Standard

1.) Sie
Leben heißt Leiden. Ein Zitat das mehr Warheit enthält kann ich mir zurzeit nicht vorstellen. Ich hob meine Bürste zum nächsten Strich gegen mein wiederspänstiges Haar. Es hängt in nassen Zotteln über meinen Rücken und lacht mich bei jedem Strich aus, mit dem ich versuche die dicken Knoten, die zwangsläufig nach dem waschen entstehen auszubürsten. Wie oft hab ich schon gehört, dass es sich anhört, als würde man ein Pferd striegeln? Das Problem ist, dass ich mir nur die Haare frisieren kann, wenn sie nass sind. Haben Sie schonmal Locken ausfrisiert? Dann sieht man zwangsläufig aus wie ein Höhlenmensch. Also machte ich mich wieder ans Werk. Es war bereits elf Uhr Abends und ich sollte schon längst im Bett sein. Morgen musste ich früh raus, bevor die Arbeit wieder los geht. Ich hatte noch einige Erledigungen zu machen. Also schmiss ich mich mit meiner besten James-Bond Rolle in mein Bett und versuchte einzuschlafen. Meine Gedanken wanderten noch länger um Dinge, die ich erledigen musste und Rechnungen, die zu zahlen waren, aber dann war ich endlich eingeschlafen und träumte von einem Leben, das viel einfacher und bunter war…

Am nächsten Morgen kroch ich um 6 Uhr aus dem Bett. Die Kaffeemaschine wollte schon wieder nicht funktionieren, aber ich warf ihr einen bösen Blick von der Seite zu und schon läuchtete das rote Lämpchen und ich konnte mich an dem schönen Aroma von Billigmarkenkaffee satt riechen. Zähneputzend wanderte ich durch meine kleine Wohnung und warf die Bücher, die ich noch zurück in die Bücherei bringen musste in meinen großen, alten Rucksack. Ich liebte diesen Rucksack. Da passt mein ganzes Leben rein. Traurig für mein Leben und gut für den Rucksack. Außerdem war er geschmückt mit all den Sachen, die man eben an so einen Rucksack klemmen kann. Einen Button aus England, den mir eine Freundin von ihrer Austauschwoche mitgebracht hat, ein Aufnäher der Rocky Horror Picture Show, die ich liebte, aber noch nie live sehen konnte, weil mir das Geld dazu nicht reichte, eine wunderschöne Vogelfeder, die ich im Park gefunden hatte und viele andere Erinnerungen. Endlich war der Kaffee fertig und ich nahm eine große Tasse und ein wenig Milch dazu. Damit saß ich dann auf meinem ausladenden Fensterbrett und nahm mit kleinen Schucken Leben zu mir. Ja, das Fensterbrett ist auch das einzig tolle an dieser kleinen muffigen Wohung. Aber ich war froh, dass ich sie hatte. Das konnte nicht jeder von sich behaupten. Mit Schuldgefühlen beobachtete ich die Obdachlose, die vor meinem Fenster mit ihren Einkaufswagen runden drehte. Ich sollte mich öfters darüber freuen, dass ich Essen und einen Platz zum schlafen hatte.
Vor dem Spiegel war jeder Kampf auswegslos. Da ich mit nassen Haaren ins Bett gegangen war machte ich mir einen hohen Knoten in die Haare und ging sonst meinen Pflegeprogramm nach. Schminke mochte ich nicht besonders, trotzdem hatte ich einige Dinge, die ich für die Arbeit herauskramte. Aber jetzt konnte ich noch ganz ungeschminkt durch die Stadt laufen. Ich zog mir einen SportBh und ein Höschen an und danach sah ich wie es nach meinen Leggins ging. Ich fand eine ohne Loch im Schritt – der Tag war ja nicht ganz übel. Trotzdem schrieb ich auf meine ToDo Liste: Neue Leggins. Ich glaub das war meine einzige funktionstüchtige. Ich würde die anderen ja nähen, aber jede Mühe war unnötig. Sie waren schon richtig fadenscheinig. Ich hoffte inständig meinen Lohn heute zu bekommen, sonst war ich wirklich aufgeschmissen. ein blau weiß gestreiftes Longshirt kramte ich noch schnell aus meinen Kasten und zog mir dann meine zerfetzten Converse über zwei verschiedene Socken. Ich fand nicht, dass Socken ordentlich aussehen müssen. Mein Rucksack in den einem Arm und eine Tasse Kaffee in den dem anderen rannte ich die Stufen durch das verdreckte Stiegenhaus runter und kam stolpernd auf der Straße an. Die Obdachlose mit ihrem Einkaufswagen bekam leuchtende Augen, als sie mich sah und ich reichte ihr die Kaffeetasse. Zum Austausch gab sie mir die Kaffeetasse, die ich ihr gestern gegeben hatte. Wie immer war sie ausgewaschen und ein kleiner abgerissener Zettel lag in ihr mit einem Zitat darauf. “

Jeder, der sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.“

Ich beneidete die Obdachlose nicht zum ersten Mal um ihre schöne Schrift. Ich hatte keine Ahnung woher sie dieses Zitat hatte, Sie müssen wissen, meine Obdachlose redet nicht mit mir. Ich weiß nicht warum, aber sie hatte, seit ich sie vor drei Jahren kennengelernt hatte noch kein Wort zu mir gesagt. Damals traf ich sie genau an dieser Stelle nach der ersten Nacht in meinem neuen Zu Hause. Vorher hatte ich sie noch aus dem Fenster beobachtet und hatte gesehen, dass sie aus dem Mistkübel der Bäckerei gegenüber eine halbleere Kaffeetogo Tasse hob und sie austrank. An diesem Morgen brachte ich ihr zum ersten Mal ihren Kaffee und heute drei Jahre später freute ich mich jeden Morgen auf mein Zitat. Sie brachte mir jeden Tag die Kaffeetasse vom vortag zurück und hatte noch nie eine verloren, oder abgeschlagen. Und jeden Tag steckte ein anderes Zitat in ihr. Dieses Zitat war mir Dank genug, ich hatte schon eine ganze Kiste davon. Und ich liebte sie wie am ersten Tag. Die Obdachlose lächelte mich an und trag einen Schluck aus der Tasse. Sie war einmal eine schöne Frau gewesen, mit blonden Haaren und einem schönen symetrsichen Gesicht. Heute hatte ihr die Straßen Furchen und Dreck gebracht, die ihr ihre Schönheit stahlen, aber wenn sie lächelte, konnte man noch einen Teil eben dieser Schönheit erkennen. Ich schenkte ihr ein rießiges Lächeln und bedankte mich für das neue Zitat. Die Kaffeetasse verstaute ich in meinen Rucksack und verabschiedete mich, wie jeden Tag, ohne eine Antwort. Als ich am Zeitungsstand vorbei kam, winkte mich der Besitzer heran und schob mir ein Paket zu. Er hatte schon wieder ein Paket für mich angenommen, als ich arbeiten war. „Danke Herr Kobenski! Auf Sie ist wirklich verlass!“, antwortete ich auf sein kleines Lächeln. „Ach, du brauchst dich doch nicht bedanken Luna, du weißt ja wie gerne ich dich sehe, da mach ich auch schon mal den Paketdienst.“
„Gibts was neues aus der Hexenfront?“, fragte ich ihn um mal Smaltalk zu betreiben. Mit der Hexenfront sind die alten grießgrämigen Rentner gemeint, die bei mir in der Nähe wohnten und jeden Morgen über jeden der Mieter in der ganzen Straße lästern mussten.
„Ach, ich glaub Linda hat schon wieder einen neuen, soweit ich das gehört hat und die Katze von Herrn Maier hat in den Garten von Frau Kugler gekotzt.“
„Äh, Sie meinen die Katze von Frau Kugler hat in den Garten von Herrn Maier gekotzt, ich glaub Herr Maier hat einen Hund.“
„Ja, wird schon so sein, Herzchen. Mir ist reichlich egal wer in welchen Garten kotzt, so lange er die Kotze in meinen Garten dann auch wieder weg macht.“ Ich lachte herzhaft und versicherte ihn, ich würde meine Kotze bestimmt wieder wegmachen, falls ich mal in seinem Garten kotzen würde.
Ich verabschiedete mich von ihn und er warf mir noch einen Apfel zu, den ich im weggehen fing. Er versprach mir das Paket noch bis zum Abend aufzuheben, weil ich jetzt keinen Platz mehr hatte (ja, auch das kontingent in meinem Rucksack muss irgendwann voll sein). Unterwegs verspeißte ich meinen Apfen und freute mich darüber, ich hatte nämlich schon wieder vergessen zu Frühstücken. Er war aus Herr Kobenskis Garten und darum besonders saftig.
In der Biblihotek angekommen durchforstete ich die muffigen Regale nach Büchern, die es Wert waren, meine Aufmerksamkeit geschenkt zu bekommen und da fiel mein Blick auf eine Buchreihe die ich schon lange nicht mehr in den Fingern hatte. Also nahm ich die ersten drei Bände und ging zur Kasse. In Erwartung auf die schönen fantasievollen Geschichten mit Vampiren, Werwölfen, Elfen, Geistern und Engeln sah ich den Mann nicht, in den ich genau reinrannte. Er hielt mich auf, so dass ich nicht fallen konnte und lächelte mich dann freundlich an. „Benjamin! Bist du etwa schon aus dem Urlaub zurück? Solltest du nicht nächste Woche erst wieder kommen?“ „Ja, aber meine liebe Frau Mutter ist krank geworden und natürlich mussten wir sofort alles abbrechen und sie nach Hause bringen, bevor sie noch in der Wildnis, die wir Hotel nennen, umkommt. Du kennst sie ja“
„Ach, das ist schade für euch. Aber ich freu mich, dass du wieder da bist, ich hätte nicht gewusst wie ich ohne Dich noch eine Woche überleben hätte können.“, warf ich mit einem koketten Augenaufschlag hinterher. Er nahm die Hände von meinen Oberarmen und wurde sogar leicht rosa auf den Wangen. „Das freut mich, Luna, dass du mich so vermisst. Hast du Zeit für einen Kaffee, oder muss ich dich schon wieder mit der gesammten Menschheit teilen.“ „Tut mir leid, ich muss Mal wieder die gesammte Menschheit mit meiner Anwesenheit beglücken und vor allem die, von die, die die Stromrechnung ausstellen. Die haben da schon wieder was falsch gemacht.“
„Gut, ich komm die Tage vorbei und versuchs einfach noch Mal bei dir.“, schob Benjamin nach. Ich wusste er war endtäuscht, aber ich hatte wirklich einiges zu erledigen. Also verabschiedete ich mich und ging zur Kassa. Ich hatte einen Bücherreiausweiß der auf eine Schülerin ausgestellt war, obwohl ich schon länger keine Schülerin mehr war. Das war der netten Besitzerin der Bücherei zu verdanken, die mich einmal in Tränen aufgelöst vor ihrem Tor fand und der ich erzählte, ich könnte mir einfach keine Mitgliedschaft leisten. Sie meinte, jeder müsste die Möglichkeit haben zu lesen. Und gab mir dann äußerst illegal meinen Bücherreiausweis, für den ich nichts zahlen musste. Die alte Dame war heute leider nicht da, sonst hätte ich mich mit ihr über ein Buch unterhalten können, dass sie mir empfohlen hatte und ihr dazu gratulieren, dass sie mal wieder meinen Geschmack getroffen hatte. Sie war genau so wie ich von Fantasy-Geschichten mit einer kleinen Romanze begeistert und fröhnte ihr Hobby noch zeitaufwändiger als ich. Es gab kein Buch in meinem Genre, dass sie noch nicht gelesen hatte. Aber sie hatte mir auch einige Jahre vorraus.
Ich gab die Bücher zurück und borgte mir die neuen aus.
Danach lief ich zur Ubahn, die mich zu dem Unternehmen bringen sollte, bei dem ich Strom bezog. Sie hatten mal wieder meine Anschrift verwechselt und meine Stromrechnung kam zum Nachbarn. Was ja nicht all zu schlimm war, aber auch die Mahnungen liefen zum Nachbarn und ich wollte nicht dass die Hexen davon erfuhren, dass ich mir nicht immer pünktlich die Stromrechnung leisten konnte. Ich hätte das alles auch per Handy, oder per E-Mail regeln können. Leider besaß ich keinen Telefonanschluss und mit Emails kannte ich mich gar nicht aus, weil ich auch keinen Computer besaß. Der persönliche Weg ist doch sowieso der freundlichste. Sollte man denken. Ich stritt mich eine geschlagene Stunde mit einem pickeligen Typen herum, der mir einfach nicht helfen wollte. Ich war nie auf den Mund gefallen und hatte einiges an Temperament. Das veranlasste den pickligen Jungen dazu, meine Anschrift endlich zu ändern und seinen Fehler zuzugeben. Danach fragte er mich, ob ich mit ihm auf einen Kaffee gehen wollen würde. „Sorry, ich steh auf das andere Geschlecht.“, antortete ich ihn. Das stimmte nicht, aber ich wollte mich nicht mit ihm treffen. Nicht, dass ich mich selbst für etwas besseres halten würde, aber ich traf mich mit keinen potentiellen Sexualpartner und nein, ich war auch nicht lesbisch. Ich wollte nur eben nicht so viel Körperkontakt. Er antwortete mir:“ Was“ , oke, wenn ich mich schon mit jemanden treffen würde, dann doch mit einem Menschen der die nette Floskel „Wie bitte“ kennt. Also erklärte ich ihm nocheinmal, dass er das falsche Geschlechtsteil hat und falls er sich umoperieren will, kann er sich ja wieder melden. Das verstand er dann endlich und ließ mich in Frieden.
Am Weg zurück versuchte ich möglichst viele Menschen anzugrinsen. Das war eine Taktik von mir, wenn ich schlecht drauf bin. Zuerst ist dein Grinsen noch falsch, aber wenn dir dann eine nette alte Omi, oder ein kleines Kind, sein Grinsen schenkt, wird dein Lächeln echt und dann geht es einem schon viel besser.
Ich lief direkt nach Hause um mich umzuziehen. Ich schlüpfte in eine enge Jeans und ein ebenso enges Schwarzes T-shirt mit dem Logo der Bar, in der ich arbeitete. Ich wusste zwar, dass ich mit Rock mehr Trinkgeld bekommen würde, aber ich hasste es, wenn mich jemand bevorzugte, nur weil ich meine Beine zeigte. Ich band meine Haare neu und ließ ein paar Haarsträhnen plus Stirnfransen frei und schon machte ich mich mit meinem alten Begleiter, dem Rucksack auf den Weg zur Arbeit. Als ich ankam war es schon kurz nach drei Uhr am Nachmittag. Ich fuhr fast eine Stunde zu meinem Arbeitsplatz, aber das zahlte sich aus. Meine Kollegen waren jung und nett und vor allem fragte mich keiner nach meinem Alter. Sie müssen wissen, ich benahm mich zwar nicht wie 16, aber körperlich war ich eben so jung. Mit 16 darf man leider noch nicht alleine wohnen und in einer Bar arbeiten, aber das hielt mich eindeutig nicht davon ab, wie so sicher schon bemerkt hatten. Ich nahm den Platz hinter der Bar ein und begrüßte meinen Kollegen. Gegen ihn sah ich dann doch aus, wie ein kleines Kind. Seine Arme und sein Genick waren mit wilden mustern tattowiert und seine blauen Haare stichen sich mit den grünen Augen. Aber er war nett, wie ein Vater, den ich nie hatte. Also, ich hatte einen Vater, aber nicht so einen. Er passte immer gut auf, dass die anderen gut nach Hause kam, oft fuhr er mich auf. Dass wir alle genug tranken und genug aßen. Apropos, ich hatte total vergessen etwas zu essen. Außer einem Apfel, den Kaffee am Morgen und eine flasche Wasser hatte ich noch nichts intus. Ich versuchte nicht zu schuldig auszusehen und wischte den Tresen. Ich glaube, er hatte meine Gedanken gelesen. Denn er kam schon mit einem wissenden Blick zu mir herüber und hielt mir ein Sandwich hin. „Noch nichts gegessen, hm?“ „Äh, oja. Ich hab gefrühstückt!“ – einen Apfel kann man doch Frühstück nennen, oder? „Jetzt nimm schon und iss, du siehst total käsig aus.“ „Das nennt man noble Blässe, du ignorant“, ärgerte ich ihn liebevoll. Schnappte mir aber dann das Sandwich, sah ihn dankbar an und verschwand für 10 Minuten in den liebevoll ausgestatteten Raum für Angestellte. Voll kam ich zurück und schob einem alten Bekannten ein Bier vor die Nase. „Hallo, George.“ begrüßte ich den Stammgast, der an der Theke saß. „Heute nur drei Bier, ich wisch nicht wieder dein Erbrochenes auf.“
Schuldbewusst senkte er seinen Blick. Ich wusste genau, dass es nicht bei drei Bier bleiben würde. Vielleicht hatte er sogar vorher schon etwas getrunken, aber ich wollte ihm nocheinmal darauf hinweißen, dass es kein Vergnügen für mich war, am Boden zu kauern und erbrochenes Bier aufzuwischen.Vielleicht gab er mir ja einmal mehr Trinkgeld, für meine Dienste. George war jeden Abend hier und betrank sich auch jeden Abend, aber wenigstens brach er nicht jeden Abend. Er war unser Stamm-Alkoholiker. Es tat mir leid, ihn so zu sehen, aber ich war nicht seine Mutter und ich wusste nicht warum er trank. Wenigstens wurde er nicht aggressiv, die konnte ich nämlich gar nicht leiden. „S‘ tut mir Leid, Lunachien. S‘nächste Mal pass ich besser auf.“ Na wenigstens etwas. Er konnte ja in Kobenskis Garten kotzen, wenn ers noch schafft es weg zu machen. Lachend betraten Benjamin und seine schwester Lisa die Bar. Ich schätze es war Benjamins Idee, mir heute ihre Gesellschaft zu schenken. Lieb von ihnen. „Hallo Kinder!“, rief ich ihnen zu. Ich wusste dass Benjamin 19 war und seine Schwester 18. Sie glaubten allerdings dass ich 20 war. Wie sich eine 16 jährige als 20 Jährige ausgeben kann? Gefälschter Ausweis und genug Selbstbewusstsein und Reife. So irgendwie geht das schon, obwohl ich immer wieder komisch angeschaut werde.
Ich schon Benjamin sein obligatorisches Cider hin und seiner Schwester einen Whisky mit Cola. Liebevoll betrachte ich meine zwei Freunde und freute mich doppelt darüber, dass sie schon wieder aus dem Urlaub zurück waren. „Ach Luna, du solltest dir endlich ein Handy zulegen. Ich wollte dir ja bescheid sagen, dass ich komme, aber keiner konnte dich auftreiben.“
„Nicht jedem wird das Geld von seinen Eltern in den Arsch geschoben, Benji.“, erinnerte ich ihn und machte mich daran ein paar andere zu bedienen. Gegen Acht wurde das Lokal voll und ich musste mehr und mehr beschleunigen um alle glücklich zu machen. Gegen neun wurde es wieder etwas leiser und ich konnte mich mit meinen Freunden unterhalten, die noch immer brav an der Bar saßen. Lisa hatte sich wohl langsam jemanden schön gesoffen und blinzelte andauernd zu einem Jungen rüber, der aber anscheinend mehr damit kämpfen musste, seine Tequilla zu kippen. Ich lehnte mich über die Bar und flüstete ihr beschwörerisch ins Ohr, sie sollte doch einfach mal zu ihm gehen. Da blickte sie mich schokiert an und meinte: „ Nein, das trau ich mich nicht.“ „Jetzt sei nicht immer so ängstlich, Lisa. Du bist hübsch, du brauchst dir keine Sorgen machen.“ „Du sprichst doch auch mit niemanden, Luna.“ „Ja, aber nur weil ich derzeit keine Penise in meiner Umgebung mag.“ „Und was ist mit mir?!“ – Benjamin bekam große Augen. „Ach, dich mag ich immer um mich.“ Zufrieden lehnte sich Benjamin wieder zurück und blickte zu seiner Schwester, die bei dem Wort penis richtig rot geworden war. „Jetzt komm schon, das Wort Penis ist jetzt nicht wirklich schlimm.“ „Jetzt sei nicht so pervers.“ „Wenn ich pervers sein wollte, würde ich Pimmel sagen.“
Da die Musik richtig laut war, mussten wir unser ganzes Gespräch schreien und das war natürlich auch der Grund, aus dem ich das Wort Pimmel quer durch den Raum rief. Leider hatte ich nicht gemerkt dass die Musik ausgegangen war und jeder durfte mein geschrieenes Pimmel hören. Lisa kicherte und Benjamin brüllte richtig vor lachen. Andere fielen mit ein und noch andere fragten sich sichtlich was ich mit diesem Wort zum Ausdruck bringen wollte.
