse und brachte dann eine zu Sam. „Bitte schütt mir nichts auf das Bett, danke“, rief ich noch und war schon mit zwei Tassen fast aus der Tür raus. Ich lief die Treppe hinunter und kam am Ende schlitternd zum stehen. Draußen fuhr meine Obdachlose runden und ich war furchtbar froh darüber, dass sie noch immer da war. Ich begrüßte sie und sie antwortete mir mit einem Lächeln. Sie wollte nicht reden, das fand ich ok. Ich hatte selbst jahrelang nicht gesprochen und so machte mir die Stummheit meiner Obdachlosen keine Probleme. Sie gab mir die alte Tasse und darin ein neues Zitat. Ich freite mich richtig, es zu lesen, beließ es aber dabei sie nur in der Hand zu halten, da ich in der anderen Hand noch Herr N‘s Tasse trug. Ich rannte zu seinem Zeitungsstand und erwischte ihn dabei, als er Hefte einordnete. „Herr N. ich hab ihn einen Kaffee mitgebracht, falls sie wollen?“. Er schmunzelte und sah mir ins Gesicht. „Ich bin aber nicht Obdachlos, Luna.“, antwortete er mit Schalk im Gesicht. „Dessen bin ich mir sehr wohl bewusst, Herr N. Ich wollte nur nett sein, also nehmen sie schon. Ich mach den besten Kaffee der Welt.“ Lachend nahm er mir eine Tasse ab und trank einen Schluck, dann flüsterte er mir zu:“ Der ist sogar besser als der meiner Frau.“ „Aber warum flüstern sie denn?“ „Ich bin der Meinung meine Frau hört alles, also sprech ich lieber leise.“ Sagte er und brüllte über seinen eigenen Witz. Mit einem Apfel in der einen Hand und die Tasse in der anderen lief ich wieder zu meiner Wohnung zurück in den ersten Stock und klopfte an meine eigene Wohnungstür. Nur mit T-Shirt und Boxershort machte mir Sam die Türe auf. Daran konnte man sich gewöhnen. Ich ging zum Küchentresen und stellte mein Häferl ab. Dann nahm ich ein Messer und schnitt den Apfel in der Mitte durch. Die eine Hälfte steckte ich mir in den Mund und die andere Hälfte gab ich Sam, der noch immer hinter mir stand. In seinem Gesicht konnte ich Nervosität sehen und fragte mich, auf was er wartete. Er erlöste mich ganz schnell von meinem Schicksal und klärte mich auf: „Jetzt nimm schon das Zitat. Ich möchte wissen, was heute darauf steht.“ Ich nahm das Zitat aus dem Kaffeehäferl und heute war es auf einem rosa Papier geschrieben. Da stand in der bekannten wunderschönen Schrift:

Wer sich selber haßt, den haben wir zu fürchten, denn wir werden die Opfer seines Grolls und seiner Rache sein. Sehen wir also zu, wie wir ihn zur Liebe zu sich selbst verführen!

Aber das ist nicht das einzige was dort stand. Auf der anderen Seite meines Zettels stand mein Name. Luna. Warum hatte sie meinen Namen dazu geschrieben, das hatte sie noch nie getan. Nach der Suche eines Hinweises streckte ich meine Hand noch einmal in die Kaffeetasse und siehe da. Da lag ein anderer Zettel. Diesmal hellblau. Auf dem Zettel stand der Name Sam, wieder in einer wunderbaren Schrift. Sie hatte einen Zettel für Sam geschrieben. Woher sie seinen Namen kannte und woher sie wusste, dass er bei mir schlief, war mir gänzlich unklar. Aber ich sorgte mich nicht desswegen. Es machte mir keine Angst, dass sie wusste, was in meinem Leben passierte. Es war okay. Ich gab Sam den Zettel und er bekam große Augen. „Hast du ihr gesagt, dass ich hier bin?“ „Nein“, antwortete ich. „Das muss ich nicht. Sowas weiß sie anscheinend.“ Ich grinste und sah Sorge in seinem Blick aufzucken. „Mach dir keine Sorgen, Sam. Sie ist einfach besonders hellsichtig.“ Es schien ihn nicht zu beunruhigen, trotzdem las er den Zettel vor:

Verbringe die Zeit nicht mit der Suche nach einem Hindernis. Vielleicht ist keines da.
Auch sein Zitat, war wunderschön. Und so freute ich mich für Sam mit, dass er jetzt auch einen Satz meiner Geheimnisvollen Obdachlosen bekommen hatte.
3.)Er
Ich fragte mich ernsthaft, woher diese Obdachlose meinen Namen kannte. Was wusste sie über mich. Es konnte nur so gewesen sein, dass Luna mit ihr gesprochen hatte. Ja, das war die einzige Möglichkeit. Es war schon nach 13 Uhr Nachmittags und ich musste unbedingt nach Hause. mich umziehen, bevor ich wieder einen Termin bei dem Therapeuten hatte. Er sollte nicht denken, was Therapeuten eben so denken, wenn man mit der gleichen Wäsche wie einen Tag vorher auftaucht. Es fiel mir schwer, mich von Luna zu verabschieden. In dieser Nacht hatte ich kein einziges Mal an die Familie gedacht, in der nur noch ein Mitglied lebt.
„Ich muss mich jetzt verabschieden. Ich habe noch einen Termin.“ „Okay. hm.. Ich muss heute sowieso noch arbeiten.“ „Wie wäre es, wenn ich vorbei komme und dich besuche?“, fragte ich sie, in der Hoffnung nicht so aufdringlich zu wirken. Aber immerhin hatten wir eine Nacht miteinander verbracht. Sie lächelte und nahm mir die Nervosität, die plötzlich entstanden war. Sie freute sich darüber, dass ich vorbei kommen werde und das wiederum gefiel mir. Plötzlich wusste ich nicht, wie ich mich verabschieden sollte. Ich hatte geträumt, dass sie mich küsste. Ihre Hauchzarten Lippen sind auf meinen Mund gelandet und haben süßer Geschmeckt, als Zuckerwatte. Die Entscheidung wurde mir abgenommen. Sie kam zu mir und gab mir einen kurzen Kuss auf die Wange. Es waren die gleichen Lippen, mit der gleichen intensität, die mich letzte Nacht in meinem Traum geküsst hatten. Kurz konnte ich nur mit einem offenen Mund da stehen, dann ging ich. Ich ging und wollte nicht gehen. Ich wollte keine Sekunde mehr ohne diese Frau, die so viel erlebt hat aber noch immer so fröhlich war.
Der Weg in meine Wohnung war nicht weit. Ich ging 20 Minuten zu Fuß. Ich konnte natürloch auch mit der Ubahn fahren, aber ich wollte nicht. Ich musste meinen Kopf ein wenig frei bekommen damit ich bei diesen Therapeuten einen guten, gefestigten Eindruck mache. Ich hatte eine Wohnung in einer etwas besseren Lage, als Luna. Ich erwischte mich bei dem Gedanken, dass ich mir wünschte, sie würde bei mir einziehen. Ihre Gegend war nicht wirklich sicher und mein Türschloss war tausend Mal besser. Außerdem waren meine Regale alle befestigt. Ich musste unbedingt ihr Regal befestigen, bevor sie sich weh tat.
Ich sprang unter die Dusche und zog mich dann an. Ich fragte mich, ob Luna meine Zahnbürste aufheben würde, oder ob sie sie wegwerfen würde. Wenn ich das nächste Mal, falls es ein nächstes Mal gibt, bei ihr bin, muss ich unbedingtin ihr Badezimmer verschwinden und nachsehen, ob sie sie noch immer hat. Vielleicht sogar im gleichen Zahnputzbecher wie ihre. Ich hatte gerade noch Zeit mit etwas zu Essen zu machen und dann musste ich auch schon laufen. Ich nahm das Auto zu diesem Scharlatan und blieb vor einem kleinen Einfamilienhaus stehen, in dem er seine Praxis eröffnet hatte. Im Vorzimmer saß eine junge Emfangsdame die ich nett begrüßte und die mir dann sagte, dass ich noch ein wenig warten müsse. Die letzte Patientin war noch nicht fertig. Als sie endlich das Zimmer verließ, war sie in Tränen aufgelöst und stolperte zum Ausgang. Arme Frau, was ihr wohl passiert war. Dr. Keilmann bat mich herein und ich ließ mich auf seiner ausladenden Couch nieder. Er begrüßte mich mit einer Phrase, die ich fand, gut zu einem Therapeuten passt. „Herr Sunders, wie geht es Ihnen denn heute?“ „Wunderbar, Herr Keilmann und Ihnen?“ „Mir geht es eigentlich auch ganz gut, aber warum glaube ich Ihnen bloß nicht. Wir sind hier um darüber zu sprechen, dass sie das erste Mal auf einen Menschen geschossen haben und der jetzt tot ist.“ „Dessen bin ich mir bewusst, Dr Keilmann.“ „Letzte Stunde haben sie mir lang und breit erzählt, wo man das beste Schnitzel in der Umgebung bekommt. Ich weiß nicht wirklich, ob ihnen das bewusst ist.“ „Naja, sie sahen mir aus, als würden sie gerne wissen, wo es gutes Essen gibt.“ „Spaß beiseite, Herr Sunders. Ich muss bald meine Empfehlung abgeben und hätte gerne gewusst wie sie sich nach diesem Vorfall fühlen.“ „Ich fühle mich… natürlich geht es mir Nahe. Ich habe ein Leben beendet. Ich bin mir bewusst, dass ich damit das Leben einer Frau gerettet habe, aber ich weiß nicht, ob es nicht anders zum Lösen gegangen wäre. Ich habe geschalten und aus dem gehandelt, was ich gelernt hatte. Ich wünschte mir nur, dieses Mädchen würde noch leben.“ „Na, das ist doch schon ganz gut. Ich würde gerne wissen was sie in ihrer Freizeit, seit sie suspendiert wurden gemacht haben.“ „naja, ich war viel spazieren.“ „Sie waren also zwei Tage lang spazieren?“ „So lange auch wieder nicht.“ „Also was haben sie dann mit Ihrer Zeit angefangen?“ „Ich habe mich mit einer Frau getroffen.“ „Ihre Freundin?“ „Nein, ich habe keine Freundin.“ „Haben sie mit ihr über den Vorfall gesprochen? Oder mit ihren Eltern, Geschwistern.“ „Nein, ich habe noch mit niemanden darüber gesprochen.“ „Glauben sie nicht, es würde Ihnen gut tun, mit einer bekannten Person zu sprechen?“ „Ich werde es in Erwägung ziehen.“ „Wie haben Sie sich in Gesellschaft von anderen gefühlt, z.B. von dieser Frau? Haben sie oft an den Vorfall gedacht?“ „Nein, bei ihr habe ich nicht an den Vorfall denken müssen.“ „Denken müssen, interessante Wortwahl. Haben Sie eine Ahnung, warum sie nicht daran denken musste?“ „Weil ich anderes im Kopf hatte.“ „Was zum Beispiel?“ „Wo es den besten Erdäpfelsalat gibt.“ Das brachte ihn zum Lachen, aber ablenken konnte es ihn nicht. Scheiss Psychoheinis. Dann kam mir eine Idee. Ich wusste nicht, ob es gut für mich war, diesen Therapeuten von meiner Luna zu erzählen, aber er war eine Ansprechperson, der sich mit psychischen Problemen auskannte. Vielleicht konnte er mir helfen, mit Luna besser umzugehen. Mir war eigentlich egal, ob ich in meinen Job zurück konnte, wenn ich dafür Luna behalten dürfte. „Herr Keilmann, ich habe da so eine Freundin…“ „Diese Frau, mit der sie sich treffen?“ „Äh, ja.“ „Na gut, was ist mit dieser Freundin?“ „Sie hat viel durchgemacht. Ich glaube, sie hat ein Problem damit, Menschen zu vertrauen. Sie müssen wissen, man hat ihr weh getan. Körperlich. Als Kind, eine längere Zeitspanne lang. Und jetzt hat sie Angst vor Berührungen. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich kenne sie erst seit vorgestern, aber sie ist trotz dieser Schrecklichen Dinge so fröhlich und ich muss dauernd an sie denken, möchte sie aber nicht überfordern.“ Wärend ich sprach, starte er mir die ganze Zeit mit diesen halb Freundlichen gesichtsausdruck ins gesicht, was mich einfach nervös machen musste. „Ich kenne sie nicht und es ist äußerst ungenau, eine ferndiagnose zu stellen. Aber sie sagen sie kennen sie erst seit vorgestern? Wenn sie vertrauen zu Ihnen fassen soll, lassen sie ihr Zeit. Mehr Zeit, als 72 Stunden. Achten sie auf ihre Körpersprache und drängen Sie sie nicht. Wissen sie zufällig, ob sie eine Therapie macht?“ „Nein, ich denke nicht.“ „Hm. Man kann sie nicht zwingen, aber ich glaube nicht, dass es ihr in so einer Situation schlecht tun würde. Sprechen Sie sie aber besser noch nicht darauf an. Ich meine, 72 Stunden sind dann doch zu wenig um ihr einen Rat zu geben. Legen sie es ihr ans Herz, falls sie sich öffnen sollte und sich noch schlecht mit ihrer Vergangenheit fühlen.“ Dieses Thema war wirklich nicht witzig, aber ich musste trotzdem lachen. Mit fragenden Blick sah er mich an. „Sie sagen, 72 Stunden sind zu wenig für einen Rat. Sie erteilen mir dauernd einen Rat, kennen mich aber noch keine 2 Stunden.“ „Ich bin dazu ausgebildet und sie kommen ja auch zu mir um darüber zu reden.“, sagte er und lachte. „Ich komme zu ihnen, weil ich es muss.“ „Würden sie freiwillig nicht zu mir kommen?“ „Nicht wirklich.“ „Warum nicht?“ „Weil ich mir nicht gerne in meinen Kopf schauen lasse.“ „Aha, kontrollieren sie gerne dinge?“ „Jeder kontrolliert gerne dinge.“ „Macht es ihnen Angst, dass sie die Situation, wegen der sie hier sind, nicht kontrollieren konnten.“ „Super Thema gewechselt, Dr. Keilmann.“ „Ja, darin bin ich auch ausgebildet“
Sie
Ich musste mich für die Arbeit fertig machen. Heute hatte ich beschlossen, würde ich einen Rock tragen. Und nein, es war nicht weil Sam mich besuchen wird. Na Gut. Fast nicht. Ich werde aber trotzdem eine Strumpfhose darunter tragen. Es war immer schwer in einer Bar zu arbeiten und dabei einen Rock zu tragen, weil Typen nun Mal gerne unter Röcke glotzen. Und Frauen wie ich werden dann gerne gewalttätig. Also zog ich mir eine Strumpfhose, einen schönen grünen weiten Rock an, der trotzdem eine Hand breit vor meinem Knie aufhörte und das obligartorische schwarze T-Shirt. Dazu nahm ich meine Converse, mit hohen Schuhen kann man nicht arbeiten. Außerdem hasse ich hohe Schuhe. Ich denke, die wurden von einem Mann erfunden. Damit der Arsch gut aussieht und man nicht weglaufen kann. Ich ging ins Badezimmer und öffnete meine Haare. Sie vielen in schönen Locken bis auf die Mitte meines Rückens. Die Stirnfransen föhne ich noch ein bisschen zurecht und zum Schluss benützte ich etwas Mascara und Lippenstift. Dann machte ich mich auf dem Weg. In der Bar angekommen stand Christian, einer meiner Kollegen schon bei der Theke. Heute würde Flo nicht arbeiten, er war aber trotzdem da um die liegen gebliebene Buchhaltung zu machen. Ich begrüßte Christian und er sah mich mit großen Augen an. „Was ist denn mit dir passiert, Luna?“ „Das nehm ich jetzt mal als Kompliment“, antwortete ich und machte mich meinerseits daran Zitronen zu schneiden. Die ersten Gäse kamen um sieben, darunter auch George und schon bald war die Bar wieder voll. Ich konnte mir viele nervigen Kommentare anhören, weil es die Kunden in der Bar nicht gewohnt waren, mich mit offenen Haaren zu sehen. Benji und Lisa kamen heute nicht. Eigentlich hätte ich es gut gefunden, dann hätte ich ein bisschen mit ihnen Plaudern können und so vergessen können, dass ich auf Sam wartete. Darum nahm ich mit George vorlieb. Er war wirklich schon ziemlich betrunken. „Luna, wenn isch so eine dochder hädde, würde ich ssie nischt so auf die sssdraße lassen.“ „Gefall ich dir etwa nicht?“, fragte ich scherzhaft. „Oja, du bischt sehr hüpsch, aber weissu, eigentlich mag isch ja meine Frau.“ „Das ist aber nett von dir“, sagte ich und beschloss mir einen Anspruchsvolleren Gesprächspartner zu suchen. George grinste mich an und dann passierte das, was ich mir nie erwartet hätte. Es ist für mich sogar schwer darüber zu schreiben. Es war grausam. George lehnte sich vor, in meine Richtung und erbracht sich mit voller Wucht auf mein T-Shirt. Im ganzen Lokal wurde es still und jeder starrte mich an. George sah mich an und sagte:“ Du Luna, dass leiwal hadd aber kein schöhnes musster, weiss du.“ Ich brach in schallendes Gelächter aus und zog das T-shirt von meiner Brust. Ich atmete durch die Nase und es reckte mich fürchterlich. Ich floh ins Büro und hatte komplett vergessen dass Flo dort saß. Bevor ich mich versehen konnte, stand ich dort nur im BH und Rock und mein vollgekotztes T-Shirt lag am Boden. Flo starrte mich an… Nicht in die Augen und sagte: „Was…Was?“ „Äh, George hat mir mitten aufs Tshirt gekotzt und wenn ich es nicht gleich ausgezogen hätte, hätte mein Kotzfleck direkt daneben geprangt. Flo sah mir ins Gesicht und antwortete: Äh, geh rauf, in meine Wohnung. Dort kannst du duschen. Ich müsste auch irgendwo noch Arbeitsshirts haben, allerdings sind die weiß. Ich hab leider keine schwarzen mehr. Such dir einfach eins in deiner Größe raus, du musst es mir nicht zurück geben. Und… nimm dir Zeit.“ Ich flüchtete schnell in die Wohnung die Flo mit der Bar gemietet hatte. Er wohnte hier nicht die ganze Zeit, nur wenn er eben nicht mehr nach Hause fahren wollte. Im Badezimmer fand ich nur Männerduschgel, aber das müsste reichen. Ich wusch mir auch die Haare, weil ich Angst hatte, dass darin noch irgendwas von Georges Mageninhalt zu finden war und frisierte sie mir dann mit einem Kamm aus. Das war der Horror, kann ich ihnen sagen. Dann besah ich mir meinen Bh. Er stank. Grausam. Ich wusch ihn mit dem gleichen Duschgel dass ich für meinen Körper benutzt hatte aus und trocknete ihn dann mit dem Föhn. Dann zog ich ihn mir wieder an und meinen Rock auch. Der hatte Gott sei Dank nichts abbekommen. Dann suchte ich in Flos Schrank nach den T-shirts. Ich fand eins in meiner Größe und zog es mir über. Dann besah ich mich in den großen Spiegel. Super! Mein schwarzer Bh blitzt toll durch das T-shirt. Das ist grandios peinlich. Aber eigentlich kann ich auch nichts dagegen machen, also hat aufregen keinen Sinn. Ich trug nocheinmal Mascara und Lippenstift auf, den ich in der Tasche hatte und war froh dass meine Haare schon angetrocknet waren. Dann zog ich mir die Schuhe wieder und und rannte nach unten durch das Büro, wo Flo mich nur verdutzt anstarrte zurück zur Bar. Auf dem Boden war schon alles weggemacht, dank Christian und George hatte er auch schon nach Hause geschickt. Und da stand ja Sam. Er stand an der Bar und schien auf mich zu warten. Mit einem Lächeln im Gesicht hupfte ich zu ihm und gab ihn einen Kuss auf die Wange. Gott, hatte ich das vermisst. Er lächelte mich an und besah mich dann von oben bis unten. Er bekam riesen Augen. „Luna, du siehst toll aus. Deine Haare sind… wunderschön.“ „Danke. Und das obwohl ich vollgekotzt war.“ „Äh, wie bitte?“ „Lange Geschichte.“ „Luna, du riechst irgendwie… ziemlich männlich.“ „Ja, ich war mich oben in Flos Dusche waschen, weil ich eben. Du weißt schon. Lange Geschichte.“ Er zog die Stirn kraus und sah mir in die Augen. Dann lächelte er und ich ging wieder an die Arbeit.
Ich und Christian waren ein eingespieltes Team. Wenn wir beide miteinander arbeiteten war es unausgesprochen ausgemacht, dass er die Cocktails zubereitet und ich sie serviere. Das Trinkgeld werfen wir dann zusammen und teilen es uns. Wir mussten das nicht machen, ich verdiente immer mehr Trinkgeld als er, aber ich bin der Meinung, auch wenn er anderer Meinung ist, dass ich ohne seine Cocktails, die die besten in der ganzen Stadt sind, weit weniger verdienen würde. Wir arbeiteten reibungslos und dieses Mal waren auch keine Jugendlichen dabei, die uns die Arbeit zusätzlich erschwerten. Ein paar Männer versuchten mit mir zu flirten, aber ich brach ihre Annäherungsversuche ab indem ich mit ihnen schärzte und ihnen erklärte, dass ich nicht zu haben sei. Mit Sam plauderte ich ab und zu und er blieb sitzen, die ganze Zeit wärend der Arbeit. Er trank dieses Mal nur Apfelsaft und Mineralwasser und keinen Alkohol. Was mir gefiel, aber ich hatte Sorge, dass er das nur für mich machen würde. Später fand ich heraus, er sei mit dem Auto hier. Gut, also passt er darauf auf, nichts zu trinken, wenn er fahren musste. Als alle ausser Sam weg waren und ich langsam zusperren wollte, fragte mich Sam, ob er bleiben durfte und mich nach Hause fahren könne. Im Gleichen Moment kam Flo um die Ecke und erklärte mir, er könne mich heute nicht nach Hause fahren, weil sein Wagen in der Werkstadt ist. Was für ein Glücksfall. Die brave Angestellte, die ich bin, frage ich Flo, ob Sam bleiben darf, bis ich fertig bin und er sagte zu, so lange er von der Bar wegbleibt. Immerhin kennt Flo Sam nicht wirklich und hinter der Bar zählen wir das Geld. Das schien für alle in Ordnung zu sein. Christian und ich teilten uns die Arbeit und Flo half uns auch ein wenig. Als wir fertig waren Teilten wir das Trinkgeld aus und dann überraschte mich Christian. Er fragte, ob ich mit ihm ausgehen würde. Das hätte ich nicht erwartet. Ich und Christian arbeiten schon hier zusammen, seit ich zum arbeiten angefangen hatte und ich dachte immer er würde mich als die kleine Schwester sehen, mit Flo als verrückten Vater. Christian war sehr hübsch, das musste ich zugeben. Er war eher der aufreisser-Typ von Mann. Aber ja, er hatte es drauf. Wenn er arbeitete konnte man einige Telefonnummern in seiner Hosentasche finden, wenn man das wollte. Die Frauen sahen ihm immer mit einen verträumten Gesichtsausdruck an und er nutzte das ein wenig aus, obwohl er nie einer Frau seine Liebe versprach. Mit seinen braunen Augen, den kurzen Haaren und den deffinierten Oberkörper, den man unter seiner Uniform erahnen konnte, hatte er immer nur gespielt. Aber ich war keine Frau für eine Nacht. Vor allem, weil das bei mir unmöglich war, immerhin konnte mich keiner anfassen, ohne dass ich austickte. Es fiel mir schwer Christian abzusagen, weil ich ihn gern hatte und nicht wollte, dass unser Verhältnis darunter litt. „Christian, ich glaub das ist nicht so eine gute Idee. Du hast doch eh viele Mädchen und wir sind Kollegen. Ich glaub auch nicht dass Flo das so gerne sehen würde.“ „Was sehe ich nicht gerne?, fragte Flo und kam wieder aus seiner Wohnung geeilt. „Äh“, beantwortete ich seine Frage, nicht gerade zufriedenstellend. „Ich habe Luna gefragt, ob sie mit mir ausgehen würde“, sagte Christian. Da stand auf wieder Sam vor mich und starrte Christian mit Hass in seinen Augen an. Flo antwortete:“ Nana, Chris. Du versaust mir nicht mein kleines Mädchen.“ „Ich wollte nur ein Date und keinen Ausflug in die Hölle, Flo.“ „Jedes Date mit dir ist ein Ausflug in die Hölle“, antwortet Flo. „Luna ist nicht zu haben“, sagte Sam dazwischen. „Genau, auch nicht für dich“, erwiederte Flo wieder und sah dabei Sam an. Ok. Das ging jetzt eindeutig zu weit. Sie redeten über mich, als wär ich nicht da und das ließ ich mir nicht gefallen. „Stopp“, sagte ich, aber keiner hörte auf mich. „Hallo, ich sage hier mit wem ich ausgehen möchte und stellt euch vor. Ich darf das schon ganz alleine entscheiden.“ Plötzlich sahen mich alle an. „Und mit wem möchtest du ausgehen?“, fragte mich Flo. Na endlich. Sie fragten mich nach meiner Meinung. „Zumindest nicht mit einem aus diesen Testosterongesteuerten HöhlenmenschVerrein hier.“, antwortete ich grummelt. Da lachte Flo lautstart nur Sam sah mich mit gerunzelter Stirn an. Dann ließen sie von dem Thema ab und wir bereiteten alles für den Dienst morgen vor. Morgen war Donnerstag und der letzte Arbeitstag in der Woche für mich. Da ich Dienstag ausgesetzt hatte, fragte ich Flo ob ich am Wochenende für ihn einsprichen sollte, aber er lehnte dankend ab und zwang mich dazu zu Hause zu bleiben.

