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Eine annähernd realistische FantasyGeschichte über eine unechte Frau die echt sein möchte.

„Glaubst du das Problem des islamischen Staates hat mehr mit Religion, oder mit Nationalismus zu tun?“

„Ich glaub es ist ein Problem zwischen falsch verstandener Religion und Politik. In der Region gab es immer schon Kriege. Die Menschen dort sind so aufgewachsen und sind Gewalt gewohnt. Ich versteh auch nicht warum Sunniten ein eigenes Land brauchen. Was ist mit den Juden? Die haben auch kein eigenes Land. Und meinen katholischen Bekannten ist es auch egal, ob sie von einem Atheisten oder Agnostikern regiert werden. Also eine Sache von Erziehung, Religion und Region“, antworte ich nach ein paar Minuten bedenkzeit.

Er zieht ein nachdenkliches Gesicht, schaut mir dann wieder in die Augen und rattert folgendes herunter:„Also, das glaube ich nicht, dass das denen egal wäre. Allein in Amerika erfahren Atheisten gerade das, was homosexuelle i den 50ern, oder so erfahren haben. Nur 45%, oder so, würden einen Atheisten wählen, in Amerika.“

„Ich denke aber nicht dass das in Österreich wirklich so wichtig ist. Religion und Politik sollten für mich nicht vermischt sein. Stell dir vor der Papst würde unsere Gesetze verfassen, der hat doch überhaupt keine Ahnung von dem Thema…“

„..Wie unsere Politiker?“ , unterbricht er mich mit einem niedlichen Lächeln. Seine braunen Augen, die ich immer für liebevoll gehalten haben läuchten. Ich weiß genau dass er möchte, dass ich lache, darum tue ich ihm den Gefallen, obwohl der Witz nicht wirklich einfallsreich war.

„Fast.“

Sein Lächeln verschwindet, nachdem er genug Aufmerksamkeit bekommen hat und er diskutiert weiter: „Ja, das Problem ist aber, dass religiöse Menschen die anderen nicht in Ruhe lassen. Anscheinend lässt sich das nicht vereinbaren.“

„Nicht religiöse Menschen, sondern Fanatiker. Wenn du ein Buch liest, liest du genau das, was du leen willst. Darum ist es beschissen nur nach einem Buch zu Leben, dass vor hunderten, nein tausenden von Jahren geschrieben wurde und keiner weiß von wem. Zumindest nicht genau. Und wenn es darum geht Menschen zu misshandeln, oder zu töten, kann das keinem Gott auf der Welt auf irgendeine Art akzeptieren. Falls es einen Gott, oder eine Göttin oder ein bisschen von beidem gibt, dann wird er oder sie oder es dort oben sitzen, oder seitlich, oder unten und den Kopf angewiedert schütteln.
Also. Ich finds einfach möglich, dass das was wir sehen nicht das Einzige ist, was existiert. Ich bin mir bewusst, dass die Menschheit Religion erfunden hat um sich Dinge zu erklären, um Ängste zu überwinden und Kontrolle zu erlangen. Viel besser wäre es natürlich wenn jeder Mensch über alles nachdenkt und moralische Grundsätze ohne Religion hätte. Ich glaube nicht, dass mich ein Gott dafür verurteien würde, dass ich homosexualität nicht widernatürlich finde. Oder dass ich Sex mit mehreren Männern hatte, oder was weiß ich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dort oben jemand sitzt und meint: Ihr solltet alle nur mich lieben, wie die Nonnen. Kein Wesen im Universum will mich sexuell unbefriedigt erleben. Aber ich bin einfach überzeugt davon, dass der Mensch einen zu kleinen Horizont hat um all die Vorgänge zu erfassen, die das Leben mit sich bringt. Außerdem finde ich auch, dass beten keine Schlechte Sache ist. So deffiniert man genau was man will und ist danbar, wenn man es bekommt“
Ja, ich weiß. Wirklich lange Rede und wirklich kurzer Sinn, aber was gesagt werden muss, muss nunmal gesagt werden. Ich sehe wie er die hälfte der Wörter, die ich gesagt hat, nicht ernst nimmt oder einfach ignoriert, aber trotzdem rede ich gerne. Viel zu gerne.