2.) Sie
Ich begegnete den Blick eines Mannes, den ich hier in der Bar noch nie gesehen hatte. Er wäre mir aufgefallen. Seine Augen waren so blau, kein menschliches Wesen konnte so blaue Augen haben. Das mussten Kontaktlinsen sein. Seine Zähne waren strahlend weiß und auf seinen kantigen Gesicht macht sich ein Bartschatten bemerkbar. Er sah wunderschön aus. Solche Sorte von Menschen die zwangsläufig eingebildete, unterbelichtete Unterwäschemodels sein müssen. Ein schiefes Grinsen belohnte meinen Pimmel-Auftritt.
Ich hatte ihn schon zu lange angestarrt und es fiel ihm anscheinend auf. Darum drehte ich mich um und goss ein neues Bier in ein Glas. Ich hatte keine Ahnung für wem das Bier war, aber ich wollte nicht so unnötig herumstehen. Gut, Georges Bier war leer, also schob ich es ihm hin und sagte:“ Geht auf mich“. Immerhin hatte ich es ihm aufgedrängt. Freudestrahlend und betrunken lächelte mich mein Lieblingsalki an und sagte: „Aber es ist schon mein viertes!“ . Wers glaubt, George. „Macht nichts, aber wenn dir schlecht wird sag bescheid.“ Tut er doch eh nicht. Ich sah wie der Tequilla Junge langsam auf die Bar und Lisa zukam und freute mich diebisch darüber. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht näherte ich mich Lisa, damit ich mithören konnte. Ich war eben auch nicht frei von Neugierde. Doch was dann geschah konnte ich nicht wissen. Der Neuankömmling zog mir fest am Dutt meiner Haare. Das machte mich richtig wütend. Niemand fasste mich ungewollt an und schon gar nicht in so einer herabwürdigenden Geste, wie an den Haaren zu ziehen. George, Benjamin und Lisa hielten spürbar die Luft an. Sie wussten was mit solchen Leuten passiert. Ich drehte mich Zähne fletschend um und sah den Tequilla-Jungen, der langsam zum schielen begann mit vor Wut geweiteten Augen an. Ich fing an zu grinsen und flüsterte mit einer tiefen, gerade so lauten Stimme, dass er es noch verstehen konnte:“ Wenn du mich noch einmal ungefragt anfasst, nehm ich deine Eier und zieh sie so lange, DASS DU SIE ALS SCHAL VERWENDEN KANNST.“ Ich muss zugeben, bei den letzten Worten gefrohr mein Grinsen und ich wurde auch ein bisschen lauter. Schon wieder sah mich die ganze Bar an und Flo, mein tattowierter Kollege kam jetzt auch noch dazu, indem er sich mit verschrenkten Armen hinter mir aufbaute. Der Tequilla-Typ antwortete:“ He, jetzt reg dich ab, Kleines.“ Gut, jetzt sah ich endgültig rot. Woher nahm der Typ die Frechheit mich kleines Zu nennen, oder mir zu sagen, wie ich mich fühlen sollte. Doch Flo schob mich auf die Seite und sagte mit ruhiger Stimme:“ Meine Angestellten werden nicht angefasst und sie haben einen Namen. Wenn du mir noch einmal unangenehm auffällst, fliegst du in hohen Bogen vor die Tür. Und deine Freunde gleich mit.“ „Das muss ich mir nicht gefallen lassen, immerhin bin ich Kunde und bezahle gutes Geld.“ Das ging jetzt auch für Flo zu weit. Ich sah wie sich die Adern auf seinen Hals deutlich abzeichneten. „ Dein gutes Geld kannst du dir in den Arm schieben, Kleiner. Mein Laden läuft auch gut genug, ohne so kleine Ratten wie dich zu verköstigen.“ Damit hatte er recht. Sogar unter der Woche war dieser Laden immer proppenvoll. Mit eingezogenen Schwanz verpisste sich der Junge wieder zu seinen Freunden und flüsterte ihnen etwas zu. Bald waren sie auf den Weg zur Türe und liesen mich noch einmal einen giftigen Blick spüren. Ich hatte aber so viel zu tun, dass ich nicht viel darüber nachdachte. Das Trinkgeld war heute wieder gut und ich wollte noch ein bisschen mehr davon einheimsen, damit ich mir morgen nicht nur eine Leggins kaufen konnte.
Benjamin grinste mich andauernd an, wenn ich bei ihm vorbeiging und mir fiel noch mehr auf, wie ich sie vermisst hatte. Sie waren meine einzigen Freunde. Ich liebte sie, aber ich hatte auch oft Schuldgefühle, dass ich ihnen nicht viel von meinem Leben erzählen konnte. Sie hatten aufgehörtmich über mein früheres Leben, meine Eltern und wie ich aufgewachsen war, auszufragen. Ich hatte prinzipiell niemanden davon erzählt, es war einfach zu gefährlich. Ich war 14, als ich von zu Hause weggelaufen war. Mit 14 durfte man nicht alleine leben, sondern man wurde dem Staat unterstellt, und das wollte ich nicht riskieren. Aber ich konnte auch nicht mehr bei meinen alkoholkranken Vater leben. Er hatte begonnen zu trinken, als ich sechs war. Kurz nach dem Tod meiner Mutter. Sie war an Lungenkrebs gestorben. Ich hatte sie sehr geliebt. Auch meinen Vater hatte ich sehr geliebt, aber nachdem sie gestorben war, starb auch der liebevolle Teil meines Vaters. Ich war ein Kind, dass nach dem Tod seiner Mutter zuspruch von einem liebevollen Elternteil gebraucht hätte, aber alles was ich bekam war ein Vater, den es nicht aufgefallen wäre, wenn ich gestorben wäre. Vielleicht hätte er es irgendwann gerochen. Er hat getrunken und wurde aggressiv. Er hat mir die Schuld an dem Tod meiner Mutter gegeben, wie ich an Krebs verantwortlich sein kann, weiß ich bis heute nicht, aber als Kind habe ich wirklich daran geglaubt. Ich dachte ich würde Krebs verursachen. Er hat mich oft bis in die Nacht angeschrien und ich konnte am nächsten Tag in der Schule kaum die Augen offen halten. Obwohl ich ein fotografisches Gedächnis hatte, konnte ich mich kaum konzentrieren und meine Noten wurden schlecht. In der Schule dachten sie, ich wäre einfach nur dumm. Freunde konnte ich keine finden, weil sie mich auch alle komisch fanden und irgendwann hatte ich dann einfach ganz aufgehört zu reden. Ich wollte nicht, dass sie mir Dummheit andichteten, also lies ich mich einfach als gestört abstempeln. Als ich 8 War, wurde ein Jugendamtmitarbeiter auf mich aufmerksam. Er steckte mich in das Führsorgesystem und mein Vater wehrte sich nicht dagegen. Seit dem habe ich ihn nie wieder gesehen. Ich wurde von einer Pflegefamilie zur anderen geschickt. Keiner brachte mich wieder zum sprechen. Die meisten waren auch nicht daran interessiert, nur an dem Geld, was sie durch mich bekamen. Mit 11 war ich dann auch das letzte Mal in der Schule. Die Pflegefamilie, bei der ich gelandet war, hatten mich gezwungen ihre Drecksarbeit zu erledigen. Sie liesen mich putzen, waschen und kochen. Ich hatte keine Zeit mehr und war einfach zu müde. Die Mutter lachte mich aus, auf den Wunsch, wie alle anderen Kinder zur schule zu gehen und der Vater war am grausamsten. Er schlug mich, wenn ich ihn wiedersprochen hatte. zuerst nur leicht ins Gesicht, aber es schien ihn immer mehr zu gefallen, also schlug er mich in den Bauch und auf den Rücken, wo man es nicht mehr so leicht sehen konnte. Zuerst nur mit der Hand, dann mit allen Utensielien, die er finden konnte. Mit einem Gürtel, einmal auch mit einem Baseballschläger. Daraufhin hatte ich Blut gespuckt. Mit den Schlägen konnte ich umgehen, nach einer Zeit dachte ich sogar, ich hätte sie verdient, weil ich nicht richtig war. Weil ich Krebs verursachte. Aber als er sich immer sicherer fühlte, begann er mich anzufassen. Er tat mir dabei weh. Drückte meine Brüste, die noch im wachsen waren. Zwickte mich in den Bauch, die Oberschenkel, den Po und streichelte mich dann auch wieder, mit seinen kalten, schwitzigen Händen. Ich konnte seinen Bart noch heute an meinen Körper spüren und seinen Geruch nach abgestandenen Bier und Schweiß noch heute riechen. Er küsste mich. Zwang mir brutal seine schleimige Zunge in den 12-Jährigen Mund. Er sagte mir, wie schön ich sei. Und er tat mir grausame Dinge an. Eines Tages, an meinem 13. Geburtstag, der natürlich nicht gefeiert wurde, kam er wieder in mein Zimmer. Er sagt ich wäre jetzt so weit, ihm mehr freude zu schenken und zog mir mein kindliches Höschen von den Beinen. Ich bekam Panik. Ich wusste was Geschlechtsverkehr war, ich hatte davon gelesen und ich hatte panische Angst davor. Er spreizte mit seinen Beinen, meine Beine und zog sich die Hose runter, unter der er nie eine Unterhose trug. Mir schlug ein grauslicher Geruch nach Urin und Bier in die Nase und da sah ich rot. Ich strampelte mich frei und schlug mit meinen kleinen Händen auf ihn ein. Er war nicht besonders groß und muskulös, aber meine Hände konnten auch nicht viel ausrichten. Also nahm ich meine Lampe von dem Nachttisch und schlug sie ihn mit voller Wucht auf den Kopf. Er wurde Ohnmächtig. Mein fotografisches Gedächnis half mir noch heute, jedes Detail in diesem Bild zu erkennen.Er lag auf den Bauch, mit runtergelassener Hose auf meiner Pokemon Bettwäsche. Ich wusste damals, dass ich verschwinden musste. Aber ich hatte keine Ahnung, ob ich ihn umgebracht hatte. Ich nahm seine Geldbörse aus seiner Gesäßtasche und fand 900 Euro. Er musste heute seinen Lohn bekommen haben. Ich stahl den Mann sein Geld und nahm nur meinen Rucksack, den ich noch immer hatte. Dort steckte ich ein Bild meiner Mutter rein, eine Halskette. Einen Teddybär und ein paar Tshirts, unterhosen und Socken. Dann machte ich mich auf den Weg in ein neues Leben. Ich wollte nicht wieder zu einer anderen Pflegefamilie, außerdem wusste ich nicht, was sie mit mir machen, wenn ich den Mann getötet hatte. Ich wollte nicht ins Gefängnis. Ich sprang in den nächsten Bus und setzte mich in die letzte Reihe. Dort fuhr ich eine Stunde, bevor mich eine alte Frau ansprach. Sie setzte sich mit ihren wuchtigen Körper neben mich und reichte mir ein Taschentuch. Bis dort hin wusste ich noch nicht, dass ich geweint hatte. Meine Nase lief und mein bunter Schal, den ich trug, war Tränennass. Sie sah mir mit einem freundlichen, aber besorgten Ausdruck ins Gesicht und fragte mich nach meien Namen. Ich musste mir schnell etwas ausdenken, also gab ich den Spitznamen, den mir meine Mama gab an, Luna. Luna wie der Mond. Sie sagte, ich hätte einen schönen Namen und warum ich weine. Ich meinte, ich würde weinen, weil das Leben nur aus Leiden besteht und ich nicht mehr Leiden wollte. Sie meinte, ich wäre sehr erwachsen und fragte mich, wie alt ich sei. Ich erzählte ihr, ich sei 17. Sie fragte mich, wo meine Eltern waren, aber wurde nicht skeptisch. Ich war frühreif. Ich sagte ihr, meine Mutter sei an Krebs gestorben und mein Vater bei einem Autounfall. Das war meine erste richtige Lüge. Sie glaubte mir. Sie nahm mich in den Arm. Ich hatte Angst, weil ich mich nicht mehr daran erinnern konnte, wie es war, in den Arm genommen zu werden. Die einzige Zärtlichkeit, die ich kannte, waren die schweißnassen Streicheleinheiten meines Pflegevaters. Sie spürte, wie mein Körper sich versteifte und lies mich los, aber hielt meine Hand fest in ihrer. So viel Körperkontakt konnte ich ertragen, auch wenn es mir sehr komisch vorkam und ich mich erst daran gewöhnen musst. Ich stellte es mir einfach wie ein sehr langes Händeschütteln, ohne schütteln vor. Sie fragte mich, wo ich aussteigen müsse, Ich sagte ihr, dass ich es nicht weiß, ich hatte keine Wohnung. Sie fragte nicht weiter. Sie brachte mich zu sich nach Hause. Ja, ich ging mit einer fremden mit, aber ich hatte auch Angst vor einer Nacht auf der Straße. Sie hieß Maria, wie die Mutter von Jesus. Das sagte sie mir damals. Aber sie wollte sich nicht mit der Mutter von Jesus gleichsetzen, sie erklärte mir nur, dass man sich so ihren Namen merken konnte. Aber ich hätte ihren Namen nicht vergessen. Sie war die erste, mit der ich seit Jahren ein Wort gesprochen hatte, Ich würde sie niemals vergessen, das sagte ich ihr aber nicht. Ich sagte ihr aber auch nicht, dass ich Krebs verursachen würde und schläge verdiente. Ich hatte Angst, dass sie dann nicht mehr nett zu mir wäre und mich wegschicken würde. Sie fragte mich, ob ich zur Schule ging. Ich sagte ihr, dass ich fertig damit wäre. Sie sah mich komisch an. Ich sagte ihr, dass ich ein fotografisches Gedächnis hätte und so schneller war, mit der Schule. Schon wieder eine Lüge. Sie fragte mich, was ich jetzt machen wollte. Ich sagte ihr, ich würde eine ehrliche Arbeit haben wollen. Sie behielt mich. Ich wohnte ein ganzes Jahr bei ihr im Haus und arbeitete bei ihr im Haushalt. Sie halste mir nie zu viel auf, obwohl ich viel Arbeit gewohnt war. Ich konnte in meiner Freizeit viel lesen und lernen. So eignete ich mir Englisch an, ich sprach es fließend. Auch französisch konnte ich sprechen und spanisch verstehen. Alles durch Bücher und CDs, die mir vorsprachen. Sie umarmte mich nie wieder, aber strich mir über die Haare und hielt meine Hand. Am Anfang hatte ich Angst davor, aber ich fühlte mich immer wohler. Ich glaub sie weiß, dass ich sie belogen hatte, aber sie ignorierte es. Sie war wie eine Mutter und ein Vater gleichzeitig, aber zu viel Liebe ließ ich nicht zu. Ich war selbstständig und das spürte sie. Sie sagte immer, ich wäre ihre Mitbewohnerin. Ich putzte, kochte und machte Wäsche. Aber sie half dabei. Und bei ihr machte ich es gerne. Nach einer Zeit kamen ihre Enkel vorbei. Benjamin und Lisa. Sie waren älter als ich, aber nicht als mein gelogenes Ich. Sie nannten mich alle Luna, meinen Nachnamen hatte ich auch erfunden. Bellefleur. Wie in einem Buch, dass ich gelesen hatte. Irgendwann fiel ihnen auf, dass ich keinen Ausweiß besaß und meinten, ich sollte mir einen machen lassen. damals wurde ich 14, oder auch 18. Ich hatte Angst, ich existierte eigentlich gar nicht. Ich wollte auch nicht meinen richtigen Namen angeben, ich hatte Angst, dass ich gefunden werde. Also ging ich zu einem Mann, der Dokumente fälschte. Er fragte nicht viel. Er fragte wie ich heiße und wie alt ich wäre. Ich log und hieß ab dem Moment wirklich Luna Bellefleur. Mein Ausweiß und meine Geburtsurkunde sahen echt aus und so fand ich auch den Job in der Bar und konnte mir eine eigene Wohnung suchen. Ich war jetzt nicht mehr Lilian Klober, so wie ich früher hieß. Ich war Luna Bellefleur. Mein altes, 14 jähriges Ich existierte nicht mehr. Benjamin und Lisa wurden meine Freunde und ich wurde selbstständig. Jeden Sonntag besuchte ich Maria, die mich bat sie Oma zu nennen und wurde von ihr bekocht. Ich brachte ihr Kuchen und so wurde es ein Ritual, dass ich liebte. Sonntag Nachmittag war Oma Maria Zeit und um kein Geld der Welt würde ich mir die Oma Maria Zeit mit den Streicheln über den Kopf und den Händchenhalten nehmen lassen.
In der Bar ging es noch hoch zu, obwohl es schon nach Mitternacht war. Mein Trinkgeld wurde immer mehr und die Laune der Leute immer besser. Ich spürte oft einen stechenden Blick im Rücken, aber ignorierte ihn. Ich lächelte durchgehend und scherzte mit den Leuten, damit wurde mein Trinkgeld noch höher.
Dann kam der wunderhübsche Mann zur Bar. Das war das erste Mal, dass er zu mir kam und nicht zu Flo, der eigentlich auch Zeit hatte. Ich lächelte ihn an und fragte:“ Was bekommen Sie?“. Normalerweise duzte ich die Menschen, aber bei ihm kam mir ein Bedürfnis, höflich zu sein. Er sagte: „ Einen Whisky, Bitte. Und schenken Sie sich selbst auch etwas ein, ich lade Sie ein.“ Er war auch höflich, das fand ich gut. Ich schenkte ihn ein ehrliches Grinsen und sagte: „Wenn das so ist, dann nehm ich mir eine Cola.“ Er sah mich mit gerunzelter Stirn an und fragte: „ Wollen sie nicht lieber etwas Alkoholisches? Oder dürfen die Angestellten nicht trinken?“ „Das dürfen sie schon, aber ich trinke nicht.“ Ich trank wirklich keinen Schluck alkohol. Mein neues Ich war zwar schon 20, aber mein altes ich erst 16. Und ich hasste Alkohol. Alkohol hatte meine Familie zerstörrt und ich wollte nicht, dass es mein neues Ich zerstörrte. „Ist das nicht anstrengend, in einer Bar zu arbeiten und keinen Alkohol zu trinken?“, fragte er mich. „Warum? Es gibt doch auch Vegetarier, die in einem Restaurant mir Fleisch arbeiten, oder Trafikanten, die nicht rauchen.“ Er grinste mich an und antwortete: „ Wenn man das so sieht…“. Dann prostete er mir mit seinem Whisky zu und stellte sich neben Lisa, um mit ihr zu plaudern. Es war angenehm, dass er nicht mehr mit mir redete, obwohl ich ihn sehr nett fand. Ich musste mich aber konzentrieren und arbeiten. Immer wieder sah ich zu Lisa und Benjamin und sah wie sie sich angeregt mit dem Neuen unterhielten und auch öfters zu mir schielten. Ich hoffte inständig sie redeten nicht über mich, oder sagten zumindest nichts schlimmes. Gegen drei schlossen wir und machten uns ans zusammenräumen. Der Mann mit den schönen Augen, dessen Namen ich noch nicht einmal kannte, verabschiedete sich noch nett von mir und meinte, wir würden uns wieder sehen. Warscheinlich würde er öfters kommen. Benji und Lisa verließen zeitgleich mit ihm die Bar und irgendwann waren Flo und ich dann ganz alleine.