Dino Zusatz

Standard

Die Liebe wird von vier Menschen gesteuert. Sie bewegen „die Fäden“, der Liebe. Bei einem Menschen haben sie vergessen, die Fäden zu bewegen, versuchen seit dem diesen Fehler wieder gut zu machen. Es passierte durch… Hass. Sie haben etwas gesehen, was sie gehasst haben, es ist etwas passiert, was sie gehasst haben. Es hat sie abgelenkt und im entscheidenten Moment haben sie vergessen Hollidays Faden zu bewegen. Da der passende Faden nicht gefunden wurde, und man ihm im Nachhinein nicht mehr erkennen kann, wird sie immer Lieben und wieder entlieben, bis ihre Liebe mehr aushält. Ihre Liebe kann nur mehr aushalten, wenn sie den Faden findet. Und den Faden findet sie nur im echten Leben, nicht in der Wolle der Menschen die die Liebe vorhersagen. Man wollte ihr die Liebe nehmen, damit ein ungleichgewicht in dem System entsteht und somit die Menschen, die das bis jetzt gemacht haben, dazu gezwungen sind zu tauschen. Mit ihren machthungrigen Kindern die die Liebe nur dazu gebrauchen wollen, an mehr Macht heranzukommen. Kurzweilige Liebe entsteht, wenn man Fäden kreuzt.

Dino 1. Version

Standard

„Wo hat der Polizeihund sein Arschloch?“, fragte ich. Es schien mir keiner antworten zu wollen, also beantwortete ich mir selbst meine Frage: „Am anderen Ende der Leine.“ Ich saß im Schneidersitz am harten Betonboden und lachte mich schlapp. Als Einzige. „Nicht lustig? Oke, ich hab noch einen: Polizisten sind wie Schnittlauch, innen hohl und treten nur gebündelt auf.“ Irgendwie fanden die das noch immer nicht witzig. Also straffte ich meinen Schultern zum dritten Mal und fing an: „Ok, einmal geht noch. Was machen Polizeiautos vor der Sonderschule?“. Wieder keine Antwort… also…: „Sie holen ihre Kadetten ab.“ Der junge Polizist vor mir verzog sein Gesicht zu einer Fraze, die wohl bedeutete, er versuchte nicht zu lachen. Ich kreischte und grunzte bei diesem Anblick und ließ mich auf den Rücken fallen. Meine Beine strampelten hoch in der Luft. Als ich endlich wieder sitzen konnte, hatte sich der Polizist beruhigt und stand jetzt genau so stramm wie seine Kollegen. Dem musste doch zum abhelfen sein: “Einer geht noch, einer geht nocht rein“, begann ich zu singen. Da trat ein bulliger Polizist aus der Reihe und befahl mit schroffer Stimme: „Aufstehen“. Ich sprang auf und schrie: „ Ja, Sir, nein, Sir.“ Er schüttelte den Kopf und schmunzelte. Ein zweiter sagte:“Abführen.“ Dieser Befehl galt wohl den Bulligen schmunzler und war auf mich bezogen. Ich verstand ihn absichtlich falsch. „War schon kacken, Sir.“ und als Extraeinlage salutierte ich noch brav. Das sah wohl witzig aus, da ich ein knallgrünes Dinosaurierkostüm aus Baumwolle trug, dass eher wie ein ganzkörperpyjamma aussah. Der Bullige Spaßvogel lachte, aber sah gleich wieder ernst drein, als sein Kollege ihn strafend ansah. Dann versuchte er mich an der Schulter wegzuführen. Ich fand das gar nicht so cool und setzte mich einfach wieder auf den Boden. Er hob mich hoch und warf mich über seine Schulter. Seine Spitze Schulter grub mir in den Magen und ich überlegte fieberhaft ob es Beamtenbeleidigung wäre, würde ich ihn ankotzen. Meine Demo-Kollegen schrien und pfiffen. Ich kicherte und besah mir den Arsch meines Polizisten. Ach, in Unoform sehen alle gut aus. Er brachte mich auf die Seite, und erlöste mich so endlich aus den Kreis von Polizisten, in den wir schon seit einer Stunde eingekesselt waren. Dort stellte er mich einigermaßen sanft wieder ab und bellte:“ Ausweis.“ Ich bellte: „ Hab ich“. „So. Der Spaß ist vorbei, zeig mir deinen Ausweis.“ Ergeben zog ich den Zip meines Kostüms auf, der sich auf der Vorderseite unter meiner ebenfalls Baumwollmaske befand. Zum Vorschein kam mein knallroter B.H. der mit dem Gesicht von Wonder Woman faziert war und sonst gar nichts. ich zog den Zip bis zu meinem Bauchnabel auf und der Polizist sah mich mit weit geöffneten Augen an, das hätte er jetzt nicht erwartet. „Was..Was..du hast ja drunter nichts an.“, stammelte er. „100 Punkte für Gryffindor“, antwortete ich. Er erinnerte sich daran, wo er gerade war und sah mir wieder in die Augen. „Was soll das?“, fragte er mich. „Ich hole meinen Ausweis, sagte ich und griff in mein Kostpüm. An meinen Oberschenkel hatte ich mit Ducktape meinen Ausweis und ein Handy befestigt. Was man eben so zum Leben und demonstrieren braucht. Ich riss mir mir das Duktape vom Oberschenkel und verzog vor Schmerz das Gesicht. Scheiße tat das weh. Dann zog ich meine Hand wieder heraus und mein Polizist erinnerte sich wahrscheinlich gerade daran, dass er mich vorher durchsuchen musste. Er zog seinen Schlagstock und ich meinen Ausweis. „Waffentechnisch bin ich jetzt wohl unter und du überversorgt.“, sagte ich und schmunzelte. Er wollte wohl jetzt Vorschriftsmäßig vorgehen und tastete mich ab. Zuerst meine Arme und Schultern, dann brav mit der Handaussenfläche meinen Busen, dann meinen Bauch und meine Beine. Als er an meinen Oberschenkeln rauf wanderte, flüsterte ich ihm zu:“ Höschen trag ich keins, falls du danach suchst“, ich sah ihn grinsen. Er ertastete auf dem Anderen schenkel mein Handy und fragte was das ist. „Ich freu mich nur so dich zu sehen.“, sagte ich. Klappte nicht, musste mein Handy rausholen. Es riss wieder schmerzhaft und ich gab es ihn. Er hatte jetzt sicher auch Haarprogeb von meinen Oberschenkel am Duktape. Er nahm meinen Ausweis. „Holliday Summer“, murmelte er. „man spricht es englisch aus“, berichtigte ich. Er sah mir ohne regung in die Augen, was ziemlich gruselig war. Wollte ja nur nett sein. Danach bellte er wieder irgendeine Zahl, die er anscheiennd von meinen Ausweis abgelesen hatte in sein Walk-e Talk- e. Danach musste ich dumm da stehen und warten. War langweilig. Ich konnte Langweile nicht leiden darum fragte ich, ob ich auf die Toilette gehen kann. „Halt es zurück“, meinte er. „Gibt es nicht irgendein Gesetz gegen Folter? Eine schmerzende Blase fühlt sich für mich wie Folter an, Herr Polizist.“ Er schüttelte den Kopf und ging mit mir dann zu einer Reihe Bäume. Dort drehte er mir den Rücken zu und sagte:“ Mach schon, wenn ich höre, dass du weggehst, bind ich dich an den nächsten Baum.“ Ich kicherte, aber wollte seine Nerven nicht überstrapezieren. Darum öffnete ich wieder den Reisverschluss und zog mir das ganze Kostüm bis zu den Knien, dann hockelte ich mich hin und sang lautstark: „FREUDE SCHÖNER GÖTTERFUNKEN, TOCHTER DES ELYSIUMS, WIR BESCTREBEN FEUERTRUNKEN HIMMLISCH SEI DEIN HEILIGTUM“, mein netter bulliger Spannerpolizist drehte sich um und sagte:“ Was machst du da?“ „HEY, schrie ich. ICH MACH PIPI, UMDREHEN, aber sofort.“ Er hörte auf mich. Das gefiel mir. „Ich kann nicht aufs Klo, wenn mir jemand zuhört. Schüchterne Blase.“ er lachte. „Das ist aber das einzige, dass an dir schüchter ist, oder?“ „Nein, mein linker Lungenflügel ist auch ein bisschen schüchtern.“ Ich verendete mein flüssiges Geschäft und zog mich wieder an. Dann ging ich zu meinen Polizisten und er ging mit mir zurück zu den anderen. Bevor wir wieder in Hörreichweite der anderen schwarzen Gestalten kamen, flüsterte er mir zu:“ Du trägst ja wirklich kein Höschen“ und lachte dann in einer dunklen, männlichen Art. Pff. nicht mehr so netter, bulliger Spannerpolizist mit Höschenfixierung. Ich setzte mich auf der Seite auf den kalten Betonboden und rubbelte mir unter dem Kostüm meine Arme und beine. Es war scheiß kalt, warum hatte ich mir nur nichts darunter angezogen. Meine Füße und Hände gehörten auch zu dem Kostüm, nichts außer mein Gesicht blieb frei. Schuhe trug ich noch unter dem Kostüm. Ich rubbelte und rubbelte, aber mir wurde nicht warm. Mein Arsch begann jetzt auch noch einzufrieren. „Mein Polizist entfernte sich zu einem Polizeiauto, aber ließ mich nicht aus den Augen. Er kam wieder mit einer dicken, dunkelgrünen kratzigen Baumwolldecke und reichte sie mir. „Oh Gott, danke.“ Er lächelte leicht und ich rollte kuschelte mich in die Decke ein. Ein bisschen Muffig. Zumindest war sie grün, wie mein Kostüm. „Gib bitte die Maske vom Kopf.“ Bei meiner Kostümmaske sah man mein Gesicht zwar, aber der Dinokopf war wie eine Kappe auf meinem Oberkopf. Ich zog meine Kappe zurück und ließ sie wie eine Kaputze auf meinen Rücken fallen. zum Vorschein kamen rote dichte Locken. „Aber nur weil du bitte gesagt hast.“, antwortete ich. Wir warteten und warteten, dann kam ein Polizist der ernsthaft wie 16 aussah zu uns herüber und fragte:“ Wer ist das“, und zeigte auf mich. „Man zeigt nicht auf Leute, hat dir das deine Mami nicht beigebracht“, schnupfte ich beleidigt. „Halt den Mund du linke Sau“, entgenete der picklike Polizist. „Wenn du sie noch einmal so anfährst, brech ich dir alle Knochen, Koller.“, beschützte mich mein doch netter, bulliger Spannerpolzist mit Höschenfixierung und Helfersyndrom. „Sympathisierst du jetzt schon mit den Hippies, Cheffe?“ sagte der dumme Idiotenpolizist. „Scheiße, gehst du mir auf die nerven, Koller. Warum sie dich in der Polzieischule nicht ausgelacht und weggeschickt haben, versteh ich bis heute nicht.“ WUHU. der Typ hats drauf. Ich kicherte und zeigte den Pickeltypen meine Zunge. Der setzte an mir etwas entgegenzuwerfen, sah dann meinen Helden ins Gesicht und ging lieber zu einer Gruppe anderen. „hey, du mit dem weißen Helm?“, sprach ich meinen Polizisten an und wusste genau, dass damit jeder der 100, die den Platz besetzt hatten gemeint sein konnte. Ersah mich an und schrien ein wenig genervt. „Wie lang muss ich denn hier noch sitzen?“, fragte ich ihn. „bis ich einen anderen Befehl bekomme.“, antwortete er. Ziemlich unbefriedigend. Ich nahm mein Handy und beschloß dass das noch ein wenig dauern könnte. Darum bestellte ich mir mit einer App eine Pizza. Bei der Adresse gab ich das Haus an, an dessen Stufe ich saß. Dann steckte ich mein Handy wieder weg und freute mich diebisch darüber, dass mein Polizist nicht wusste, dass ich gerade verstärkung getarnt als Salamipizza geordert hatte. Ich und meine Salamischeibenkumpels werden das ganze Polizistenpack hier totrülpsen. Ich langweilte mich, darum sponn ich mir Weltherrschergeschichten aus und ließ sie immer obskuerer werden. „Sag mal, Helmi. Wer glaubst du, würde gewinnen. Eine Salami oder eine Zuccini?“, fragte ich. Er sah mich verdattert an und sagte nur „Hä?“ „Das heißt: Wie bitte. Wenn eine Salami und eine Zuccini kämpfen würden, wer würde gewinnen?“ „Was ist denn das für eine Frage?“, antwortete er grantig. „Naja, Salamis sind wenigstens mal ein Tier gewesen, aber Zuccinis sind echt ekelhaft und haben schon einen fiesen vorteil, weil sie so bösartig stinken.“ Wieder brachte ich meinen Weißhelm zum lachen, aber er antwortete mir nicht. Ein rot bekleideter Pizzalieferant versuchte sich durch die Mänge auf mein Haus zu kämpfen und musste jeden Polizisten am Weg überzeugen, dass er eine Lieferung hatte. Da wir außerhalb des Kreises waren ging es aber gerade noch. Er kam auf mich zu und wollte schon läuten, da hüpfte ich auf und sagte:“ Salamipizza ist für mich“, er sah mich komisch an aber nannte mir dann den Geldbetrag. Ich zog meinen Zipp wieder auf, aber nur ein kleines Bisschen, so dass man meinen BH nicht sehen konnte, griff rein, nämlich in meinen Bh und zog einen 20er raus. Er sabberte fast bei dem Anblick, gab mir dann aber doch noch das Trockene Wechselgeld. Dann setzte ich mich mit meiner warmen duftenden Schachtel wieder auf die Stufe und öffnete sie. Mein Helmi sah mich verdattert an und ich kommentierte das mit:“ Willst du auch?“ Er verneinte aber, Warscheinlich durfte er das nicht. „Eigentlich sollte ich dir die Pizza wegnehmen“, sagte er. „Du kannst keiner menstruierenden Frau ihre Pizza wegnehmen, das wäre Selbstmord, Helmi“, sagte ich zwischen Schmatzern. Er verschränkte die Arme, grinste aber und ließ mich essen. Irgendwann gesellte sich eine weibliche Polizistin zu uns und meinte, die Demonstranten dürften weitergehen. Ich sprang auf und sagte: Ach nee, gerade wenn der hier so unterhaltsam wird“, und deutete mit einer Kopfbewegung auf Helmi. „Du kannst auch mit auf die Wache kommen.“, sagte mein Polizist. „uuh.. na das geht heute leider nicht mehr. Ich muss noch etwas dringendes erledigen.“ „Und das wäre, fragte er mit einem schälmischen Grinsen. „Höschen waschen. Hab leider kein sauberes mehr“, sagte ich und zwinkerte ihn zu. Dann drehte ich mich um und ging Rückwerts mit meinem besten Queenwinken weg. Der war niedlich, schade eigentlich, dass er Polizist war.