Er antwortet:“ Nur weil es mehr gibt, als das was wir jetzt wissen, oder sehen heißt das weder dass das die Wisenschaft nicht noch rausfinden wird, oder lässt Schlüsse auf einen Gott zu. Sobald man glaubt ohne Beweise kann man alles rechtfertigen und man entzieht sich aus einem Diskurs darüber, weil es nicht Bewiesen werden kann. Und beten ist einfach Schwachsinn, wenn mans kriegt fühlt man sich bestätigt, obwohl es nur Zufallist und man nichts dafür geleistet hat, anstatt den Arsch zu bewegen. Beten ist meiner Meinung nach verwerflich.“

Ich kann mir nicht vorstellen dass er noch nie gebetet hat. Ein Gebet muss ja nicht mit: „Lieber Gott, bitte…“ anfangen… Meiner Meinung nach. Aber das werde ich ihm nicht sagen, das würde ihn nur aufregen. Stattdessen antworte ich mit: „Ich sage nicht, dass es etwas allmächtiges gibt, aber awarum sollte es schlecht sein seiner Familie Gesundheit zu wünschen? Ich denke dass es etwas ausmacht, wenn man es sich stark genug wünscht.“

„Wünschen ist ja nicht beten. Wünschen tu ich auch, aber ich erwarte mir keine Hilfe von einer nicht existierenden Macht“

„Beten ist doch nur eine Art der Formulierung. Wenn ich in mein Tagebuch schreibe, schreibe ich auch: Liebes Tagebuch, laber laber… Drogen zu nehmen, weil man denkt: Gott richtet eh alles, ist Schwachsinn. Keine Krebstherapie zu machen, weil man denkt: Gott richtet eh alles, ist verwerflich.“

„Ich weiß genauso wenig ob es die Zahnfee wirklich gibt, trotzdem glaube ich nicht an sie.“

Meine Erziehung schiebt mir gerade die Antort: „Das kannst du doch nicht gleichsetzen! Das ist Blasphemie“ – in den Hinterkopf, aber laut sage ich es nicht.
„Es wäre schön wenn alle gscheit wären, aber auch schrecklich.“

„Warum wäre das schrecklich?“

„Wenn dumme Menschen kranke Ideologien haben ist das schlecht, aber nicht so schlecht als würden gscheite Menschen kranke Ideologien haben.“

Ich hörte noch halb, dass er etwas erwiederte, aber ich konnte mich nicht mehr konzentrieren.Plötzlich bekam ich Bauchkrämpfe. Ich versuchte einzuschätzen was genau in den unteren Teilen meines Bauches los war, aber es war nicht genau zu eroieren. Blähungen, Druchfall oder Regelblutung? Ich wünschte mir ernsthaft nichts von den eben genannten Dingen. Das schlimmer war nämlich, dass ich mit meinem Diskussionspartner im Bett lag, wir gerade hemmungslosen, okay, nicht ganz so hemmungslosen Sex hatten und es einfach nicht gut wirken würde, wenn ich mir jetzt die Seele aus dem Leib pupse. Gut riechen würde es auch nicht. Aber ja, eigentlich sah es nie gut aus, wenn die Frau pupst. Mein feministisches Ich, dass ich wie jedes meiner Ichs gerne Personalisierte, schlug gerade vor, einfach loszupupsen und dann lässig zu erwiedern: „Hast du was gegen Frauen mit Stoffwechsel? Dann solltest du dir eine aus Plastik suchen.“ , aber heute war mein feministisches Ich viel zu leise, darum schnappteich mir mein Handy, sprang aus dem Bett, versuchte meine Speckrollen ein wenig zu verdecken und meinte: „Ich geh pipi.“. Dann stürmte ich auch schon durch die Tür und ins Badezimmer. Sorgfältig verschloss ich die Türe hinter mir und setzte mich auf die Toilette. Ja, pupsen musste ich eindeutig. Also hustete ich laut und hoffte dass man meinen Pups nicht in der ganzen Wohnung riechen konnte, dann blieb ich sitzen und checkte mein Handy. Meine beste Freundin hatte mir schon einige Nachrichten geschickt, darunter waren Fotos von Frauen mit Modefopass und ein Video von einem dicken Jungen der einen Keks in die Milch schob, der dann abbrach und die Schlusszene von Titanic nachspielte. Findet das sonst noch jemand witzig? Also ich finde so etwas wahnsinnig witzig. Ich schrieb ihr eine Nachricht mit: „Glaub ich muss gerade groß auf die Toilette und bin bei Nailu. Könnte auch meine Tage bekommen, keine Ahnung“