1.) Er
Ich hätte nicht gedacht, dass ich diese wunderschöne Frau so schnell wiedersehen würde, aber ich traf sie. Nicht unter den besten Umständen. Ich hatte vor mich heute zu betrinken und alles zu vergessen, was in den letzten Tagen vorgefallen war. Ich war von der Arbeit suspendiert worden. Mein Chef nannte es allerdings anders. Er meinte, ich sollte mich ein paar Tage ausruhen. Diese Vorgehensweise war normal, wenn man jemanden im Dienst erschossen hatte und es erst nachgewiesen werden musste, ob man gerechtfertig geschossen hatte. Ja, ich hatte jemanden umgebracht. Ich hatte aus Notwehr einen Mann mitten ins Herz geschossen. Ich wollte ihn zuerst nur ins Bein treffen, aber er gab selbst einen Schuss ab. Ich musste mich und seine Frau schützen. Jetzt, im Nachhinein betrachtet, fragte ich mich, ob meine Entscheidung falsch war. Ich war noch nicht sehr lange Polizist. Erst vor zwei Jahren hatte ich die Polizeischule, sehr zum Missfallen meiner Elter, abgeschlossen. Aber ich hatte gelernt Situationen anders zu lösen, als jemanden zu töten. Aber getötet, das hatte ich jetzt. Zum ersten Mal. Die erschreckenden Bilder liesen mich nicht los. Der Nachbar von diesen Mann hatte in der Zentrale angerufen. Sie hatten schreie aus dem Haus gehört. Ich kam mit einer Kollegin beim Haus an und klopfte mit voller Wucht an die Tür, als ich hörte, dass eine Frau schrie. Meine Kollegin rannte zum Wagen zurück und bat mich, nicht hineinzugehen, bevor verstärkung kam. Ich konnte aber nicht mehr warten, ich hörte ein Kind weinen. Ich trat die Tür ein und zog meine Waffe. Als ich den Raum betrat, von wo die Schreie kamen, sah ich, wie der Mann einem kleinen Kind, einem Mädchen einen Tritt gab. Gegen den Kopf. Sie lag auf den Boden und bewegte sich nicht mehr. Der Mann drehte sich zu mir und schrie. Ich konnte jetzt auch nicht mehr wiedergeben, was er alles schrie, aber er hatte eine Waffe in der Hand. Er richtete die Waffe auf seine Frau und sein Finger zuckte am Abzug. Ich wollte ihn beruhigen, aber er gab einen Schuss ab. Der Schuss ging Gott sei Dank daneben, da der Mann betrunken war. Aber mein Schuss traf. Er traf ihn mitten ins Herz und der Mann kippte nach hinten. Ich ging auf ihn zu und ignorierte die verzweifelten Schreie seiner Frau. Mit meinen Schuh trat ich ihn die Waffe aus der Hand, dann ging ich auf das kleine Mädchen zu. Sie hatte keinen Puls. Sie atmete nicht. Ich versuchte es ganze 10 Minuten mit einer Herzrythmusmassage. Meine Kollegin hatte die Schüsse gehört und war in das Haus gestürmt. Als sie mich sah, wie ich versuchte das Kind zu retten und gleichzeitig die Frau immer wieder wegstoßen musste, die sich an mich klammerte, half sie mir und berhigte die Frau, die jetzt in Tränen aufgelöst in der Ecke saß. Irgendwann gab ich meinen Rettungsversuch auf und legte den Kopf des kleinen Mädchens in meine Schoß. Ich saß so da bis der Notarzt eintraf, der die beiden Toten körper wegschaffte. An diesen Abend noch, wurde ich vom Dienst entzogen. Ich musste meine Waffe und meine Dienstmarke abgeben und versprechen, ich würde zum Polizeitherapeuten gehen. Dann nahmen sie meine Aussage auf. Eine Woche. Eine Woche musste ich zu Hause bleiben, vorerst. Dann würde der Therapeut entscheiden, ob ich wieder in den Dienst zurückkehren dürfte, oder ob ich weiterhin pausieren sollte. Ich wollte aber arbeiten, ich musste das tote Gesicht des kleinen Mädchen aus meinen Kopf bekommen. Also trank ich. Ich hatte nie wirklich viel getrunken, aber heute hatte ich lust dazu. Ich fuhr meine Runden mit der Ubahn und stieg dann bei einer Station aus, die mir freundlich vorkam. Ich landete in der Bar, in der eine junge Frau kellnerte, die so freundlich und lebensfroh war, dass ich meinen Vorsatz mich zu betrinken gleich vergaß. Sie hatte einen wunderschönen Körper unter ihrer Uniform und das schönste Gesicht, dass ich je gesehen hatte. Sie unterhielt sich mit einem Mann und einer Frau und ich hoffte inständig, dass dieser Mann nicht ihr Freund war. Ich musste einfach immerzu zu ihr hin starren und mir entging auch nicht, wie sie durch den ganzen Raum das Wort „Pimmel“ brüllte. Ein schallendes Gelächter bedankte sich bei ihr. In ihrem Gesicht wies ein kleines aufflammen von Röte darauf hin, dass es ihr sehr wohl peinlich war, aber sie lachte mit. Und das war ein ehrliches Lachen. Irgendwann beschloss ich zu ihr zu gehen und mit ihr zu reden. Ich konnte mich nicht andauernd davor drücken, wenn ich sie doch kennenlernen wollte. Doch mir kam dieser Junge zuvor, der mit seinen Freunden schon die ganze Zeit gröhlend Tequilla kippte. Er zog meine Kellnerin an ihren Haaren und sie stellte sich auf die Hinterbeine. Ja, so gefiel sie mir. Temperamentvoll und nicht auf den Mund gefallen. Ich hörte mir den Streit von etwas weiter weg an, aber machte mir keine Sorgen. Der andere kellner war schon zu ihr geeilt und half ihr mit den Jungs umzugehen. Dann verließen sie die Bar und ich befand, jetzt musste ich mit ihr reden. Ich fragte sie, ob sie etwas trinken möchte, und sie bedankte sich und nahm sich eine Cola. Sie trank also nicht. Irgendwie schämte ich mich jetzt, Whisky bestellt zu haben und war dankbar, dass ich nicht bvetrunken war. Ich hatte den Eindruck, sie mochte betrunkene nicht wirklich, obwohl sie in einer Bar arbeitete. Dieser Eindruck täuschte allerdings, immerhin sprach sie mit einen ziemlich betrunkenen Mann, der aussah, als würde er nicht zum ersten Mal trinken. Sie war liebevoll Mütterlich und rügte ihn nocheinmal dafür, dass er ihr ja nicht an die Bar kotzen sollte, als er schwankend zum Klo verschwand. Ich beschloss mich mit den Pärchen zu unterhalten, dass direkt vor ihr saß. Vielleicht würden sie mir etwas über diese wunderschöne Kellnerin verraten können. „Hi, ich bin Sam. Seit ihr öfters in der Bar?“, fragte ich sie vorsichtig. Die Frau sah mich mit glänzenden Augen an und musterte mich. „Ich bin Lisa und das ist mein Bruder Benjamin“, antwortete sie. Aha, also kein Pärchen, Geschwister. Das ließ mich wieder darauf hoffen, dass der Mann nicht mit meiner Kellnerin liiert war. „Wir sind manchmal hier, ja. Wir kennen die Besitzer recht gut.“ Wollte sie angeben? Ich hatte keine Ahnung, aber spielte den, den das beeindruckte. Ich drehte mich zu dem Mann und gab ihn auch meine Hand. Er war der, mit dem ich mich primär unterhalten wollte um rauszufinden, welche Beziehung er und die Frau, die manchmal zu uns rüber schielte, hatten. Ich fand, ich sollte gleich zum Punkt kommen und fragte:“ Bist du mit der kellnerin zusammen?“, fragte ich ihn. Er wurde augenblicklich rot und antwortete: „Nein, bin ich nicht. Sie ist nur eine Freundin.“ Erleichterung durchfuhr mich. Sie erzählten mir, dass sie sie kennengelernt hatten, als sie jünger waren. Im Teenageralter und seit dem Freunde waren. Wir plauderten über alltägliches und ich versuchte die junge Kellnerin wieder zu erwischen, aber eh ich mich versah, sperrte die Bar zu. Da stand ich jetzt. Ich hatte mich von ihr verabschiedet und war wieder allein, mitten auf der dunklen Straße. Ich wusste, dass ich diese Bar noch einmal besuchen wollte. Ich musste sie noch einmal treffen. Ich würde gleich am nächsten Abend wieder kommen und hoffen, dass sie Dienst hat. Jetzt stand ich vor der Entscheidung, ob ich mich doch noch zu betrinken um die Zeit bis morgen Abend zu überbrücken. Ich spazierte durch den nahe gelegenen Park und dachte über mein Leben nach. Ich wollte damals Polizist werden um mich von meinen Eltern abzugrenzen. Meine liebevollen, aber schwer reichen Eltern, die noch immer alles bestimmen wollten. Meine Schwester lebte noch immer bei ihnen und ging den Plan nach, den Mama und Papa für sie aufgestellt hatten. Sie studiert, medizin. Ich glaube aber, dass sie das selbst auch so wollte. Sie wird Ärztin, wie meine Mutter. Meine Mutter ist eine ausgezeichnete Ärztin, hat Karriere gemacht. Mein Vater ist Staatsanwalt. Eine Familie eben, die schon immer hoch hinaus wollte. Nur ich nicht. Ich bin Polizist geworden. Kein Kriminalpolizist, obwohl ich das schon gern noch werden würde. Sondern nur Streifenpolizist. Meine Mutter wollte dass ich Recht studiere, oder auch medizin, oder auch Architektur. Irgendwas. Nur ich wollte das nicht. Und jetzt hatte ich eine Kellnerin ins Auge gefasst, meine Eltern werden mich umbringen. Aber wer weiß, vielleicht kann sie mich auch nicht leiden. Oder sie steht auf Frauen. Ich hatte so lang nachgedacht, dass es schon nach 4 Uhr in der Früh war. Ich musste unbedingt ins Bett, ich hatte morgen den ersten Termin mit dem Therapeuten. Also machte ich mich am Weg nach Hause vom Park. Und da traf ich sie wieder, die wunderschöne Kellnerin… nur sie war nicht alleine.
Flo bestellte eine Pizza, wie oft nach der Arbeit und überließ mir die Hälfte. Wir bestellten uns fast jeden Abend, wenn wir gleich Schicht hatten wo anders etwas zu essen. Manchmal nahm ich auch etwas gekochtes mit. Nachdem ich alle Gläser in den Geschirrspüler gestellt hatte und abgewaschen hatte. Er den Boden aufgekehrt und aufgewaschen hatte und ich alle Oberflächen geputzt hatte, war es auch schon Vier Uhr in der Früh. Wir rechneten ab und aßen dabei Pizza. Ich hatte 90 Euro Trinkgeld, das war wirklich viel für einen Abend. Ich streckte Flo Fünf Euro mit meiner Hand hin, für die Pizza, aber er lehnte ab. Wie eigentlich jeden Abend. Versuchen kann man es ja mal. Danach übergab ich Flo den Rohgewinn. Ich hatte noch nie Minus gemacht. Noch nie auch einen Cent zu wenig gehabt. Ich konnte mit Zahlen umgehen. Meine Kolleginnen rechneten oft mit dem Taschenrechner alles zusammen, wenn die Rechnung lang war. Aber das brauchte ich nicht. Ich war im Kopf schneller, als der Taschenrechner. Ich wusste immer auf den Cent genau, wie viel man bezahlen musste und ließ mich niemals reinlegen. Ich wusste eben wie wertvoll der kleinste Cent war. Flo nahm den Umsatz ohne Nachzuzählen. Oft schimpfte ich ihn dafür. Aber er zuckte darauf nur mit den Schultern und meinte, ich würde besser zählen können, als er. Er musste sich keine Sorgen machen. Meine Rechnungen waren Centgenau. Das Lob freute mich jedes Mal. Es war was ganz besonderes für mich, dass mir jemand sagte, dass ich etwas gut kann. Das war ich nicht gewöhnt.
Flo wollte mich mit dem Auto nach Hause fahren und das nahm ich auch dankend an. Wärend er noch die Buchhaltung fertig machte, ging ich schon an die frische Luft. Ich war noch viel zu aufgedreht von der Arbeit. Ich lief zu Flos auto und lehnte mich dort an. Ich sah in den Himmel und suchte nach Sternen. Hier in der Stadt sah man nie viele Sterne, aber ein paar kann man manchmal erkennen. Ich fand einen besonders großen und erinnerte mich daran, dass meine Mutter meinte, es wär mein Stern. Der große gehörte immer mir. Ich war abgelenkt von den Erinnerungen meiner Mutter und bemerkte nicht, dass ein paar betrunkene Gestalten zu mir wankten. Erst als mir der verhasste Geruch nach abgestandenen Bier und Schweiß in der Nase stach, bemerkte ich ihre Anwesenheit. Das war knapp bevor mich der erste am Oberarm fasste und fest zurdrückte. Es tat weh. Ich sah dem Mann in die Augen und erkannte den Tequilla-Jungen wieder. Er wollte sicher, dass ich für meine aufmümpfigkeit bezahlte. Kurz bekam ich Panik. In den Gedanken war ich wieder bei meinem Pflegevater und der Misshandlung. Dann wurde diese Panik zu Wut. Zu so viel Wut, wie nur eine misshandelte junge Frau haben kann. Ich schubste den Jungen weg und schrie ihn an, er solle sich verpissen. Darauf antwortete er: „ Du has was gudsumachen, kleiness.“ Sein stinkender Atem flog in mein Gesicht. Das war wirklich ekelhaft. Mit fester Stimme antwortete ich ihn: „ Verschwinde einfach. Und nimm deine Freunde mit.“ Das wollte er anscheinend nicht hören, denn er packte schon wieder meinen Oberarm und drückte mich mit seinem Unterkörper gegen den Wagen. Es war so ekelhaft, dass ich kurz dachte, ich würde mich übergeben. Um ehrlich zu sein, habe ich schon darauf gehofft. Wissen Sie eigentlich wie erfolgreich beim vergraulen es ist, jemanden anzukotzen? Aber nein, ich schluckte kräftig und sah den Jungen mit großen, hasserfüllten Augen mitten ins Gesicht. Eine warme Stimme kam von der anderen Seite des Wagens zu mir herübergeflogen und meinte:“ Lass sofort die Frau los.“, aber er hörte nicht darauf. Er nahm mich noch fester am Arm und spreizte mit seinen Beinen, meine Beine. Das war der Startschuss. In meinen Augen verwandelte sich das Gesicht des Tequilla-Jungen in die Fratze meines Pflegevaters. Die Wut in mir wurde Gewaltig. Vor meinen Augen stand wieder der Mann, der mir jahrelang weh getan hat. Der mir jede Chance auf eine normale Beziehung zu einem Mann nahm. Der mir Angst vor Sex und sogar vor den kleinsten Berührungen gebracht hatte. Der mir mein Leben kaputt machte. Ich stieß mich mit meinen Beinen ab und hüpfte auf die Moterhaube, so dass ich jetzt darauf saß. Ich sah das glitzern in den Augen des Mannes, der mich bedrängte und wusste, er dachte jetzt würde ich nachgeben. Doch ich lehnte mich blitzschnell ein wenig zurück und stützte mit meinen Händen meinen Körper. Dann hob ich mein Bein, bog es zurück und trat ihn mit voller Wucht ins Gesicht. Ich hörte seinen Aufschrei und es brachte mich zum lachen. Ich war herzlos und grausam, aber ich konnte nicht anders. Das Blut spritzte aus seiner Nase. Er krümmte sich nach vorne und hielt seine Hände an sein Gesicht gepresst. Ich trat ihn noch fest auf den Fuß und er ging auf die Knie. Seine Freunde sahen mich mit vor Schock geweiteten Augen an und einer, der genug Mut besaß, ging dann langsam auf mich zu. Er holte aus und wollte mir direkt ins Gesicht schlagen. Er war allerdings viel zu schwer und hatte zu viel Schwung in den Schlag gegeben. Ich duckte mich unter seinen Arm hindurch und er viel durch den Schwung fast um. Ich trat ihn gegen seinen Rücken und er landete auf dem Gesicht. Er lag da breitbeinig und ich konnte nicht wiederstehen. Ich trat ihn so fest, in die Hoden, dass es sich anfühlte, als würde mein Zeh brechen unter dem Sportschuh. Er schrie wie ein Mädchen und legte sich in Fötusstellung. Ich drehte mich blitschnell um und schrie die restlichen an: „ Wer will als nächstes?“ Die verbliebenen zogen ihre zwei beschädigten Freunde auf die Füße und machten sich vom Acker. Ich stand da, mit geballten Fäußten und sah ihnen hinterher. Meine Atmung war schnell und mein Herz raste. Ich hatte noch so viel verbliebene Erergie und so viel aufgestute Wut. Als mir jemand von hinten sanft auf die Schulter griff, sah ich wieder rot und drehte mich unter der Berührung. Ich schubste den Mann und er fiel nach hinten. Die Motorhaube fing seinen Sturz ab und so landete er nicht auf den Boden. Ich wusste sofort wer er war. Der wunderschöne Mann aus der Bar. Ich war aber noch immer so wütend und konnte keine realistische Denkweise mehr zulassen. Unterbewusst wusste ich, dass er mir nichts tun würde, und dass er sogar dazwischen gehen wollte, bevor ich die Männer verprügelt hatte. Aber er hatte mich auch angefasst. Und ich wollte nicht angefasst werden. Ich presste also zwischen zusammengebissenen Zähnen heraus:“ Nicht anfassen.“ Er hob beschwichtigend die Hände und meinte: „ Tut mir leid, ich werde dich nicht nocheinmal anfassen, versprochen.“ Es beruhigte mich nicht. Ich konnte mich nicht beruhigen. Ich umarmte mich selbst um mein Herz dazu zu bringen aufzuhören gegen meine Rippen zu hämmern. Und hockte mich dann auf den Boden. Ich machte mich so klein wie ich konnte um weniger Angriffsfläche zu bieten. Der Schock setzte langsam ein und ich war kurz vor einer Panikatakke. Meine Sicht schrenkte sich ein, ich bekam einen Tunnelblick. Mein Kopf dröhnte und mein Herz raste. Meine Atmung war viel zu schnell. Der Mann sank vor mir auf die Knie und flüsterte mir mit beruhigender Stimme zu:“ ich werde dich nicht anfassen. Du musst aber ruhig atmen, sonst hyperventilierst du.