2.)
Ich hatte keinen Freund, aber meine Wohnung war nicht leer. Ein hektisches Fußgetrampel lenkte meine Aufmerksamkeit auf die Küche. Ich hatte die Küche, die mit dem ganzen Haus verbunden war abgeschlossen. Das Vorzimmer führte direkt in die Küche, aber wenn ich die Tür aufließ, stürmte mir ein rießiger Hund und eine Katze entgegen und ich hatte keine Zeit mir die schuhe auszuziehen. Als ich die Küche öffnete schmiss mich mein Hund fast um und meine Katze grabbelte mit den Krallen mein Kostüm hinauf. Ich versuchte sie mit einer kurzen Streicheleinheit abzulenken und sah dann durch das Fenster, dass die Sonne aufging. Ich schob mir mein Kostüm vom Leib und stand dann nur mit BH in der Küche, aber das störte mich nicht. Ich war gerne nackt und meine Tiere scheint das auch nicht zu stören. Nachbarn konnten mir nicht ins Fenster schauen darum hatte ich in meinem Haus eine eigene kleine Insel geschaffen, in der ich sein konnte, wie ich wollte. Ich hob meine Katze Mr. Nerftö auf den Arm und mit dem anderen öffnete ich zuerst eine Dose Katzenfutter und dann eine Dose Hundefutter. Ich hob die alten grauslichen Schüsseln vom Boden und warf sie in das Waschbecken. Dann nahm ich neue und löffelte das Futter hinein. Mr Nervtö versuchte von oben an sein Futter ran zu kommen und Aphrodite von unten. Aphrodite war meine Hündin und hatte den Namen bekommen, weil sie es als Welpe sofort geschafft hat Mr. Nerftös und meine Liebe zu bekommen. Mr. Nerftö liebte niemanden außer Aphrodite. Mich ließ er nur in diesem Haus leben, weil ich Daumen hatte. Sonst konnte niemand ihre Futterdosen öffnen. Zuerst legte ich Aphrodites Futter an das eine Ende der Küche dann Mr. Nerftös an das andere und beide begannen wohlig brummend zu Essen. Diese Ruhe würde nicht lange bleiben. Sobal Aphrodite ihr ganzes Futter angesabbert hatte und die besten Teile rausgepickt hatte ging sie zu Mr. Nervtö, der sie anfauchte. Er besah sich sein Essen lange und trat dann auf die Seite. Aphrodite fraß auch die besten Stücke aus Mr. Nervtös essen und dann teilten sie sich den Rest. Mir machte es Spaß sie anzusehen und so vergaß ich ganz, dass ich schon längst im Bett sein sollte. Ich fand jetzt keinen Sinn darin noch schlafen zu gehen und ging darum in mein Attelier. Ich hatte den Wintergarten meines Hauses mit einer Staffelei ausgestattet und Ikea-Regalen in den mein Malzeugs lag. Ich besah mir ein Bild, dass ich gemalt hatte und befand, es war nicht Wert weitergemalt zu werden. Darum nahm ich mir eine neue Leinwand und öffnete dann meinen Bh. Ich zog ihn von den Schultern und war dann ganz nackt. Ich malte nur nackt. Nackt malen birgt einige Vorteile. Z.B. musste man nicht die Wäsche wegschmeißen, die man dabei trug, weil die Flecken einfach nicht rausgingen und ich bildete mir auch ein nackt mehr Bezug auf meine kreative Seele zu haben. Es gab einen einfach Freiheit, die Freiheit die ich zum malen brauchte. Ich mischte ein paar Farben und überlegte nicht lange sondern malte ein paar Striche auf das Papier. Manchmal hatte ich ein Bild im Kopf, dass ich malen wollte und wenn dem nicht so war, dann malte ich frei darauf los und schaute was herauskam. Meine Striche ergaben irgendwann ein Muster, dass ich vertiefte. Es wurde zu einem grünen lebendigen Wald, den noch keiner erkennen würde, außer ich. Ich fand das Bild schön, aber hatte auch einfach keine Lust mehr weiterzumalen. Wenn ich mich dazu zwingen würde, würde es nicht gut werden, darum beließ ich es dabei und sah an meinen Körper herunter. Übeall waren Spritzer von Farbe dabei. Ein Seitenblick in einen Spiegel verriet mir dass mein ganzes Gesicht mit grünen Flecken überseht war. Wunderschön. Ich band mir meine Haare zu einem hohen lockeren Knoten und zog mir dann ein buntes Kleid an, ohne auf Unterwäsche zu achten. Ich wollte dann noch im Garten arbeiten und da die Sonne runterbrannte wollte ich nicht ganz nackt hinaus gehen. Ich bekam leicht einen Sonnenbrand. Ich nahm mir einen Kaffee und genoss die Ruhe, die ich durch mein abgeschiedenes Haus hatte. Sogar Mr. Nervtö und Aphrodite waren zusammen in das große Hundekissen gegrabbelt und hatten sich dort zum schlafen hingelegt. Ich fand es schön, dass meine Tiere sich so liebten, dass zeigte mir, dass Liebe nicht nachfragt, sondern tut. Als ich ein rascheln in meinen Garten vernahm wusste ich, dass auch Alpha und Omega wach waren, meine zwei Landschidkröten. Ja, ich gebs ja zu. Ich hatte einen kleinen Zoo in meinem Haus und drumm herum. Aber warum nicht? Mein Haus war groß genug und ich lebte dort alleine. Mein Garten war noch viel größer und so konnte ich ein Meterweites Gehege für Alpha und Omega anlegen, in dem sie sich wohl fühlten. Allerdings musste ich es überdachen, weil wilde Tiere aus dem angrenzenden Wald meine Lieblinge sonst fressen würde. Ich zerupfte einen Grünen Salat und warf dann ein paar Karotten dazu in eine Schüssel. Ich ging in den Garten, öffnete einen Teil des Daches meiner Schildkrötenburg und warf dann den Salat dazu. Wer glaubt, Schildkröten wären langsam, hatte sich getäuscht. Wenn es nämlich ums Futter ging waren sie Blitzschnell. Sie kamen angerannt und ich lächelte. Ich liebte all meine Tiere mit vollen Herzen. Wie eine Mutter stand ich mit schiefen Grinsen vor dem Gehäge und beobachtete die Faltigen köpfe meines A und Os dabei wie sie den Salat fraßen. Wie niedlich sie waren. Ich hatte sie mal von einer Freundin bekommen, die bei einem Tierverrein arbeitete. Sie wurden auf der Straße ausgesetzt. Welcher kranke Mensch setzt Schildkröten aus? Ein penetrantes Klingeln riss mich aus meinen Gedanken und ich ging langsam auf die Türe zu um zu öffnen. Ich hatte eigentlich keinen Besuch erwartet. Vor meiner Tür stand ein gutaussehender Mann, den ich irgendwoher kannte. „Wer wirft mich zu dieser gottlosen Zeit aus meinem Bett?“, fragte ich den jungen Mann. Er musste ja nicht wissen, dass ich gar nicht im Bett war. „Mein Name ist Officer Sunders. Ich bin hier weil,…“ Ich unterbrach ihn schnell und antwortete:“Ich wars nicht, ich hab nichts gesehen und ich weiß von nichts.“ Das bracht ihn zum lachen und er antwortete:“ Erkennen sie mich nicht?“. Ich war etwas übermüdet und darum sah ich mit einem Skeptischen Blick an den hübschen Officer hinab. Als ich sein schiefes Grinsen enddeckte lachte ich lautstark. „Helmi! Warum hast du das nicht gleich gesagt?“. ich ignorierte einfach, dass er mich siezte. „Hab ich etwas angestellt? Also außer das Übliche?“ „Achso, was ist denn das Übliche?“ „Das müsstest du doch wissen, du kannst bestimmt meine polizeiakte einsehen.“ „Ja, aber die ist Vorstrafenlos.“ „Ich weiß, ich bin gut. Und wer kann dieses ehrliche Gesicht schon bestrafen?“ „Ja, dieses ehrliche grüne Gesicht vor allem.“ „Alles tarnung“, sagte ich und erinnerte mich daran, dass ich mir die grüne Farbe nicht weggewaschen hatte. Ich bat meinen Polizisten in die Küche und bot ihm einen Kaffee an. Er dankte und ich gab ihn ihn. Schwarz. Schwarzer Kaffee, ja das passte zu einem Polizisten. Er wollte sich gerade setzen als Aphrodite aufsprang und an ihm schnüffelte. Er belächelte den Hund und graulte ihn hinterm Ohr. Aphrodite war ganz hingerissen und versuchte Schoßhund zu spielen. Leider war er zu groß, trotz der breiten Schoß meines Weißhelmes. Darum gab sich Aphrodite zufrieden damit den Kopf auf seine Schoß zu legen und leicht zu sabbern. Mr. Nervtö dagegen grabbelte auf den Tisch und hüpfte dann direkt in meine Arme. Er war eifersüchtig. „Aphrodite du Judas. Du kannst dich doch nicht mit dem Feind verbünden“, warf ich mit einem gespielt ernsten Gesicht meiner Hündin vor. Sie sah mich mit einem treuherzigen Gesicht an und öffnete den Mund zu einem gähnen. „Ja, mach dich nur über mich lustig, aber wenn du dann wieder futtern willst, kommst du mit eingezogenen Schwanz zu mir und Mr. Nervtö zurückgekrochen.“ antwortete ich auf seine, für mich eindeutige Antwort. Sunders, dessen Vorname ich nicht kannte lachte und fragte mich, warum meine Tiere so komische Namen hatten. Ich fand die Namen meiner Tiere nicht komisch und darum erklärte ich ihn, dass Aphrodite ihren Namen hatte, weil jeder sie sofort ins Herz schloss und Nervtö einfach nur eine Abkürzung für Nervtötend ist. Mr. hatte ich angehängt, weil er zu stolz war um einfach nur einen Namen zu haben. Grinsend sah mich Sunders an, wärend ich ihn meinen Zoo erklärte und nickte dann. „Also Herr Sunders, womit habe ich denn ihr auftauchen verdient?“, versuchte ich das Thema zu wechseln. „Eigentlich wollte ich sie nur fragen, ob sie mit mir einen Kaffee trinken gehen würden“, antwortete er. „Naja, sie trinken ja gerade Kaffee und ich bin auch da, das kann man schon weten, oder?“ fragte ich ihn mit einem leichten Anflug von einem Lächeln. „Woher haben sie eigentlich meine Adresse? haben sie ihren Status als Polizist missbraucht und meine Akte durchsucht?“, fragte ich. „Nein, aber ich hatte gestern ihren Ausweis in der Hand, falls sie das vergessen hatten. Übrigens sehen sie in diesem Kleid viel besser aus, als in ihrem Kostüm.“ „Echt? Aber das ist doch mein lieblingskostüm“, sagte ich mit gespielt beleidigter Stimme. Ich war mir bewusst, dass ich keine Unterwäsche unter diesem Kleid trug und auch Sunders wurde sich anscheinend bewusst, dass ich zumindest keinen Bh trug, was mir ein Seitenblick auf meine Brüste verriet. Mir war das nicht peinlich. B.H.s waren Tittengefängnisse und ich trug sie nur, wenn ich einen schwachen Moment hatte und mich von der Gesellschaft unterdrücken ließ. Ich setzte Mr. Nervtö auf den Boden und er murrte sauer. Bäh, ein grantiger Kater. „Ich muss leider noch ein bisschen im Garten arbeiten, aber wenn es sie nicht stört können sie sich draußen hinsetzten, dann können wir uns weiter unterhalten.“ Ihn störte es nicht und darum ging ich mit ihm durch die Küchentür in den Hintergarten. Er bestaunte mein Schildkrötenschloss aber fand anscheinend die Bewohner nicht. Sie hatten sich in ihrem Häuschen verkrochen. Ich öffnete das gesammte Dach des Käfigs und musste verschiedenste Gitter dafür auf die Seite legen . Als ich das Gehege betrat kamen A und O rausgetaumelt und gingen auf meine Füße los. Nette Begrüßung. Mr. Sunders hatte sich auf einen Gartensessel bequem gemacht und steichelte Aphrodite, die ihm gefolgt war. Ich hob A auf und brachte sie zu Sunders. Dann legte ich ihn neben seine Füße ab und beobachtete wie Aphrodite A abschnüffelte und dann an seinem nackten Kopf leckte. A zog den Kopf ein und ich musste kichern. „Wie viele Tiere haben sie eigentlich?“, fragte mich Sunders. „Hm. Ich bin der Meinung man kann keine Tiere besitzen. Also müsste die Frage lauten: Wie viele Tiere wohnen eigentlich bei ihnen? Naja, Aphrodite, Mr. Nervtö, A und O und manchmal streunende Katzen. Ein Igel kommt auch jeden Abend und lässt sich durchfüttern. Er heißt übrigens Snape.“ „Das sind ganz schön viele Tiere.“ „Wie mans nimmt, Schönbrunn hat mehr.“ „Also wollen sie den offiziellen Status Zoo anstreben?“ „Wär schon cool so einen Löwen im Garten zu haben, aber ich glaube Mr. Nervtö hat dazu eine andere Meinung“, antwortete ich.