Sie war sofort online und schickte mir Smileys die vor lachen weinte. Naja, eine große Hilfe war das jetzt nicht, aber dann kam: „Geh aufs Klo, wenn er schläft. So hab ich das am Anfang auch immer gemacht.“

Warum eigentlich? Warum müssen wir Frauen immer zurückhalten, was ein natürliches Bedürfnis ist, nämlich zu KACKEN. Ja, bei Frauen verwandeln sich die Exkrimente nicht in Rosen, wir müssen echt auch auf die Toilette. Wir haben Blähungen und wir haben Druchfall. Manchmal sogar gleichzeitig. Trotzdem wird von mir verlangt meine Blähungen zurückzuhalten und Bauchkrämpfe zu bekommen, wärend die Typen neben mir drauf hoffen den lautesten in der ganzen Gruppe zu fabrizieren. Ungerechte Welt. ungerechte Gesellschaft.
Aber nein, ich musste nicht auf die Toilette, ich hatte wirklich meine Tage bekommen. Da ich nackt und ohne Tasche auf die Toilette gerannt bin, hatte ich natürlich keine O.B.s, aber ich wusste dass in diesem Haushalt noch eine andere Frau wohnt, die ja hoffentlich auch ihre Tage hat, nämlich Nailus Mutter, also kramte ich mich durch ihre Pflegeprodukte und fand ein Super Ob. Nett, da kann ich mir nachdem der aufgegangen ist eine ganze Melone in die Vagina schieben, Egal, rein damit und ab in Nailus Zimmer, damit er nicht ernsthaft glaubt ich hätte gerade meinen ganzen Darminhalt auf seinem Klo entleert. Das glauben Männer bestimmt, wenn man zu lange am Klo bleibt. Ich warf mich mit miner besten James- Bond Rolle zurück ins Bett und kuschelte mich wieder an Nailus Brust.

„Hey, dir hängt da ein blauer Faden raus“

Wahnsinnig geistreiche Bemerkung. „Ja, ich bin ein Hampelmännchen und wenn du daran ziehst schnellen meine Beine rauf“

„Das würd ich gern mal ausprobieren“

„Wenn du ein Regelblut beschmiertes O.B. in der Hand haben willst, gerne“

Ja, ich weiß. Meine Aussage war gerade nicht wirklich damenhaft, aber warum sollte ich die Dinge nicht beim Namen nennen? Meine Mutter hat einmal zu mir gesagt: „Mit deiner großen Klappe wirst du nie einen Mann finden“ – dabei hatte sie deffinitiv unrecht, ich hatte schon einige Männer, aber beim halten dieser Männer scheiterte es auch immer. Nailu war nämlich garnicht mein Freund. Wir hatten Sex, ja, aber wir waren nicht zusammen. Solche Geschichten, die einen hauch Freundschaft enthalten und auch ein wenig Sex halten nie lange, aber eigentlich war mir das ja egal. Wenn ich langfristig mit jemanden Sex haben wollen würde, würde es ja gerade wie eine Beziehung sein.

„Das wars heute also mit Sex“, stellte er geistreich fest.
„Außer du willst ins Rote Meer stechen. Aber ich glaub du kannst heut eh nicht mehr. Drei Mal sind bei dir doch schon zu viel.“

Darauf wusste er deffinitiv nichts mehr zu sagen. Ich sprang wieder aus dem Bett und suchte meine Wäsche zusammen, es war langsam Zeit für mich den Heimweg anzutreten. Wärend ich mein Höschen noch in irgendwelchen Bettritzen suchte, dachte ich schon daran in meinem eigenen Bett zu schlafen. Ich wollte nicht hier übernachten. Das lag nicht daran, dass ich den Gedanken nicht mochte bei jemand anderen zu schlafen, es lag einfach daran, dass ich mein eigenes Bett am bequemsten fand und gerade dann, wenn ich alleine war. Würde ich jemanden wirklich lieben, würde es sicher schön sein, mit ihm im gleichen Bett zu schlafen, aber so lang dem nicht so ist, bin ich gern alleine. Als ich endlich mein Höschen zerknittert in einer Bettritze fand stand ich auf und versuchte mich so schnell wie möglich anzuziehen.