“ Ich wusste was er sagte, verstand es auch, konnte es aber nicht umsetzen. Er merkte es und flüsterte weiter: „Ich versprech dir, ich fass dich nicht an. Aber leg deine Hand bitte auf mein Herz. Vertrau mir und tu es.“ Ich wusste nicht was er bezwecken wollte, so weit konnte ich in meinem Zustand nicht denken. Und Vertrauen war nicht gut. Vertrauen wurde prinzipiell missbraucht. Ich wusste nicht warum, aber ich hob trotzdem meinen Arm und legte meine Hand auf seine harte warme Brust. Er hatte nur ein Tshirt an und ich spürte einen leichten Schweisfilm. Das störte aber nicht, es war eine warme Nacht und er roch nicht nach Schweis. Er roch gut. Der Mann berührte mich wirklich nicht. Er flüsterte mir nur weiterhin zu :“ Versuch dich auf das Heben meines Brustkorbes zu konzentrieren und mit mir zu atmen. Im Takt meines Herzens. Einfach langsam mit mir atmen.“ Es half. Meine Atmung wurde immer langsamer und ruhiger. Mein Kopf hörte auf zu schmerzen und meine Sicht wurde besser. Als ich mich beruhigt hatte nahm ich langsam meine Hand von seiner Brust und sah den Mann ins Gesicht. Er Blickte mich besorgt an und fragte mich, ob es mir besser geht. Ich konnte nicht antworten. Er hatte gerade beobachtet wie ich zwei Männer brutal vermöbelte und dann in Panik hyperventilierte. Zu Guter letzt hab ich ihn auch noch fast angeschrien, dass er mich nicht berühren sollte. Ich habe mich ernsthaft zum Affen gemacht. Darum senkte ich den Bluck und antworte: „ Äh, tut mir leid… und so.“ Ich fing ein schiefes Grinsen von ihm auf und lächelte leicht zurück. „Warum entschuldigst du dich? Ich sollte mich bedanken. Immerhin hat mich gerade eine wunderschöne Frau angefasst, wenn auch nicht dort, wo ich das gern gehabt hätte und ich habe einen Boxkampf vom allerfeinsten mitangesehen.“ Irgendwie war das schon makaber. Da waren Männer die mich bestimmt zusammengeschlagen und/oder vergewaltigt hätten und danach sagt mir jemand so etwas. Ich konnte es ihm aber nicht übel nehmen, immerhin wollte er mir zu Hilfe kommen. Ich stand langsam auf und begann leicht zu schwanken. Der Mann, dessen Namen ich noch immer nicht kannte, wollte mich stützen, aber ich ruderte mit den Händen, damit er mich ja nicht anfasste. Er verstand mein Zeichen und hielt die Hände nur so, dass er mich auffangen würde, falls ich fallen würde. Als ich sicherer stand sah ich meinen fast-Retter wieder in die Augen. Endlich fragte ich: „ Wie heißt du eigentlich?“ Er lächelte und antwortete „Sam“. Ein schöner Name. Ich kannte keinen der Sam hieß. Er fragte mich wiederum nach meinen Namen und ich antworte mich meinen Lügen-Ich. „Luna, ein wunderschöner Name. Wie der Mond.“ Ja, er war wunderschön. Ich mochte ihn auch sehr. Mehr als mein anderes Ich. Darum lächelte ich ihn dankbar an und griff dann nach meinem Rucksack, der durch den vermeindlichen Boxkampf auf den Boden gelandet war. Dann hörte ich hinter mir Schritte. Ich hatte Angst, dass die Typen schon wieder zurück gekehrt sind, darum drehte ich mich schnell, aber nein. Es war nur Flo. Es kam mir vor, als wäre ich hier draußen Stunden gestanden, aber eigentlich waren es nur 20 Minuten, wie mir meine Uhr zeigte. Flo kam zu uns rüber und fragte mich: „Na? Abfahrtsbereit?“ Ich bejahte den Satz und dann sah ich ihm ins Gesicht. Er hatte den Mund geöffnet und starrte mich mit großen Augen an. Dann nahm er meine Hand und fragte: „Oh Mein Gott, was ist mit dir passiert?“ „Mir geht es gut, Flo. Es gab nur einen kleinen Zwischenfall mit den Jungs, die wir aus der Bar geworfen hatten. Sie haben auf mich gewartet.“ „WAS??“, schrie er. Ich sah wie die Adern an seinem Hals wieder anschwollen und versuchte ihn zu beruhigen, indem ich ihn an den Schultern fasste. „Reg dich bitte nicht auf, sie sind verschwunden, keine Angst!“ „Natürlich reg ich mich auf. Du arbeitest bei mir und dann musst du dich auch noch am Parkplatz gegen solche verfickten Arschöcher stellen. Wenn ich sie noch einmal sehe, bring ich sie um. Was haben sie getan? Haben sie dich angefasst? Sollen wir zur Polizei?“ Er drehte sich zu Sam und meinte: „ Hast du sie vertrieben? Ich hoffe du hast sie richtig vermöbelt, sonst find ich heraus wo der wohnt und zeig ihn was passiert wenn man mit mir anlegt.“ Sam lächelte und berunruhigte Flo nur weiter mit seinem Satz:“ Ich brauchte sie gar nicht vertreiben, dass hat Luna selbst in die Hand genommen. Ich glaub der eine, den sie in die Eier getreten hatte, hat sogar geweint.“ Flo sah mich mit so großen Augen an, dass seine Augen gleich aus den Höhlen flogen. „Du hast sie geschlagen? Hast du dir weh getan?“ Ich machte eine kurze Bestandaufnahme. Jetzt wo ich es zuließ, über meinen Körper nachzudenken, merkte ich den stechenden Schmerz in meinen großen Zeh und verzog leicht das Gesicht. Ich sah an meinen Körper runter. Auf meinen Oberschenkel klebte ein wenig Blut, von den Tequillatypen und meine Hände waren auch voll davon. Auch Sam schien es erst jetzt zu enddecken und kam näher. Er fragte:“ Darf ich?“ und schien damit zu meinen, dass er meine Hände anfassen will. Ich verneinte. Ich will einfach nicht angefasst werden. Nicht von fremden. Flo sah von mir zu Sam und nahm meine Hände. er untersuchte sie und sah keine Verletzungen. Dann schob er mich zur Motorhaube und setzte sich darauf. langsam und vorsichtig befreite er meinen Fuß von dem Schuh. Ich hatte einen Socken mit einen riesigen Bärenan. DAMIT hatte ich nicht gerechnet. Flo grinste mich breit an und Sam, der hinter ihm stand lachte schallend. Ich musste einfach mitlachen. Von wegen ordentliche Socken sind unnötig. Sam schälte meinen fuß aus dem peinlichen Bärensocken und untersuchte meinen Zeh. Es tat nicht so schlimm weh, außer bei Druck. Er meinte, er glaube nicht, dass er gebrochen ist. Aber ich solle ihn an den anderen zeh ankleben. Das würden die im Spital auch machen. Ich sah ihn verwundert an: „ Mit Superkleber, oder wie?“ Das brachte Sam wirklich zum lachen und er viel nach hinten auf den Boden. er hielt sich den Bauch und Tränen flossen. „schön, dass ich dich so gut unterhalte“, fauchte ich ihn beleidigt an. Woher soll ich bitte wissen wie man Zehen zusammenklebt. Ich klebe sonst nie Zehen. Flo erklärte mir, dass man das mit einem Klebeband zum Verbandkleben macht und dass er welches im Verbandkasten im Auto hat, dass er mir dann mitgeben wird. Dann erhob er sich und zog mir meinen Socken wieder an. Ich fühlte mich komischerweise wie eine Prinzessin, als er mir so den Bärensocken sanft über den Fuß zog. Ich sah Flo nicht als einen Prinzen, eher als einen Vaterersatz. Aber trotzdem kam ich mir behütet vor. Oder gerade desswegen. Er erhob sich und lächelte mich an. Dann nahm er meine Hände und half mir von seiner Motorhaube, um meinen Fuß nicht zu sehr zu belasten. Auch Sam rappelte sich langsam vom Boden auf. Als er stand drehte sich Flo zu Sam und sagte:“ Soll ich dich auch irgendwo hin bringen?“ Sam verneinte, er würde selbst nach Hause kommen. Er sah mich dann lange an und sagte: „ Luna, machs gut. Und pass auf dich auf.“ Ich wusste nicht was ich sagen solle, darum antwortete ich nur „Du auch.“ Es hörte sich an wie ein Abschied für immer. Irgendwas in mir rebellierte dagegen, aber es war zu klein um an die Oberfläche zu dringen. Darum unterbrach ich unseren Blickkontakt und schob mich auf den Beifahrersitz. Ich sah noch wie Sam sich von Flo verabschiedete und dann wuchtete er auch seinen Körper neben mich. Ich schnallte mich an und wir verbrachten eine schweigende Fahrt bis zu mir nach Hause. Vor meinem Haus hielt er an, drückte mir das Verbandszeug in die Hand und bat mich anzurufen, wenn ich morgen nicht abreiten könne. Ich versicherte ihm, dass ich arbeiten werde, aber er meinte, es wäre ok, könne ich nicht. Er wartete bis ich im Haus verschwunden war, erst dann startete er den Motor und fuhr. Das war der erste Abend, an dem ich mich sehr alleine fühlte, in meiner Wohnung. Ich war immer gerne alleine gewesen. Aber heute wünschte ich mir Gesellschaft. Ich unterdrückte das Gefühl und stieg unter die Dusche. Das warme Wasser lies mich langsam müde werden und vertrieb die Anspannung aus meinen Muskeln. Ich zwang mich nicht an Sam zu denken, nicht an den Tequilla Jungen und auch nicht an meinen Pflegevater, der sicher tot war. Ich dachte an die Sterne, an meine Mutter und an Superkleber. Irgendwann fiel ich dann auch endlich in den Schlaf und träumte von Dingen, die ich nie haben könnte. Schulbildung und Liebe. Aber am nächsten Morgen war nichts mehr von diesen Träumen in meinem Kopf.
3.) Sie
Ich erwachte am nächsten Morgen ungewöhnlich spät und verfiel sofort in Panik. Diese Woche hatte ich Nachtschicht. Mein Dienst ging von 8 Uhr Abends bis 3 Uhr in der Früh. Außer Montags, wo ich alles erledigte, stand ich jeden Tag um 14 Uhr auf. Heute war allerdings schon 16 Uhr. Das hieß, meine Freundin die Obdachlose war entweder schrecklich endtäuscht, oder noch immer vor meiner Tür. Sie wusste um meine Dienstzeiten bescheid und wenn sich etwas änderte, sagte ich ihr immer am Tag davor bescheid. Ich war noch nie unpünktlich gewesen. Diese Tatsache machte mir solche Angst. Vor allem das fehlende Zitat. In meinem Kopf war plötzlich der Gedanke dass ich ohne dieses Zitat einfach nicht leben könnte. Das mir das jegliche Energie nehmen würde. Also sprang ich auf und schnappte mir einen Becher. Dann schmiss ich die Kaffeemaschine auf und sah aus dem Fenster. Dort war sie nicht mehr. Ich musste sie finden. Ich schüttete den Kaffee mit zitternden Fingern in eine Thermoskanne und machte mich, so wie ich war, auf den Weg. Vor meiner Tür sah ich einen kleinen Zettel, der auf meiner Schuhmatte lag. Ein Zitat stand darauf:

Wer sich nachts zu lange mit den Problemen von morgen beschäftigt, ist am nächsten Tag zu müde, sie zu lösen.

Es tat mir schrecklich weh. Sie war da gewesen und hatte nichts von mir bekommen. Ich hatte sie enttäuscht. Ich lief den ganzen Weg bis zum Park, in dem ich sie manchmal sah in wahnsinnigen Tempo. Eine Stunde musste ich den großen Park durchsuchen, bis ich sie auf deiner Bank vor dem kleinen Teich in der mitte des Parkes fand. Sie schaute nicht auf, als ich mich neben sie setzte, sondern starrte weiter auf das Wasser. Ich goss den Kaffee in die Tasse und hielt ihn ihr hin. Sie ergriff ihn, ohne mich anzusehen. Das tat mir schrecklich weh. Ich hatte sie enttäuscht. Ich hatte ihre Freundschaft verloren. Eine Träne stahl sich aus meinem Augenwinkel. Mir war die Freundschaft zu dieser stummen Frau so wichtig geworden. Erst jetzt bemerkte ich wie sehr es schmerzt, sie verlieren zu müssen. Doch dann sah mir die Frau in die Augen und sprach das erste mal seit drei Jahren mit mir. Ihre Stimme klang, als hätte sie noch nie gesprochen. Sehr schwach und kratzig und irgendwie auch nicht richtig betont: „ Sorge dich nicht um meine Freundschaft, Liebes. Die ist dir sicher, so lange wir Leben und auch danach, wird sie niemals vergehen. Mir tut es nicht weh, wenn du nicht kommen kannst. Ich freue mich darüber. Das sagt mir, dass du endlich beginnst zu leben, wie es sich für ein Kind im zarten alter von 14 gehört.“ Mit Schock geweiteten Augen starrte ich sie an. Sie hatte noch nie gesprochen und heute, als ich auf sie vergaß, schenkte sie mir ein paar Sätze, die so schön formuliert waren wie ihre Zitate. Erst nach ein paar Minuten, in der ich sie anstarrte, begriff ich, was sie gesagt hatte. Sie hatte mein richtiges Alter gekannt. Niemand wusste davon. Sie konnte doch auch nicht davon wissen. Das war unmöglich. Ich holte tief luft und antwortete: „woher..? „ Für mehr fehlte mir die Kraft. Sie sprach aber nicht mehr. Sie schenkte mir ein kleines Lächeln und zog dann den Becher von gestern aus der Tasche. Dann starrte sie wieder auf den Teich und belies es bei unserem Gespräch. Zuerst wusste ich nicht weiter, dann stand ich irgendwann auf und machte mich auf den Weg zurück zu meiner Wohnung. Ich hatte mich darauf geeinigt, dass ich mir keine Sorgen machen müsse. Sie würde niemanden etwas sagen. Das wusste ich ganz tief in meinem Herzen. Sie war meine Freundin. Ich spazierte zu meiner Wohnung zurück und lies mir Zeit. Ich hatte noch genug und wollte noch über einiges nachdenken. Dauernd dachte ich an Sam. Ich hatte noch nie so viel über einen Fremden nachgedacht. Nichteinmal an einen Freund. Männliche Wesen waren mir suspekt und ich kam ihnen körperlich so nahe wie emotional. Ich behielt meine Sorgen aber auch meine Hände bei mir. Ihre Sorgen konnten sie mir manchmal anvertrauen, wenn ich sie sehr gut kannte, soweit dass mit meiner Vorgeschichte möglich war. Aber ihre Hände durften mich nicht berühren. Manchmal darf man meine Hand schütteln und dass mir Flo gestern die Socken ausgezogen hat, war auch ok. Ich steh nicht darauf, dass man meine Füße berührt, aber ich akzeptiere es in einer Notlage. Aber Sam.. Sam hatte mich nicht berührt, trotzdem dachte ich daran, wie es wäre, wenn er es täte. Wie es wäre seine Hand auf der Wange zu spüren. Wäre sie schweißnass, oder trocken? Oder wenn sie meine Arme rauf und runter fahren. Würden sie viel, oder wenig Druck verwenden? Würde er das wollen? Er war älter als ich. Ich schätzte ihn auf Mitte 20. Sehr viel älter, als mein altes ich. Aber nicht so viel älter als mein neues. Er war sehr schön, das weiß ich. Er hatte eine angenehme Stimme und ein schönes, ehrliches Lachen. Helfen wollte er mir auch, was ich sehr nett fand. Hieß das er hat was gegen Männer, die einen ungewollt berühren? Würde er so etwas auch machen? Warum war er eigentlich noch vor der Tür. Vielleicht hat er mich beobachtet. Mir nachgestellt. Vielleicht wollte er mich auch berühren. Anfassen, so wie der TequillaJuinge. Missbrauchen, wie mein Pflegevater. Er hat getrunken. Whisky. Wie mein richtiger Vater. Trinkt er immer? Ist er Alkoholiker? Er hat nicht betrunken gewirkt, aber vielleicht hatte er nachdem er mich getroffen hatte, noch weiter getrunken. Vielleicht hat er aber auch eine Freundin, eine Frau, eine Familie. Ich weiß gar nichts über ihn und es fiel mir schwer in so einer Situation die Kontrolle zu behalten und keine Panik zu bekommen. Ich hatte immer schon eine gute Menschenkenntnis und es verwirrte mich, Menschen nicht zu kennen. Ich musste sie kennen um mich vor ihnen zu schützen. Also konzentrierte ich mich auf das Bild, das in meinen Kopf besser als eine Filmsequenz war. Immerhin hat mein Gehirn bessere Effekte, als ein Fernseher. Ich sah ihn vor mir. Rabenschwarzes volles Haar, dass ihn über die Stirn fiel, aber sehr gepflegt aussah. Volle Lippen, mit einem schönen Schwung. Eine kleine Narbe, an seinem Kinn. Diese wunderschönen Augen, mit Wimpern, die jede Frau haben will. Ein T-shirt. Schlicht und schwarz mit V-Ausschnitt, der aber nicht wirklich tief war. Eine Jeans, mittelblau, die locker auf den Hüften sitzt und gewollt verwaschen aussieht. Seine Boxershort sieht man, wenn er sich leicht bewegt. Sie ist blau kariert und nicht verschlissen. Sieht aus wie neu. Schlichte schwarze Sportschuhe. Die Schnürsenkel sind in die Schuhe gesteckt. Auf dem Rechten schuh geht eine Naht auf, auf der Seite. Aber sie sind noch nicht kaputt, man kann sie noch tragen. Den Faden sollte er allerdings abschneiden. Ein dunkelbrauner Gürtel mit silbener Schnalle. Ich hasse Gürtel. Hosen sollte man in der Größe kaufen, in der man sie braucht. Gürtel sind nicht nötig. Die schlechteste Erfindung der Welt. Dunkle Haare auf dem Unterarm, die seidig weich aussehen. Sein Körper ist schlank und muskulös. Seine Oberarme sind genau so breit, dass man denken könnte, er würde mit Schweren Dingen arbeiten, aber nicht, dass er ins Fitnesscenter geht. Irgendwie wie ein läufer. Ich kann die Beine nur unter der Hose erahnen, obwohl sie relativ eng war. Kein Ehering. Garkeine Ringe. Ein Lederarmband am Handgelenk und ein buntes Band, aus Wolle geknüpft. Sieht aus wie ein Freundschaftsarmband. Wer ihn das wohl geschenkt hatte? Seine Brieftasche war hinten, in seinen Hosentaschen. Ein Schlüssel vorne und ein Handy. Er hat das Handy nie aus der Hosentasche genommen, aber es musste eins sein. Die Form. Außerdem hatte es einmal durch den Stoff geleuchtet. Musste eins sein. Das alles, sagte mir wenig. Ich hätte seinen Ausweis sehen müssen. Aber ich habe nicht gefragt, er sah zu alt aus für eine Kontrolle. Nur das bunte Armband verrät mir etwas über ihn. Es sah aus, wie von einem Kind gefertigt. Er musste ein Kind haben, oder eine kleine Schwester. Ich schätze sie war weiblich, Jungs machen so etwas weniger. Vielleicht auch eine Nichte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er mit Kindern arbeitet. Er sah sehr nett aus, aber auch wie ein Mann, der Arbeit mit den Händen bevorzugt. Seine Hände waren leicht schwielig, ja. Er arbeitet bestimmt etwas, wo er tragen muss. Das könnte alles sein. Er könnte zum Beispiel… Und ich rannte mitten in etwas hartes, warmes. Das aber auch irgendwie weich und nachgiebig schien. Es war ein Mann. Ich hob meinen Kopf. Wenn man vom Teufel spricht. Ich fass es nicht. Ich bin gerade in Sam gelaufen. Ich konnte mich noch ausballancieren, bevor ich fiel, aber für Sam, der gerade selbst in Gedanken war, schien es nicht so gut auzusehen. Ohne nachzudenken griff ich nach ihn und hielt ihn am Tshirt fest, damit er nicht fallen konnte. Er griff mit beidenen Händen nach meinem Arm und hielt sich nocheimal richtig fest. Kurz war ich geschockt, doch dann machte ich einen weiten Schritt zurück, damit er mich loslassen musste. Ich wollte nicht angefasst werden. Bitte nicht. Er lies los und sah mir in die Augen. „ Luna, was machst du denn hier?