Standard

Leben heißt Leiden. Ein Zitat das mehr Warheit enthält kann ich mir zurzeit nicht vorstellen. Ich hob meine Bürste zum nächsten Strich gegen mein wiederspänstiges Haar. Es hängt in nassen Zotteln über meinen Rücken und lacht mich bei jedem Strich aus, mit dem ich versuche die dicken Knoten, die zwangsläufig nach dem waschen entstehen auszubürsten. Wie oft hab ich schon gehört, dass es sich anhört, als würde man ein Pferd striegeln? Das Problem ist, dass ich mir nur die Haare frisieren kann, wenn sie nass sind. Haben Sie schonmal Locken ausfrisiert? Dann sieht man zwangsläufig aus wie ein Höhlenmensch. Also machte ich mich wieder ans Werk. Es war bereits elf Uhr Abends und ich sollte schon längst im Bett sein. Morgen musste ich früh raus, bevor die Arbeit wieder los geht. Ich hatte noch einige Erledigungen zu machen. Also schmiss ich mich mit meiner besten James-Bond Rolle in mein Bett und versuchte einzuschlafen. Meine Gedanken wanderten noch länger um Dinge, die ich erledigen musste und Rechnungen, die zu zahlen waren, aber dann war ich endlich eingeschlafen und träumte von einem Leben, das viel einfacher und bunter war…

Am nächsten Morgen kroch ich um 6 Uhr aus dem Bett. Die Kaffeemaschine wollte schon wieder nicht funktionieren, aber ich warf ihr einen bösen Blick von der Seite zu und schon läuchtete das rote Lämpchen und ich konnte mich an dem schönen Aroma von Billigmarkenkaffee satt riechen. Zähneputzend wanderte ich durch meine kleine Wohnung und warf die Bücher, die ich noch zurück in die Bücherei bringen musste in meinen großen, alten Rucksack. Ich liebte diesen Rucksack. Da passt mein ganzes Leben rein. Traurig für mein Leben und gut für den Rucksack. Außerdem war er geschmückt mit all den Sachen, die man eben an so einen Rucksack klemmen kann. Einen Button aus England, den mir eine Freundin von ihrer Austauschwoche mitgebracht hat, ein Aufnäher der Rocky Horror Picture Show, die ich liebte, aber noch nie live sehen konnte, weil mir das Geld dazu nicht reichte, eine wunderschöne Vogelfeder, die ich im Park gefunden hatte und viele andere Erinnerungen. Endlich war der Kaffee fertig und ich nahm eine große Tasse und ein wenig Milch dazu. Damit saß ich dann auf meinem ausladenden Fensterbrett und nahm mit kleinen Schucken Leben zu mir. Ja, das Fensterbrett ist auch das einzig tolle an dieser kleinen muffigen Wohung. Aber ich war froh, dass ich sie hatte. Das konnte nicht jeder von sich behaupten. Mit Schuldgefühlen beobachtete ich die Obdachlose, die vor meinem Fenster mit ihren Einkaufswagen runden drehte. Ich sollte mich öfters darüber freuen, dass ich Essen und einen Platz zum schlafen hatte.
Vor dem Spiegel war jeder Kampf auswegslos. Da ich mit nassen Haaren ins Bett gegangen war machte ich mir einen hohen Knoten in die Haare und ging sonst meinen Pflegeprogramm nach. Schminke mochte ich nicht besonders, trotzdem hatte ich einige Dinge, die ich für die Arbeit herauskramte. Aber jetzt konnte ich noch ganz ungeschminkt durch die Stadt laufen. Ich zog mir einen SportBh und ein Höschen an und danach sah ich wie es nach meinen Leggins ging. Ich fand eine ohne Loch im Schritt – der Tag war ja nicht ganz übel. Trotzdem schrieb ich auf meine ToDo Liste: Neue Leggins. Ich glaub das war meine einzige funktionstüchtige. Ich würde die anderen ja nähen, aber jede Mühe war unnötig. Sie waren schon richtig fadenscheinig. Ich hoffte inständig meinen Lohn heute zu bekommen, sonst war ich wirklich aufgeschmissen. ein blau weiß gestreiftes Longshirt kramte ich noch schnell aus meinen Kasten und zog mir dann meine zerfetzten Converse über zwei verschiedene Socken. Ich fand nicht, dass Socken ordentlich aussehen müssen. Mein Rucksack in den einem Arm und eine Tasse Kaffee in den dem anderen rannte ich die Stufen durch das verdreckte Stiegenhaus runter und kam stolpernd auf der Straße an. Die Obdachlose mit ihrem Einkaufswagen bekam leuchtende Augen, als sie mich sah und ich reichte ihr die Kaffeetasse. Zum Austausch gab sie mir die Kaffeetasse, die ich ihr gestern gegeben hatte. Wie immer war sie ausgewaschen und ein kleiner abgerissener Zettel lag in ihr mit einem Zitat darauf. “