„Kannst du mich bitte nicht beim anziehen beobachten?“, fragte ich Nailu von der Seite.

„Du bist aber schön, ich schau dir gerne zu.“

Solche Sätze sagen Männer entweder, weil sie glauben du möchtest es hören, oder weil sie irgendetwas wollen. Wenn ich irgendetwas sage, meine ich Oralverkehr.
Gott sei dank hatte ich bald meine Unterwäsche an und zwängte mich dann in mein schwarzes Kleid. Es war kein Abendkleid, oder irgendwas sonst. Es war ein schwarzes Baumwollkleid, dass irgendwie aussah wie ein Tshirt, nur länger. Du denkst dir jetzt bestimmt: Wie langweilig., aber ja, das war der Sinn darin. Um die Langeweile gings mir, bei meiner Kleidung. Ich bin der Meinung meine persönlichkeit ist aufregend genug, da würde eine aussergewöhnliche Kleidung nur zur überreizung aller Sinnen führen. Ich packte die Dinge ein, die ich in der ganzen Wohnung verteilt hatte und mein Kopf tanzte dabei von einem Zimmer zum anderen. Ich konnte Nailu lachen hören, als er mich tanzen sah, aber das machte mir nichts aus. Eigentlich machte mir wenig aus, in seiner Gegenwart. Was den Sex nur um so besser macht.
Ich verabschiedete mich mit einer kurzen umarmung, stieg in meine zu großen Halbstiefel und latschte aus der Wohnung. Das Wetter war veregnet und grau, aber so war das schon einige Jahre um die Zeit. Wir hatten schon lange keine weißen Weihnachten mehr und auch dieses Jahr schien nichts darauf zu deuten, dass wir endlich wieder Weihnachten im Schnee feiern konnten. Es war der 17. Dezember und die Einkaufsstraßen explodierten nur so von Menschen, die ihren konsumdrang befriedigen mussten und ihren dreijährigen Kindern Dinge wie Smarphones schenken wollten. Wie jede Generation vor mir dachte ich mir: Zu meiner Zeit war das alles noch besser.
In der Ubahn stöpselte ich mir meinen MP3Player an, damit ich die hustenden und quatschenden Menschenmengen übertönen konnte und verfiel völlig in den Text meiner derzeitigen Lieblingsband. Ich musste nicht umsteigen, die Ubahn fuhr direkt bis vor meinem Haus. Als es endlich Zeit war auszusteigen versuchte ich gleichzeitig nicht durch die ruppige Fahrt der Ubahn umzufliegen und mich an den Menschen vorbeizuzwengen. Ich hasse diesen Teil der Fahrt, aber wenigstens war es Winter und man konnte einen Mantel tragen. Im Sommer, wo man viel zu viel nackte Haut zu spüren bekam, war das viel schlimmer. Als ich zu Hause ankam merkte ich schon dass ich nicht alleine war. Mein Stiefvater und meine Mutter saßen vorm Fernseher. Meine Mutter hatte ihren Ereader vor der Nase und mein Stiefvater döste leise vor sich hin. Ja, wir verschwendeten Energie, aber Hintergrundgeräusche sind uns eben alle wichtig. Ich setzte mich vor dem ausladenden alten Holzcouchtisch auf dem Boden, damit ich mit meiner Mutter plaudern konnte. Ich würde ihr nicht erzählen, wo ich gerade war, aber warum sollte ich das auch? Oft seh ich Sendungen (amerikanisch) oder lese Bücher (ebenfalls Amerikanisch) in denen die Kinder nichts vor ihren Eltern geheim halten konnten. Erstens war ich kein Kind mehr und zweitens ist das absoluter Blödsinn. Sobald man sein eigenes Leben führt, also sobald man anfängt zu denken, kann man so viel geheim halten, wie man will, wenn es sich wirklich nur um das eigene Leben handelt. Nachdem ich belangloses Zeug mit meiner Mutter geteilt hatte, verschwand ich in mein Zimmer und las bis in die späten Abendstunden einen völlig unrealistischen Fantasyroman. Das war ein perfekter Tag, zuerst Sex, dann Familie und dann alleine mit einem Buch in mein bequemes Bett, es könnte eigentlich nicht besser sein.