“ „Verfolgst du mich?“ Stellte ich ihn eine Gegenfrage. „Wie soll ich dich verfolgen? Ich weiß deinen Vornamen und wo du arbeitest, aber nicht wo du in deinem Pyjamma spazieren gehst.“ Jetzt erst wurde ich daran erinnert, dass ich mich nie umgezogen hatte. Ich sah an mir herunter und erblickte die Grüne Jogginghose mit den Ninja Turtles darauf. Darüber ein weißes Tshirt mit einem verblichenen Aufdruck, dass viel zu groß war. Kein B.H. Nur sportschuhe. Ich griff in meine Haare. Offen und zerzaust. Fuck. Eine Brille auf der Nase. Groß mit schwarzen Gestell und eine Thermoskanne in der Hand. Ich lachte schallend. So etwas war mir noch nie passiert, ich hatte nicht einmal Socken an. Ich konnte nicht mehr aufhören zu lachen und fasste mir auf den Bauch, der schon richtig weh tat. Ich krümmte mich und Stützte meine Hände an den Knien ab. Tränen rannen mir von der Wange. Auch Sam lachte schallend. Es dauerte, bis ich mich wieder beruhigt hatte, erst dann konnte ich mich aufrichten und in die Augen von Sam schauen. „Ich hatte dringend etwas zu erledigen und bin einfach raus gerannt, ohne darüber nachzudenken, was ich an habe. Ernsthaft. Mir ist sowas noch nie passiert.“ „Sieht aufjedenfall witzig aus. Wohnst du hier in der Nähe?“ „Ja, nur ein paar Straßen weiter. Ich sollte jetzt zurück gehen, bevor mich meine Nachbarn sehen und ewig darüber reden.“ Ich verschrenkte die Arme vor der Brust. Jetzt, wo ich darüber nachdachte, war es mir unangenehm, dass ich keine Bh trug. Ich hoffte dass das Tshirt so dick war, dass man nichts durchsehen konnte. Sam schien meine Misslage bemerkt zu haben, was mir rasch Schamesröte ins Gesicht trieb und lies seinen Rucksack von der Schulte rutschen. Er zog eine Weste daraus hervor. Schlicht und schwarz und hielt sie mir hin. Dankend nahm ich sie an und konnte ihn dabei nicht in die Augen schauen. Dann zog ich sie mir über und machte den Zippverschluss zu. „Hast du noch ein bisschen Zeit?“ Fragte er mich. Ich nickte schnell und er deutete auf meine Thermoskanne. „Kaffee?“ Fragte er. Ich nickte wieder. woher wusste er das bloß? „Ich hatte es gehofft“, antworte er auf meine unausgesprochene Frage. Er lief zu einem kaffeestand, der immer im Park aufgebaut war und kam mit zwei Pappbechern zurück. dann winkte er mich heran und wir liesen uns beide auf eine Parkbank fallen. Ich goss ihn den Kaffee ein und schenkte mir dann selbst ein. Dann sah mich Sam von der Seite an und fragte: „ Werde ich auch deine Hände nehmen können, wenn du mich besser kennst, wie dein Chef?“ „Ich weiß es nicht. Situationsbedingt. „Dein Freund, darf der dich berühren?“ „Ich habe keinen Freund.“ „Aber du hattest bestimmt einmal einen. War das ok für dich? Durfte er dich überall berühren?“ „Ich hatte noch nie einen Freund.“ „Noch nie? Wie alt bist du?“ „21„ „Dachte ich mir fast. Alt genug für eine Bar, aber noch nicht wirklich aus den Kinderschuhen.“ „Wie alt bist du?“ „26„ „Auch nicht besonders alt“ „Aber Kinderschuhe trage ich schon ewig nicht mehr“ „Ich auch nicht“ „Könntest du aber, du hast kleine Füße.“ „Die werden auch nicht mehr viel größer werden“ „Dann bleibst du wohl ewig in Kinderschuhen.“ „Hast du eine Freundin?“ „Nein, aber ich hatte schon eine. ein Paar“ „Ein Paar sind mehr als 10?“ „Nein.“ „Oke.“ „Und wie ist das jetzt mit Körperkontakt?“ „Warum willst du das wissen?“ „Neugierde“ „neugierde ist unhöflich“ „Ablenken auch“ „Pff“ „Selber Pff“ „Jetzt benimmst dich du aber wie ein Kind.“ „Du musst nicht darüber reden“ „Ich mag Nähe einfach nicht so gerne.“ „Ich glaub, du bist sie nur nicht gewohnt.“ „Meine Oma, sie streichelt mir den Kopf und hält stundenlang meine Hand. Gestern als Flo meine Fü0e berührt hat, das war auch in Ordnung.“ „Was ist mit deinen Eltern? Oder mit Ärzten? Die berühren einen ja zhwangsläufig, wenn sie dich untersuchen“ „Meine Eltern sind tot und zu einem Arzt gehe ich nicht, seit ich ein Kind war. Ich hab gute Zähne und eine Verkühlung bekomm ich auch mit einem Tee weg, mehr hatte ich nie.“ „Das tut mir leid, wegen deinen Eltern. Also berührt dich nie jemand? auch kein Frisör? „Ich sagte doch schon, nein. Frisöre mag ich nicht. Ich schneide mir die Haare selbst, so ein Schnitt ist ja nicht besonders schwer.“ „Glaubst du nicht, du vermisst körperkiche Nähe?“ „Was man nicht kennt, kann man nicht vermissen.“ „ich hoffe du lernst es irgendwann kennen. Unter schönen Umständen.“ „Ich auch.“ „Darf ich etwas probieren?“ „Ja“ Ich nahm seinen Arm am Handgelenk und drückte meine Hand auf seine Handfläche. Mein Herz ging schneller. Seine Hand war trocken und fest, aber auch so schön weich. Seine Nägel sauber und kurz. Seine Hand kam mir riesig vor, im Vergleich zu meiner. Fast fünf Minuten lies ich diesen sanften Druck aufrecht, bis mein Herz sich ein wenig beruhigt hatte. Dann hob ich sie an und in der Erwartung auf den nächsten Schritt, begann Mein Herz wieder heftig zum pumpen. Mir brach der Schweiß auf der Stirn aus und mein Atem ging schneller. Panik. Ich hob trotzdem die hand an und legte sie auf meine Wange. Sie lag flach auf meiner Wange, nur durch den Druck meiner eigenen Hand geführt. Er hielt die Luft anzuhalten und ich auch. Wir saßen eine Weile so da, bis ich meine Hand fallen lies und seine an meiner Wange blieb. Ich sah in den Augen von ihm ein Verlangen, dass mir keine Angst machte. Trotzdem bat ich ihn, nicht zu streicheln. Sondern nur die Hand so zu lassen. Er war einverstanden. Fast eine halbe Stunde saß ich da, mit geschlossenen Augen und versuchte mich an die Berührung zu gewöhnen. die Härchen in meinen nacken tellten sich dauernd auf und beruhigten sich dann wieder. Es war eine Achterbahnfahrt meiner Gefühle. Jedesmal, wenn er sich bewegte, weil er nicht mehr so starr sitzen konnte, zuckte ich. Jedes Mal entschuldigte er sich. Dann nahm ich wieder seine Hand und legte sie zurück auf sein Bein. Genug. Ich wusste nicht was ich sagen sollte. Für ihn so banal, aber für mich der intimste Moment meines Lebens. Der angenehm war. Er sprang aufeinmal auf und ich zuckte zusammen. Wieder entschuldigte er sich. „Komm, ich bring dich nach Hause, damit du dich mal umziehen kannst. Die Weste ist doch sicher zu warm, im Sommer.“ Ich stand auch auf und ging neben ihm zu meiner Wohnung. Der Weg war nicht weit. Als wir bei dem Zeitungsstand vorbei kamen winkte mich mein Freund Herr N. zu sich. Ich lief schnell zu ihm und er drückte mir mein Paket in die Hand. „Oh, danke! Das hatte ich total vergessen. Tausendmal Danke.“ „Er lächelte mich nur an und fragte mich, ob sich die Jugend heute so kleidet. Da wurde ich total rot und stammelte herum. Er meinte nur, ich sollte mich umziehen bevor die Hexen mich sehen. Darum lief ich wieder zu Sam, der ein paar Meter weiter stehen geblieben war. Er nahm mir die schwere Kiste ab, was ich sehr umsichtig von ihm fand, doch dann rief mir Herr N. wieder zu. Ich drehte mich noch einmal zurück und er warf mir einen Apfel zu. „Danke“ schrie ich und biss herzhaft von dem Apfel ab. Dann hielt ich Sam den Apfel hin und machte eine Geste, die aussagte, ob er auch einmal beissen will. Er sah mich mit großen Augen an und Nickte. Ich hielt ihn den Apfel zum Mund nd er nahm einen herzhaften Biss. Er kaute langsam und sah mir dann in die Augen „Hmm, schmeckt super.“ „Ich weiß, aber der rest gehört mir.“ Ich hatte ihn schon wieder zum lachen gebracht, das fand ich toll. Wir kamen zu meiner Wohnung und davor stand eine Kollegin von mir, aus der Bar. Zuerst sah sie mich von oben bis unten an und dann meinen Begleiter. Mit einem grißen Grinsen lief sie auf mich zu und sagte dann:“ Was hast du denn an?“ „Äh, ich war nur schnell Zeitung holen“. Sie wusste, dass ich log, aber es war ihr egal. Sie wollte viel lieber wissen, wer mein Begleiter war. Aber den Gefallen ihn vorzustellen würde ich ihr nicht tun Auch wenn das unhöflich war. „Was gibts denn?“ Versuchte ich sie abzulenken. „Flo meinte, du solltest heute nicht zur Arbeit kommen. Er hat einen Ersatz für dich. Und du sollst dir ein Handy zulegen. Ich will nicht jedes Mal bei dir vorbei gehen, wenn er die Schichten tauscht. Und wer bist du?“, sagt sie zu Sam. „Ein Freund von Luna“, meinte er kurz angebunden. Er gab ihr nicht seine Hand und er stellte sich nicht vor. Ein diabolisches Grinsen wanderte auf meine Lippen. Leicht eingeschnappt wendete sie sich von uns ab und rief nur ein „tschüss“ hinterher. Jetzt musste ich unbedingt in meine Wohnung, die Kiste, die Sam trug war furchtbar schwer. Ich schloss schnell auf und lief die Stufen hinauf, hinter mir hörte ich ein leichtes schnaufen. Der Arme. Ich schloss die Wohnungstür auf und hielt sie auch so, bis Sam drinnen war. „Bitte einfach irgendwo hinstellen, danke“ Er stellte den Karten neben meinen Couchtisch am Boden ab und drehte sich dann einmal im kreis um meine Wohnung anzuschauen. Ich war derweil ziemlich damit beschäftigt die Nachricht meiner Kollegin zu analysieren. Kelly hieß sie übrigens. Wie die Chipspackung. Billig. Sie meinte, ich solle nicht kommen, er hätte Ersatz… hieß das für immer, oder nur heute? ich hatte keine Ahnung. Ich konnte nicht überleben ohne Job. Ich musste Flo irgendwo erreichen. Warum wollte er nicht, dass ich komme. Hatte ich ein Minus? Aber die anderen flogen doch auch nicht wegen einen Minus. Mein Atem ging immer schneller und ich starrte ins leere. Sam kam mit einem besorgten Gesichtsaudruck zu mir und fragte mich, was los sei, ob er gehen soll. „Nein“, antwortete ich : „Flo will mich doch nicht rausschmeissen, oder? Er meinte, ich sollte nicht kommen.“ „Ich glaube nicht, dass er das möchte. Aber vielleicht rufst du ihn einfach an?“ „ich hab doch keinen Telefonanschluss. Wie soll ich ihn denn anrufen?“ „Er zog aus seiner Tasche sein Handy und hielt es mir hin. „Wirklich? Darf ich“ „Natürluch. Hast du irgendwo die Nummer?“ „brauch ich nicht, kann sie auswendig.“ Ich tippte die Nummer in das Telefon und wartete bis es tütete. Nach dem ersten Klingeln nahm Flo ab und sagte:“ Flo Emser, ja bitte?“ „hallo Flo, ich bins Luna. Kelly war bei mir, sie meinte, ich solle nicht kommen du hättest einen Ersatz.“ „ja, ich dachte mir, du würdest gerne zu Hause bleiben.“ „Aber warum? Ich komm doch immer Dienstag.“ „Wegen deinem Zeh. Du solltest dich schonen. Nimm dir den Tag frei, du bekommst trotzdem bezahlt. kein Problem.“ „Aber morgen kann ich wieder kommen?“ „Ach Luna, ich hab noch nie einen Menschen gekannt der so gierig auf Arbeit war, wie du. Natürlich kommst du wieder, wenn es dir besser geht. Was denkst du denn?“ „Ich dachte, vielleicht feuerst du mich?“, sagte ich kleinlaut. „Warum sollte ich dich feuern? Du bist die beste Kellnerin die ich habe, besser sogar als ich. Die Kunden lieben dich und der Umsatz ist immer gewaltig, wenn du lächelst und die Sonne aufgehen lässt. Du wirst hier einen Job haben, so lange du willst. Niemand kann dich mir nehmen.“ Das beruhigte mich ungemein. Ich atmete heftig aus und Flo lachte. Auch Sam machte einen erleichterten Gesichtsausdruck. Ich bedankte mich noch bei Flo und verabschiedete mich dann. Jetzt war ich wieder mit Sam alleine in meiner Wohnung. Was? ich war mit Sam, einen Fremden, alleine in meiner Wohnung? Warum war das nicht so schlimm, wie ich gedacht hätte? Ich bat ihn, sich zu setzen. Weil man das nunmal macht. Er setzte sich auf die zwei-sitzer Couch mitten in meiner Wohnung. Ich ließ den Beistelltisch zwischenn uns und setzte mich auf den Boden. Das rießige Paket wuchtete ich noch darauf, dann fragte ich ihn, ob er etwas trinken wollte. Er wollte. Ein Glas Wasser. Das schaffte ich. Formvollendet, wie eben eine Kellnerin, servierte ich ihn sein Glas Wasser und machte mich dann daran den Absender des Paketes zu finden. OMI! Ich bekam öfters Pakete von Omi, obwohl sie nur eine halbe Stunde weit weg wohnt und ich jeden Sonntag zu Besuch kam. ich hatte ihr einmal erzählt, dass ich nie Briefe bekam. Noch nie einen einzigen Brief bekommen hatte. Darum schrieb sie mir jede Woche einen Brief, oder schickte mir ein Paket. Das war so lieb, dass mir bei dem Betrachten des Pakets fast die Tränen kamen. „Von wem ist es denn?“, fragte mich Sam. Ich sah ihn freudestrahlend an und antwortete: „ Von meiner Omi.“ „ach, wohnt sie weit weg?“ „Nein, nur eine halbe Stunde. Aber sie schickt mir oft Briefe und Pakete.“ „Warum denn das?“ „Na, ich bekomm gerne welche. Das ist doch schön.“ Das schien ihm zu gefallen. Er freute sich sichtlich mit mir mit und ich fing an ihn wirklich zu möögen. Nur gute Menschen konnten sich wegen solchen banalen Dingen mit anderen freuen. Er war bestimmt ein guter Mann. Wie ein kleines Kind zu Weihnachten riss ich das Paket auf und schob die Luftpolsterfolie auf die Seite. Dann griff ich beherzt rein und zog Stapelweise Bücher heraus. Quietschend vor Freude behandelte ich jedes Buch wie mein eigenes Kind. So viele! Das muss richtig teuer gewesen sein. Leichte Schuldgefühle machten sich bemerkbar. Ein kleiner Zettel, der bestimmt einmal oben gelegen war, fand ich dann unten zum Schluss. Ich konnte Omas zittrige Handschrift erkennen

Liebe Luna,
gestern war ein riesiger Flohmarkt bei uns in der Straße. Da war ein junger Mann, der genauso gerne solche Bücher liest, wie du. Ich hab ihn von dir erzählt, er war sehr nett. Dann schenkte er mir den ganzen Stoß Bücher mit der Bedinung, sie dir zu geben. Er meinte, Bücher müssen wohl behütet werden und bei dir hätten sie einen Platz gefunden, wo sie geschätzt werden. Er ließ mich aber auch versprechen, dir zu sagen, dass du diese Bücher nicht verkaufen, oder wegwerfen darfst. Schenk sie weiter, wenn du sie nicht mehr behalten kannst. Wenn möglich an jemanden, der die Begeisterung teilt. Ich hoffe du hast viel Spaß mit den Büchern und ich freue mich schon auf den nächsten Sonntag.
Deine, dich liebende Oma.