Jeder, der sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.“
Ich beneidete die Obdachlose nicht zum ersten Mal um ihre schöne Schrift. Ich hatte keine Ahnung woher sie dieses Zitat hatte, Sie müssen wissen, meine Obdachlose redet nicht mit mir. Ich weiß nicht warum, aber sie hatte, seit ich sie vor drei Jahren kennengelernt hatte noch kein Wort zu mir gesagt. Damals traf ich sie genau an dieser Stelle nach der ersten Nacht in meinem neuen Zu Hause. Vorher hatte ich sie noch aus dem Fenster beobachtet und hatte gesehen, dass sie aus dem Mistkübel der Bäckerei gegenüber eine halbleere Kaffeetogo Tasse hob und sie austrank. An diesem Morgen brachte ich ihr zum ersten Mal ihren Kaffee und heute drei Jahre später freute ich mich jeden Morgen auf mein Zitat. Sie brachte mir jeden Tag die Kaffeetasse vom vortag zurück und hatte noch nie eine verloren, oder abgeschlagen. Und jeden Tag steckte ein anderes Zitat in ihr. Dieses Zitat war mir Dank genug, ich hatte schon eine ganze Kiste davon. Und ich liebte sie wie am ersten Tag. Die Obdachlose lächelte mich an und trag einen Schluck aus der Tasse. Sie war einmal eine schöne Frau gewesen, mit blonden Haaren und einem schönen symetrsichen Gesicht. Heute hatte ihr die Straßen Furchen und Dreck gebracht, die ihr ihre Schönheit stahlen, aber wenn sie lächelte, konnte man noch einen Teil eben dieser Schönheit erkennen. Ich schenkte ihr ein rießiges Lächeln und bedankte mich für das neue Zitat. Die Kaffeetasse verstaute ich in meinen Rucksack und verabschiedete mich, wie jeden Tag, ohne eine Antwort. Als ich am Zeitungsstand vorbei kam, winkte mich der Besitzer heran und schob mir ein Paket zu. Er hatte schon wieder gestern ein Paket für mich angenommen, als ich arbeiten war. „Danke Herr Kobenski! Auf Sie ist wirklich verlass!“, antwortete ich auf sein kleines Lächeln. „Ach, du brauchst dich doch nicht bedanken Luna, du weißt ja wie gerne ich dich sehe, da mach ich auch schon mal den Paketdienst.“
„Gibts was neues aus der Hexenfront?“, fragte ich ihn um mal Smaltalk zu betreiben. Mit der Hexenfront sind die alten grießgrämigen Rentner gemeint, die bei mir in der Nähe wohnten und jeden Morgen über jeden der Mieter in der ganzen Straße lästern mussten.
„Ach, ich glaub Linda hat schon wieder einen neuen, soweit ich das gehört hat und die Katze von Herrn Maier hat in den Garten von Frau Kugler gekotzt.“
„Äh, Sie meinen die Katze von Frau Kugler hat in den Garten von Herrn Maier gekotzt, ich glaub Herr Maier hat einen Hund.“
„Ja, wird schon so sein, Herzchen. Mir ist reichlich egal wer in welchen Garten kotzt, so lange er die Kotze in meinen Garten dann auch wieder weg macht.“ Ich lachte herzhaft und versicherte ihn, ich würde meine Kotze bestimmt wieder wegmachen, falls ich mal in seinem Garten kotzen würde.
Ich verabschiedete mich von ihn und er warf mir noch einen Apfel zu, den ich im weggehen fing. Er versprach mir das Paket noch bis zum Abend aufzuheben, weil ich jetzt keinen Platz mehr hatte (ja, auch das kontingent in meinem Rucksack muss irgendwann voll sein). Unterwegs verspeißte ich meinen Apfen und freute mich darüber, ich hatte nämlich schon wieder vergessen zu Frühstücken. Er war aus Herr Kobenskis Garten und darum besonders saftig.
In der Biblihotek angekommen durchforstete ich die muffigen Regale nach Büchern, die es Wert waren, meine Aufmerksamkeit geschenkt zu bekommen und da fiel mein Blick auf eine Buchreihe die ich schon lange nicht mehr in den Fingern hatte. Also nahm ich die ersten drei Bände und ging zur Kasse. In Erwartung auf die schönen fantasievollen Geschichten mit Vampiren, Werwölfen, Elfen, Geistern und Engeln sah ich den Mann nicht, in den ich genau reinrannte. Er hielt mich auf, so dass ich nicht fallen konnte und lächelte mich dann freundlich an. „Benjamin! Bist du etwa schon aus dem Urlaub zurück? Solltest du nicht nächste Woche erst wieder kommen?“ „Ja, aber meine liebe Frau Mutter ist krank geworden und natürlich mussten wir sofort alles abbrechen und sie nach Hause bringen, bevor sie noch in der Wildnis, die wir Hotel nennen, umkommt. Du kennst sie ja“
„Ach, das ist schade für euch. Aber ich freu mich, dass du wieder da bist, ich hätte nicht gewusst wie ich ohne Dich noch eine Woche überleben hätte können.“, warf ich mit einem koketten Augenaufschlag hinterher. Er nahm die Hände von meinen Oberarmen und wurde sogar leicht rosa auf den Wangen. „Das freut mich, kleine Hexe, dass du mich so vermisst. Hast du Zeit für einen Kaffee, oder muss ich dich schon wieder mit der gesammten Menschheit teilen.“ „Tut mir leid, ich muss Mal wieder die gesammte Menschheit mit meiner Anwesenheit beglücken und vor allem die, von die, die die Stromrechnung ausstellen. Die haben da schon wieder was falsch gemacht.“
„Gut, ich komm die Tage vorbei und versuchs einfach noch Mal bei dir.“, schob Benjamin nach. Ich wusste er war endtäuscht, aber ich hatte wirklich einiges zu erledigen. Also verabschiedete ich mich und ging zur Kassa. Ich hatte einen Bücherreiausweiß der auf eine Schülerin ausgestellt war, obwohl ich schon länger keine Schülerin mehr war. Das war der netten Besitzerin der Bücherei zu verdanken, die mich einmal in Tränen aufgelöst vor ihrem Tor fand und der ich erzählte, ich könnte mir einfach keine Mitgliedschaft leisten. Sie meinte, jeder müsste die Möglichkeit haben zu lesen. Und gab mir dann äußerst illegal meinen Bücherreiausweis, für den ich nichts zahlen musste. Die alte Dame war heute leider nicht da, sonst hätte ich mich mit ihr über ein Buch unterhalten können, dass sie mir empfohlen hatte und ihr dazu gratulieren, dass sie mal wieder meinen Geschmack getroffen hatte. Sie war genau so wie ich von Fantasy-Geschichten mit einer kleinen Romanze begeistert und fröhnte ihr Hobby noch zeitaufwändiger als ich. Es gab kein Buch in meinem Genre, dass sie noch nicht gelesen hatte. Aber sie hatte mir auch einige Jahre vorraus.
Ich gab die Bücher zurück und borgte mir die neuen aus.
Danach lief ich zur Ubahn, die mich zu dem Unternehmen bringen sollte, bei dem ich Strom bezog. Sie hatten mal wieder meine Anschrift verwechselt und meine Stromrechnung kam zum Nachbarn. Was ja nicht all zu schlimm war, aber auch die Mahnungen liefen zum Nachbarn und ich wollte nicht dass die Hexen davon erfuhren, dass ich mir nicht immer pünktlich die Stromrechnung leisten konnte. Ich hätte das alles auch per Handy, oder per E-Mail regeln können. Leider besaß ich keinen Telefonanschluss und mit Emails kannte ich mich gar nicht aus, weil ich auch keinen Computer besaß. Der persönliche Weg ist doch sowieso der freundlichste. Sollte man denken. Ich stritt mich eine geschlagene Stunde mit einem pickeligen Typen herum, der mir einfach nicht helfen wollte. Ich war nie auf den Mund gefallen und hatte einiges an Temperament. Das veranlasste den pickligen Jungen dazu, meine Anschrift endlich zu ändern und seinen Fehler zuzugeben. Danach fragte er mich, ob ich mit ihm auf einen Kaffee gehen wollen würde. „Sorry, ich steh auf das andere Geschlecht.“, antortete ich ihn. Das stimmte nicht, aber ich wollte mich nicht mit ihm treffen. Nicht, dass ich mich selbst für etwas besseres halten würde, aber ich traf mich mit keinen potentiellen Sexualpartner und nein, ich war auch nicht lesbisch. Ich wollte nur eben nicht so viel Körperkontakt. Er antwortete mir:“ Was“ , oke, wenn ich mich schon mit jemanden treffen würde, dann doch mit einem Menschen der die nette Floskel „Wie bitte“ kennt. Also erklärte ich ihm nocheinmal, dass er das falsche Geschlechtsteil hat und falls er sich umoperieren will, kann er sich ja wieder melden. Das verstand er dann endlich und ließ mich in Frieden.
Am Weg zurück versuchte ich möglichst viele Menschen anzugrinsen. Das war eine Taktik von mir, wenn ich schlecht drauf bin. Zuerst ist dein Grinsen noch falsch, aber wenn dir dann eine nette alte Omi, oder ein kleines Kind, sein Grinsen schenkt, wird dein Lächeln echt und dann geht es einem schon viel besser.
Ich lief direkt nach Hause um mich umzuziehen. Ich schlüpfte in eine enge Jeans und ein ebenso enges Schwarzes T-shirt mit dem Logo der Bar, in der ich arbeitete. Ich wusste zwar, dass ich mit Rock mehr Trinkgeld bekommen würde, aber ich hasste es, wenn mich jemand bevorzugte, nur weil ich meine Beine zeigte. Ich band meine Haare neu und ließ ein paar Haarsträhnen plus Stirnfransen frei und schon machte ich mich mit meinem alten Begleiter, dem Rucksack auf den Weg zur Arbeit. Als ich ankam war es schon kurz nach drei Uhr am Nachmittag. Ich fuhr fast eine Stunde zu meinem Arbeitsplatz, aber das zahlte sich aus. Meine Kollegen waren jung und nett und vor allem fragte mich keiner nach meinem Alter. Sie müssen wissen, ich benahm mich zwar nicht wie 16, aber körperlich war ich eben so jung. Mit 16 darf man leider noch nicht alleine wohnen und in einer Bar arbeiten, aber das hielt mich eindeutig nicht davon ab, wie so sicher schon bemerkt hatten. Ich nahm den Platz hinter der Bar ein und begrüßte meinen Kollegen. Gegen ihn sah ich dann doch aus, wie ein kleines Kind. Seine Arme und sein Genick waren mit wilden mustern tattowiert und seine blauen Haare stichen sich mit den grünen Augen. Aber er war nett, wie ein Vater, den ich nie hatte. Also, ich hatte einen Vater, aber nicht so einen. Er passte immer gut auf, dass die anderen gut nach Hause kam, oft fuhr er mich auf. Dass wir alle genug tranken und genug aßen. Apropos, ich hatte total vergessen etwas zu essen. Außer einem Apfel, den Kaffee am Morgen und eine flasche Wasser hatte ich noch nichts intus. Ich versuchte nicht zu schuldig auszusehen und wischte den Tresen. Ich glaube, er hatte meine Gedanken gelesen. Denn er kam schon mit einem wissenden Blick zu mir herüber und hielt mir ein Sandwich hin. „Noch nichts gegessen, hm?“ „Äh, oja. Ich hab gefrühstückt!“ – einen Apfel kann man doch Frühstück nennen, oder? „Jetzt nimm schon und iss, du siehst total käsig aus.“ „Das nennt man noble Blässe, du ignorant“, ärgerte ich ihn liebevoll. Schnappte mir aber dann das Sandwich, sah ihn dankbar an und verschwand für 10 Minuten in den liebevoll ausgestatteten Raum für Angestellte. Voll kam ich zurück und schob einem alten Bekannten ein Bier vor die Nase. „Hallo, George.“ begrüßte ich den Stammgast, der an der Theke saß. „Heute nur drei Bier, ich wisch nicht wieder dein Erbrochenes auf.“
Schuldbewusst senkte er seinen Blick. Ich wusste genau, dass es nicht bei drei Bier bleiben würde. Vielleicht hatte er sogar vorher schon etwas getrunken, aber ich wollte ihm nocheinmal darauf hinweißen, dass es kein Vergnügen für mich war, am Boden zu kauern und erbrochenes Bier aufzuwischen.Vielleicht gab er mir ja einmal mehr Trinkgeld, für meine Dienste. George war jeden Abend hier und betrank sich auch jeden Abend, aber wenigstens brach er nicht jeden Abend. Er war unser Stamm-Alkoholiker. Es tat mir leid, ihn so zu sehen, aber ich war nicht seine Mutter und ich wusste nicht warum er trank. Wenigstens wurde er nicht aggressiv, die konnte ich nämlich gar nicht leiden. „S‘ tut mir Leid, Lunachien. S‘nächste Mal pass ich besser auf.“ Na wenigstens etwas. Er konnte ja in Kobenskis Garten kotzen, wenn ers noch schafft es weg zu machen. Lachend betraten Benjamin und seine schwester Lisa die Bar. Ich schätze es war Benjamins Idee, mir heute ihre Gesellschaft zu schenken. Lieb von ihnen. „Hallo Kinder!“, rief ich ihnen zu. Ich wusste dass Benjamin 19 war und seine Schwester 18. Sie glaubten allerdings dass ich 21 war. Wie sich eine 16 jährige als 21 Jährige ausgeben kann? Gefälschter Ausweis und genug Selbstbewusstsein und Reife. So irgendwie geht das schon, obwohl ich immer wieder komisch angeschaut werde.
Ich schon Benjamin sein obligatorisches Cider hin und seiner Schwester einen Whisky mit Cola. Liebevoll betrachte ich meine zwei Freunde und freute mich doppelt darüber, dass sie schon wieder aus dem Urlaub zurück waren. „Ach Luna, du solltest dir endlich ein Handy zulegen. Ich wollte dir ja bescheid sagen, dass ich komme, aber keiner konnte dich auftreiben.“
„Nicht jedem wird das Geld von seinen Eltern in den Arsch geschoben, Benji.“, erinnerte ich ihn und machte mich daran ein paar andere zu bedienen. Gegen Acht wurde das Lokal voll und ich musste mehr und mehr beschleunigen um alle glücklich zu machen. Gegen neun wurde es wieder etwas leiser und ich konnte mich mit meinen Freunden unterhalten, die noch immer brav an der Bar saßen. Lisa hatte sich wohl langsam jemanden schön gesoffen und blinzelte andauernd zu einem Jungen rüber, der aber anscheinend mehr damit kämpfen musste, seine Tequilla zu kippen. Ich lehnte mich über die Bar und flüstete ihr beschwörerisch ins Ohr, sie sollte doch einfach mal zu ihm gehen. Da blickte sie mich schokiert an und meinte: „ Nein, das trau ich mich nicht.“ „Jetzt sei nicht immer so ängstlich, Lisa. Du bist hübsch, du brauchst dir keine Sorgen machen.“ „Du sprichst doch auch mit niemanden, Luna.“ „Ja, aber nur weil ich derzeit keine Penise in meiner Umgebung mag.“ „Und was ist mit mir?!“ – Benjamin bekam große Augen. „Ach, dich mag ich immer um mich.“ Zufrieden lehnte sich Benjamin wieder zurück und blickte zu seiner Schwester, die bei dem Wort penis richtig rot geworden war. „Jetzt komm schon, das Wort Penis ist jetzt nicht wirklich schlimm.“ „Jetzt sei nicht so pervers.“ „Wenn ich pervers sein wollte, würde ich Pimmel sagen.“
Da die Musik richtig laut war, mussten wir unser ganzes Gespräch schreien und das war natürlich auch der Grund, aus dem ich das Wort Pimmel quer durch den Raum rief. Leider hatte ich nicht gemerkt dass die Musik ausgegangen war und jeder durfte mein geschrieenes Pimmel hören. Lisa kicherte und Benjamin brüllte richtig vor lachen. Andere fielen mit ein und noch andere fragten sich sichtlich was ich mit diesem Wort zum Ausdruck bringen wollte.
Ich begegnete den Blick eines Mannes, den ich hier in der Bar noch nie gesehen hatte. Er wäre mir aufgefallen. Seine Augen waren so blau, kein menschliches Wesen konnte so blaue Augen haben. Das mussten Kontaktlinsen sein. Seine Zähne waren strahlend weiß und auf seinen kantigen Gesicht macht sich ein Bartschatten bemerkbar. Er sah wunderschön aus. Solche Sorte von Menschen die zwangsläufig eingebildete, unterbelichtete Unterwäschemodels sein müssen. Ein schiefes Grinsen belohnte meinen Pimmel-Auftritt.
Ich hatte ihn schon zu lange angestarrt und es fiel ihm anscheinend auf. Darum drehte ich mich um und goss ein neues Bier in ein Glas. Ich hatte keine Ahnung für wem das Bier war, aber ich wollte nicht so unnötig herumstehen. Gut, Georges Bier war leer, also schob ich es ihm hin und sagte:“ Geht auf mich“. Immerhin hatte ich es ihm aufgedrängt. Freudestrahlend und betrunken lächelte mich mein Lieblingsalki an und sagte: „Aber es ist schon mein viertes!“ . Wers glaubt, George. „Macht nichts, aber wenn dir schlecht wird sag bescheid.“ Tut er doch eh nicht. Ich sah wie der Tequilla Junge langsam auf die Bar und Lisa zukam und freute mich diebisch darüber. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht näherte ich mich Lisa, damit ich mithören konnte. Ich war eben auch nicht frei von Neugierde. Doch was dann geschah konnte ich nicht wissen. Der Neuankömmling zog mir fest am Dutt meiner Haare. Das machte mich richtig wütend. Niemand fasste mich ungewollt an und schon gar nicht in so einer herabwürdigenden Geste, wie an den Haaren zu ziehen. George, Benjamin und Lisa hielten spürbar die Luft an. Sie wussten was mit solchen Leuten passiert. Ich drehte mich Zähne fletschend um und sah den Tequilla-Jungen, der langsam zum schielen begann mit vor Wut geweiteten Augen an. Ich fing an zu grinsen und flüsterte mit einer tiefen, gerade so lauten Stimme, dass er es noch verstehen konnte:“ Wenn du mich noch einmal ungefragt anfasst, nehm ich deine Eier und zieh sie so lange, DASS DU SIE ALS SCHAL VERWENDEN KANNST.“ Ich muss zugeben, bei den letzten Worten gefrohr mein Grinsen und ich wurde auch ein bisschen lauter. Schon wieder sah mich die ganze Bar an und Flo, mein tattowierter Kollege kam jetzt auch noch dazu, indem er sich mit verschrenkten Armen hinter mir aufbaute. Der Tequilla-Typ antwortete:“ He, jetzt reg dich ab, Kleines.“ Gut, jetzt sah ich endgültig rot. Woher nahm der Typ die Frechheit mich kleines Zu nennen, oder mir zu sagen, wie ich mich fühlen sollte. Doch Flo schob mich auf die Seite und sagte mit ruhiger Stimme:“ Meine Angestellten werden nicht angefasst und sie haben einen Namen. Wenn du mir noch einmal unangenehm auffällst, fliegst du in hohen Bogen vor die Tür. Und deine Freunde gleich mit.“ „Das muss ich mir nicht gefallen lassen, immerhin bin ich Kunde und bezahle gutes Geld.“ Das ging jetzt auch für Flo zu weit. Ich sah wie sich die Adern auf seinen Hals deutlich abzeichneten. „ Dein gutes Geld kannst du dir in den Arm schieben, Kleiner. Mein Laden läuft auch gut genug, ohne so kleine Ratten wie dich zu verköstigen.“ Damit hatte er recht. Sogar unter der Woche war dieser Laden immer proppenvoll. Mit eingezogenen Schwanz verpisste sich der Junge wieder zu seinen Freunden und flüsterte ihnen etwas zu. Bald waren sie auf den Weg zur Türe und liesen mich noch einmal einen giftigen Blick spüren. Ich hatte aber so viel zu tun, dass ich nicht viel darüber nachdachte. Das Trinkgeld war heute wieder gut und ich wollte noch ein bisschen mehr davon einheimsen, damit ich mir morgen nicht nur eine Leggins kaufen konnte.
Benjamin grinste mich andauernd an, wenn ich bei ihm vorbeiging und mir fiel noch mehr auf, wie ich sie vermisst hatte. Sie waren meine einzigen Freunde. Ich liebte sie, aber ich hatte auch oft Schuldgefühle, dass ich ihnen nicht viel von meinem Leben erzählen konnte. Sie hatten aufgehörtmich über mein früheres Leben, meine Eltern und wie ich aufgewachsen war, auszufragen. Ich hatte prinzipiell niemanden davon erzählt, es war einfach zu gefährlich. Ich war 13, als ich von zu Hause weggelaufen war. Mit 13 durfte man nicht alleine leben, sondern man wurde dem Staat unterstellt, und das wollte ich nicht riskieren. Aber ich konnte auch nicht mehr bei meinen alkoholkranken Vater leben. Er hatte begonnen zu trinken, als ich sechs war. Kurz nach dem Tod meiner Mutter. Sie war an Lungenkrebs gestorben. Ich hatte sie sehr geliebt. Auch meinen Vater hatte ich sehr geliebt, aber nachdem sie gestorben war, starb auch der liebevolle Teil meines Vaters. Ich war ein Kind, dass nach dem Tod seiner Mutter zuspruch von einem liebevollen Elternteil gebraucht hätte, aber alles was ich bekam war ein Vater, den es nicht aufgefallen wäre, wenn ich gestorben wäre. Vielleicht hätte er es irgendwann gerochen. Er hat getrunken und wurde aggressiv. Er hat mir die Schuld an dem Tod meiner Mutter gegeben, wie ich an Krebs verantwortlich sein kann, weiß ich bis heute nicht, aber als Kind habe ich wirklich daran geglaubt. Ich dachte ich würde Krebs verursachen. Er hat mich oft bis in die Nacht angeschrien und ich konnte am nächsten Tag in der Schule kaum die Augen offen halten. Obwohl ich ein fotografisches Gedächnis hatte, konnte ich mich kaum konzentrieren und meine Noten wurden schlecht. In der Schule dachten sie, ich wäre einfach nur dumm. Freunde konnte ich keine finden, weil sie mich auch alle komisch fanden und irgendwann hatte ich dann einfach ganz aufgehört zu reden. Ich wollte nicht, dass sie mir Dummheit andichteten, also lies ich mich einfach als gestört abstempeln. Als ich 8 War, wurde ein Jugendamtmitarbeiter auf mich aufmerksam. Er steckte mich in das Führsorgesystem und mein Vater wehrte sich nicht dagegen. Seit dem habe ich ihn nie wieder gesehen. Ich wurde von einer Pflegefamilie zur anderen geschickt. Keiner brachte mich wieder zum sprechen. Die meisten waren auch nicht daran interessiert, nur an dem Geld, was sie durch mich bekamen. Mit 11 war ich dann auch das letzte Mal in der Schule. Die Pflegefamilie, bei der ich gelandet war, hatten mich gezwungen ihre Drecksarbeit zu erledigen. Sie liesen mich putzen, waschen und kochen. Ich hatte keine Zeit mehr und war einfach zu müde. Die Mutter lachte mich aus, auf den Wunsch, wie alle anderen Kinder zur schule zu gehen und der Vater war am grausamsten. Er schlug mich, wenn ich ihn wiedersprochen hatte. zuerst nur leicht ins Gesicht, aber es schien ihn immer mehr zu gefallen, also schlug er mich in den Bauch und auf den Rücken, wo man es nicht mehr so leicht sehen konnte. Zuerst nur mit der Hand, dann mit allen Utensielien, die er finden konnte. Mit einem Gürtel, einmal auch mit einem Baseballschläger. Daraufhin hatte ich Blut gespuckt. Mit den Schlägen konnte ich umgehen, nach einer Zeit dachte ich sogar, ich hätte sie verdient, weil ich nicht richtig war. Weil ich Krebs verursachte. Aber als er sich immer sicherer fühlte, begann er mich anzufassen. Er tat mir dabei weh. Drückte meine Brüste, die noch im wachsen waren. Zwickte mich in den Bauch, die Oberschenkel, den Po und streichelte mich dann auch wieder, mit seinen kalten, schwitzigen Händen. Ich konnte seinen Bart noch heute an meinen Körper spüren und seinen Geruch nach abgestandenen Bier und Schweiß noch heute riechen. Er küsste mich. Zwang mir brutal seine schleimige Zunge in den 12-Jährigen Mund. Er sagte mir, wie schön ich sei. Und er tat mir grausame Dinge an. Eines Tages, an meinem 13. Geburtstag, der natürlich nicht gefeiert wurde, kam er wieder in mein Zimmer. Er sagt ich wäre jetzt so weit, ihm mehr freude zu schenken und zog mir mein kindliches Höschen von den Beinen. Ich bekam Panik. Ich wusste was Geschlechtsverkehr war, ich hatte davon gelesen und ich hatte panische Angst davor. Er spreizte mit seinen Beinen, meine Beine und zog sich die Hose runter, unter der er nie eine Unterhose trug. Mir schlug ein grauslicher Geruch nach Urin und Bier in die Nase und da sah ich rot. Ich strampelte mich frei und schlug mit meinen kleinen Händen auf ihn ein. Er war nicht besonders groß und muskulös, aber meine Hände konnten auch nicht viel ausrichten. Also nahm ich meine Lampe von dem Nachttisch und schlug sie ihn mit voller Wucht auf den Kopf. Er wurde Ohnmächtig. Mein fotografisches Gedächnis half mir noch heute, jedes Detail in diesem Bild zu erkennen.Er lag auf den Bauch, mit runtergelassener Hose auf meiner Pokemon Bettwäsche. Ich wusste damals, dass ich verschwinden musste. Aber ich hatte keine Ahnung, ob ich ihn umgebracht hatte. Ich nahm seine Geldbörse aus seiner Gesäßtasche und fand 900 Euro. Er musste heute seinen Lohn bekommen haben. Ich stahl den Mann sein Geld und nahm nur meinen Rucksack, den ich noch immer hatte. Dort steckte ich ein Bild meiner Mutter rein, eine Halskette. Einen Teddybär und ein paar Tshirts, unterhosen und Socken. Dann machte ich mich auf den Weg in ein neues Leben. Ich wollte nicht wieder zu einer anderen Pflegefamilie, außerdem wusste ich nicht, was sie mit mir machen, wenn ich den Mann getötet hatte. Ich wollte nicht ins Gefängnis. Ich sprang in den nächsten Bus und setzte mich in die letzte Reihe. Dort fuhr ich eine