Straßenbahn

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Ich fühle mich wie eine Straßenbahn in Wien
Schon lange war mir nicht mehr warm, aber ich mag die Kälte. Ich mag die Kälte, weil ich die Wärme nicht verdient habe. Wärme erinnert mich an Familie, an Freunde und an Liebe. Ich hatte nie wirklich Familie, ich habe keine Freunde verdient und ich hasse die Liebe. Ich hasse die Liebe nicht weil sie mich verletzt, sondern weil ich ihre Wärme nicht ertrage. Ich sitze seit zwei Stunden hier und fahre durch Wien. Schon vor langer Zeit hätte ich aussteigen müssen, aber ich konnte es nicht. Ich konnte nicht schon wieder hören was ich falsch mache und wie ich es besser machen könnte. Von Lehrern, von Schülern, von Therapeuten.
Alles andere auf der Welt kommt mir unwichtig vor. Die trivialen Probleme meiner Umwelt. Zerbrochene Liebe und schlechte Prüfungsergebnisse. Dinge, die andere belasten, aber mich, durch die harte Schale von tiefsten Selbstmitleid und Egoismus nicht an meiner Seele kratzen. Meine Opferrolle brennt sich noch fester in jede Zelle meines viel zu vollgestopften Kopfes ein. Sie scheint mein ansonsten fröhliches Gemüt zu infizieren. Zu umhüllen wie ein schwarzer Mantel, der mir all das nimmt, was andere an mir lieben könnten. Die einzige Ausflucht ist eine neue Welt, in die ich eintauchen kann. Mit einem Opfer, dass nicht ich bin. Ich bemitleide sie, wie die anderen es bei mir machen. Aber das entspringt nur meinem Kopf, wie alles.
Die Lampen gehen an und ich bin glücklich darüber. Seit meiner Kindheit verfolgt mich eine beständige Angst vor der Dunkelheit und dem Alleinsein. Heute beschützt mich gerade diese davor, preisgeben zu müssen, wie es um mich steht. Sie versteckt meine Narben, meine Tränen, mein bleiches Gesicht und gibt mir den Schutz, den ich mir mehr als alles andere Wünsche. Dunkelheit, mein teuerster und beängstigender Freund. Komm früh, damit ich endlich aufhören kann für eine Weile zu existieren.
Ich bin wie eine Straßenbahn in Wien. Ich fühle mich alt, verbraucht und dreckig. Alle erwarten von mir, dass ich funktioniere. Sogar ich erwarte das. Und in mir sind viel zu viele Probleme. Probleme von mir, aber auch von anderen.
Das einzige Gefühl das ich kenne, ist das geborgene Gefühl seinen feuchten Arm an sich zu pressen. Die warme und grausame Dankbarkeit, die aufsteigt, wenn man das Leben spürt, das jetzt nicht nur durch die Adern, sondern auch durch den Ärmel eines Pullovers sickert. Das Brennen lässt zu von einer fremden, aber beruhigenden Utopie voller Wärme zu träumen.
Lässt du diese Wärme nur kurz zu, siehst du mehr Wärme. Mit tränentrüben Blick schaust du dich um, weil du nicht mehr nur auf das Eine fokussiert bist, sondern dich ablenken lässt. Du siehst Regen, der dunkel und kalt ist, aber auch Kinder, die warm und hell leuchten. Du siehst Menschen, deren Gedanken meinen gleichen, aber auch Menschen die so viel Glück ausstrahlen, dass du dich in ihrer Nähe wirklich unbeschwert fühlst. Und dann triffst du so einen Menschen, der deinen Arm anfasst und dich nach deinem Befinden fragt. Dein Kopf fühlt sich nicht mehr so schwer an. Du hörst zu, du erzählst, es geht alles leicht. Irgendwann steigen aber auch diese Menschen aus.
Jetzt überlegst du dir: Steigst du aus und lebst, oder fährst du deine selbstgewählten Runden und hasst dich dafür.
Dieses Mal steige ich aus.

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