Ich nahm den Zettel und gab ihn Sam, zum lesen. Der Text und diese kurze Geschcihte war so froh, ich wollte dass er sie auch liest. Er sollte sich auch über diese schönen Zeilen freuen. Konzentriert las er die paar Zeilen und ich machte mich daran die Bücher genauer zu untersuchen. Es waren neue und alte Bücher. Alles Fantasygeschichten mit schönen Cover. Ein paar hatten auch gar kein Cover, sondern nur eine leere Hülle. Die waren besonders alt. Ich nahm sie in stapeln und ging zu meinem wachligen Bücherregal. Dort räumte ich ein ganzes Regal frei, nur für diese neuen schönen Bücher. Die, die ich weggenommen hatte stellte ich auf meinen Schreibtisch, oder schlichtete sie wo dazu. Ich hatte wirklich keinen Platz mehr. Zwei große Ikea Regale waren voll und ein paar Stapeln verzierten den Schreibtisch und den Boden vor den Regalen. Sams Hand kam hinter mir hervor und schon wieder zuckte ich leicht. Er entschuldigte sich. Das wurde zur Routine. Er griff mein Bücherregal von der Seite an und rüttelte leicht daran. „Luna, die muss man anboren, sonst fallen sie dir irgendwann um. Du kannst dich verletzen.“ „Ich hab keine Bohrmaschine.“ berichtete ich ihn mit großen Augen. „Das nächste Mal, wenn ich dich besuche nehme ich eine mit. Aber bitte lass es eher früher, statt später sein. Damit du dich nicht umbringst. „Morgen?“ „Gerne, aber heißt das jetzt, dass du mich wegschickst?“ „nein, ich muss nicht arbeiten. Du kannst ruhig noch bleiben.“

Ich hatte die Möglichkeit mich heute nicht alleine zu fühlen, aber ich wusste nicht, wie ich das genau anstellen sollte. Ich hatte männliche Freunde. Na Gut, ich habe einen männlichen Freund und ein paar Arbeitskollegen, aber der eine männliche Freund war auch schon bei mir zu Hause. Und wir haben uns unterhalten und uns wurde nicht langweilig. Allerdings ist seine Oma, so etwas wie meine neue Oma. Eine alte Oma hatte ich glaube ich nie. Wir hatten gemeinsamkeiten, aber haben ich und Sam irgendetwas gemeinsam? Ich kannte ihn nicht und das machte mir furchtbar Angst. Schon wieder diese Angst vor dem Unbekannten. Aber dieses Mal saß das Unbekannte direkt neben mir auf der Couch und wusste genauso wenig wie ich, was es jetzt sagen sollte. „Wie heißt du mit Nachnamen?“, meine Nervosität lies meine Stimme pipsieg und viel zu laut werden. Er erschrank sichtlich. Dieses Mal entschuldigte ich mich. „Sunders.“ Kann er nicht mehr machen, als ein Wort sagen? Ok, er hatte meine Frage beantwortet. Aber er könnte auch mehr fragen, war doch nicht zu viel verlangt, oder? „Samuel Sunders? Ich hab noch nie verstanden, wie man einen Menschen einen Vornamen geben kann, der den gleichen Anfangsbuchstaben wie der Nachname hat. In meinen Ohren klingt das so gezwungen harmonisch, dass sich das Wort harmonie gleich ausgrenzt.“ „Finde ich auch“, antwortete er. Finde ich auch? Mehr nicht. Ich wusste einfach nicht mehr was ich sagen sollte. Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Ich wollte irgendwas interessantes sagen, dass ihn veranlasste etwas darauf zu antworten. Etwas was uns in ein Gespräch verstrickt und diese kälte, die plötzlich zwischen uns entstanden ist zu durchbrechen. Ich brauche einen Pinguin mit Übergewicht um das Eis zu brechen. „Äh, wusstest du, dass die größe von Pinguinen damit erklärt werden kann, dass in kälteren Regionen ein günstigeres Verhältnis von Volumen zu Oberfläche des Tieres besteht?“ „Äh, wie bitte?“ „Der Zwergpinguin erreicht lediglich eine Größe von 30 Zentimetern und ein Gewicht von einem bis einenhalb Kilogramm, dagegen gehört der Kaiserpinguin mit einer Größe von bis zu 1,20 Metern und einem Gewicht von bis zu 40 Kilogramm zu den größten Neukiefervögeln überhauüt. Dieser Größenunterschied wird durch die Bergmannsche Regel erklärt, für welche Pinguine ein häufig angeführtes Beispiel sind. Die Bergmannsche Regel besagt dass Tiere in kälteren Regionen größer sind, da dies zu einem günstigeren Verhältnis von Volumen zu Oberfläche des Tieres und damit zu weniger Wärmeverlust führt. Die meisten Arten sind nur um weniges leichter als das von ihnen verdrängte Wasser, so dass ihnen das Tauchen vergleichsweise leicht fällt.“ „Hast du den Doku-Sender aboniert,“ fragte mich Sam mit großen Augen auf meine runtergerasselten Informationen. „Nein, steht in Wikipedia.“ Sam nahm sein Handy heraus und tippte ein bisschen herum. Das fand ich dann schon reichlich unhöflich. Dann nahm er endlich wieder Kenntnis von mir und fragte mich: „Lernst du Wikipedia Artikel auswendig?“ „nein, warum?“, antwortete ich. „Genau die gleiche wortwahl in genau der gleichen Reihenfolge steht im Wikipedia Artikel. „Äh. Ich habe ein eidetisches Gedächtnis.“ „Was so viel bedeutet, wie?“ Toll, wie sollte ich das jetzt erklären, dass es nicht peinlich war. „Soll ich dir den Wikipedia artikel zitieren, oder willst du selbst nachlesen?“ „Machen wir es so. Ich schlage ihn auf und lese mit, wärend du zitierst. Doppelt hält besser“. Ich glaube er wollte mich testen und ich fand Tests toll. Also holte ich tief Luft und begann runterzurattern: „ In der Psychiologie werden als Fachbegriffe ikonisches und eidetisches gedächtnis bezeichnet. Das ikonische gedächtnis bezeichnet hierbei die kurzfristige Speicherung der exakten visuellen Informationen im sensorischen Gedächtnis die eine Zeitspanne von mehreren hundert Millisekunden umfasst. in einigen seltenen Fällen können Menschen jedoch die detaillierten visuellen Informationen auch wesentlich länger über das ikonische Gedäctnis hinaus speichern, dies bezeochnet man dann als eidetisches Gedächtnis..“ „Wow, das ist beeindruckend. Heißt dass jetzt ich sag dir die Überschrift irgendeines Wikipedia Artikels und du kannst mir genau sagen was da drinnen gestanden ist?“ „Äh, nein. Ich habe nicht jeden WikipediaArtikel gelesen. Aber wenn ich ihn gelesen hab kann ich ihn dir mit 99%iger Warscheinlichkeit aufsagen“ „Probieren wir das“ „Gut. Mach schon!“ Wir versuchten es hin und her und kamen von Stephen Turnbull, einen britischen Historiker und Schriftsteller, zur Liste der Sultane von Brunei und zu den Grammy Awards 1995. Ein paar der Artik kannte ich nicht. Dann nahm ich mir sein Handy und las sie durch. Es schien ihm sichtlich zu gefallen, dass wir ein gemeinsames Spiel gefunden hatten und er schien sich auch darüber zu amüsieren, dass ich jedes mal sehr neugierig wurde, wenn ein neuer Artikel, den ich noch nie gelesen hatte, auftauchte. Irgendwann fragte er mich dann „Kann dein Gehirn eigentlich nie voll sein?“ „Ich weiß nicht, ob es das kann. Ich denke dass das Gehirn unendlich speicher kann, aber nicht unendlich behaltet. Wenn du etwas gesehen hast, dann speicher dein Gehirn den Eindruck. Stuft es den Eindruck als unnötig ein, vergisst du es, aber es ist trotzdem noch gelagert. Es wird vielleicht von neuen, spannenderen Eindrücken ersetzt, aber es ist noch da. Theoretisch speichert dein Gehirn also unendlich Informationen, es schafft sich immer mehr Platz. Da wir ja nur zum kleinsten Teil unser Potential ausschöpfen, ist da reichlich Platz. Ob irgendwann der platz in meinen Gehirn ausgefüllt ist, weil ich mir Dinge besser merke, kann ich dir erst dann sagen, wenn, oder falls es passiert.“ „du sagst mir also, wenn es passiert?“ „ja, wenn du das möchtest, informiere ich dich darüber, dass ich voll bin. Wie eine Baterie.“ „Gut, ich hoffe das ist noch nicht so schnell“ „Warum?“ „Weil du dann weiterhin mit mir reden musst.“ „Ich hatte nicht vor aufzuhören, mit dir zu reden.

4.) Sie
Eine längere Zeit schwiegen wir. Und dieses Schweigen war nicht mehr unangenehm. Nachdem wir uns so viel Spaß daraus gemacht hatten mich zu testen, war dieses Schweigen ein angenehmes geworden. Dieser Mensch wurde zu einem Mensch, mit dem man keine gezwungenen Unterhaltungen mehr führen musste, sondern Sprechen konnte, wann man wollte. Irgendwann meldete er sich aber dann doch wieder zu Wort. „Wann hast du das letzte Mal gegessen?“, fragte er mich. „Oh, tut mir leid. Das war total unhöflich. So bin ich sonst nicht, ich hätte dir etwas anbieten sollen.“ „Nein, Luna. Es geht nicht um mich. Es geht darum, dass ich denke, du hast nicht gefrühstückt.“ „Ich habe einen Apfel gegessen.“ „Ein Apfel ist kein Frühstück.“ Ein wenig beschämt stand ich auf und lief zu meinem Kühlschrank. Gehnende Leere schlug mir entgegen. „Äh… ich hab nichts zu Hause. Ich hatte vergessen einkaufen zu gehen, tut mir leid.“ „Wie wärs, wenn wir uns etwas bestellen, oder wir gehen aus. Wie du willst.“ „Können wir uns etwas bestellen? Ich bin heute schon etwas zu müde um auszugehen.“ Also bestellten wir uns zwei Pizzen. Ich hätte auch eine Pizza bestellt und sie geteilt, aber Sam wollte nichts davon hören. Er bezeichnete meine Pizza als Hasenfutter, was mich dann schon sehr zum lachen brachte. Ich mag nun mal Rukula. Wärend die Pizzen geliefert wurden drehte ich den Fernseher an und zappte wahllos durch die Programme. Ein paar Mal blieben wir hängen und diskutierten über die Serien, die es so spielte. Es war schön, so unbeschwert mit jemanden zu sprechen. Bis er dann das Thema auf meinen kleinen Ausflug in der Früh lenkte. „Warum warst du eigentlich mit deinem Pyjamma spazieren?“ ich hatte jetzt auch noch immer eben genannten Pyjammer an, aber es machte mir nicht mehr so viel aus, wie am Vormittag. Der Weste hatte ich mich entledigt. „Das ist eine lange Geschichte.“ „Gut, ich liebe lange Geschichten. Und ich weiß doch noch so wenig über dich.“ Er fühlte also genau so wie ich. Das wir nichts voneinander wussten. Also begann ich ihn von meiner Obdachlosen zu erzählen. Ich erzählte ihn alles. Alles, außer dass sie mein richtiges alter wusste. In Sams Augen war ich 20 und das wollte ich auch bleiben. Ich zeigte ihn dann auch die Schuhschachtel mit den Zitaten und er schien sich aufrichtig dafür zu interessieren. Ich hatte noch nie jemanden meine Zitate gezeigt und es machte mir Spaß sie zu durchforsten und die besten auf die Seite zu legen. Die Pizza kam und wir durchforsteten sie weiter. Die Zitate wurden auf die verschiedenstfarbigen Zettel geschrieben. Bis ein grasgrünes aufblitzte, an das ich mich nich mehr erinnern konnte. Wir griffen gleichzeitig danach und meine Hand berührte seine. Aber dieses Mal fand ich es nicht schlimm. Ich zuckte nicht zurück und das schien ihn zu ermutigen. Er ging noch unbefangener mit mir um und als ich das nächste Mal auf die Uhr sah, war es ein Uhr früh. Ich wusste nicht wo die Zeit geblieben war. Ich sah zu Sam auf und sagte dann: „Es ist doch schon recht spät. Bist du mit deinem Auto da?“ „Nein, ich bin zu fuß unterwegs. Ich wohne aber nicht weit weg. Möchtest du schlafen gehen?“ „ja, aber ich möchte dich nicht in der Nacht alleine auf die Straße schicken.“ „keine Angst, ich bin ein großer Junge, ich kann alleine auf mich aufpassen.“ Er erhob sich und zog sich die Weste über, die ich den ganzen Vormittag getragen hatte. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass er kurz daran schnüffelte und dann grinste. Ein wunderschönes Gefühl durchzog meine Bauchgegegend. Aber als er dann seinen Rucksack schulterte, war dieses Gefühl so schnell weg, dass es mich fast umhaute. Leere. Kalte schwarze Leere blieb statt ihr zurück und diese Leere verschreckte mich furchtbar. Er sollte nicht gehen und mich alleine lassen. Bitte nicht jetzt und heute. Ich wollte ihn bei mir behalten. Ich war schon viel zu lange alleine gewesen. Mein Gesicht verzog sich zu einer schmerzhaften Grimasse und Sam schien das nicht zu entgehen. Er ließ sich vor mir auf die Knie fallen und legte seine Hand auf meine. Das war ein schönes Gefühl, es konnte aber nicht dieses Gefühl von Verlust überlagern, dass mir von seinen nahenden Aufbruch noch immer in den Knochen steckte. „Was ist denn los, Kleines?“ Es war ein anderes kleines, als das Kleine von Tequilla Jungen. Es war ein schönes kleines, dass einen kurzen Ruck durch mein Herz hupfen ließ. „Ich glaub ich möchte, dass du da bleibst. Heute Nacht, wenn du willst.“ Zweifelnd versuchte er aus meinen Augen zu lesen, was er jetzt machen sollte. Die Situation schien ihn zu überfordern. Aber schlussendlich ließ er seinen Rucksack wieder vom Rücken und setzte sich neben mich. „Na dann bleiben wir eben hier.“ Ich nahm ihn bei der Hand und erhob mich langsam. Meine Bewegungen waren abgehackt, weil ich nervös war. Ich zog ihn mit mir in mein kleines Badezimmer und schob eine Schublade auf. Darin lagen ein paar verpackte Zahnbürsten, Shampoos, Duschgels, Hautcremen. Alles was ich eben auf Vorrat kaufte. Ich gab ihn eine dieser Zahnbüsten. Sie war pink und es war Absicht. Ein Schmunzeln lief über sein Gesicht. Dann nahm ich meine Zahnbürste und begann mir vor ihm die Zähne zu putzen. Ich hatte mir schon nicht mehr vor irgendjemand die Zähne geputzt, seit ich ein kleines Kind war. Ich hatte keine Angst davor, aber ich bekam eben auch einfach keine Gelegenheit dafür. Der Schaum lief mir übers Kinn und ich beugte mich noch ein wenig vor. Ich verstand noch nie, wie Menschen diesen ganzen Schaum im Mund behalten können. Erstens brennt der ja fürchterlich, wenn man ihm zu lang im Mund hat und zweitens blähen sich meine Backen so auf, weil das viel zu viel Schaum ist. Und das tut auch wah. Ich hörte ein schrubbendes Geräusch neben mir und Sah auch Sam, wie er seine Zähne putzte. Er hatte wirklich schöne Zähne. Weiß und weder zu klein, noch zu groß. Sie standen auch nicht irgendwie weg. Seine Eltern hatten sicher sehr gut darauf geachtet, ob er sich die Zähne auch wirklich brav putzte. Jetzt erst fiel mir auf, dass ich ihn noch nichts von seiner Familie gefragt hatte. Er kennt meine Omi, von meinen Erzählungen, aber selbst hatte er noch nichts erzählt. Einerseits wollte ich nicht riskieren, dass er dann auf die Idee kommt, mich zu fragen, wies mit dem Rest meiner Familie aussieht. Ich hatte ihn von dem Tod meiner Eltern erzählt, aber er hatte nicht nach den Umständen gefragt. Als wir fertig mit dem Zähne putzen ließ Sam mir den Vortritt für mein restliches Reinigungsritual. Ich wollte das nicht auch noch vor ihm machen, das wär dann ein bisschen zu intim gewesen. Also wusch ich mir das Gesicht und frisierte meine langen Haare aus. Jeti, bist du das? Ich sah heute wieder grandios aus. Meine dunklen Haare standen einfach überall weg. Wie ein einziges Vogelnest, aber sogar das schien ordentlicher. Meine Augen waren zu groß. Meine Unterlippe größer als meine Oberlippe und ich war generell zu blass. Jetzt wo ich meine Mängel betrachtete war ich mir nicht mehr sicher, ob ich wollte, dass Sam mich noch länger anstarrt. Aber jetzt war es wohl zu spät für zimperlichkeiten. Ich machte mir einen lockeren Zopf am Hinterkopf und sprang doch gleich noch einmal unter die Dusche. Ich wollte gut riechen, wieso auch immer. Ich wusch mir den Körper akribisch ab, bis er rot wurde. Dann hupfte ich aus meiner Dusche und zog das T-shirt raus, das ich mir rausgelegt hatte. Ein Höschen musste ich mir auch anziehen. Ich war es gewohnt, seit ich allein wohnte, nur mit einem übergroßen T-Shirt zu schlafen. Ich wollte aber lieber vorsichtig sein, jetzt da ich Besuch hatte, hatte ich Angst dass dieses T-shirt verrutscht, oder ähnliches. Ich verließ das Badezimmer und fand Sam vor meinen Bücherregal. Er hatte es ein wenig auf die Seite geschoben und besah sich die Wand dahinter. „Äh, was machst du, Sam?“ „Tut mir leid, ich wollte nur schauen, ob sich die Wand dafür eignet die Bücherregale zu befestigen. Passt aber glaub ich alles“. Ich fand das furchtbar nett von ihm. Ich liebte es, wenn sich Menschen um mich sorgen. Ich hatte einfach zu wenig davon mitgenommen und sog jede kleine Zuneigungsbezeugung auf die ein hungriger Schwamm. Er besah sich meinen Aufzug und lies ein leises kichern los. Ich wusste nicht dass Männer überhaupt kichern. „Harry Potter? Ernsthaft?“ „Hey, das ist ernst zu nehmende Literatur. Du würdest doch auch nicht lachen, wenn ich ein T-Shirt von Goethe an hätte“. „Oja, würde ich.“ „Hast recht. Würde ich auch“. Und da kicherte auch ich. Wärend Sam sich ins Badezimmer verzog stellte ich mir den Digitalwecker auf 12 Uhr. Morgen wollte ich bestimmt nicht meine Obdachlose verpassen. Ein Tag reicht vollkommen, das soll nie wieder passieren. Sam betrat vorsichtig den Raum und setzte sich neben mir auf mein Bett. „Soll ich auf der Couch schlafen, Luna?“, fragte er mich mit leiser Stimme. „Nein, das Bett ist groß genug.“ „Mir macht es wirklich nichts aus, auf der Couch, oder auch am Boden zu schlafen.“ „Mir macht es aber etwas aus.“ Somit hatten wir uns geeinigt. Oder warte, noch nicht ganz. „Sam? Willst du dir nicht die Jeans vor dem Schlafen gehen ausziehen?“ „Ich wusste nicht, ob ich sollte…“ Ich wusste was er meinte, aber es machte mir Spaß ihn ein wenig zu veralbern, also sagte ich: „Schläfst du zu Hause auch in Jeans, oder habe nur ich die Ehre verdient?“ Er grinste und griff zu seinem Gürtel. Oh Gott, bitte nicht! Mach nicht den Gürtel auf, Sam. Ich hatte ganz vergessen, dass er einen hat. „STOPP.“, schrie ich und am Schluss brach meine Stimme. Sam zuckte zusammen und lies seinen Gürtel los. Ich konnte einfach nicht zusehen, wie er den Gürtel öffnete. Es erinnert mich so sehr an meinen Pflegefater, dass schon wieder Panik durch meine Adern rauschte. Sam glich in keinster weise diesen kranken Mann, aber diese Szene versetzte mich in Tage zurück, die ich einfach nur vergessen wollte. Er sah auf seine Hände herunter und schien etwas zu verstehen. Etwas, was keiner verstehen sollte, weil es keiner wissen sollte. Die Scham zwang mir Tränen in die Augen und ich rollte mich wieder so klein auf meinem Bett zusammen, dass wenig Angriffsfläche da war. So wenig wie möglich. Er ging ins Badezimmer und kerte ohne Gürtel wieder. Meine Augen waren zu Schlitzen verängt, als könnte ich so die Tränen dazu zwingen drinnen zu bleiben. Er setzte sich so nahe neben mich, dass ich seine wärme spüren konnte, aber er berührte mich nicht. Er früsterte mir zu: „ Ich hab den Hass in deinen Augen gesehen, gestern. Als du die Jungs in der Straße verprügelt hast. Dieser Hass passt nicht zu dir. Du bist so ein wunderschönes, sanftes Mädchen. Bitte lass diesen Hass nicht alles zerstören, was du sein könntest.“ Ich wusste nicht wie ich darauf antworten sollte. Ich fühlte mich gekränkt. Ich war kein Mädchen. Ich übernahm Verantwortung und lebte mein eigenes Leben. Ich war erwachsene als viele Frauen in seinem Alter. Das war ich warscheinlich sogar schon mit 12 gewesen. Ich wollte mich nicht als sanftes Mädchen abstempeln lassen. Ich war eine Frau voller Temperament und ich war stolz darauf. Das machte mich zu etwas besonderen. Also rappelte mich auf und sah ihm ohne zu Zwinkern ins Gesicht: „ Ich bin nicht sanft. Ich bin alles, was ich sein will. Und zuerzeit möchte ich hassen. Ich möchte für all das hassen, was mir Angst macht und was anderen Angst macht.“ „Was macht dir Angst.“ „Alles, auf dieser Welt macht mir Angst. Selbst Liebe.“ „Was hat man dir angetan, Luna?“ „Ich möchte nicht darüber reden.“ „Ich schätze, du wirst nie darüber reden wollen. Wissen deine Freunde, was in dir vor geht?“ „Das tut nichts zu sache.“ „Natürlich. Du sprichst nicht, aber du musst sprechen. Du packst dich in eine Kugel ein, in der du vor der Aussenwelt geschützt bist und gibst vor glücklich zu sein. Was hat man dir angetan?“ „ICH HABE GESAGT ICH WILL NICHT DARÜBER REDEN!“, schrie ich. Ich hatte es so satt. „Du glaubst mich zu kennen? Du weißt gar nichts. Du kennst mich seit 24 Stunden und erlaubst dir ein Urteil über meine Gefühlswelt zu fällen. Du hast kein Recht so etwas zu tun. Du hast überhaupt kein Recht.“ Ich schlug auf ihn ein. Ich trommelte mit meinen Fäußten auf seine Brust. Er sollte leiden, dafür dass er mich so leiden lässt. Das er mir so etwas antut. Ich will nicht sprechen, ich will nicht denken. Ich versuche zu leben und das fern voll allen Dingen, die mich daran in verbindung bringen. Er lies mich auf seine Brust trommeln, dann nahm er die dicke Decke, die hinter mir lag und wickelte mich darin ein. Ich konnte mich nicht mehr bewegen, ich konnte nicht mehr um mich schlagen. Ich konnte nur weinen. Vor Wut und vor Trauer. Ich hatte noch nie so geweint. Es tat so weh. Mir tat meine Kindheit weh und alle Möglicgkeiten die mir dadurch genommen worden war. Ich wollte mich nur noch selbst bemitleiden und dasvor dem Mann de mich so fürchterlich provoziert hatte. Er drehte mich zum Fenster, aber fasste mich nicht direkt an. Ich konnte nur unter der Decke den Druck erahnen. Dann schlang er die Arme und beine um mich, so dass sein Bauch an meinem Rücken war. Nur getrennt durch diese Decke. Es war keine echte berührung aber es war ihr so ähnlich. ich zog die Decke noch etwas fester und lehnte mich dann gegen diese ungewohnte berührung. Es tat gut. Ich hatte keine Angst davor. Er schützte mich, er tat mir nicht weh. Ich heulte rotz und wasser. ich konnte einfach nicht aufhören zu weinen und meine Nase rann wie verrückt. Mein Körper wurde durch Schluchzen gerüttelt und ich wimmerte immer wieder. Es tat so weh. Der druck seiner Arme und beine half mir nicht in tausend einzelteile zu zerspringen, bis die trönenflut versiegte. Ich war leergeweint. Kein einziger Trowar noch zur verfügung. „Ich wollte dir nicht weh tun, Luna. Es stimmt, ich kenne dich nicht. Aber ich möchte dich kennenlernen. Ich mag dich. Lass mich dich bitte verstehen. Das ist alles was ich mir wünsche.“
Lange blieb es still, bis ich einen Entschluss gefasst hatte. Ich hatte den Schluss gefasst mich ein wenig zu öffnen. Ich hatte sehr große Angst davor. Ich wollte diesen Mann nicht verscheuchen. Entweder ich verscheuche ihn durch meine Geschichte, oder durch meine verschlossenheit. Aber konnte ich aufhören mich zu öffnen, wenn ich einmal damit anfing? Ich war es leid zu grübeln.