Stunde, bevor mich eine alte Frau ansprach. Sie setzte sich mit ihren wuchtigen Körper neben mich und reichte mir ein Taschentuch. Bis dort hin wusste ich noch nicht, dass ich geweint hatte. Meine Nase lief und mein bunter Schal, den ich trug, war Tränennass. Sie sah mir mit einem freundlichen, aber besorgten Ausdruck ins Gesicht und fragte mich nach meien Namen. Ich musste mir schnell etwas ausdenken, also gab ich den Spitznamen, den mir meine Mama gab an, Luna. Luna wie der Mond. Sie sagte, ich hätte einen schönen Namen und warum ich weine. Ich meinte, ich würde weinen, weil das Leben nur aus Leiden besteht und ich nicht mehr Leiden wollte. Sie meinte, ich wäre sehr erwachsen und fragte mich, wie alt ich sei. Ich erzählte ihr, ich sei 17. Sie fragte mich, wo meine Eltern waren, aber wurde nicht skeptisch. Ich war frühreif. Ich sagte ihr, meine Mutter sei an Krebs gestorben und mein Vater bei einem Autounfall. Das war meine erste richtige Lüge. Sie glaubte mir. Sie nahm mich in den Arm. Ich hatte Angst, weil ich mich nicht mehr daran erinnern konnte, wie es war, in den Arm genommen zu werden. Die einzige Zärtlichkeit, die ich kannte, waren die schweißnassen Streicheleinheiten meines Pflegevaters. Sie spürte, wie mein Körper sich versteifte und lies mich los, aber hielt meine Hand fest in ihrer. So viel Körperkontakt konnte ich ertragen, auch wenn es mir sehr komisch vorkam und ich mich erst daran gewöhnen musst. Ich stellte es mir einfach wie ein sehr langes Händeschütteln, ohne schütteln vor. Sie fragte mich, wo ich aussteigen müsse, Ich sagte ihr, dass ich es nicht weiß, ich hatte keine Wohnung. Sie fragte nicht weiter. Sie brachte mich zu sich nach Hause. Ja, ich ging mit einer fremden mit, aber ich hatte auch Angst vor einer Nacht auf der Straße. Sie hieß Maria, wie die Mutter von Jesus. Das sagte sie mir damals. Aber sie wollte sich nicht mit der Mutter von Jesus gleichsetzen, sie erklärte mir nur, dass man sich so ihren Namen merken konnte. Aber ich hätte ihren Namen nicht vergessen. Sie war die erste, mit der ich seit Jahren ein Wort gesprochen hatte, Ich würde sie niemals vergessen, das sagte ich ihr aber nicht. Ich sagte ihr aber auch nicht, dass ich Krebs verursachen würde und schläge verdiente. Ich hatte Angst, dass sie dann nicht mehr nett zu mir wäre und mich wegschicken würde. Sie fragte mich, ob ich zur Schule ging. Ich sagte ihr, dass ich fertig damit wäre. Sie sah mich komisch an. Ich sagte ihr, dass ich ein fotografisches Gedächnis hätte und so schneller war, mit der Schule. Schon wieder eine Lüge. Sie fragte mich, was ich jetzt machen wollte. Ich sagte ihr, ich würde eine ehrliche Arbeit haben wollen. Sie behielt mich. Ich wohnte ein halbes Jahr bei ihr im Haus und arbeitete bei ihr im Haushalt. Sie halste mir nie zu viel auf, obwohl ich viel Arbeit gewohnt war. Ich konnte in meiner Freizeit viel lesen und lernen. So eignete ich mir Englisch an, ich sprach es fließend. Auch französisch konnte ich sprechen und spanisch verstehen. Alles durch Bücher und CDs, die mir vorsprachen. Sie umarmte mich nie wieder, aber strich mir über die Haare und hielt meine Hand. Am Anfang hatte ich Angst davor, aber ich fühlte mich immer wohler. Ich glaub sie weiß, dass ich sie belogen hatte, aber sie ignorierte es. Sie war wie eine Mutter und ein Vater gleichzeitig, aber zu viel Liebe ließ ich nicht zu. Ich war selbstständig und das spürte sie. Sie sagte immer, ich wäre ihre Mitbewohnerin. Ich putzte, kochte und machte Wäsche. Aber sie half dabei. Und bei ihr machte ich es gerne. Nach einer Zeit kamen ihre Enkel vorbei. Benjamin und Lisa. Sie waren älter als ich, aber nicht als mein gelogenes Ich. Sie nannten mich alle Luna, meinen Nachnamen hatte ich auch erfunden. Bellefleur. Wie in einem Buch, dass ich gelesen hatte. Irgendwann fiel ihnen auf, dass ich keinen Ausweiß besaß und meinten, ich sollte mir einen machen lassen. damals wurde ich 14, oder auch 18. Ich hatte Angst, ich existierte eigentlich gar nicht. Ich wollte auch nicht meinen richtigen Namen angeben, ich hatte Angst, dass ich gefunden werde. Also ging ich zu einem Mann, der Dokumente fälschte. Er fragte nicht viel. Er fragte wie ich heiße und wie alt ich wäre. Ich log und hieß ab dem Moment wirklich Luna Bellefleur. Mein Ausweiß und meine Geburtsurkunde sahen echt aus und so fand ich auch den Job in der Bar und konnte mir eine eigene Wohnung suchen. Ich war jetzt nicht mehr Lilian Klober, so wie ich früher hieß. Ich war Luna Bellefleur. Mein altes, 14 jähriges Ich existierte nicht mehr. Benjamin und Lisa wurden meine Freunde und ich wurde selbstständig. Jeden Sonntag besuchte ich Maria, die mich bat sie Oma zu nennen und wurde von ihr bekocht. Ich brachte ihr Kuchen und so wurde es ein Ritual, dass ich liebte. Sonntag Nachmittag war Oma Maria Zeit und um kein Geld der Welt würde ich mir die Oma Maria Zeit mit den Streicheln über den Kopf und den Händchenhalten nehmen lassen.
In der Bar ging es noch hoch zu, obwohl es schon nach Mitternacht war. Mein Trinkgeld wurde immer mehr und die Laune der Leute immer besser. Ich spürte oft einen stechenden Blick im Rücken, aber ignorierte ihn. Ich lächelte durchgehend und scherzte mit den Leuten, damit wurde mein Trinkgeld noch höher.
Dann kam der wunderhübsche Mann zur Bar. Das war das erste Mal, dass er zu mir kam und nicht zu Flo, der eigentlich auch Zeit hatte. Ich lächelte ihn an und fragte:“ Was bekommen Sie?“. Normalerweise duzte ich die Menschen, aber bei ihm kam mir ein Bedürfnis, höflich zu sein. Er sagte: „ Einen Whisky, Bitte. Und schenken Sie sich selbst auch etwas ein, ich lade Sie ein.“ Er war auch höflich, das fand ich gut. Ich schenkte ihn ein ehrliches Grinsen und sagte: „Wenn das so ist, dann nehm ich mir eine Cola.“ Er sah mich mit gerunzelter Stirn an und fragte: „ Wollen sie nicht lieber etwas Alkoholisches? Oder dürfen die Angestellten nicht trinken?“ „Das dürfen sie schon, aber ich trinke nicht.“ Ich trank wirklich keinen Schluck alkohol. Mein neues Ich war zwar schon 20, aber mein altes ich erst 16. Und ich hasste Alkohol. Alkohol hatte meine Familie zerstörrt und ich wollte nicht, dass es mein neues Ich zerstörrte. „Ist das nicht anstrengend, in einer Bar zu arbeiten und keinen Alkohol zu trinken?“, fragte er mich. „Warum? Es gibt doch auch Vegetarier, die in einem Restaurant mir Fleisch arbeiten, oder Trafikanten, die nicht rauchen.“ Er grinste mich an und antwortete: „ Wenn man das so sieht…“. Dann prostete er mir mit seinem Whisky zu und stellte sich neben Lisa, um mit ihr zu plaudern. Es war angenehm, dass er nicht mehr mit mir redete, obwohl ich ihn sehr nett fand. Ich musste mich aber konzentrieren und arbeiten. Immer wieder sah ich zu Lisa und Benjamin und sah wie sie sich angeregt mit dem Neuen unterhielten und auch öfters zu mir schielten. Ich hoffte inständig sie redeten nicht über mich, oder sagten zumindest nichts schlimmes. Gegen drei schlossen wir und machten uns ans zusammenräumen. Der Mann mit den schönen Augen, dessen Namen ich noch nicht einmal kannte, verabschiedete sich noch nett von mir und meinte, wir würden uns wieder sehen. Warscheinlich würde er öfters kommen. Benji und Lisa verließen zeitgleich mit ihm die Bar und irgendwann waren Flo und ich dann ganz alleine. Flo bestellte eine Pizza, wie oft nach der Arbeit und überließ mir die Hälfte. Wir bestellten uns fast jeden Abend, wenn wir gleich Schicht hatten wo anders etwas zu essen. Manchmal nahm ich auch etwas gekochtes mit. Nachdem ich alle Gläser in den Geschirrspüler gestellt hatte und abgewaschen hatte. Er den Boden aufgekehrt und aufgewaschen hatte und ich alle Oberflächen geputzt hatte, war es auch schon Vier Uhr in der Früh. Wir rechneten ab und aßen dabei Pizza. Ich hatte 90 Euro Trinkgeld, das war wirklich viel für einen Abend. Ich streckte Flo Fünf Euro mit meiner Hand hin, für die Pizza, aber er lehnte ab. Wie eigentlich jeden Abend. Versuchen kann man es ja mal. Danach übergab ich Flo den Rohgewinn. Ich hatte noch nie Minus gemacht. Noch nie auch einen Cent zu wenig gehabt. Ich konnte mit Zahlen umgehen. Meine Kolleginnen rechneten oft mit dem Taschenrechner alles zusammen, wenn die Rechnung lang war. Aber das brauchte ich nicht. Ich war im Kopf schneller, als der Taschenrechner. Ich wusste immer auf den Cent genau, wie viel man bezahlen musste und ließ mich niemals reinlegen. Ich wusste eben wie wertvoll der kleinste Cent war. Flo nahm den Umsatz ohne Nachzuzählen. Oft schimpfte ich ihn dafür. Aber er zuckte darauf nur mit den Schultern und meinte, ich würde besser zählen können, als er. Er musste sich keine Sorgen machen. Meine Rechnungen waren Centgenau. Das Lob freute mich jedes Mal. Es war was ganz besonderes für mich, dass mir jemand sagte, dass ich etwas gut kann. Das war ich nicht gewöhnt.
Flo wollte mich mit dem Auto nach Hause fahren und das nahm ich auch dankend an. Wärend er noch die Buchhaltung fertig machte, ging ich schon an die frische Luft. Ich war noch viel zu aufgedreht von der Arbeit. Ich lief zu Flos auto und lehnte mich dort an. Ich sah in den Himmel und suchte nach Sternen. Hier in der Stadt sah man nie viele Sterne, aber ein paar kann man manchmal erkennen. Ich fand einen besonders großen und erinnerte mich daran, dass meine Mutter meinte, es wär mein Stern. Der große gehörte immer mir. Ich war abgelenkt von den Erinnerungen meiner Mutter und bemerkte nicht, dass ein paar betrunkene Gestalten zu mir wankten. Erst als mir der verhasste Geruch nach abgestandenen Bier und Schweiß in der Nase stach, bemerkte ich ihre Anwesenheit. Das war knapp bevor mich der erste am Oberarm fasste und fest zurdrückte. Es tat weh. Ich sah dem Mann in die Augen und erkannte den Tequilla-Jungen wieder. Er wollte sicher, dass ich für meine aufmümpfigkeit bezahlte. Kurz bekam ich Panik. In den Gedanken war ich wieder bei meinem Pflegevater und der Misshandlung. Dann wurde diese Panik zu Wut. Zu so viel Wut, wie nur eine misshandelte junge Frau haben kann. Ich schubste den Jungen weg und schrie ihn an, er solle sich verpissen. Darauf antwortete er: „ Du has was gudsumachen, kleiness.“ Sein stinkender Atem flog in mein Gesicht. Das war wirklich ekelhaft. Mit fester Stimme antwortete ich ihn: „ Verschwinde einfach. Und nimm deine Freunde mit.“ Das wollte er anscheinend nicht hören, denn er packte schon wieder meinen Oberarm und drückte mich mit seinem Unterkörper gegen den Wagen. Es war so ekelhaft, dass ich kurz dachte, ich würde mich übergeben. Um ehrlich zu sein, habe ich schon darauf gehofft. Wissen Sie eigentlich wie erfolgreich beim vergraulen es ist, jemanden anzukotzen? Aber nein, ich schluckte kräftig und sah den Jungen mit großen, hasserfüllten Augen mitten ins Gesicht. Eine warme Stimme kam von der anderen Seite des Wagens zu mir herübergeflogen und meinte:“ Lass sofort die Frau los.“, aber er hörte nicht darauf. Er nahm mich noch fester am Arm und spreizte mit seinen Beinen, meine Beine. Das war der Startschuss. In meinen Augen verwandelte sich das Gesicht des Tequilla-Jungen in die Fratze meines Pflegevaters. Die Wut in mir wurde Gewaltig. Vor meinen Augen stand wieder der Mann, der mir jahrelang weh getan hat. Der mir jede Chance auf eine normale Beziehung zu einem Mann nahm. Der mir Angst vor Sex und sogar vor den kleinsten Berührungen gebracht hatte. Der mir mein Leben kaputt machte. Ich stieß mich mit meinen Beinen ab und hüpfte auf die Moterhaube, so dass ich jetzt darauf saß. Ich sah das glitzern in den Augen des Mannes, der mich bedrängte und wusste, er dachte jetzt würde ich nachgeben. Doch ich lehnte mich blitzschnell ein wenig zurück und stützte mit meinen Händen meinen Körper. Dann hob ich mein Bein, bog es zurück und trat ihn mit voller Wucht ins Gesicht. Ich hörte seinen Aufschrei und es brachte mich zum lachen. Ich war herzlos und grausam, aber ich konnte nicht anders. Das Blut spritzte aus seiner Nase. Er krümmte sich nach vorne und hielt seine Hände an sein Gesicht gepresst. Ich trat ihn noch fest auf den Fuß und er ging auf die Knie. Seine Freunde sahen mich mit vor Schock geweiteten Augen an und einer, der genug Mut besaß, ging dann langsam auf mich zu. Er holte aus und wollte mir direkt ins Gesicht schlagen. Er war allerdings viel zu schwer und hatte zu viel Schwung in den Schlag gegeben. Ich duckte mich unter seinen Arm hindurch und er viel durch den Schwung fast um. Ich trat ihn gegen seinen Rücken und er landete auf dem Gesicht. Er lag da breitbeinig und ich konnte nicht wiederstehen. Ich trat ihn so fest, in die Hoden, dass es sich anfühlte, als würde mein Zeh brechen unter dem Sportschuh. Er schrie wie ein Mädchen und legte sich in Fötusstellung. Ich drehte mich blitschnell um und schrie die restlichen an: „ Wer will als nächstes?“ Die verbliebenen zogen ihre zwei beschädigten Freunde auf die Füße und machten sich vom Acker. Ich stand da, mit geballten Fäußten und sah ihnen hinterher. Meine Atmung war schnell und mein Herz raste. Ich hatte noch so viel verbliebene Erergie und so viel aufgestute Wut. Als mir jemand von hinten sanft auf die Schulter griff, sah ich wieder rot und drehte mich unter der Berührung. Ich schubste den Mann und er fiel nach hinten. Die Motorhaube fing seinen Sturz ab und so landete er nicht auf den Boden. Ich wusste sofort wer er war. Der wunderschöne Mann aus der Bar. Ich war aber noch immer so wütend und konnte keine realistische Denkweise mehr zulassen. Unterbewusst wusste ich, dass er mir nichts tun würde, und dass er sogar dazwischen gehen wollte, bevor ich die Männer verprügelt hatte. Aber er hatte mich auch angefasst. Und ich wollte nicht angefasst werden. Ich presste also zwischen zusammengebissenen Zähnen heraus:“ Nicht anfassen.“ Er hob beschwichtigend die Hände und meinte: „ Tut mir leid, ich werde dich nicht nocheinmal anfassen, versprochen.“ Es beruhigte mich nicht. Ich konnte mich nicht beruhigen. Ich umarmte mich selbst um mein Herz dazu zu bringen aufzuhören gegen meine Rippen zu hämmern. Und hockte mich dann auf den Boden. Ich machte mich so klein wie ich konnte um weniger Angriffsfläche zu bieten. Der Schock setzte langsam ein und ich war kurz vor einer Panikatakke. Meine Sicht schrenkte sich ein, ich bekam einen Tunnelblick. Mein Kopf dröhnte und mein Herz raste. Meine Atmung war viel zu schnell. Der Mann sank vor mir auf die Knie und flüsterte mir mit beruhigender Stimme zu:“ ich werde dich nicht anfassen. Du musst aber ruhig atmen, sonst hyperventilierst du.“ Ich wusste was er sagte, verstand es auch, konnte es aber nicht umsetzen. Er merkte es und flüsterte weiter: „Ich versprech dir, ich fass dich nicht an. Aber leg deine Hand bitte auf mein Herz. Vertrau mir und tu es.“ Ich wusste nicht was er bezwecken wollte, so weit konnte ich in meinem Zustand nicht denken. Und Vertrauen war nicht gut. Vertrauen wurde prinzipiell missbraucht. Ich wusste nicht warum, aber ich hob trotzdem meinen Arm und legte meine Hand auf seine harte warme Brust. Er hatte nur ein Tshirt an und ich spürte einen leichten Schweisfilm. Das störte aber nicht, es war eine warme Nacht und er roch nicht nach Schweis. Er roch gut. Der Mann berührte mich wirklich nicht. Er flüsterte mir nur weiterhin zu :“ Versuch dich auf das Heben meines Brustkorbes zu konzentrieren und mit mir zu atmen. Im Takt meines Herzens. Einfach langsam mit mir atmen.“ Es half. Meine Atmung wurde immer langsamer und ruhiger. Mein Kopf hörte auf zu schmerzen und meine Sicht wurde besser. Als ich mich beruhigt hatte nahm ich langsam meine Hand von seiner Brust und sah den Mann ins Gesicht. Er Blickte mich besorgt an und fragte mich, ob es mir besser geht. Ich konnte nicht antworten. Er hatte gerade beobachtet wie ich zwei Männer brutal vermöbelte und dann in Panik hyperventilierte. Zu Guter letzt hab ich ihn auch noch fast angeschrien, dass er mich nicht berühren sollte. Ich habe mich ernsthaft zum Affen gemacht. Darum senkte ich den Bluck und antworte: „ Äh, tut mir leid… und so.“ Ich fing ein schiefes Grinsen von ihm auf und lächelte leicht zurück. „Warum entschuldigst du dich? Ich sollte mich bedanken. Immerhin hat mich gerade eine wunderschöne Frau angefasst, wenn auch nicht dort, wo ich das gern gehabt hätte und ich habe einen Boxkampf vom allerfeinsten mitangesehen.“ Irgendwie war das schon makaber. Da waren Männer die mich bestimmt zusammengeschlagen und/oder vergewaltigt hätten und danach sagt mir jemand so etwas. Ich konnte es ihm aber nicht übel nehmen, immerhin wollte er mir zu Hilfe kommen. Ich stand langsam auf und begann leicht zu schwanken. Der Mann, dessen Namen ich noch immer nicht kannte, wollte mich stützen, aber ich ruderte mit den Händen, damit er mich ja nicht anfasste. Er verstand mein Zeichen und hielt die Hände nur so, dass er mich auffangen würde, falls ich fallen würde. Als ich sicherer stand sah ich meinen fast-Retter wieder in die Augen. Endlich fragte ich: „ Wie heißt du eigentlich?“ Er lächelte und antwortete „Sam“. Ein schöner Name. Ich kannte keinen der Sam hieß. Er fragte mich wiederum nach meinen Namen und ich antworte mich meinen Lügen-Ich. „Luna, ein wunderschöner Name. Wie der Mond.“ Ja, er war wunderschön. Ich mochte ihn auch sehr. Mehr als mein anderes Ich. Darum lächelte ich ihn dankbar an und griff dann nach meinem Rucksack, der durch den vermeindlichen Boxkampf auf den Boden gelandet war. Dann hörte ich hinter mir Schritte. Ich hatte Angst, dass die Typen schon wieder zurück gekehrt sind, darum drehte ich mich schnell, aber nein. Es war nur Flo. Es kam mir vor, als wäre ich hier draußen Stunden gestanden, aber eigentlich waren es nur 20 Minuten, wie mir meine Uhr zeigte. Flo kam zu uns rüber und fragte mich: „Na? Abfahrtsbereit?“ Ich bejahte den Satz und dann sah ich ihm ins Gesicht. Er hatte den Mund geöffnet und starrte mich mit großen Augen an. Dann nahm er meine Hand und fragte: „Oh Mein Gott, was ist mit dir passiert?“ „Mir geht es gut, Flo. Es gab nur einen kleinen Zwischenfall mit den Jungs, die wir aus der Bar geworfen hatten. Sie haben auf mich gewartet.“ „WAS??“, schrie er. Ich sah wie die Adern an seinem Hals wieder anschwollen und versuchte ihn zu beruhigen, indem ich ihn an den Schultern fasste. „Reg dich bitte nicht auf, sie sind verschwunden, keine Angst!“ „Natürlich reg ich mich auf. Du arbeitest bei mir und dann musst du dich auch noch am Parkplatz gegen solche verfickten Arschöcher stellen. Wenn ich sie noch einmal sehe, bring ich sie um. Was haben sie getan? Haben sie dich angefasst? Sollen wir zur Polizei?“ Er drehte sich zu Sam und meinte: „ Hast du sie vertrieben? Ich hoffe du hast sie richtig vermöbelt, sonst find ich heraus wo der wohnt und zeig ihn was passiert wenn man mit mir anlegt.“ Sam lächelte und berunruhigte Flo nur weiter mit seinem Satz:“ Ich brauchte sie gar nicht vertreiben, dass hat Luna selbst in die Hand genommen. Ich glaub der eine, den sie in die Eier getreten hatte, hat sogar geweint.“ Flo sah mich mit so großen Augen an, dass seine Augen gleich aus den Höhlen flogen. „Du hast sie geschlagen? Hast du dir weh getan?“ Ich machte eine kurze Bestandaufnahme. Jetzt wo ich es zuließ, über meinen Körper nachzudenken, merkte ich den stechenden Schmerz in meinen großen Zeh und verzog leicht das Gesicht. Ich sah an meinen Körper runter. Auf meinen Oberschenkel klebte ein wenig Blut, von den Tequillatypen und meine Hände waren auch voll davon. Auch Sam schien es erst jetzt zu enddecken und kam näher. Er fragte:“ Darf ich?“ und schien damit zu meinen, dass er meine Hände anfassen will. Ich verneinte. Ich will einfach nicht angefasst werden. Nicht von fremden. Flo sah von mir zu Sam und nahm meine Hände. er untersuchte sie und sah keine Verletzungen. Dann schob er mich zur Motorhaube und setzte sich darauf. langsam und vorsichtig befreite er meinen Fuß von dem Schuh. Ich hatte einen Socken mit einen riesigen Bärenan. DAMIT hatte ich nicht gerechnet. Flo grinste mich breit an und Sam, der hinter ihm stand lachte schallend. Ich musste einfach mitlachen. Von wegen ordentliche Socken sind unnötig. Sam schälte meinen fuß aus dem peinlichen Bärensocken und untersuchte meinen Zeh. Es tat nicht so schlimm weh, außer bei Druck. Er meinte, er glaube nicht, dass er gebrochen ist. Aber ich solle ihn an den anderen zeh ankleben. Das würden die im Spital auch machen. Ich sah ihn verwundert an: „ Mit Superkleber, oder wie?“ Das brachte Sam wirklich zum lachen und er viel nach hinten auf den Boden. er hielt sich den Bauch und Tränen flossen. „schön, dass ich dich so gut unterhalte“, fauchte ich ihn beleidigt an. Woher soll ich bitte wissen wie man Zehen zusammenklebt. Ich klebe sonst nie Zehen. Flo erklärte mir, dass man das mit einem Klebeband zum Verbandkleben macht und dass er welches im Verbandkasten im Auto hat, dass er mir dann mitgeben wird. Dann erhob er sich und zog mir meinen Socken wieder an. Ich fühlte mich komischerweise wie eine Prinzessin, als er mir so den Bärensocken sanft über den Fuß zog. Ich sah Flo nicht als einen Prinzen, eher als einen Vaterersatz. Aber trotzdem kam ich mir behütet vor. Oder gerade desswegen. Er erhob sich und lächelte mich an. Dann nahm er meine Hände und half mir von seiner Motorhaube, um meinen Fuß nicht zu sehr zu belasten. Auch Sam rappelte sich langsam vom Boden auf. Als er stand drehte sich Flo zu Sam und sagte:“ Soll ich dich auch irgendwo hin bringen?“ Sam verneinte, er würde selbst nach Hause kommen. Er sah mich dann lange an und sagte: „ Luna, machs gut. Und pass auf dich auf.“ Ich wusste nicht was ich sagen solle, darum antwortete ich nur „Du auch.“ Es hörte sich an wie ein Abschied für immer. Irgendwas in mir rebellierte dagegen, aber es war zu klein um an die Oberfläche zu dringen. Darum unterbrach ich unseren Blickkontakt und schob mich auf den Beifahrersitz. Ich sah noch wie Sam sich von Flo verabschiedete und dann wuchtete er auch seinen Körper neben mich. Ich schnallte mich an und wir verbrachten eine schweigende Fahrt bis zu mir nach Hause. Vor meinem Haus hielt er an, drückte mir das Verbandszeug in die Hand und bat mich anzurufen, wenn ich morgen nicht abreiten könne. Ich versicherte ihm, dass ich arbeiten werde, aber er meinte, es wäre ok, könne ich nicht. Er wartete bis ich im Haus verschwunden war, erst dann startete er den Motor und fuhr. Das war der erste Abend, an dem ich mich sehr alleine fühlte, in meiner Wohnung. Ich war immer gerne alleine gewesen. Aber heute wünschte ich mir Gesellschaft. Ich unterdrückte das Gefühl und stieg unter die Dusche. Das warme Wasser lies mich langsam müde werden und vertrieb die Anspannung aus meinen Muskeln. Ich zwang mich nicht an Sam zu denken, nicht an den Tequilla Jungen und auch nicht an meinen Pflegevater, der sicher tot war. Ich dachte an die Sterne, an meine Mutter und an Superkleber. Irgendwann fiel ich dann auch endlich in den Schlaf und träumte von Dingen, die ich nie haben könnte. Schulbildung und Liebe. Aber am nächsten Morgen war nichts mehr von diesen Träumen in meinem Kopf.