Am nächsten Morgen weckte mich das erbarmunslose brüllen meines Weckers auf. Wie ich es hasse. 10 Minuten noch. Nach einer Stunde, in der ich alle 10 Minuten geweckt wurde sprang ich dann endlich aus dem Bett und lief zu der Kaffeemaschine. Meine Mutter und mein Stiefvater waren schon längst weg. Ich musste nicht so früh aufstehen, da ich nur in eine Vorlesung musste, aber für mich war es noch immer früh genug. Der Kaffe verlieh mir neues Leben. Danach sprang ich in die Dusche. Ich wäre euch nicht zu viel von meinen Duschgewohnheiten erzählen, in fast allen Büchern, die ich gelesen hat, wurde das duschen genau beschrieben. Nein, ich lese keine Pornos. Aber sie beschreiben immer als ein extrem entspannendes Ereignis. Für mich war und ist duschen nur zum waschen da, es entspannt mich nicht, aber quält mich auch nicht. Make Up benütze ich grundsätzlich kaum, weil ich finde, die Menschen sollten sich ruhig an mein richtiges, unverfälschtes Gesicht gewöhnen.
Als ich endlich angezogen war, mit einem kurzen wallenden Rock, einer Strumpfhose, einem T-shirt auf dem groß der Kopf von Harry Potter prangt und einer groben langen Wollweste, machte ich mich auf den Weg zur Straßenbahn.
Der Weg war nicht weit und so saß ich schon bald in meiner Vorlesung. Es war langweilig, kann ich euch sagen. Neben mir saß eine Freundin und sie langweilte sich genauso sehr wie ich. Sie malte Skelette auf ihr Heft, die verdammt realistisch aussahen und schrieb nur manchmal eine Jahreszahl, die uns die Vortragende ansagte, wie aus einem Geschichtsbuch, dazu. Ich malte mir aus heute Abend schon wieder in meinem Bett zu liegen und ein weiteres Buch zu verschlingen.

Als ich all meine Vorlesungen hinter mir hatte, konnte ich mich endlich auf dem Weg nach Hause machen. Bei meiner Ubahn aussteigend, fällt mir noch auf, dass ich heute gar nichts gegessen habe. Sowas passiert mir oft und wird mir dann immer mit einem grausamen Magenknurren auf die Nase gebunden, also mache ich einen Abstecher zu meinem Lieblingstürken und bestelle mir ein vegetarisches Dürüm. Ich möchte mich hier keinen Klischees bedienen, darum sage ich gleich: Mein Lieblingstürke betreibt mit mir in ausgezeichneten Deutsch smalltalk, bis ich ihm sein Geld gereicht und er mir meine Nahrung gereicht hat. Dann lief ich fast schon nach Hause, weil ich direkt spüren konnte wie das Dürüm meinen Magen beruhigt. Zu Hause angekommen merke ich das die Tür nicht zugesperrt ist, ein Zeichen dafür, dass meine Mutter schon zu Hause ist, was nicht oft vorkommt. Ich schreie also lauthals durch die ganze Wohnung: „HALLO“ und versuche mich dann in mein Zimmer zu verziehen. Das gelingt allerdings nicht. Meine Mutter kommt mit dreckverschmierten Füßen durch die Wohnung in mein Zimmer gelaufen und setzt sich zu mir auf mein Bett. Sie war also vorher schon in unseren kleinen Garten. „Luna!“, sagt sie viel zu laut, als ob ich nicht neben ihr sitzen würde und mein Dürüm anschmachten würde „ Ich hab etwas Neues ausprobiert, willst du mir dann nicht helfen?“
Natürlich werde ich ihr helfen, aber was mache ich mit meinem Dürüm?
„Mama, ich esse nur schnell, hab noch nichts im Magen, dann kann ich dir helfen.“
„Nein, Zuckerpupe. Lass dir Zeit, ich muss sowieso warten bis die Nachbarn schlafe, sonst reden sie wieder schlecht von uns.“
„Als würde dir das was ausmachen, Mutter.“ Ja, ich sage das jetzt so, als wäre das was schlechtes, dass es meiner Mutter nichts ausmacht, was ihre Nachbarn davon denken. Eigentlich finde ich es ganz gut. Das zeigt mir immer was meine Mutter und ich gemeinsam haben.Also öffne ich die noch heiße Folie um meinen Lebensretter und führe ihn mir genüsslich zum Mund, doch bevor ich überhaupt abbeissen konnte, nimmt ihn mir meine Mutter aus der Hand und macht selbst einen großen schmatzenden Biss. „Hmm.. Schmeckt gut.“
Ja, das war eine der weniger guten Seite meiner Mutter. Aber was solls, teilen macht Spaß. Endlich kam ich dazu mein Dürüm auch selbst zu essen und fühlte mich danach gleich besser. Meiner Mutter war ins Wohnzimmer verschwunden und lies mich alleine. Es ist schön, wenn meine Mutter merkt dass ich Zeit zum ankommen brauche. Danach schlurfe ich auch schon in unser ausladendes Wohnzimmer und sehe zu wie sie verschiedenste getrocknete Kräuter am Küchentisch verbröselt und vermischt. Eine ihrer Lieblingstätigkeiten.