2.)Er
Sie holte tief Luft und begann dann zu sprechen. Sie erzählte mir eine Geschichte, die mir so viel mehr weh tat, als alle diese Geschichten, die ich durch meinen Beruf miterleben musste. Es tat so viel mehr weh, weil so viel mehr Zuneigung für sie in mir steckte. „Ich war bei einer Pflegefamilie… Ich war.. Ich war ein Kind. Ich war bei einer Familie, sie hatten ein Kind. Eine Tochter. Und die Mutter, sie hatte die Tochter sehr lieb. Mich hatte sie nicht lieb. Dann war da dieser Mann, dieser Pflegevater. Er hat immer wieder… er hat mir gern Angst gemacht. Und dann hat er mich gerne geschlagen. Er nahm dazu oft einen Gürtel, oder andere Dinge. Einmal auch eine Glasflasche, die ist an meinen Körper zerplatzt. Es tat nicht so weh. Also versteh mich nicht falsch, es tat fürchterlich weh. Aber man konnte es ertragen. Von Mal zu Mal wurde es leichter. Ich hörte auf zu schreien, schreie spornten ihn nur an. Ich rollte mich zusammen und ertrug es. Er hat mich fürchterlich verwirrt. Ich fand es okay, dass er mich schlägt. Ich hatte es verdient, manchmal. Aber dann hat er mich gestreichelt. Er hat so gestunken, Sam. Und er hat immer wieder gestreichelt und dann wieder geschlagen.“ Ich nahm sie noch fester in den Arm. Diesen Dreckskerl würde ich gerne in die Finger bekommen. Wie kann man nur so ein kranker Bastard sein. Diese Frau hat mehr erlebt, als man seinem schlimmsten Feind wünschen möchte. „Wie alt warst du da?“ „zehn“ Ihre Stimme brach, aber sie weinte nicht mehr. Eine Gänsehaut entstand an meinem gesammten Körper. Ein zehn jähriges Kind so unglaublich zu misshandeln. „Was war mit der Mutter? Warum hat sie nicht eingegriffen?“ „Sie hatte mich nicht lieb, glaub ich. Immer wenn das passiert ist, saß sie in der Küche. Sie schlief dann in der Nacht bei ihrer Tochter im Bett. Ihre Tochter war sogar noch jünger als ich. Ich glaube sie war sechs. Immer wenn das passiert ist, hatten sie einen Streit, die Pflegeeltern. Aber nicht darüber, dass er mir nicht mehr weh tun sollte. Sie stritten, weil die Mutter nicht wollte, dass er ihren Kind auch so etwas antut. Sie sagte immer, er soll ihre Tochter in frieden lassen und dann lebten sie weiter. Alle lebten sie weiter, ich auch. Nur ich hatte diese panische Angst, dass er wieder in mein Zimmer kommt. Ich wollte mich wehren. Ich wollte es jemanden erzählen, wirklich. Aber ich hatte Angst. Sie könnten mich verurteilen. Sehen, dass ich schlecht bin. Und noch mehr Angst hatte ich, dass er das mit seiner Tochter machen würde, falls ich nicht mehr da war. Darum beließ ich es dabei. Seine Tochter war nett. Sie war unschuldig. Das war ich nicht mehr. Es war ok.“ „Nichts war ok, Luna. Das war nicht in Ordnung, das hätte nicht passieren dürfen. Du bist nicht Schuld, du hast es nicht verdient. Niemand hat das.“ „Es fühlt sich aber so an.“ „Dann ist dieses Gefühl falsch.“ Danach entstand wieder eine längere Pause. Ich hatte Angst, sie loszulassen. Ich wollte ihr so viele Fragen stellen, aber ich wollte sie auch nicht überfordern. Irgendwann stand ich auf. Ich nahm die Hand, die unter ihrer Decke hervorlugte und fragte sie dann:“ Kannst du aufstehen? ich würde dich gerne um etwas Bitten.“ Sie stand auf, mit zittrigen beinen. Eine Weile standen wir nur da, bis ich mir sicher war, dass sie nicht umfallen würde. „Luna, würdest du ins Badezimmer gehen und meinen Gürtel holen?“ Ihr Gesicht verfiel in einen Tiefen Schock. Wie ein kleines verschrecktes Kind sah diese wunderschöne Frau zu mir hoch. „Was.. Warum? Ich mag nicht.“ „Jetzt hör mir erst einmal zu, ich zwinge dich zu gar nichts. Dieser Gürtel liegt im Badezimmer und ich möchte ihn auch nicht mehr anfassen. Ich will ihn nicht mehr tragen. Wenn du möchtest, kannst du ihn aus dem Fenster schmeissen. Ganz weit. Jetzt ist bestimmt niemand mehr auf der Straße. Ich glaube es würde dir gut tun, die Dinge heute Nacht ganz weit von dir weg zu schmeißen.“ „Aber er ist doch bestimmt sehr teuer gewesen“. Sagte sie zu mir. „Das ist nicht schlimm. Wenn du es willst, kannst du es tun. Wenn nicht, mach ich es. Aber er wird sowieso verschwinden.“ „Okay.“, antwortete sie und machte sich dann mit wackligen Schritten auf den Weg ins Badezimmer. Dauernd drehte sie ihren Kopf zu mir um noch einmal und noch einmal eine Bestätigung von mir einzuholen. Aber ich wollte es so. Ich würde nie wieder diesen Gürtel tragen können. Dauernd müsste ich an den Moment denken, in dem sie mich angeschrieen hat. In dem sie stopp geschrien hat. Sie hatte solche Panik im Gesicht geschrieben, daran wollte ich nie wieder denken. Ich hörte, wie sie den Gürtel von der Waschmaschine hob, auf den ich ihn gelegt hatte. Die Schnalle klirrte leicht und schon kam sie zurück getapst. Ich hatte mich auf ihr Bett gesetzt und die Beine verschrenkt. Sie sollte sich sicher fühlen. Sie ging zum Fenster und sah eine lange Zeit hinaus. Dann hob sie ihre Hand und schwang den Gürtel über ihre Schulter. Er flog und flog. Ganz weit weg in vergessenheit. Leise konnte man vernehmen, dass er am Boden ankam. Sie hatte wirklich weit geworfen, ich war begeistert. Sie drehte sich zu mir um und schmunzelte leicht. Die Decke immer noch um sich gewickelt. Irgendwie sah sie ja aus wie eine kleine Superheldin. „Geht es dir jetzt besser?“, fragte ich sie. „Wesentlich“, antwortete sie und versuchte sich an einem lächeln. Ihre Augen blitzten. Ein bisschen ihrer Fröhlichkeit war zurück und ich dankte Gott dafür.
5.) Sie
Nachdem ich den Gürtel mit ganzer Kraft aus dem Fenster geworfen hatte, war ich furchtbar befriedigt. Es war ein schönes Gefühl gewesen, meine Vergangenheit so weit von mir weggeworfen hatte. Ich setzte mich auf mein Bett mit dem dringenden Vorsatz jetzt schlafen zu gehen. Sam entledigte sich seiner Jean und ich sah ihm grinsend zu. Ich konnte zwar Berührungen nicht so gut verkraften, aber ich war auch nicht gefeit der Reize von schönen Männerbeinen. Auch als Sam meinen Blick bemerkte, schaute ich nicht weg. Es sollte mir peinlich sein, war es aber nicht. Wir legten uns unter meine übergroße Bettdecke. Nur eine Bettdecke für uns zwei. Aber Polster hatte ich Gott sei Dank mehr. Einenader zugewand wollte ich die Augen nicht mehr schließen. In seinen blauen Augen konnte man alles vergessen. Den ganzen Tag vergessen und nur darin versinken. Sie luden zum schwimmen ein, am Meer. Ich war noch nie am Meer gewesen, aber so stellte ich es mir vor. In einem Satten vielschichtigen blau. Unter der Bettdecke begann sich etwas zu bewegen. Er suchte meine Hand. „Ist das Okay?“, fragte er mich. Ja, es war mir sehr Recht. Darum nach ich seine Hand und er schloss die Augen. Mit einem leisen seufzen glitt er in den Schlaf. Ich schaute noch immer in sein wunderschön Männliches Gesicht. Das Gesicht von dem Mann, der mich zum weinen und zum lachen bringt. Bevor ich mich versah hatte ich mich seinem Gesicht genähert. Ich schloss die Augen und gab ihn einen hauchzarten Kuss auf den Mund. Mein erster Kuss. Er verzog das Gesicht zu einem Grinsen und dann schlief auch ich ein. Mein Gesicht so nah an Sam, wie ich es nie für möglich gehalten hatte.
Am nächsten morgen weckte mich ein Lied aus dem Radio. Oder sollten wir eher Mittag sagen? Eine grausame Hitze schlug mir entgegen. Ich wollte mich strecken, doch ich schaffte es nicht. Irgendwas behielt mich bewegungslos un einem Klammergriff. Ich öffnete meine Augen und schlug auf die Weckertaste. Sam. Sam war noch da und er umarmte mich. Ich hatte nicht bemerkt, dass er sich in der Nacht halb auf mich drauf gelegt hatte. Ein Arm von ihm ging unter meinem Körper entlang und ein anderer lag auf meinem Bauch. Seine beine waren genau so verharkt nur bei meinen Oberschenkeln. Sein Gesicht lag zwischen meinen Brüsten. Ich hatte keine Chance bei dieser Berührung Panik zu empfinden. Ich berührte sanft die Wange des Mannes, der mich im Stahlgriff hatte. Es wurde unangenehm. Mein Körper realisierte gerade, was mit ihm passiert. „Sam, bitte wach auf. Du liegst auf mir“, flüsterte ich. Er rollte sich mit einen Grummeln von mir herunter und schlug dann die Augen auf. Jetzt erst realisierte er, was er getan hatte und schreckte schockiert auf. „Tut mir Leid, ich habe nicht.. ich habe geschlafen und das war automatisch… tschuldigung.“ „Nicht so schlimm“, sagte ich und grinste. „Es war im Schlaf, ich hab es auch erst bemerkt, als ich aufgewacht bin. Ich sprang auf um weiteren Entschuldigungen zu entgehen und fragte mit pipsiger Stimme, ob er einen Kaffee möchte. Da er auch einen wollte musste ich jetzt mal herausfinden, wie viel Wasser ich da rein schütten muss. Ich war es ja nur gewohnt meine und die Tasse der Obdachlosen zu füllen. Ich nahm einfach doppelt so viel, schlecht wurde er bestimmt nicht. Ich hatte eine Idee. Um mich für den Paketdienst von Herrn N. zu bedanken, konnte ich ihn auch gleich einen mitnehmen. Ich rannte ins Badezimmer und zog mich schnell um, damit ich meine Obdachlose nicht schon wieder verpassen würde. Dann putzte ich mir die Zähne und stand schon wieder vor der Kaffeemaschine. Sam lag noch immer im Bett und beobachtete mich dabei. „Musst du nicht auch irgendwann arbeiten, Sam?“ „Ich hab frei“, antwortete er mir darauf. Nagut, dann eben nicht. Damals kam ich noch nicht auf die Idee, ihn zu fragen, was er arbeitete. Warum genau, wusste ich nicht. Und er sagte es mir auch nicht. Ich zog vier Kaffeetassen aus einem Schrank und stellte sie aufgereiht hin. „Bekommen wir noch Besuch?“, hörte ich Sam fragen. Es klang, als würde er hier wohnen und es brachte mich irgendwie zum Schmunzeln. „Nein, eine Tasse für dich, eine für meine Obdachlose und eine für Herrn N.“, antwortete ich. „Fütterst du jetzt schon die ganze Nachbarschaft durch?“, fragte mich Sam daraufhin. „ist ja nur Kaffee“, antwortete ich. Ich füllte jede Tasse und brachte dann eine zu Sam. „Bitte schütt mir nichts auf das Bett, danke“, rief ich noch und war schon mit zwei Tassen fast aus der Tür raus. Ich lief die Treppe hinunter und kam am Ende schlitternd zum stehen. Draußen fuhr meine Obdachlose runden und ich war furchtbar froh darüber, dass sie noch immer da war. Ich begrüßte sie und sie antwortete mir mit einem Lächeln. Sie wollte nicht reden, das fand ich ok. Ich hatte selbst jahrelang nicht gesprochen und so machte mir die Stummheit meiner Obdachlosen keine Probleme. Sie gab mir die alte Tasse und darin ein neues Zitat. Ich freite mich richtig, es zu lesen, beließ es aber dabei sie nur in der Hand zu halten, da ich in der anderen Hand noch Herr N‘s Tasse trug. Ich rannte zu seinem Zeitungsstand und erwischte ihn dabei, als er Hefte einordnete. „Herr N. ich hab ihn einen Kaffee mitgebracht, falls sie wollen?“. Er schmunzelte und sah mir ins Gesicht. „Ich bin aber nicht Obdachlos, Luna.“, antwortete er mit Schalk im Gesicht. „Dessen bin ich mir sehr wohl bewusst, Herr N. Ich wollte nur nett sein, also nehmen sie schon. Ich mach den besten Kaffee der Welt.“ Lachend nahm er mir eine Tasse ab und trank einen Schluck, dann flüsterte er mir zu:“ Der ist sogar besser als der meiner Frau.“ „Aber warum flüstern sie denn?“ „Ich bin der Meinung meine Frau hört alles, also sprech ich lieber leise.“ Sagte er und brüllte über seinen eigenen Witz. Mit einem Apfel in der einen Hand und die Tasse in der anderen lief ich wieder zu meiner Wohnung zurück in den ersten Stock und klopfte an meine eigene Wohnungstür. Nur mit T-Shirt und Boxershort machte mir Sam die Türe auf. Daran konnte man sich gewöhnen. Ich ging zum Küchentresen und stellte mein Häferl ab. Dann nahm ich ein Messer und schnitt den Apfel in der Mitte durch. Die eine Hälfte steckte ich mir in den Mund und die andere Hälfte gab ich Sam, der noch immer hinter mir stand. In seinem Gesicht konnte ich Nervosität sehen und fragte mich, auf was er wartete. Er erlöste mich ganz schnell von meinem Schicksal und klärte mich auf: „Jetzt nimm schon das Zitat. Ich möchte wissen, was heute darauf steht.“ Ich nahm das Zitat aus dem Kaffeehäferl und heute war es auf einem rosa Papier geschrieben. Da stand in der bekannten wunderschönen Schrift:

Wer sich selber haßt, den haben wir zu fürchten, denn wir werden die Opfer seines Grolls und seiner Rache sein. Sehen wir also zu, wie wir ihn zur Liebe zu sich selbst verführen!

Aber das ist nicht das einzige was dort stand. Auf der anderen Seite meines Zettels stand mein Name. Luna. Warum hatte sie meinen Namen dazu geschrieben, das hatte sie noch nie getan. Nach der Suche eines Hinweises streckte ich meine Hand noch einmal in die Kaffeetasse und siehe da. Da lag ein anderer Zettel. Diesmal hellblau. Auf dem Zettel stand der Name Sam, wieder in einer wunderbaren Schrift. Sie hatte einen Zettel für Sam geschrieben. Woher sie seinen Namen kannte und woher sie wusste, dass er bei mir schlief, war mir gänzlich unklar. Aber ich sorgte mich nicht desswegen. Es machte mir keine Angst, dass sie wusste, was in meinem Leben passierte. Es war okay. Ich gab Sam den Zettel und er bekam große Augen. „Hast du ihr gesagt, dass ich hier bin?“ „Nein“, antwortete ich. „Das muss ich nicht. Sowas weiß sie anscheinend.“ Ich grinste und sah Sorge in seinem Blick aufzucken. „Mach dir keine Sorgen, Sam. Sie ist einfach besonders hellsichtig.“ Es schien ihn nicht zu beunruhigen, trotzdem las er den Zettel vor:

Verbringe die Zeit nicht mit der Suche nach einem Hindernis. Vielleicht ist keines da.
Auch sein Zitat, war wunderschön. Und so freute ich mich für Sam mit, dass er jetzt auch einen Satz meiner Geheimnisvollen Obdachlosen bekommen hatte.
3.)Er
Ich fragte mich ernsthaft, woher diese Obdachlose meinen Namen kannte. Was wusste sie über mich. Es konnte nur so gewesen sein, dass Luna mit ihr gesprochen hatte. Ja, das war die einzige Möglichkeit. Es war schon nach 13 Uhr Nachmittags und ich musste unbedingt nach Hause. mich umziehen, bevor ich wieder einen Termin bei dem Therapeuten hatte. Er sollte nicht denken, was Therapeuten eben so denken, wenn man mit der gleichen Wäsche wie einen Tag vorher auftaucht. Es fiel mir schwer, mich von Luna zu verabschieden. In dieser Nacht hatte ich kein einziges Mal an die Familie gedacht, in der nur noch ein Mitglied lebt.
„Ich muss mich jetzt verabschieden. Ich habe noch einen Termin.“ „Okay. hm.. Ich muss heute sowieso noch arbeiten.“ „Wie wäre es, wenn ich vorbei komme und dich besuche?“, fragte ich sie, in der Hoffnung nicht so aufdringlich zu wirken. Aber immerhin hatten wir eine Nacht miteinander verbracht. Sie lächelte und nahm mir die Nervosität, die plötzlich entstanden war. Sie freute sich darüber, dass ich vorbei kommen werde und das wiederum gefiel mir. Plötzlich wusste ich nicht, wie ich mich verabschieden sollte. Ich hatte geträumt, dass sie mich küsste. Ihre Hauchzarten Lippen sind auf meinen Mund gelandet und haben süßer Geschmeckt, als Zuckerwatte. Die Entscheidung wurde mir abgenommen. Sie kam zu mir und gab mir einen kurzen Kuss auf die Wange. Es waren die gleichen Lippen, mit der gleichen intensität, die mich letzte Nacht in meinem Traum geküsst hatten. Kurz konnte ich nur mit einem offenen Mund da stehen, dann ging ich. Ich ging und wollte nicht gehen. Ich wollte keine Sekunde mehr ohne diese Frau, die so viel erlebt hat aber noch immer so fröhlich war.