Ich erwachte am nächsten Morgen ungewöhnlich spät und verfiel sofort in Panik. Diese Woche hatte ich Nachtschicht. Mein Dienst ging von 8 Uhr Abends bis 3 Uhr in der Früh. Außer Montags, wo ich alles erledigte, stand ich jeden Tag um 14 Uhr auf. Heute war allerdings schon 16 Uhr. Das hieß, meine Freundin die Obdachlose war entweder schrecklich endtäuscht, oder noch immer vor meiner Tür. Sie wusste um meine Dienstzeiten bescheid und wenn sich etwas änderte, sagte ich ihr immer am Tag davor bescheid. Ich war noch nie unpünktlich gewesen. Diese Tatsache machte mir solche Angst. Vor allem das fehlende Zitat. In meinem Kopf war plötzlich der Gedanke dass ich ohne dieses Zitat einfach nicht leben könnte. Das mir das jegliche Energie nehmen würde. Also sprang ich auf und schnappte mir einen Becher. Dann schmiss ich die Kaffeemaschine auf und sah aus dem Fenster. Dort war sie nicht mehr. Ich musste sie finden. Ich schüttete den Kaffee mit zitternden Fingern in eine Thermoskanne und machte mich, so wie ich war, auf den Weg. Vor meiner Tür sah ich einen kleinen Zettel, der auf meiner Schuhmatte lag. Ein Zitat stand darauf:

Wer sich nachts zu lange mit den Problemen von morgen beschäftigt, ist am nächsten Tag zu müde, sie zu lösen.

Es tat mir schrecklich weh. Sie war da gewesen und hatte nichts von mir bekommen. Ich hatte sie enttäuscht. Ich lief den ganzen Weg bis zum Park, in dem ich sie manchmal sah in wahnsinnigen Tempo. Eine Stunde musste ich den großen Park durchsuchen, bis ich sie auf deiner Bank vor dem kleinen Teich in der mitte des Parkes fand. Sie schaute nicht auf, als ich mich neben sie setzte, sondern starrte weiter auf das Wasser. Ich goss den Kaffee in die Tasse und hielt ihn ihr hin. Sie ergriff ihn, ohne mich anzusehen. Das tat mir schrecklich weh. Ich hatte sie enttäuscht. Ich hatte ihre Freundschaft verloren. Eine Träne stahl sich aus meinem Augenwinkel. Mir war die Freundschaft zu dieser stummen Frau so wichtig geworden. Erst jetzt bemerkte ich wie sehr es schmerzt, sie verlieren zu müssen. Doch dann sah mir die Frau in die Augen und sprach das erste mal seit drei Jahren mit mir. Ihre Stimme klang, als hätte sie noch nie gesprochen. Sehr schwach und kratzig und irgendwie auch nicht richtig betont: „ Sorge dich nicht um meine Freundschaft, Liebes. Die ist dir sicher, so lange wir Leben und auch danach, wird sie niemals vergehen. Mir tut es nicht weh, wenn du nicht kommen kannst. Ich freue mich darüber. Das sagt mir, dass du endlich beginnst zu leben, wie es sich für ein Kind im zarten alter von 14 gehört.“ Mit Schock geweiteten Augen starrte ich sie an. Sie hatte noch nie gesprochen und heute, als ich auf sie vergaß, schenkte sie mir ein paar Sätze, die so schön formuliert waren wie ihre Zitate. Erst nach ein paar Minuten, in der ich sie anstarrte, begriff ich, was sie gesagt hatte. Sie hatte mein richtiges Alter gekannt. Niemand wusste davon. Sie konnte doch auch nicht davon wissen. Das war unmöglich. Ich holte tief luft und antwortete: „woher..? „ Für mehr fehlte mir die Kraft. Sie sprach aber nicht mehr. Sie schenkte mir ein kleines Lächeln und zog dann den Becher von gestern aus der Tasche. Dann starrte sie wieder auf den Teich und belies es bei unserem Gespräch. Zuerst wusste ich nicht weiter, dann stand ich irgendwann auf und machte mich auf den Weg zurück zu meiner Wohnung. Ich hatte mich darauf geeinigt, dass ich mir keine Sorgen machen müsse. Sie würde niemanden etwas sagen. Das wusste ich ganz tief in meinem Herzen. Sie war meine Freundin. Ich spazierte zu meiner Wohnung zurück und lies mir Zeit. Ich hatte noch genug und wollte noch über einiges nachdenken. Dauernd dachte ich an Sam. Ich hatte noch nie so viel über einen Fremden nachgedacht. Nichteinmal an einen Freund. Männliche Wesen waren mir suspekt und ich kam ihnen körperlich so nahe wie emotional. Ich behielt meine Sorgen aber auch meine Hände bei mir. Ihre Sorgen konnten sie mir manchmal anvertrauen, wenn ich sie sehr gut kannte, soweit dass mit meiner Vorgeschichte möglich war. Aber ihre Hände durften mich nicht berühren. Manchmal darf man meine Hand schütteln und dass mir Flo gestern die Socken ausgezogen hat, war auch ok. Ich steh nicht darauf, dass man meine Füße berührt, aber ich akzeptiere es in einer Notlage. Aber Sam.. Sam hatte mich nicht berührt, trotzdem dachte ich daran, wie es wäre, wenn er es täte. Wie es wäre seine Hand auf der Wange zu spüren. Wäre sie schweißnass, oder trocken? Oder wenn sie meine Arme rauf und runter fahren. Würden sie viel, oder wenig Druck verwenden? Würde er das wollen? Er war älter als ich. Ich schätzte ihn auf Mitte 20. Sehr viel älter, als mein altes ich. Aber nicht so viel älter als mein neues. Er war sehr schön, das weiß ich. Er hatte eine angenehme Stimme und ein schönes, ehrliches Lachen. Helfen wollte er mir auch, was ich sehr nett fand. Hieß das er hat was gegen Männer, die einen ungewollt berühren? Würde er so etwas auch machen? Warum war er eigentlich noch vor der Tür. Vielleicht hat er mich beobachtet. Mir nachgestellt. Vielleicht wollte er mich auch berühren. Anfassen, so wie der TequillaJuinge. Missbrauchen, wie mein Pflegevater. Er hat getrunken. Whisky. Wie mein richtiger Vater. Trinkt er immer? Ist er Alkoholiker? Er hat nicht betrunken gewirkt, aber vielleicht hatte er nachdem er mich getroffen hatte, noch weiter getrunken. Vielleicht hat er aber auch eine Freundin, eine Frau, eine Familie. Ich weiß gar nichts über ihn und es fiel mir schwer in so einer Situation die Kontrolle zu behalten und keine Panik zu bekommen. Ich hatte immer schon eine gute Menschenkenntnis und es verwirrte mich, Menschen nicht zu kennen. Ich musste sie kennen um mich vor ihnen zu schützen. Also konzentrierte ich mich auf das Bild, das in meinen Kopf besser als eine Filmsequenz war. Immerhin hat mein Gehirn bessere Effekte, als ein Fernseher. Ich sah ihn vor mir. Rabenschwarzes volles Haar, dass ihn über die Stirn fiel, aber sehr gepflegt aussah. Volle Lippen, mit einem schönen Schwung. Eine kleine Narbe, an seinem Kinn. Diese wunderschönen Augen, mit Wimpern, die jede Frau haben will. Ein T-shirt. Schlicht und schwarz mit V-Ausschnitt, der aber nicht wirklich tief war. Eine Jeans, mittelblau, die locker auf den Hüften sitzt und gewollt verwaschen aussieht. Seine Boxershort sieht man, wenn er sich leicht bewegt. Sie ist blau kariert und nicht verschlissen. Sieht aus wie neu. Schlichte schwarze Sportschuhe. Die Schnürsenkel sind in die Schuhe gesteckt. Auf dem Rechten schuh geht eine Naht auf, auf der Seite. Aber sie sind noch nicht kaputt, man kann sie noch tragen. Den Faden sollte er allerdings abschneiden. Ein dunkelbrauner Gürtel mit silbener Schnalle. Ich hasse Gürtel. Hosen sollte man in der Größe kaufen, in der man sie braucht. Gürtel sind nicht nötig. Die schlechteste Erfindung der Welt. Dunkle Haare auf dem Unterarm, die seidig weich aussehen. Sein Körper ist schlank und muskulös. Seine Oberarme sind genau so breit, dass man denken könnte, er würde mit Schweren Dingen arbeiten, aber nicht, dass er ins Fitnesscenter geht. Irgendwie wie ein läufer. Ich kann die Beine nur unter der Hose erahnen, obwohl sie relativ eng war. Kein Ehering. Garkeine Ringe. Ein Lederarmband am Handgelenk und ein buntes Band, aus Wolle geknüpft. Sieht aus wie ein Freundschaftsarmband. Wer ihn das wohl geschenkt hatte? Seine Brieftasche war hinten, in seinen Hosentaschen. Ein Schlüssel vorne und ein Handy. Er hat das Handy nie aus der Hosentasche genommen, aber es musste eins sein. Die Form. Außerdem hatte es einmal durch den Stoff geleuchtet. Musste eins sein. Das alles, sagte mir wenig. Ich hätte seinen Ausweis sehen müssen. Aber ich habe nicht gefragt, er sah zu alt aus für eine Kontrolle. Nur das bunte Armband verrät mir etwas über ihn. Es sah aus, wie von einem Kind gefertigt. Er musste ein Kind haben, oder eine kleine Schwester. Ich schätze sie war weiblich, Jungs machen so etwas weniger. Vielleicht auch eine Nichte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er mit Kindern arbeitet. Er sah sehr nett aus, aber auch wie ein Mann, der Arbeit mit den Händen bevorzugt. Seine Hände waren leicht schwielig, ja. Er arbeitet bestimmt etwas, wo er tragen muss. Das könnte alles sein. Er könnte zum Beispiel… Und ich rannte mitten in etwas hartes, warmes. Das aber auch irgendwie weich und nachgiebig schien. Es war ein Mann. Ich hob meinen Kopf. Wenn man vom Teufel spricht. Ich fass es nicht. Ich bin gerade in Sam gelaufen. Ich konnte mich noch ausballancieren, bevor ich fiel, aber für Sam, der gerade selbst in Gedanken war, schien es nicht so gut auzusehen. Ohne nachzudenken griff ich nach ihn und hielt ihn am Tshirt fest, damit er nicht fallen konnte. Er griff mit beidenen Händen nach meinem Arm und hielt sich nocheimal richtig fest. Kurz war ich geschockt, doch dann machte ich einen weiten Schritt zurück, damit er mich loslassen musste. Ich wollte nicht angefasst werden. Bitte nicht. Er lies los und sah mir in die Augen. „ Luna, was machst du denn hier?“ „Verfolgst du mich?“ Stellte ich ihn eine Gegenfrage. „Wie soll ich dich verfolgen? Ich weiß deinen Vornamen und wo du arbeitest, aber nicht wo du in deinem Pyjamma spazieren gehst.“ Jetzt erst wurde ich daran erinnert, dass ich mich nie umgezogen hatte. Ich sah an mir herunter und erblickte die Grüne Jogginghose mit den Ninja Turtles darauf. Darüber ein weißes Tshirt mit einem verblichenen Aufdruck, dass viel zu groß war. Kein B.H. Nur sportschuhe. Ich griff in meine Haare. Offen und zerzaust. Fuck. Eine Brille auf der Nase. Groß mit schwarzen Gestell und eine Thermoskanne in der Hand. Ich lachte schallend. So etwas war mir noch nie passiert, ich hatte nicht einmal Socken an. Ich konnte nicht mehr aufhören zu lachen und fasste mir auf den Bauch, der schon richtig weh tat. Ich krümmte mich und Stützte meine Hände an den Knien ab. Tränen rannen mir von der Wange. Auch Sam lachte schallend. Es dauerte, bis ich mich wieder beruhigt hatte, erst dann konnte ich mich aufrichten und in die Augen von Sam schauen. „Ich hatte dringend etwas zu erledigen und bin einfach raus gerannt, ohne darüber nachzudenken, was ich an habe. Ernsthaft. Mir ist sowas noch nie passiert.“ „Sieht aufjedenfall witzig aus. Wohnst du hier in der Nähe?“ „Ja, nur ein paar Straßen weiter. Ich sollte jetzt zurück gehen, bevor mich meine Nachbarn sehen und ewig darüber reden.“ Ich verschrenkte die Arme vor der Brust. Jetzt, wo ich darüber nachdachte, war es mir unangenehm, dass ich keine Bh trug. Ich hoffte dass das Tshirt so dick war, dass man nichts durchsehen konnte. Sam schien meine Misslage bemerkt zu haben, was mir rasch Schamesröte ins Gesicht trieb und lies seinen Rucksack von der Schulte rutschen. Er zog eine Weste daraus hervor. Schlicht und schwarz und hielt sie mir hin. Dankend nahm ich sie an und konnte ihn dabei nicht in die Augen schauen. Dann zog ich sie mir über und machte den Zippverschluss zu. „Hast du noch ein bisschen Zeit?“ Fragte er mich. Ich nickte schnell und er deutete auf meine Thermoskanne. „Kaffee?“ Fragte er. Ich nickte wieder. woher wusste er das bloß? „Ich hatte es gehofft“, antworte er auf meine unausgesprochene Frage. Er lief zu einem kaffeestand, der immer im Park aufgebaut war und kam mit zwei Pappbechern zurück. dann winkte er mich heran und wir liesen uns beide auf eine Parkbank fallen. Ich goss ihn den Kaffee ein und schenkte mir dann selbst ein. Dann sah mich Sam von der Seite an und fragte: „ Werde ich auch deine Hände nehmen können, wenn du mich besser kennst, wie dein Chef?“ „Ich weiß es nicht. Situationsbedingt. „Dein Freund, darf der dich berühren?“ „Ich habe keinen Freund.“ „Aber du hattest bestimmt einmal einen. War das ok für dich? Durfte er dich überall berühren?“ „Ich hatte noch nie einen Freund.“ „Noch nie? Wie alt bist du?“ „21„ „Dachte ich mir fast. Alt genug für eine Bar, aber noch nicht wirklich aus den Kinderschuhen.“ „Wie alt bist du?“ „26„ „Auch nicht besonders alt“ „Aber Kinderschuhe trage ich schon ewig nicht mehr“ „Ich auch nicht“ „Könntest du aber, du hast kleine Füße.“ „Die werden auch nicht mehr viel größer werden“ „Dann bleibst du wohl ewig in Kinderschuhen.“ „Hast du eine Freundin?“ „Nein, aber ich hatte schon eine. ein Paar“ „Ein Paar sind mehr als 10?“ „Nein.“ „Oke.“ „Und wie ist das jetzt mit Körperkontakt?“ „Warum willst du das wissen?“ „Neugierde“ „neugierde ist unhöflich“ „Ablenken auch“ „Pff“ „Selber Pff“ „Jetzt benimmst dich du aber wie ein Kind.“ „Du musst nicht darüber reden“ „Ich mag Nähe einfach nicht so gerne.“ „Ich glaub, du bist sie nur nicht gewohnt.“ „Meine Oma, sie streichelt mir den Kopf und hält stundenlang meine Hand. Gestern als Flo meine Fü0e berührt hat, das war auch in Ordnung.“ „Was ist mit deinen Eltern? Oder mit Ärzten? Die berühren einen ja zhwangsläufig, wenn sie dich untersuchen“ „Meine Eltern sind tot und zu einem Arzt gehe ich nicht, seit ich ein Kind war. Ich hab gute Zähne und eine Verkühlung bekomm ich auch mit einem Tee weg, mehr hatte ich nie.“ „Das tut mir leid, wegen deinen Eltern. Also berührt dich nie jemand? auch kein Frisör? „Ich sagte doch schon, nein. Frisöre mag ich nicht. Ich schneide mir die Haare selbst, so ein Schnitt ist ja nicht besonders schwer.“ „Glaubst du nicht, du vermisst körperkiche Nähe?“ „Was man nicht kennt, kann man nicht vermissen.“ „ich hoffe du lernst es irgendwann kennen. Unter schönen Umständen.“ „Ich auch.“ „Darf ich etwas probieren?“ „Ja“ Ich nahm seinen Arm am Handgelenk und drückte meine Hand auf seine Handfläche. Mein Herz ging schneller. Seine Hand war trocken und fest, aber auch so schön weich. Seine Nägel sauber und kurz. Seine Hand kam mir riesig vor, im Vergleich zu meiner. Fast fünf Minuten lies ich diesen sanften Druck aufrecht, bis mein Herz sich ein wenig beruhigt hatte. Dann hob ich sie an und in der Erwartung auf den nächsten Schritt, begann Mein Herz wieder heftig zum pumpen. Mir brach der Schweiß auf der Stirn aus und mein Atem ging schneller. Panik. Ich hob trotzdem die hand an und legte sie auf meine Wange. Sie lag flach auf meiner Wange, nur durch den Druck meiner eigenen Hand geführt. Er hielt die Luft anzuhalten und ich auch. Wir saßen eine Weile so da, bis ich meine Hand fallen lies und seine an meiner Wange blieb. Ich sah in den Augen von ihm ein Verlangen, dass mir keine Angst machte. Trotzdem bat ich ihn, nicht zu streicheln. Sondern nur die Hand so zu lassen. Er war einverstanden. Fast eine halbe Stunde saß ich da, mit geschlossenen Augen und versuchte mich an die Berührung zu gewöhnen. die Härchen in meinen nacken tellten sich dauernd auf und beruhigten sich dann wieder. Es war eine Achterbahnfahrt meiner Gefühle. Jedesmal, wenn er sich bewegte, weil er nicht mehr so starr sitzen konnte, zuckte ich. Jedes Mal entschuldigte er sich. Dann nahm ich wieder seine Hand und legte sie zurück auf sein Bein. Genug. Ich wusste nicht was ich sagen sollte. Für ihn so banal, aber für mich der intimste Moment meines Lebens. Der angenehm war. Er sprang aufeinmal auf und ich zuckte zusammen. Wieder entschuldigte er sich. „Komm, ich bring dich nach Hause, damit du dich mal umziehen kannst. Die Weste ist doch sicher zu warm, im Sommer.“ Ich stand auch auf und ging neben ihm zu meiner Wohnung. Der Weg war nicht weit. Als wir bei dem Zeitungsstand vorbei kamen winkte mich mein Freund Herr N. zu sich. Ich lief schnell zu ihm und er drückte mir mein Paket in die Hand. „Oh, danke! Das hatte ich total vergessen. Tausendmal Danke.“ „Er lächelte mich nur an und fragte mich, ob sich die Jugend heute so kleidet. Da wurde ich total rot und stammelte herum. Er meinte nur, ich sollte mich umziehen bevor die Hexen mich sehen. Darum lief ich wieder zu Sam, der ein paar Meter weiter stehen geblieben war. Er nahm mir die schwere Kiste ab, was ich sehr umsichtig von ihm fand, doch dann rief mir Herr N. wieder zu. Ich drehte mich noch einmal zurück und er warf mir einen Apfel zu. „Danke“ schrie ich und biss herzhaft von dem Apfel ab. Dann hielt ich Sam den Apfel hin und machte eine Geste, die aussagte, ob er auch einmal beissen will. Er sah mich mit großen Augen an und Nickte. Ich hielt ihn den Apfel zum Mund nd er nahm einen herzhaften Biss. Er kaute langsam und sah mir dann in die Augen „Hmm, schmeckt super.“ „Ich weiß, aber der rest gehört mir.“ Ich hatte ihn schon wieder zum lachen gebracht, das fand ich toll. Wir kamen zu meiner Wohnung und davor stand eine Kollegin von mir, aus der Bar. Zuerst sah sie mich von oben bis unten an und dann meinen Begleiter. Mit einem grißen Grinsen lief sie auf mich zu und sagte dann:“ Was hast du denn an?“ „Äh, ich war nur schnell Zeitung holen“. Sie wusste, dass ich log, aber es war ihr egal. Sie wollte viel lieber wissen, wer mein Begleiter war. Aber den Gefallen ihn vorzustellen würde ich ihr nicht tun Auch wenn das unhöflich war. „Was gibts denn?“ Versuchte ich sie abzulenken. „Flo meinte, du solltest heute nicht zur Arbeit kommen. Er hat einen Ersatz für dich. Und du sollst dir ein Handy zulegen. Ich will nicht jedes Mal bei dir vorbei gehen, wenn er die Schichten tauscht. Und wer bist du?“, sagt sie zu Sam. „Ein Freund von Luna“, meinte er kurz angebunden. Er gab ihr nicht seine Hand und er stellte sich nicht vor. Ein diabolisches Grinsen wanderte auf meine Lippen. Leicht eingeschnappt wendete sie sich von uns ab und rief nur ein „tschüss“ hinterher. Jetzt musste ich unbedingt in meine Wohnung, die Kiste, die Sam trug war furchtbar schwer. Ich schloss schnell auf und lief die Stufen hinauf, hinter mir hörte ich ein leichtes schnaufen. Der Arme. Ich schloss die Wohnungstür auf und hielt sie auch so, bis Sam drinnen war. „Bitte einfach irgendwo hinstellen, danke“ Er stellte den Karten neben meinen Couchtisch am Boden ab und drehte sich dann einmal im kreis um meine Wohnung anzuschauen. Ich war derweil ziemlich damit beschäftigt die Nachricht meiner Kollegin zu analysieren. Kelly hieß sie übrigens. Wie die Chipspackung. Billig. Sie meinte, ich solle nicht kommen, er hätte Ersatz… hieß das für immer, oder nur heute? ich hatte keine Ahnung. Ich konnte nicht überleben ohne Job. Ich musste Flo irgendwo erreichen. Warum wollte er nicht, dass ich komme. Hatte ich ein Minus? Aber die anderen flogen doch auch nicht wegen einen Minus. Mein Atem ging immer schneller und ich starrte ins leere. Sam kam mit einem besorgten Gesichtsaudruck zu mir und fragte mich, was los sei, ob er gehen soll. „Nein“, antwortete ich : „Flo will mich doch nicht rausschmeissen, oder? Er meinte, ich sollte nicht kommen.“ „Ich glaube nicht, dass er das möchte. Aber vielleicht rufst du ihn einfach an?“ „ich hab doch keinen Telefonanschluss. Wie soll ich ihn denn anrufen?“ „Er zog aus seiner Tasche sein Handy und hielt es mir hin. „Wirklich? Darf ich“ „Natürluch. Hast du irgendwo die Nummer?“ „brauch ich nicht, kann sie auswendig.“ Ich tippte die Nummer in das Telefon und wartete bis es tütete. Nach dem ersten Klingeln nahm Flo ab und sagte:“ Flo Emser, ja bitte?“ „hallo Flo, ich bins Luna. Kelly war bei mir, sie meinte, ich solle nicht kommen du hättest einen Ersatz.“ „ja, ich dachte mir, du würdest gerne zu Hause bleiben.“ „Aber warum? Ich komm doch immer Dienstag.“ „Wegen deinem Zeh. Du solltest dich schonen. Nimm dir den Tag frei, du bekommst trotzdem bezahlt. kein Problem.“ „Aber morgen kann ich wieder kommen?“ „Ach Luna, ich hab noch nie einen Menschen gekannt der so gierig auf Arbeit war, wie du. Natürlich kommst du wieder, wenn es dir besser geht. Was denkst du denn?“ „Ich dachte, vielleicht feuerst du mich?“, sagte ich kleinlaut. „Warum sollte ich dich feuern? Du bist die beste Kellnerin die ich habe, besser sogar als ich. Die Kunden lieben dich und der Umsatz ist immer gewaltig, wenn du lächelst und die Sonne aufgehen lässt. Du wirst hier einen Job haben, so lange du willst. Niemand kann dich mir nehmen.“ Das beruhigte mich ungemein. Ich atmete heftig aus und Flo lachte. Auch Sam machte einen erleichterten Gesichtsausdruck. Ich bedankte mich noch bei Flo und verabschiedete mich dann. Jetzt war ich wieder mit Sam alleine in meiner Wohnung. Was? ich war mit Sam, einen Fremden, alleine in meiner Wohnung? Warum war das nicht so schlimm, wie ich gedacht hätte? Ich bat ihn, sich zu setzen. Weil man das nunmal macht. Er setzte sich auf die zwei-sitzer Couch mitten in meiner Wohnung. Ich ließ den Beistelltisch zwischenn uns und setzte mich auf den Boden. Das rießige Paket wuchtete ich noch darauf, dann fragte ich ihn, ob er etwas trinken wollte. Er wollte. Ein Glas Wasser. Das schaffte ich. Formvollendet, wie eben eine Kellnerin, servierte ich ihn sein Glas Wasser und machte mich dann daran den Absender des Paketes zu finden. OMI! Ich bekam öfters Pakete von Omi, obwohl sie nur eine halbe Stunde weit weg wohnt und ich jeden Sonntag zu Besuch kam. ich hatte ihr einmal erzählt, dass ich nie Briefe bekam. Noch nie einen einzigen Brief bekommen hatte. Darum schrieb sie mir jede Woche einen Brief, oder schickte mir ein Paket. Das war so lieb, dass mir bei dem Betrachten des Pakets fast die Tränen kamen. „Von wem ist es denn?“, fragte mich Sam. Ich sah ihn freudestrahlend an und antwortete: „ Von meiner Omi.“ „ach, wohnt sie weit weg?“ „Nein, nur eine halbe Stunde. Aber sie schickt mir oft Briefe und Pakete.“ „Warum denn das?“ „Na, ich bekomm gerne welche. Das ist doch schön.“ Das schien ihm zu gefallen. Er freute sich sichtlich mit mir mit und ich fing an ihn wirklich zu möögen. Nur gute Menschen konnten sich wegen solchen banalen Dingen mit anderen freuen. Er war bestimmt ein guter Mann. Wie ein kleines Kind zu Weihnachten riss ich das Paket auf und schob die Luftpolsterfolie auf die Seite. Dann griff ich beherzt rein und zog Stapelweise Bücher heraus. Quietschend vor Freude behandelte ich jedes Buch wie mein eigenes Kind. So viele! Das muss richtig teuer gewesen sein. Leichte Schuldgefühle machten sich bemerkbar. Ein kleiner Zettel, der bestimmt einmal oben gelegen war, fand ich dann unten zum Schluss. Ich konnte Omas zittrige Handschrift erkennen

Liebe Luna,
gestern war ein riesiger Flohmarkt bei uns in der Straße. Da war ein junger Mann, der genauso gerne solche Bücher liest, wie du. Ich hab ihn von dir erzählt, er war sehr nett. Dann schenkte er mir den ganzen Stoß Bücher mit der Bedinung, sie dir zu geben. Er meinte, Bücher müssen wohl behütet werden und bei dir hätten sie einen Platz gefunden, wo sie geschätzt werden. Er ließ mich aber auch versprechen, dir zu sagen, dass du diese Bücher nicht verkaufen, oder wegwerfen darfst. Schenk sie weiter, wenn du sie nicht mehr behalten kannst. Wenn möglich an jemanden, der die Begeisterung teilt. Ich hoffe du hast viel Spaß mit den Büchern und ich freue mich schon auf den nächsten Sonntag.
Deine, dich liebende Oma.

Ich nahm den Zettel und gab ihn Sam, zum lesen. Der Text und diese kurze Geschcihte war so froh, ich wollte dass er sie auch liest. Er sollte sich auch über diese schönen Zeilen freuen. Konzentriert las er die paar Zeilen und ich machte mich daran die Bücher genauer zu untersuchen. Es waren neue und alte Bücher. Alles Fantasygeschichten mit schönen Cover. Ein paar hatten auch gar kein Cover, sondern nur eine leere Hülle. Die waren besonders alt. Ich nahm sie in stapeln und ging zu meinem wachligen Bücherregal. Dort räumte ich ein ganzes Regal frei, nur für diese neuen schönen Bücher. Die, die ich weggenommen hatte stellte ich auf meinen Schreibtisch, oder schlichtete sie wo dazu. Ich hatte wirklich keinen Platz mehr. Zwei große Ikea Regale waren voll und ein paar Stapeln verzierten den Schreibtisch und den Boden vor den Regalen. Sams Hand kam hinter mir hervor und schon wieder zuckte ich leicht. Er entschuldigte sich. Das wurde zur Routine. Er griff mein Bücherregal von der Seite an und rüttelte leicht daran. „Luna, die muss man anboren, sonst fallen sie dir irgendwann um. Du kannst dich verletzen.“ „Ich hab keine Bohrmaschine.“ berichtete ich ihn mit großen Augen. „Das nächste Mal, wenn ich dich besuche nehme ich eine mit. Aber bitte lass es eher früher, statt später sein. Damit du dich nicht umbringst. „Morgen?“ „Gerne, aber heißt das jetzt, dass du mich wegschickst?“ „nein, ich muss nicht arbeiten. Du kannst ruhig noch bleiben.“