„Also Mamtsch, was möchtest du denn ausprobieren?“

„Ach Liebes, ich hab da so einen Zauber gefunden der uns Schnee bringen soll, dieses Weihnachten!“

Oh Göttin, letztes Jahr hat sie einen Wirbelsturm heraufbeschworen und das in Österreich! Ich hoffe sie zaubert dieses Jahr keinen Taifun!

Aber ich lächle nur und sage „Ok, ich zieh mir mal mein Ritualkleid an.“

Ja, wir sind Hexen. Klingt komisch, ist aber so. Ich bin aber keine Paranormale, wie in den Büchern. In der Literatur gibt es zwei große Probleme bei Hexen. Das erste Problem ist, dass sie keine Hexen sein wollen und das ist schon ziemlich unrealistisch. Wer will keine Hexe sein? Ernsthaft. Alle wollen angepasst und unauffällig sein. Ich hab schon so oft von kleinen schüchternen Mädchen gelesen, die Kräfte entdecken und total abgeschreckt sind. Das ganze Buch darüber jammern und nur ein langweiliges Leben haben wollen. Scheiss auf Langeweile! Ich hab langeweile schon immer gehasst, wie hält man das nur aus. Ich bin total glücklich darüber hexen zu können und auch wenn ich die meisten Zauber verhaue, haut mich das nicht um. Es bringt mich eher zum lachen. Ich hab mal einen Typen, der total pickelig war versucht zu helfen (natürlich ohne sein Einverständnis) und hab ihn statt einem hübschen Gesicht in einen Frosch verwandelt. Den ganzen Nachmittag hab ich versucht den Frosch zu küssen, der mir immer wieder aus den Händen entwischt ist um ihn zurückzuverwandeln. Doch leider sind Märchen nicht wahr und der Frosch hat total ekelhaft geschmeckt. Vielleicht war ich auch nur nicht seine große Liebe. Am Schluss hat meine Oma dann unter lauten Flüchen ihre gefürchtete Oberhexenhand erhoben und den armen Jungen sein normales pickliges Gesicht gegeben. Und seinen körper dazu. Er hat dann irgendwas von einen verrückten Traum gefaselt, in dem er ein Frosch war. Ich hab mich jedes Mal was bepinkelt, wenn er davon gesprochen hat. Ja, es ist nicht nett, oder anständig sowas zu tun und dann auch noch zu lachen, aber immerhin wollte ich ihm helfen und wenn ich desshalb in die Hölle geschickt werde: Lieber Gott! Tu dir keinen Zwang an, dann maschiere ich mit erhobenen Haupt durch den V.I.P. Eingang!