Der Weg in meine Wohnung war nicht weit. Ich ging 20 Minuten zu Fuß. Ich konnte natürloch auch mit der Ubahn fahren, aber ich wollte nicht. Ich musste meinen Kopf ein wenig frei bekommen damit ich bei diesen Therapeuten einen guten, gefestigten Eindruck mache. Ich hatte eine Wohnung in einer etwas besseren Lage, als Luna. Ich erwischte mich bei dem Gedanken, dass ich mir wünschte, sie würde bei mir einziehen. Ihre Gegend war nicht wirklich sicher und mein Türschloss war tausend Mal besser. Außerdem waren meine Regale alle befestigt. Ich musste unbedingt ihr Regal befestigen, bevor sie sich weh tat.
Ich sprang unter die Dusche und zog mich dann an. Ich fragte mich, ob Luna meine Zahnbürste aufheben würde, oder ob sie sie wegwerfen würde. Wenn ich das nächste Mal, falls es ein nächstes Mal gibt, bei ihr bin, muss ich unbedingtin ihr Badezimmer verschwinden und nachsehen, ob sie sie noch immer hat. Vielleicht sogar im gleichen Zahnputzbecher wie ihre. Ich hatte gerade noch Zeit mit etwas zu Essen zu machen und dann musste ich auch schon laufen. Ich nahm das Auto zu diesem Scharlatan und blieb vor einem kleinen Einfamilienhaus stehen, in dem er seine Praxis eröffnet hatte. Im Vorzimmer saß eine junge Emfangsdame die ich nett begrüßte und die mir dann sagte, dass ich noch ein wenig warten müsse. Die letzte Patientin war noch nicht fertig. Als sie endlich das Zimmer verließ, war sie in Tränen aufgelöst und stolperte zum Ausgang. Arme Frau, was ihr wohl passiert war. Dr. Keilmann bat mich herein und ich ließ mich auf seiner ausladenden Couch nieder. Er begrüßte mich mit einer Phrase, die ich fand, gut zu einem Therapeuten passt. „Herr Sunders, wie geht es Ihnen denn heute?“ „Wunderbar, Herr Keilmann und Ihnen?“ „Mir geht es eigentlich auch ganz gut, aber warum glaube ich Ihnen bloß nicht. Wir sind hier um darüber zu sprechen, dass sie das erste Mal auf einen Menschen geschossen haben und der jetzt tot ist.“ „Dessen bin ich mir bewusst, Dr Keilmann.“ „Letzte Stunde haben sie mir lang und breit erzählt, wo man das beste Schnitzel in der Umgebung bekommt. Ich weiß nicht wirklich, ob ihnen das bewusst ist.“ „Naja, sie sahen mir aus, als würden sie gerne wissen, wo es gutes Essen gibt.“ „Spaß beiseite, Herr Sunders. Ich muss bald meine Empfehlung abgeben und hätte gerne gewusst wie sie sich nach diesem Vorfall fühlen.“ „Ich fühle mich… natürlich geht es mir Nahe. Ich habe ein Leben beendet. Ich bin mir bewusst, dass ich damit das Leben einer Frau gerettet habe, aber ich weiß nicht, ob es nicht anders zum Lösen gegangen wäre. Ich habe geschalten und aus dem gehandelt, was ich gelernt hatte. Ich wünschte mir nur, dieses Mädchen würde noch leben.“ „Na, das ist doch schon ganz gut. Ich würde gerne wissen was sie in ihrer Freizeit, seit sie suspendiert wurden gemacht haben.“ „naja, ich war viel spazieren.“ „Sie waren also zwei Tage lang spazieren?“ „So lange auch wieder nicht.“ „Also was haben sie dann mit Ihrer Zeit angefangen?“ „Ich habe mich mit einer Frau getroffen.“ „Ihre Freundin?“ „Nein, ich habe keine Freundin.“ „Haben sie mit ihr über den Vorfall gesprochen? Oder mit ihren Eltern, Geschwistern.“ „Nein, ich habe noch mit niemanden darüber gesprochen.“ „Glauben sie nicht, es würde Ihnen gut tun, mit einer bekannten Person zu sprechen?“ „Ich werde es in Erwägung ziehen.“ „Wie haben Sie sich in Gesellschaft von anderen gefühlt, z.B. von dieser Frau? Haben sie oft an den Vorfall gedacht?“ „Nein, bei ihr habe ich nicht an den Vorfall denken müssen.“ „Denken müssen, interessante Wortwahl. Haben Sie eine Ahnung, warum sie nicht daran denken musste?“ „Weil ich anderes im Kopf hatte.“ „Was zum Beispiel?“ „Wo es den besten Erdäpfelsalat gibt.“ Das brachte ihn zum Lachen, aber ablenken konnte es ihn nicht. Scheiss Psychoheinis. Dann kam mir eine Idee. Ich wusste nicht, ob es gut für mich war, diesen Therapeuten von meiner Luna zu erzählen, aber er war eine Ansprechperson, der sich mit psychischen Problemen auskannte. Vielleicht konnte er mir helfen, mit Luna besser umzugehen. Mir war eigentlich egal, ob ich in meinen Job zurück konnte, wenn ich dafür Luna behalten dürfte. „Herr Keilmann, ich habe da so eine Freundin…“ „Diese Frau, mit der sie sich treffen?“ „Äh, ja.“ „Na gut, was ist mit dieser Freundin?“ „Sie hat viel durchgemacht. Ich glaube, sie hat ein Problem damit, Menschen zu vertrauen. Sie müssen wissen, man hat ihr weh getan. Körperlich. Als Kind, eine längere Zeitspanne lang. Und jetzt hat sie Angst vor Berührungen. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich kenne sie erst seit vorgestern, aber sie ist trotz dieser Schrecklichen Dinge so fröhlich und ich muss dauernd an sie denken, möchte sie aber nicht überfordern.“ Wärend ich sprach, starte er mir die ganze Zeit mit diesen halb Freundlichen gesichtsausdruck ins gesicht, was mich einfach nervös machen musste. „Ich kenne sie nicht und es ist äußerst ungenau, eine ferndiagnose zu stellen. Aber sie sagen sie kennen sie erst seit vorgestern? Wenn sie vertrauen zu Ihnen fassen soll, lassen sie ihr Zeit. Mehr Zeit, als 72 Stunden. Achten sie auf ihre Körpersprache und drängen Sie sie nicht. Wissen sie zufällig, ob sie eine Therapie macht?“ „Nein, ich denke nicht.“ „Hm. Man kann sie nicht zwingen, aber ich glaube nicht, dass es ihr in so einer Situation schlecht tun würde. Sprechen Sie sie aber besser noch nicht darauf an. Ich meine, 72 Stunden sind dann doch zu wenig um ihr einen Rat zu geben. Legen sie es ihr ans Herz, falls sie sich öffnen sollte und sich noch schlecht mit ihrer Vergangenheit fühlen.“ Dieses Thema war wirklich nicht witzig, aber ich musste trotzdem lachen. Mit fragenden Blick sah er mich an. „Sie sagen, 72 Stunden sind zu wenig für einen Rat. Sie erteilen mir dauernd einen Rat, kennen mich aber noch keine 2 Stunden.“ „Ich bin dazu ausgebildet und sie kommen ja auch zu mir um darüber zu reden.“, sagte er und lachte. „Ich komme zu ihnen, weil ich es muss.“ „Würden sie freiwillig nicht zu mir kommen?“ „Nicht wirklich.“ „Warum nicht?“ „Weil ich mir nicht gerne in meinen Kopf schauen lasse.“ „Aha, kontrollieren sie gerne dinge?“ „Jeder kontrolliert gerne dinge.“ „Macht es ihnen Angst, dass sie die Situation, wegen der sie hier sind, nicht kontrollieren konnten.“ „Super Thema gewechselt, Dr. Keilmann.“ „Ja, darin bin ich auch ausgebildet“
Sie
Ich musste mich für die Arbeit fertig machen. Heute hatte ich beschlossen, würde ich einen Rock tragen. Und nein, es war nicht weil Sam mich besuchen wird. Na Gut. Fast nicht. Ich werde aber trotzdem eine Strumpfhose darunter tragen. Es war immer schwer in einer Bar zu arbeiten und dabei einen Rock zu tragen, weil Typen nun Mal gerne unter Röcke glotzen. Und Frauen wie ich werden dann gerne gewalttätig. Also zog ich mir eine Strumpfhose, einen schönen grünen weiten Rock an, der trotzdem eine Hand breit vor meinem Knie aufhörte und das obligartorische schwarze T-Shirt. Dazu nahm ich meine Converse, mit hohen Schuhen kann man nicht arbeiten. Außerdem hasse ich hohe Schuhe. Ich denke, die wurden von einem Mann erfunden. Damit der Arsch gut aussieht und man nicht weglaufen kann. Ich ging ins Badezimmer und öffnete meine Haare. Sie vielen in schönen Locken bis auf die Mitte meines Rückens. Die Stirnfransen föhne ich noch ein bisschen zurecht und zum Schluss benützte ich etwas Mascara und Lippenstift. Dann machte ich mich auf dem Weg. In der Bar angekommen stand Christian, einer meiner Kollegen schon bei der Theke. Heute würde Flo nicht arbeiten, er war aber trotzdem da um die liegen gebliebene Buchhaltung zu machen. Ich begrüßte Christian und er sah mich mit großen Augen an. „Was ist denn mit dir passiert, Luna?“ „Das nehm ich jetzt mal als Kompliment“, antwortete ich und machte mich meinerseits daran Zitronen zu schneiden. Die ersten Gäse kamen um sieben, darunter auch George und schon bald war die Bar wieder voll. Ich konnte mir viele nervigen Kommentare anhören, weil es die Kunden in der Bar nicht gewohnt waren, mich mit offenen Haaren zu sehen. Benji und Lisa kamen heute nicht. Eigentlich hätte ich es gut gefunden, dann hätte ich ein bisschen mit ihnen Plaudern können und so vergessen können, dass ich auf Sam wartete. Darum nahm ich mit George vorlieb. Er war wirklich schon ziemlich betrunken. „Luna, wenn isch so eine dochder hädde, würde ich ssie nischt so auf die sssdraße lassen.“ „Gefall ich dir etwa nicht?“, fragte ich scherzhaft. „Oja, du bischt sehr hüpsch, aber weissu, eigentlich mag isch ja meine Frau.“ „Das ist aber nett von dir“, sagte ich und beschloss mir einen Anspruchsvolleren Gesprächspartner zu suchen. George grinste mich an und dann passierte das, was ich mir nie erwartet hätte. Es ist für mich sogar schwer darüber zu schreiben. Es war grausam. George lehnte sich vor, in meine Richtung und erbracht sich mit voller Wucht auf mein T-Shirt. Im ganzen Lokal wurde es still und jeder starrte mich an. George sah mich an und sagte:“ Du Luna, dass leiwal hadd aber kein schöhnes musster, weiss du.“ Ich brach in schallendes Gelächter aus und zog das T-shirt von meiner Brust. Ich atmete durch die Nase und es reckte mich fürchterlich. Ich floh ins Büro und hatte komplett vergessen dass Flo dort saß. Bevor ich mich versehen konnte, stand ich dort nur im BH und Rock und mein vollgekotztes T-Shirt lag am Boden. Flo starrte mich an… Nicht in die Augen und sagte: „Was…Was?“ „Äh, George hat mir mitten aufs Tshirt gekotzt und wenn ich es nicht gleich ausgezogen hätte, hätte mein Kotzfleck direkt daneben geprangt. Flo sah mir ins Gesicht und antwortete: Äh, geh rauf, in meine Wohnung. Dort kannst du duschen. Ich müsste auch irgendwo noch Arbeitsshirts haben, allerdings sind die weiß. Ich hab leider keine schwarzen mehr. Such dir einfach eins in deiner Größe raus, du musst es mir nicht zurück geben. Und… nimm dir Zeit.“ Ich flüchtete schnell in die Wohnung die Flo mit der Bar gemietet hatte. Er wohnte hier nicht die ganze Zeit, nur wenn er eben nicht mehr nach Hause fahren wollte. Im Badezimmer fand ich nur Männerduschgel, aber das müsste reichen. Ich wusch mir auch die Haare, weil ich Angst hatte, dass darin noch irgendwas von Georges Mageninhalt zu finden war und frisierte sie mir dann mit einem Kamm aus. Das war der Horror, kann ich ihnen sagen. Dann besah ich mir meinen Bh. Er stank. Grausam. Ich wusch ihn mit dem gleichen Duschgel dass ich für meinen Körper benutzt hatte aus und trocknete ihn dann mit dem Föhn. Dann zog ich ihn mir wieder an und meinen Rock auch. Der hatte Gott sei Dank nichts abbekommen. Dann suchte ich in Flos Schrank nach den T-shirts. Ich fand eins in meiner Größe und zog es mir über. Dann besah ich mich in den großen Spiegel. Super! Mein schwarzer Bh blitzt toll durch das T-shirt. Das ist grandios peinlich. Aber eigentlich kann ich auch nichts dagegen machen, also hat aufregen keinen Sinn. Ich trug nocheinmal Mascara und Lippenstift auf, den ich in der Tasche hatte und war froh dass meine Haare schon angetrocknet waren. Dann zog ich mir die Schuhe wieder und und rannte nach unten durch das Büro, wo Flo mich nur verdutzt anstarrte zurück zur Bar. Auf dem Boden war schon alles weggemacht, dank Christian und George hatte er auch schon nach Hause geschickt. Und da stand ja Sam. Er stand an der Bar und schien auf mich zu warten. Mit einem Lächeln im Gesicht hupfte ich zu ihm und gab ihn einen Kuss auf die Wange. Gott, hatte ich das vermisst. Er lächelte mich an und besah mich dann von oben bis unten. Er bekam riesen Augen. „Luna, du siehst toll aus. Deine Haare sind… wunderschön.“ „Danke. Und das obwohl ich vollgekotzt war.“ „Äh, wie bitte?“ „Lange Geschichte.“ „Luna, du riechst irgendwie… ziemlich männlich.“ „Ja, ich war mich oben in Flos Dusche waschen, weil ich eben. Du weißt schon. Lange Geschichte.“ Er zog die Stirn kraus und sah mir in die Augen. Dann lächelte er und ich ging wieder an die Arbeit.
Ich und Christian waren ein eingespieltes Team. Wenn wir beide miteinander arbeiteten war es unausgesprochen ausgemacht, dass er die Cocktails zubereitet und ich sie serviere. Das Trinkgeld werfen wir dann zusammen und teilen es uns. Wir mussten das nicht machen, ich verdiente immer mehr Trinkgeld als er, aber ich bin der Meinung, auch wenn er anderer Meinung ist, dass ich ohne seine Cocktails, die die besten in der ganzen Stadt sind, weit weniger verdienen würde. Wir arbeiteten reibungslos und dieses Mal waren auch keine Jugendlichen dabei, die uns die Arbeit zusätzlich erschwerten. Ein paar Männer versuchten mit mir zu flirten, aber ich brach ihre Annäherungsversuche ab indem ich mit ihnen schärzte und ihnen erklärte, dass ich nicht zu haben sei. Mit Sam plauderte ich ab und zu und er blieb sitzen, die ganze Zeit wärend der Arbeit. Er trank dieses Mal nur Apfelsaft und Mineralwasser und keinen Alkohol. Was mir gefiel, aber ich hatte Sorge, dass er das nur für mich machen würde. Später fand ich heraus, er sei mit dem Auto hier. Gut, also passt er darauf auf, nichts zu trinken, wenn er fahren musste. Als alle ausser Sam weg waren und ich langsam zusperren wollte, fragte mich Sam, ob er bleiben durfte und mich nach Hause fahren könne. Im Gleichen Moment kam Flo um die Ecke und erklärte mir, er könne mich heute nicht nach Hause fahren, weil sein Wagen in der Werkstadt ist. Was für ein Glücksfall. Die brave Angestellte, die ich bin, frage ich Flo, ob Sam bleiben darf, bis ich fertig bin und er sagte zu, so lange er von der Bar wegbleibt. Immerhin kennt Flo Sam nicht wirklich und hinter der Bar zählen wir das Geld. Das schien für alle in Ordnung zu sein. Christian und ich teilten uns die Arbeit und Flo half uns auch ein wenig. Als wir fertig waren Teilten wir das Trinkgeld aus und dann überraschte mich Christian. Er fragte, ob ich mit ihm ausgehen würde. Das hätte ich nicht erwartet. Ich und Christian arbeiten schon hier zusammen, seit ich zum arbeiten angefangen hatte und ich dachte immer er würde mich als die kleine Schwester sehen, mit Flo als verrückten Vater. Christian war sehr hübsch, das musste ich zugeben. Er war eher der aufreisser-Typ von Mann. Aber ja, er hatte es drauf. Wenn er arbeitete konnte man einige Telefonnummern in seiner Hosentasche finden, wenn man das wollte. Die Frauen sahen ihm immer mit einen verträumten Gesichtsausdruck an und er nutzte das ein wenig aus, obwohl er nie einer Frau seine Liebe versprach. Mit seinen braunen Augen, den kurzen Haaren und den deffinierten Oberkörper, den man unter seiner Uniform erahnen konnte, hatte er immer nur gespielt. Aber ich war keine Frau für eine Nacht. Vor allem, weil das bei mir unmöglich war, immerhin konnte mich keiner anfassen, ohne dass ich austickte. Es fiel mir schwer Christian abzusagen, weil ich ihn gern hatte und nicht wollte, dass unser Verhältnis darunter litt. „Christian, ich glaub das ist nicht so eine gute Idee. Du hast doch eh viele Mädchen und wir sind Kollegen. Ich glaub auch nicht dass Flo das so gerne sehen würde.“ „Was sehe ich nicht gerne?, fragte Flo und kam wieder aus seiner Wohnung geeilt. „Äh“, beantwortete ich seine Frage, nicht gerade zufriedenstellend. „Ich habe Luna gefragt, ob sie mit mir ausgehen würde“, sagte Christian. Da stand auf wieder Sam vor mich und starrte Christian mit Hass in seinen Augen an. Flo antwortete:“ Nana, Chris. Du versaust mir nicht mein kleines Mädchen.“ „Ich wollte nur ein Date und keinen Ausflug in die Hölle, Flo.“ „Jedes Date mit dir ist ein Ausflug in die Hölle“, antwortet Flo. „Luna ist nicht zu haben“, sagte Sam dazwischen. „Genau, auch nicht für dich“, erwiederte Flo wieder und sah dabei Sam an. Ok. Das ging jetzt eindeutig zu weit. Sie redeten über mich, als wär ich nicht da und das ließ ich mir nicht gefallen. „Stopp“, sagte ich, aber keiner hörte auf mich. „Hallo, ich sage hier mit wem ich ausgehen möchte und stellt euch vor. Ich darf das schon ganz alleine entscheiden.“ Plötzlich sahen mich alle an. „Und mit wem möchtest du ausgehen?“, fragte mich Flo. Na endlich. Sie fragten mich nach meiner Meinung. „Zumindest nicht mit einem aus diesen Testosterongesteuerten HöhlenmenschVerrein hier.“, antwortete ich grummelt. Da lachte Flo lautstart nur Sam sah mich mit gerunzelter Stirn an. Dann ließen sie von dem Thema ab und wir bereiteten alles für den Dienst morgen vor. Morgen war Donnerstag und der letzte Arbeitstag in der Woche für mich. Da ich Dienstag ausgesetzt hatte, fragte ich Flo ob ich am Wochenende für ihn einsprichen sollte, aber er lehnte dankend ab und zwang mich dazu zu Hause zu bleiben.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s