Das zweite Problem ist das Wort „Paranormale“ an sich. Warum sollten wir anders als normal sein? Soweit ich weiß gibt es uns Hexen schon immer. Wir sind keine Seuche, oder eine Krankheit. Wir sind einfach eine andere Art von Menschen. So wie es verschiedene Pferdearten gibt, gibt es verschiedene Menschenarten. Ich bin eben eine etwas abgewandte menschliche Lebensform. Warum wir uns nicht outen, wenn wir doch normal sind? HALLO? Schon mal was von Hexenverbrennungen gehört? Diese ganzen armen Menschen waren dazu noch nicht einmal Hexen. Wir Hexen haben uns besser tarnen können (Magie, sie lebe Hoch!) Die Menschheit wird immer irgendwem die Schuld zuschieben. Wenns nicht die Hexen sind, sinds eben die Juden, oder sonst irgendeine Bevölkerungsform, die in der Unterzahl liegt. Scheiß drauf! Das ist der Grund, warum ich zwar eine Hexe bin, aber keiner wissen darf, dass ich zauberhaft bin. Klingt doch gut! Zauberhaft… Meine Freunde wissen es nicht, nicht ein Exfreund wusste es. Es ist auch nicht meine ganze Persönlichkeit, sondern nur ein klitzekleines gut behütetes Geheimnis, dass ich in der Nacht fröhne, wenn keiner mir zuschaut. Ich muss nicht alles mit jedem teilen, das ist das schöne daran, dass ich ganz alleine mir gehöre. Ich finde es nicht schade, dass ich Geheimnisse haben darf. Ich geh immerhin auch mal alleine Essen, oder alleine ins Kino. Da darf ich doch in der Nacht auch alleine die Göttin anbeten.

Irgendwann, wenn mich ich das wirklich möchte, werde ich es jemanden erzählen. Manchmal wollte ich es schon meiner besten Freundin erzählen, aber ich habe es für mich behalten, weil eben noch nicht der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Ich laufe nicht davon, weil ich denke, dass sie mich dann nicht mehr lieb haben würde. Sie würde mich auch mit dritten Nippel mitten auf der Stirn akzeptieren, dessen bin ich mir sicher (und Hexerei ist um einiges cooler als verstreute Nippel), aber ich wollte es eben einfach noch nicht. Ein Familiengeheimis bleibt ja meistens in der Familie.

Übrigens, falls ihr euch das jetzt fragt: Nein, meine Mama hat unseren Vorgarten nicht überschwemmt. Sie hat auch keine andere Naturkatastrophe verursacht. Allerdings hat die sie Katze unseres Nachbarn, die kurz in unseren Garten gelaufen kam Schockgefrostet. Sie war besürzt und mir gingen Tröpfchen in die Unterhose, vor Lachen. Info: In dieser Geschichte wurden keine Tiere verletzt. Der kleine Schnuffi vom Nachbarn ist wohl auf, kann meine Mama aber auch nicht mehr wirklich leiden. Kann ich ihn nicht übel nehmen.
Ich: Kind. War heute beim Opa im Pflegeheim und als ich raus gegangen bin, war ich voll aufgelöst, weil mich Gespräche mim Opa voll anstrengen. Ich war voll verwirrt und so. Und dann war da so ein… Mann. Ein Pfleger. Der hat mich gesehen und gefragt was los ist. Dann hat er mich im Aufenthaltsraum auf einen Kaffee eingeladen. Wir haben 1 1/2 Stunden miteinander gesprochen und am Schluss hat er total geflirtet. Aber er hat mich nicht nach meiner Telefonnummer gefragt, oder so.

Ich: Irgendwann hab ich gesagt, dass ich gehen muss. Weil ich eine Prüfung hab und noch lernen muss. Und als ich am Gehen war, meinte er, er findet es schade, dass wir uns so schnell nicht mehr sehen werden, weil er nur als Aushilfe da arbeitet.

Ich: Aber er hat mich trotzdem nicht nach meiner Telefonnummer gefragt.

Ich: Dann bin ich gegangen und jetzt bin ich traurig, weil ich nicht mal seinen Namen weiß.

Bea: Na geh :(( was ist, wenn du morgen oder in den nächsten Tagen wieder hingehst? Dann is er sicher noch da. Und wenn nicht kannst andere Mitarbeiter fragen wie er heißt. Wie alt ist er?

Ich: 31.. fast 10 Jahre.

Ich: Er weiß nicht, wie alt ich bin. Nur dass ich studiere

Bea: Na macht ja nichts, wenn er nett ist.

Bea: Schau wirklich morgen noch mal hin.

Ich: Naja, er hat heute eine 25 Stunden schicht und um 8 Uhr aus.

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